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Joachim Klein, Michael Macsenaere u.a.: Care Leaver

Cover Joachim Klein, Michael Macsenaere, Stephan Hiller: Care Leaver. Stationäre Jugendhilfe und ihre Nachhaltigkeit. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2020. 150 Seiten. ISBN 978-3-7841-3318-8. 23,00 EUR.
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Herausgeber

  • Joachim Klein: wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kinder und Jugendhilfe, Lehrauftrag an der katholischen Hochschule in Mainz.
  • Prof. Dr. Michael Macsaenere: Geschäftsführender Direktor am Institut für Kinder und Jugendhilfe, Lehrtätigkeit an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, der Universität Köln und der Hochschule Niederrhein.
  • Stephan Hiller: Geschäftsführer des Bundesverbandes katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen e.V.

Thema

Der Übergang in das Erwachsenenleben und ein eigenständiges Leben hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Zeitpunkt des Auszuges aus dem Elternhaus, der Berufstätigkeit, der Familiengründung zu einem immer späteren Zeitpunkt verschoben. Die gesellschaftlichen Veränderungen bewirken größere Herausforderungen an die Jugendlichen bei ihrem Schritt ins Erwachsenenleben, der im Vergleich zu den Generationen davor immer später zustande kommt. Gerade aber die sozial Benachteiligten, Jugendliche aus stationären und ambulanten Hilfen der Erziehung haben weniger Möglichkeiten einen stufenweisen Weg in die Selbstständigkeit zu beschreiten. Ihnen fehlt zumeist die Unterstützung durch ein funktionierendes soziales Netzwerk, durch Familie und Freunde. Der Bundesverband katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe e.V. hat zusammen mit dem Institut für Kinder und Jugendhilfe die Studie „Care Leaver Stationäre Jugendhilfe und ihre Nachhaltigkeit“ durchgeführt und die langfristige Wirksamkeit der stationären und ambulanten Hilfen untersucht. Die Studie wurde mit Mixed Methods durchgeführt. In dem quantitativen Teil der Studie waren 332 Care Leaver:innen beteiligt. Außerdem wurden 476 stationäre und 159 ambulante Hilfeverläufe ausgewertet und im qualitativen Teil 20 problemzentrierte Interviews erhoben. Die Präsentation der Ergebnisse der Studie bildet den Hauptteil des Buches und wird durch Artikel ergänzt, die den Kontext der Situation der Care Leaver:innen beleuchten.

Aufbau und Inhalt

Leaving Care – Rechte durchsetzen und Infrastrukturen gestalten (Carolin Ehlke, Wolfgang Schroer und Severine Thomas)

Im ersten Kapitel wird in drei Schritten die Gleichberechtigung und soziale Teilhabe der Care Leaver:innen diskutiert. Erstens wird kurz die prekäre Lebenslage junger Erwachsener, die aus stationären Erziehungshilfen kommen dargestellt, zweitens die Lücken im Rechtstatus und der Verlässlichkeit von Hilfen der Care Leaver:innen behandelt und drittens die Notwendigkeit örtlicher sozialer Infrastruktur für eine gleichberechtigte soziale Teilhabe.

Nachhaltige Jugendhilfe aus Sicht der Care Leaver:innen (Robin Loh, Truc Quinh Vo)

Die Nachhaltigkeit der Jugendhilfe bzw. was sie fördert oder ihr entgegensteht wird aus der Sicht von Betroffenen dargestellt. Die konkreten Beispiele und der Blick aus der Perspektive der Betroffenen lässt zentrale Punkte zur Verbesserung der Jugendhilfe erkennen. Besonders wichtig sind die Fragen nach den Bildungschancen, dem Umgang mit Geld, die Bedeutung tragfähiger andauernder Beziehungen und eines professionellen begleiteten Überganges in das Erwachsenenleben.

„Care Leaver -Dein Netzwerk“ – ein Angebot der Bergischen Diakonie Aprath (Nadine Schildt)

Nadine Schildt beschreibt im dritten Kapitel das Angebot „Care Leaver – Dein Netzwerk“ die Erfahrungen und Möglichkeiten der Begleitung in die Selbstständigkeit. Ihre Erfahrung: „…, dass wir nach der Entlassung der jungen Menschen wenig oder gar nichts mehr von ihnen gehört haben…“ zeigt das Defizit auf, ein Feedback auf die eigene pädagogische Arbeit zu erhalten und die Sicht der Jugendlichen auf Ihre Zeit in den stationären Hilfen und ihre Erlebnisse wahrzunehmen. Sie stellt konkrete Massnahmen der Übergangsbegleitung vor und nach dem Aufenthalt in einer stationären Einrichtung dar und die Wichtigkeit von Ehemaligentreffen, da es erst mit dem Abstand einiger Jahre möglich ist sich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen.

Care Leaver – stationäre Jugendhilfe und ihre Nachhaltigkeit (Joachim Klein)

Joachim Klein stellt die quantitativen Ergebnisse der Studie vor. Die Zielsetzungen der Studie sind empirisch fundierte Kenntnisse zu:

  1. „Der Entwicklung und Lebenssituation von Care Leaver:innen nach Beendigung ihrer stationären Erziehungshilfe.“
  2. „Nachhaltigkeit stationärer Erziehungshilfen“
  3. „Wirkfaktoren für eine nachhaltige gelingende Entwicklung von Care Leaver:innen“
  4. „Optimierung vor- und nachsorgende Unterstützungsleistungen für Care Leaver:innen“

zu gewinnen.

Nach der Darstellung des Studiendesigns wird die Situation der Care Leaver:innen umfassend und übersichtlich grafisch aufbereitet dargestellt. 94 % der Formen der stationären Hilfen der Untersuchung war die Heimerziehung. Das Durchschnittsalter bei der Beendigung der Hilfen war 18,7 Jahre. 67,8 % der Jugendlichen wurden nach der Beendigung der Hilfen nachbetreut. Neben der Nachhaltigkeit der Maßnahmen der stationären Erziehungshilfen geht es der Studie darum, die Wirkfaktoren zu identifizieren, die den Erfolg und die Nachhaltigkeit der Maßnahmen bedingen. Um die komplexen Zusammenhänge analysieren zu können wird das Verfahren der grafischen Kettenmodelle verwendet. Als Ergebnis werden folgende Faktoren genannt, die die Nachhaltigkeit der Hilfemaßnahmen wesentlich bestimmen:

  • Die planmäßige Durchführung und Beendigung der Hilfemaßnahmen
  • Beziehungsqualität zur einer Hauptbezugsperson, Beheimatung in der Einrichtung
  • Qualität der Vorbereitung und ambulante Nachbetreuung

Zentrale Bedeutung hat die Beziehungsqualität, die von 68 % als sehr gut und von 23,1 % als gut beschrieben wird. 73,4 % haben sich in der Einrichtung beheimatet gefühlt. Die Beurteilung der Nachhaltigkeit der Hilfen durch die Jugendlichen steigt mit der Qualität der Vorbereitung und einer Nachbetreuung. Weitere Faktoren der Nachhaltigkeit der Maßnahmen sind:

  • Partizipation an der Hilfeplanung
  • Gestaltung des Abschiedes beim Verlassen der Einrichtung

„Ich glaube, das ist irgendwie vor allem Überleben sozusagen“ – eine qualitative Untersuchung im Rahmen der der Studie Care Leaver – stationäre Jugendhilfe und ihre Nachhaltigkeit (Silke Birgitta Gahleitner, Marilenade Andrade,Christina Frank und Lisa Große)

Aus dem qualitativen Teil der Studie mit 20 Interviews werden drei Fallbeispiele vorgestellt, die für unterschiedliche Gruppen von jungen Erwachsenen stehen. In der Studie wird orientiert an den Care Leaver:innen ihr subjektives Erleben in den Mittelpunkt gestellt. Im Ergebnis steht die Bedeutung erfolgreich aufgebauter Beziehungen und Netzwerke, die über das Ende der stationären Hilfe hinaus Bezüge herstellen, Unterstützung bieten. Vertrauen und tragfähige Beziehungen wachsen optimalerweise während der Zeit in der Erziehungshilfe. Die Erfahrung fehlender oder verweigerter Hilfe lassen auch im späteren Verlauf kein Vertrauen in das System entstehen. Nachhaltigkeit erfordert eine bedürfnisorientierte Unterstützung über das Ende der Hilfen hinaus, die keinen Beziehungsabbruch, sondern einen begleitenden Übergang bietet.

Die Jugendphase endet nicht mit 18 Jahren (Bag KJS und BVkE)

Die Studie macht die unbefriedigende rechtliche Situation von Care Leaver:innen deutlich. Die Bewilligung von Hilfen ist von der gängigen Praxis der Jugendämter in der Region abhängig und entbehrt einer einheitlichen Regelung. Aus den Ergebnissen der Studie erfolgt der Aufruf des BAG KJS und des BVkE für eine Reform des SBG VIII, um die Benachteiligung von Jugendlichen aus stationären und ambulanten Hilfen beim Übergang in die Selbstständigkeit zu beenden und die gesellschaftliche Teilhabe zu gewährleisten. Im Zentrum steht die Forderung nach einem dezidierten Rechtsanspruch auf Begleitung und Unterstützung nach dem 18.Lebensjahr und dem Verlassen stationärer und ambulanter Hilfen. Neben der Verpflichtung für eine Nachbetreuung wird ein Rechtsanspruch auf eine Ausbildung und ein Ausbau bezahlbaren Wohnraumes und eine sozialpädagogische Begleitung gefordert.

Diskussion

Die Verwendung der Methode der Mixed Methods liefert einen umfassenden Blick auf die Situation der Care Leaver:innen, insbesondere aus der Perspektive der Betroffenen. Besonders wertvoll für die konkrete Arbeit in den sozialen Hilfen ist die Auswertung der Wirkfaktoren, die dazu helfen die angewandten Maßnahmen zu überprüfen und den Schwerpunkt auf die Maßnahmen der Hilfen zu legen, die nachhaltig sind.

Die Untersuchung liefert empirisches Material für den politischen Diskurs, um eine Reform des SBG VIII zu erreichen und führt deutlich die Anstrengungen vor Augen, die notwendig sind, um die gesellschaftliche Teilhabe benachteiligter Jugendlicher zu erreichen. Auch vor der Reform des SBG VIII wird hier wertvolles Material für die Verhandlungen mit den Ämtern zur Verfügung gestellt, um für Care Leaver:innen verbesserte Bedingungen zu erreichen.

Im Vergleich zu anderen statistischen Daten ist bei der Studie Care Leaver eine Positivselektion festzustellen. Dies beeinträchtigt nicht die Ergebnisse der Studie, aber es besteht die Frage, inwieweit die Mitarbeit an einer Studie und wenn es nur im Ausfüllen und Zurücksenden eines Fragebogens besteht, eine Vorauswahl der „Starken“ darstellt. Und die Sicht und Stimme derer, die aus dem System fallen zu kurz kommt.

Fazit

Allen, die in der Jugendhilfe arbeiten oder sich politisch für benachteiligte Jugendliche engagieren ist die Studie zu empfehlen. Es finden sich hier wertvolle Daten gerade durch das grafische Kettenmodell, um im Rahmen eines Qualitätsentwicklungsprozesses die in der eigenen Einrichtung gesetzten Schwerpunkte zu überprüfen. Die Ergebnisse der Studie Care Leaver werden übersichtlich und prägnant präsentiert und mit den begleitenden Artikeln entstehen wertvolle Einblicke in das Lebensbedingungen der Care Leaver:innen und der Schwierigkeit, denen sie sich zu stellen haben. Die Studie liefert einen wertvollen Beitrag zur Diskussion um die gesellschaftliche Teilhabe von jungen Erwachsenen und die Nachhaltigkeit von Maßnahmen der stationären Hilfen.

Rezensent: Gregor Schopka, im Rahmen des Masterstudium MAKS an der Hochschule Koblenz


Rezension von
Gregor Schopka
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Zitiervorschlag
Gregor Schopka. Rezension vom 26.04.2021 zu: Joachim Klein, Michael Macsenaere, Stephan Hiller: Care Leaver. Stationäre Jugendhilfe und ihre Nachhaltigkeit. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2020. ISBN 978-3-7841-3318-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27927.php, Datum des Zugriffs 02.08.2021.


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