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Gerd Jüttemann: Psychologie der Geschichte

Cover Gerd Jüttemann: Psychologie der Geschichte. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2020. 282 Seiten. ISBN 978-3-95853-624-1. 30,00 EUR.
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Thema

Wie steht es um die Geschichtswissenschaft und wie um die psychologischen Anteile historischer Arbeit? Um diese zwei Themenfelder kreisen – mehr oder minder eng – die Beiträge aus fünf verschiedenen Wissenschaften.

Aufbau

32 Autorinnen und Autoren aus den Disziplinen Historik, Psychologie, Soziologie, Biologie und Philosophie wurden um Beiträge gebeten, die die „psychischen Antriebskräfte für geschichtliche Veränderungen“ (Umschlagtext); die Formen des Wirksamwerdens und deren Folgen behandeln sollen. Die Beiträge sind relativ kurz, aber anspruchsvoll.

Das Werk umfasst 274 Seiten und gliedert sich in zwei Teile: Teil 1, „Grundlegende Betrachtungen“; Teil 2, „Ausgewählte Namen und Themen“, wählt neun bekannte Autoren (Karl Lamprecht, Lucien Febvre, Arnold Toynbee, Sigmund Freud, Erik. H. Erikson, Norbert Elias, Ludwig Klages, Steven Pinker und Jeremy Bentham), die anhand ihres Werkes und des Generalthemas reflektiert werden. Eigentlich ein eigenes Kapitel sind die dann folgenden übergreifenden sechs Themen. Sie reichen von „Entscheiden und Handeln in der Antike“ über „Spiel“ bis zu „Pandemien“. Dem Buch voran gestellt ist ein zweiseitiges Vorwort und eine umfassende ‚Einführung‘ in das Generalthema durch den Herausgeber.

Inhalt

Für die Rezension wurden schlaglichtartig einzelne Beiträge besprochen. Auswahlkriterium ist deren Unterschiedlichkeit aufgrund der fachlichen Perspektive oder auch weiterer Unterschiede. Bereits die siebzehnseitige (!) Einführung des Herausgebers spiegelt ein ambitioniertes Anliegen, nämlich den Ist-Zustand zu überwinden durch verbesserte Zusammenarbeit der Fächer und unter Nutzung eines anderen theoretischen Rahmens.

Jörn Rüsen, Historiker,behandelt „Psychologie des Geschichtsbewusstseins – eine Skizze“ Schüsselbegriffe seines Beitrages sind „Sinnbildung“ und „Sinn“. „Sinn“ wird vom Menschen als Kultur eigens erzeugt. „Nur im Horizont einer gedeuteten Welt ist menschliches Leben möglich. …“ konstatiert Rüsen.

 „Worin bestehen psychologische Erklärungen geschichtlicher Veränderungen?“ fragt der Philosoph und Sozialwissenschaftler Thomas Gil und wendet sich dann dem Begriff ‚Erklärungen‘ zu. Er erläutert beispielsweise den Unterscheid zwischen deduktiv-nomologischen und induktiv-statistischen Erklärungen.

Der Biologe Ulrich Kull widmet sich einem stammesgeschichtlichen Thema: Vom aufrechten Gang zu den feineren Gesichtszügen – bioevolutive Anpassung und/oder schöpferische Selbstgestaltung?“ Kull stellt in den drei Kapiteln „Aufrechter Gang“, „Fellverlust und die Evolution früher Menschen“ und „Gesichtszüge, Gestalt und Symmetrie“ die wesentlichen Befunde der stammesgeschichtlichen Erforschung der Naturgeschichte des Menschen zusammen.

Der Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth befasst sich mit „Höherbildung der Menschheit? Bildung und Erziehung in der Gattungsgeschichte des Menschen – einige bildungshistorische Befunde Tenorth äußert u.a., (es) „bleibt wünschenswert… die Gattungsgeschichte sub specie educationis zu betrachten, aber in detaillierten Studien und nicht von einem emphatischen Bildungsbegriff aus.“ Unerwähnt lässt der Autor hier, dass detaillierte Studien längst vorliegen, z.B. in interdisziplinären Sammelbänden zu bildungsgeschichtlichen Themen (‚Schriftenreihe zum Bayerischen Schulmuseum, Zweigmuseum des Bayerischen Nationalmuseums‘; Hg. Max Liedke et. al., publiziert in 21 Bänden von 1983 bis 2001). Tenorth kommt zu dem Fazit, das das Schulwesen „höchst lernfähig in den letzten 200 Jahren“ gewesen sei.

In weiteren Beiträgen des ersten Teils des Werkes befasst sich die Historikerin Anette Meyer mit „Aufklärung und Geschichtsbewusstsein“; die Psychologen Alexander N. Wendt und Joachim Funke mit „Psychologie über Geschichte oder übergeschichtliche Psychologie“ der Soziologe Hans-Peter Müller mit „Psychologie der Vergesellschaftung“ und der Philosoph Emil Angehrn mit „Die zweifache Geschichte der Psyche“. Der Philosoph Burkhard Liebsch beleuchtet das Thema „Was es heißt, sich ‚psychisch‘ in der Welt zu befinden. Metatheoretisches zur Psychologie, ihrer Geschichte und Zukunft“. Gunnar Schumann, ebenfalls Philosoph, behandelt das Thema „Historische Erklärungen als teleologische Erklärungen“ und Karl Metz, Historiker, befasst sich mit „Geschichte und Psychologie. Über die Möglichkeit einer Begegnung.“ Jens Dreßler, Pädagoge, schreibt über „Psychologie als praktische Psychologie im System der Geisteswissenschaften Wilhelm Diltheys“; der Psychologe Werner Greve über „Caesars Ziele. Überlegungen zu Bedingungen und Möglichkeiten einer historischen Psychologie“. Die Psychologen Benjamin P. Lange und Sascha Schwarz äußern sichzu „Erleben und Verhalten aus stammesgeschichtlicher Perspektive“ und Denis Mäder befasst sich als Philosoph mit dem Thema „Die Psychologisierung des Fortschritts“. Es ist allein den Zwängen eines Rezensionsumfangs geschuldet, dass die oben genannten Beiträge nur kurz erwähnt werden können. Über ihre Inhaltliche Qualität ist damit nichts ausgesagt.

Den zweiten Teil des Buches, der „ausgewählten Namen und Themen“ gewidmet ist, eröffnet der Historiker Hiram Kümper mit einem Beitrag über Person und Werk des Historikers Karl Lamprecht (1856-1915). Lamprecht und seine wissenschaftliche Zusammenarbeit mit dem Psychologen Wundt, bzw. die Ergebnisse dieser Arbeit, gaben einen wichtigen Anstoß zu diesem Sammelband.

In weiteren personenbezogenen Beiträgen widmet sich der Psychologe Michael Sonntag „Lucien Febvre (1878-1956); der Soziologe Hasso Spode „Arnold Toynbee (1889 – 1975); der Sozialphilosoph Norbert Rath „Sigmund Freud (1856-1939)“; der Psychologe Peter Conzen „Erik H. Erikson (1902-1994)“; der Psychologe Hans-Peter Michels „Norbert Elias (1897 -1990)“ und der Psychologe Mark Galliker „Ludwig Klages (1872-1956). Mit dem bisherigen Schaffen von „Steven Pinker (geb. 1954)“ setzen sich die beiden Psychologen Fabian Hutmacher und Roland Mayrhofer auseinander.

Die Psychologin Adelheid Kühne stellt Person und Werk Jeremy Bentham (1748 – 1832) vor. Der Begründer des Utilitarismus gilt als bedeutender Denker seiner Zeit. Er war – so Kühne – „Sozialreformer und Vordenker eines modernen Wohlfahrtstaates, des Liberalismus und der Demokratie“.

Bei den „ausgewählten Themen“ des zweiten Teiles beginnt der Altphilologe Christian Pietsch mit einem Beitrag über „Entscheiden und Handeln in der Antike“. Nach anschaulichen Beispielen aus der griechischen und römischen Antike fasst Pietsch in Bezug auf das Rahmenthema zusammen: „Primäre Ursache menschlicher Geschichte sind Entscheidungen fällende … Individuen“… „Entscheidungen sind psychische Akte …“.

Weitere ‚ausgewählte Themen‘ gelten der „Bedeutung der Raumfahrt für das Konzept der Identität einer allumfassenden Menschheit“ ( Psychologin Karen Krause und Psychologe Andreas Reitz); dem „Spiel“ (Entwicklungspsychologe Rolf Oerter); dem Thema „Revolution“ (Historiker Michael Wettengel); dem Thema „Kriege, Genozide“ (Historiker und Politikwissenschaftler Andreas Herberg-Rothe) und dem nicht nur aktuell betrachteten Thema „Pandemien“ ( Mediziner und Psychologe Christian Schubert).

Der Historiker Johannes Dillinger beleuchtet in seinem Beitrag „Die Sünde und der Bock: Aspekte einer Geschichte des Teufels“ die historischen und psychologischen Motive, die hinter dem auch heutzutage noch wohlvertrauten „Sündenbock“ stehen. Es zeigt sich an diesem Beitrag, wie langzeitliches historisches Forschen zwanglos zur Kausalanalyse führt.

Diskussion

Eine Anzahl von 32 fachwissenschaftlichen Beiträgen auf nur 274 Seiten eröffnet ein großes und heterogenes Spektrum von Wissenschaften und Zugangsweisen ohne einen Umfang, der die Leserschaft zu erschlagen droht. So weit, so gut. Geklärt wurde zweifelsfrei – und schmerzhaft für manche Historikerinnen und Historiker – dass die Auffassung, Geschichtswissenschaft könne frei von Psychologie betrieben werden, sich bei hinreichend genauer und hinreichend umfassender Betrachtung als Selbstbetrug herausstellen würde.

Die Vielfalt der Einflussgrößen auf die Geschichtsschreibung wir deutlicher und macht vielleicht verständlich, warum in dieser Disziplin, wenn gestritten wird, der Streit meist über Grundsätzliches geht, man erinnere nur den sog. „Historikerstreit“.

Fazit

Das Buch ist zumindest zwei Gruppierungen zu empfehlen: Psychologisch Interessierten und historisch Interessierten. Auch wenn man der Feststellung des mehrfach hier gewürdigten Historikers Karl Lamprecht skeptisch gegenüber steht, dass Geschichte im Grunde angewandte Psychologie sei, so muss konzediert werden, das puristisches Auftabellieren von Ereignissen die Historik nicht nur langweilig, sondern auch weniger verständlich machen würde, da der Erklärungswert der psychischen Umstände fehlte.

Zitierte Quellen

Liedtke, M. et. al. (Hg.)(1983 – 2001): Schriftenreihe zum Bayerischen Schulmuseum Ichenhausen, Zweigmuseum des Bayerischen Nationalmuseums 21 Bd., (wechselnde Einzeltitel der Serie). Bad Heilbrunn. Klinkhardt Verlag.


Rezension von
Prof. Dr. Dr. Uwe Krebs
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Zitiervorschlag
Uwe Krebs. Rezension vom 07.01.2021 zu: Gerd Jüttemann: Psychologie der Geschichte. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2020. ISBN 978-3-95853-624-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27925.php, Datum des Zugriffs 21.01.2021.


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