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Diemut König, Simone Odierna: Dynamiken des Erinnerns

Cover Diemut König, Simone Odierna: Dynamiken des Erinnerns in der internationalen Jugendarbeit. Geschichte, Gedenken und Pädagogik zum Ersten Weltkrieg. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2021. 400 Seiten. ISBN 978-3-8309-4321-1.

In Zusammenarbeit mit Laurent Jalabert und Nicolas Czubak.
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Erinnern ist selektiv und subjektiv, begrenzt und bewusstseinserweiternd

Im anthropologischen, aristotelischen Dialog wird Erinnerung (anámnēsis, ἀνάμνησις) als die Fähigkeit bezeichnet, Wissen von etwas, was war, wieder zu erlangen. Dabei ist es bedeutsam, Erinnern als einen aktiven Denkprozess zu verstehen: „Die zeitliche Einordnung des Wiedervergegenwärtigten, die beim Erinnern ‚das Wichtigste‘ ist, kann entweder ‚ungenau‘ oder ‚nach einem Maß‘ wie ‚vorgestern‘ bestimmt sein“ (H. Busche, in: Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 37). Erinnerung und Gedächtnis sind intellektuelle Anker, die es zu entwickeln und zu pflegen gilt, individuell und kollektiv, lokal und global (Christian Gudehus, u.a., Hrsg., Erinnerung und Gedächtnis, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/​12904.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Im sozialwissenschaftlichen Diskurs sind Fragen bedeutsam, mit welchen Konzepten und Methoden eine Erinnerungskultur bei jungen Menschen geweckt und gefördert werden kann. Es sind poststrukturalistische Theorien und Strukturen, mit denen soziale und kulturelle Denk-, Sprach- und Handlungspraxen entwickelt werden können, ein Bewusstsein vom Gewordensein und vergangenen Wirklichkeiten entstehen kann. Das Deutsch-Französische Jugendwerk hat 2015 das Projekt „100 Jahre Erster Weltkrieg – 100 Projekte für den Frieden in Europa“ initiiert. Es sind gemeinsame Anstrengungen, mit dem „Aufeinandertreffen mit dem Fremden, dem Anderen, die Voraussetzungen zur Explizierung des Eigenen“ zu erkunden. Im Rahmen von Friedenserziehung und Erinnerungspädagogik bieten die beim Deutsch-Französischen Jugendwerk initiierten und organisierten interkulturellen Begegnungen und Kontakte ausgezeichnete Möglichkeiten, ein gesellschaftliches Bewusstsein zu entwickeln, wie internationale Konflikte, Kriege und Konfrontationen entstehen, wie sie durch Ideologien, Agitation und Demagogie geschürt werden, und welche Lehren sich für gegenwärtiges und zukünftiges, interkulturelles Leben der Menschen daraus ergeben.

Das Institut für Technologietransfer der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, und das Department Soziale Arbeit und Pädagogik der Kindheit haben die Begleitforschung zum DFJW-Projekt übernommen. Die Dipl.- Pädagogin Diemut König und die Soziologin Simone Odierna, legen, in Zusammenarbeit mit dem Dozenten für Geschichte an der Université de Loraine, Laurent Jalabert und dem Leiter des Bildungsdienstes an der Gedenkstätte Verdun, Nicolas Czubak, den Forschungsbericht vor.

Aufbau

Neben der Einleitung durch das Herausgeberteam wird die Forschungsarbeit in fünf Kapitel gegliedert und mit einem Fazit und Ausblick abgeschlossen.

  • Im ersten Kapitel werden Aspekte von „deutsche(n) und französische(n) Erinnerungen, Erinnerungskulturen und Erinnerungspädagogik“ aufgezeigt.
  • Das zweite Kapitel vermittelt „Ethnographische Einblicke in die internationale Jugendarbeit“.
  • Im dritten werden exemplarisch am Beispiel des trinationalen Theaterprojekts „The war to end all wars? The First World War in an European theatre of peace“ theatrale und ästhetische Aktivitäten als „Lernen aus der Geschichte“ veranschaulicht.
  • Das vierte Kapitel setzt sich auseinander mit „Internationale(n) Großveranstaltungen im Rahmen der Aktivitäten zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg“. Im fünften Kapitel geht es um „Aktuelle Formen der Erinnerungspädagogik“.

Inhalt

Simone Odierna legt mit dem Beitrag „Der Erste Weltkrieg – Erinnern, Erinnerungskultur und Erinnerungspädagogik in Deutschland“ eine Bestandsaufnahme der gesellschaftspolitischen, historischen Aktivitäten zur (pädagogischen) Aufarbeitung der Ursachen und Folgen des europäischen Krieges vor. Sie setzt sich auseinander mit den verschiedenen, thematischen, räumlichen und ideologischen Entwicklungen seit 1918. Sie entwickelt „Aspekte einer Didaktik des fruchtbaren Moments in der Erinnerungspädagogik“.

Laurent Jalabert reflektiert am Beispiel der Erinnerungsstrukturen in der französischen Gesellschaft „Erinnerung statt Geschichte“. Die Begriffe „souvenir, commémoration, patrimoine, mémoire“ bestimmen das kollektive Erinnerungsbewusstsein in Frankreich. Er zeigt auf, dass die Entwicklung einer praktischen und praktizierten Toleranz die schulische und öffentliche Erinnerungspolitik bestimmen muss. „Erinnerungsarbeit im vollen Sinne heißt, nicht nur schockierende Bilder zu zeigen und mit den Zahlen der Toten zu operieren, sondern das Räderwerk zu demontieren, das zu diesen Verirrungen der Menschheit geführt hat“.

Jalabert setzt sich auch mit dem Beitrag „Sommer 1914“ mit dem Kriegsausbruch auseinander und vergleicht die jeweils nationalen Sichtweisen und Begründungen. Es sind individuelle Wahrnehmungen und kollektive Zuschreibungen, die aus Worten Waffen, aus Gesten Geschosse und aus Individuen Feinde werden lassen: „Von Deutschland und Österreich kamen die Gesten, die den Krieg möglich machten; von der Triple Entente kamen die Gesten, durch die er zur Gewissheit wurde“.

Noch einmal der Autor mit der Frage: „Deutsch-französische Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg. 1916 – das Jahr von Verdun?“. Er entschleiert die „um die Schlacht um Verdun“ entstandenen und gemachten falschen Symbole und Mythen und plädiert dafür, das verheerende Kriegsereignis als Herausforderung für eine humane, friedliche, gemeinsame deutsch-französische Geschichte zu begreifen. 

Der Erste Weltkrieg hat auch Grenzen verschoben, nationale Räume verändert, bevölkerungsgeografische Umgestaltungen bewirkt und Mehrheits-Minderheitssituationen geschaffen. Laurent Jalabert zeigt diese Entwicklungen mit dem Beitrag „Grenzen, Minderheiten und Geschichte oder die verlorene Erinnerung“ am Beispiel von Alsace-Moselle/​Elsass-Lothringen auf. Es gilt, ethno- nationalistischen, rechtsradikalen, rassistischen und populistischen Versuchen zu widerstehen und ein Gemeinsames Europa zu entwickeln.

Es sind die Bemühungen der Historiker-Kommissionen, die in der schulischen Bildung einen Anker für die Entwicklung und Förderung der deutsch-französischen Verständigung und Freundschaft sehen. So gab es bereits in den 1950er Jahren gemeinsame Bemühungen, eine Revision der Schulbücher in den beiden Ländern vorzunehmen. Mit dem deutsch-französischen Geschichtsbuch wurden erste Versuche unternommen, und mit den nationalen und europäischen Curriculum-Revisionen wird auf Ausgewogenheit, wenn auch nicht Übereinstimmung geachtet: „Laurent Jalabert, Bemühungen um gemeinsame Herangehensweisen. Die Konstruktion des historischen Diskurses in Frankreich und Deutschland im 20. Jahrhundert“, sowie: „Der Erste Weltkrieg in Schule und Unterricht in Frankreich und Deutschland“-

Diemut König informiert über Design, Zielsetzung und Verlauf der Begleitforschung zum DFJW-Projekt in den Jahren von 2014 bis 2018. Die rund 3.800 beteiligten Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren und die BetreuerInnen und TeamerInnen übermittelten ihre Motive, Erfahrungen und Wirkungen bei den internationalen und interkulturellen Begegnungen in Fragebögen und Interviews. In unterschiedlichen Formaten, wie z.B. in Workshops und Workcamps, wurden die Feldforschungen durchgeführt. Die Ergebnisse, die Einstellungen, Motivationen, Aktivitäten, Rollenverständnis und Identitäten der an internationalen Jugendbegegnungen Beteiligten zu Tage förderten, tragen zweifellos dazu bei, globale Kommunikations- und Verständigungsprojekte als unverzichtbare und zu fördernde zwischenmenschliche Herausforderungen zu begreifen. Die Einbindung von internationalen Jugendbegegnungen in das schulische Curriculum und die institutionalisierte Organisation ist einerseits förderlich und erfolgversprechend, andererseits aber stehen Konzepte und Methoden von freien, spontan, ästhetisch und kreativ gestalteten Projekten vielfach den traditionellen, schulischen Formen entgegen. Nicht überraschende und für weitere Forschungsfragen und -konzepte bedeutsame Ergebnisse der Befragungsaktionen sind, dass die Beteiligten bei internationalen und interkulturellen Begegnungen in ihren Einstellungen und Haltungen durchweg positiv eingestimmt sind. Wie aber kann es gelingen, distanziert und ablehnend, egozentristisch, nationalistisch und rassistisch denkende Jugendliche zu einem Perspektivenwechsel zu bringen? Die Strukturen, Zielsetzungen und Methoden von Memory Studies bedürfen Ergänzungen. Etwa durch die Erkenntnis, dass grundlegend Schule sich verändern müsse, weg von hierarchisch und linear strukturierten Organisationsformen, hin zu kaleidoskopischen, interkulturellen Entwicklungen.

Das trinationale Theaterprojekt „The war to end all wars“ wurde in drei Schulen aus den Ländern der Feinde im Ersten Weltkrieg durchgeführt und wissenschaftlich begleitet: dem Werdenfels-Gymnasium in Garmisch-Partenkirchen, dem Lycée Ozanum in Lille, und der Bay House School in Gosport. Die theatrale Vorbereitung und Durchführung fand in Zusammenarbeit mit dem Münchner Residenztheater und der Liller Compagnie Éolisonge statt. Die Prämiere des Theaterstücks erfolgte am 19. 4. 2018 im Residenztheater. Die insgesamt 39 beteiligten Schülerinnen und Schüler aus Deutschland, Frankreich und England zeigten danach ihr Bühnenwerk in Garmisch, Lille, Amiens und Gosport. Simone Odierna entwickelt aus den Erfahrungen dieser schulischen Theaterarbeit die „Didaktik des fruchtbaren Moments in der Erinnerungspädagogik“. Es ist vermutlich nicht verkehrt, in diesem Zusammenhang auf die Zielsetzungen und Aktivitäten der Freire-Pädagogik und des Augusto Boal-Theaters zu verweisen (siehe dazu u.a. auch: Joachim Dabisch, Hrsg., Kultur und Sprache, Freire-Jahrbuch 19, Paulo Freire Verlag, Oldenburg 2017, S. 144, www.paulo-freire-verlag.de)

Es sind z.B. die von der UNESCO ausgerufenen internationalen Thementage und -jahre, und die im Rahmen der 100jährigen Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg in den europäischen Ländern durchgeführten Großveranstaltungen, die als aktuelle, erinnerungspolitische Jugendbegegnungen hervorgehoben werden müssen: Das Treffen zum 100. Jahrestag der Kriegserklärung des Deutschen Reiches an die Republik Frankreich, das vom 31. 7. bis 4. 8. 2014 am Hartmannsweilerkopf in den französischen Vogesen; der Workshop im Mai 2016 im Centre Mondial de la Paix in Verdun, an dem sich deutsche und französische Jugendliche beteiligten; und die vom 14. – 18. 11. 2018 in Berlin stattgefundene Veranstaltung „Youth for Peace“. Diese öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten tragen zum globalen Bewusstsein und zur Entwicklung einer globalen Ethik bei: „Politische Bildung/​Erinnerungsarbeit in der aktuellen Situation ist auch Identitätspolitik“.

Die Rückmeldungen und Auskünfte, die von den Forschenden bei den zahlreichen Workshops und Begegnungstreffen der Jugendlichen ermittelt wurden, zeigen sich überwiegend als positive, empathische, interkulturelle Einstellungen. Sie lassen die Forscherinnen und Forscher zu dem Ergebnis kommen, dass bei den Befragten und Aktiven der Wille zum Frieden und zur Verständigung überwiegt: „Man kann darin ein Ergebnis der Erziehung sehen, aber auch eine Folge der Globalisierung der Information, durch die das Wissen über dramatische Ereignisse, die einen begrenzten Raum der Welt betreffen, nicht mehr auf diesen Raum beschränkt bleibt“, wie dies Laurent Jalabert und Nicolas Czubak zum Ausdruck bringen.

Diskussion

Das Forschungsprojekt „Dynamiken des Erinnerns in der internationalen Jugendarbeit“ verdeutlicht, dass lebendige Erinnerungen, etwa von Zeitzeugen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, kaum noch vorhanden sind. Es bedarf des Rückgriffs auf Quellenmaterialien und -orte, wie z.B.: Gedenkstätten, Museen, Filme, Denkmäler, Erzählungen und Dokumente, um Erinnerung wach zu halten. Die Digitalisierung bietet die Chance, Informationen, Erlebnisse und Geschichtsbetrachtung auch virtuell erlebbar zu machen. Wenn es gelingt, die feindseligen Ereignisse, wie sie sich in den Weltkriegen vollzogen haben, nicht nur als historische Pflichtaufgabe zu erinnern, sondern als Brückenschlag für eine gemeinsame, humane Zukunft der Menschheit zu begreifen, zeigen Formen der (familialen, schulischen und außerschulischen) Erinnerungspädagogik Wege auf, wie sie als „globale Ethik“ in der allgemeinverbindlichen, nicht relativierbaren Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 postuliert werden: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. Wenn es gelingt, wie in dem vorgestellten Forschungsprojekt, „über die Beobachtungen hinaus zum Nachdenken über den Gebrauch von Geschichte und Erinnerung anzuregen“, können auch institutionell angeregte und organisierte internationale und interkulturelle Begegnungen und Kontakte zwischen Jugendlichen zum humanen Leben für alle Menschen in der Welt beitragen!

Fazit

Vielfach wird dem deutsch-französischen Jugendwerk zugesprochen und bestätigt, dass die initiierten und institutionell organisierten Begegnungsprogramme zur Routine bei der deutsch-französischen Verständigung geworden sind. Das ist erst einmal positiv zu bewerten. Sie sollten aber nicht zum Automatismus werden, sondern immer wieder zu neuen, kreativen und innovativen Bewusstseins-Veränderungs-Prozessen anregen. Das Forschungsprojekt zeigt dafür Beispiele auf!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.04.2021 zu: Diemut König, Simone Odierna: Dynamiken des Erinnerns in der internationalen Jugendarbeit. Geschichte, Gedenken und Pädagogik zum Ersten Weltkrieg. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2021. ISBN 978-3-8309-4321-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27920.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


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