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Gerhard Hanloser: Linker Antisemitismus?

Cover Gerhard Hanloser: Linker Antisemitismus? Mandelbaum (Wien) 2020. 304 Seiten. ISBN 978-3-85476-691-9. D: 22,00 EUR, A: 22,00 EUR.

Reihe: kritik & utopie.
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Der Griff in die Kiste der Vorurteile

„Antisemitismus ist kein aus dem gesellschaftlichen Kontext zu isolierendes Vorurteil gegen eine bestimmte Minderheit, Antisemitismus ist vielmehr der Prototyp des sozialen und politischen Ressentiments und darum auch ein Indikator für den Zustand der Gesellschaft“, so definiert Wolfgang Benz den individuellen und gesellschaftlichen Zustands des Hasses auf Andere (Was ist Antisemitismus?, 2004, www.socialnet.de/rezensionen/2663.php; sowie: Ressentiment und Konflikt, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/​18371.php. Der Antisemitismus, als uraltes Vorurteil gegen eine Volks- und Glaubensgruppe, hat mehrere Ursprünge: religiöse, soziale, gesellschaftliche, politische, ideologische. In der Moderne, wie die aktuelle Entwicklung gerne als aufgeklärte, humane Menschenzeit verstanden werden will, zeigt sich das Dilemma, dass scheinbar unausrottbare Stereotypen erneut wirksam werden und an Bedeutung gewinnen, die sich gegen die Aufgeklärtheit der Menschen richten. „Wie kommt es, dass zwar der christliche mittelalterliche Antisemitismus sehr viel bösartiger war als die islamische Variante, sich aber in der modernen Welt die Rollen umgekehrt haben und sogar die derzeitigen Formen der Propaganda…, vom Christentum unverändert in die islamische Welt übertragen worden sind?“. Diese Frage stellte sich der am Londoner Leo Baeck Collage und an der Universität in Leeds tätige Talmudphilologe Hyam Maccoby (1924 – 2004) immer wieder in seinen Werken und Forschungen. Mit der Studie „Antisemitism and Modernity“ widmet er sich der Frage, warum und wie der alte Hass sich so lange halten konnte und neu und immer wieder aufbricht. Mit der Frage – „Was wäre wenn…?“ – nämlich wenn die Geschichte des Christentums und der ideologischen Machtentwicklung in der Welt nicht den bekannten, konfrontativen Touch des Ursprungs und der Gegnerschaft zwischen den Juden und dem Christen hergehalten, sondern die abendländische Identifikation sich darauf besonnen und eingestellt hätte, dass die Weltanschauung in den antiken, griechischen wurzelte? „Es gibt keinen säuberlichen Bruch zwischen mittelalterlichem religiösem Judenhass und modernen rassistischen Antisemitismus“ – in dieser Aussage steckt Zündstoff, und es verbergen sich darin vielfältige Formen von Bestätigung und Irritation (Peter Gorenflos, Hrsg.: Hyam Macoby, Der Antisemitismus und die Moderne, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​27010.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeber

„Antisemitismus von Links?“. Sind das nicht vernachlässigbare, rudimentäre Vorfälle angesichts der in den Antisemitismusberichten des Bundesinnenministeriums genannten Statistiken, dass mehr als 95 Prozent aller registrierten, antisemitischen Straftaten von Rechtsradikalen und Nazis und nur 0,3 Prozent von „Linken“ begangen werden? Um Klar- und Übersicht zu gewinnen, bedarf es der Nachschau, was unter „Links“ und „Rechts“ in der öffentlichen, gesellschaftspolitischen Meinungsbildung zu verstehen ist. Über die Ein- und Zuordnungen des rechten, radikalen Denkens und Handelns – insbesondere bei Demokraten – besteht relative Einigkeit, und es zeigt sich die Herausforderung, „gegen Hass, rechtsradikale, rassistische und populistische Ideologie und Terror vorzugehen“ (Karolin Schwarz, Hasskrieger. Der neue globale Rechtsextremismus, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​26718.php). Schwieriger wird es schon, „linken Antisemitismus“ zu erkennen und zu werten: „Die ‚Linke‘ ist je weniger eine ‚soziale Gruppe‘, sondern markiert eine diffuse politische Strömung“. Der Berliner Soziologe, Historiker und Germanist Gerhard Hanloser ist mit den platten, schlagwortartigen Zuordnungen von „rechtem“ und „linkem“ Denken nicht zufrieden. Die nicht kommentierten und konkretisierten Verwendungen in den Medien, in wissenschaftlichen Schriften und gesellschaftspolitischen Analysen vermitteln allzu oft ein falsches, in die Irre führendes Bild von gesellschaftlicher Kommunikation. In einem Sammelband bringt er Argumentationen und Meinungen zum Begriff und zu den Wirklichkeiten des „linken Antisemitismus“ zusammen: „Ich würde“, so argumentiert er in einem Interview mit dem Humanistischen Pressedienst 18. 12. 2020, „vom Linken Antisemitismus als stehenden Begriff so erst einmal Abstand nehmen und sagen, natürlich gibt es Antisemitismus unter den Linken…, aber man kann auch festhalten, dass in ihrer Frühzeit der sozialdemokratischen Kräfte am entschiedensten gegen Antisemitismus vorgegangen sind“.

Aufbau und Inhalt

Neben dem Vorwort unternimmt Gerhard Hanloser mit „Betrachtungen des ‚linken Antisemitismus‘“ eine Bestandsaufnahme des Diskurses, und er setzt sich mit den verschiedenen Begriffsverwendungen und -bestimmungen zum „Linken Antisemitismus“ auseinander. In einem weiteren Beitrag greift Hanloser mit einer Gegenskizze in die Einschätzungen und Analysen über die „Frühphase des ‚bewaffneten Kampfs‘ in Deutschland und (dem) Antisemitismusvorwurf“ ein. Die Soziologin Karin Wetterau informiert über „Antisemitismus und die Neue Linke um 68“. Der Bürgerrechtler und Humanist Peter Menne bringt mit dem Beitrag „Fassbinders ‚Reicher Jude‘“ eine Replik auf den Theaterskandal von 1976. Der Politikwissenschaftler Markus Mohr analysiert „Die Israel-Palästina-Parolen der (Hamburger) Hafenstraße in der Extremismusfalle“. Der österreichisch-marxistische Philosoph Karl Reitter thematisiert „Marxisierende Konstruktionen des linken Antisemitismus am Beispiel von Moishe Postones ‚Nationalsozialismus und Antisemitismus‘“. Der Philosoph Moshe Zuckermann formuliert mit dem Text „Metamorphosen des ‚selbsthassenden Juden‘“ Überlegungen zur „Diagnose moderner Pathologie zur Denunziationsformel gegenüber kritischen Juden und Israelis“. Die Redakteurin der Zeitschrift „Ästhetik & Kommunikation“, Ilse Bindseil, provoziert mit dem Schlussbeitrag „Antisemitismus als Beute der Intellektuellen“. Sie stellt fest: „Wer links ist, kann nicht Antisemit sein, es sei denn, er weiß nicht, was links ist“.

Diskussion

Nichts ist schwieriger, als ideologie- und mentalitätsbestimmte Meinungen und Einstellungen zurechtrücken zu wollen. Und doch ist dies notwendig! Es sind durch die „Kritische Theorie“ bestimmten Argumentationen und Begründungszusammenhänge, die „linkes“ Denken und Handeln beeinflussen. Es sind radikalisierte Ressentiments, die Ablehnung und Hass auf alles Andersartige und auf gesellschaftliche Minderheiten schaffen. Es sind die zahlreichen historischen, literarischen, theatralen, materialistischen und mentalen Beispiele darüber, wie Menschenhass und Judenfeindlichkeit entstehen, bewusst, wie auch unbewusst (siehe dazu auch: Timo Storck, Das dynamisch Unbewusste, 2019, www.soialnet.de/rezensionen/​25677.php), die einen unbefangenen, faktischen Blick auf antisemitische und jede andere Form der Menschenverachtung richten. Es sind Zurechtrückungen von Vorurteilen und Stereotypen, die es abzuschütteln gilt. Immer dann und dort, wo die „globale Ethik“, wie sie in der Präambel der Menschenrechtsdeklaration (1948) postuliert wird – „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“ – missachtet und außer Kraft gesetzt wird, wächst Hass.

Fazit

Berechtigte und beweisbare Kritik an zionistischer und staatlicher Politik ist in demokratischen und zivilisatorischen Gesellschaften nicht nur erlaubt, sondern gefordert. Das aber ist nicht Antisemitismus. Wo Erinnerungs- und Versöhnungskultur zusammenkommen, darauf verweist Moshe Zuckermann, entwickelt sich eine „zutiefst sisyphische Unternehmung, die der Vermutung Recht zu geben scheint, dass die authentische Erinnerung vergangenen Leids sich letztlich nur in einer Gesellschaft einzustellen vermag, die die Bekämpfung dessen, was das Leid gesellschaftlich generiert, zu ihrer eigentlichen Raison d‘ètre hat werden lassen und zur moralischen Maxime erhoben hat“ (S. 289).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.02.2021 zu: Gerhard Hanloser: Linker Antisemitismus? Mandelbaum (Wien) 2020. ISBN 978-3-85476-691-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27923.php, Datum des Zugriffs 07.03.2021.


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