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Hans-Heinrich Raspe, Hans Georg Hofer u.a. (Hrsg.): Praxis und Wissenschaft

Cover Hans-Heinrich Raspe, Hans Georg Hofer, Ulrich Krohs (Hrsg.): Praxis und Wissenschaft. Fünf Disziplinen - eine Familie? mentis Verlag (Paderborn) 2020. 185 Seiten. ISBN 978-3-95743-198-1. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
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Thema

Üblicherweise werden die Wissenschaften in Formal- und Realwissenschaften unterschieden, letztere noch einmal in Natur- und Geisteswissenschaften. Unter den Realwissenschaften finden inzwischen auch die Sozialwissenschaften eigens Erwähnung. Davon abgesehen, dass bei dieser Einteilung einzelne Wissenschaften wie z.B. die Psychologie oder die Geographie nicht eindeutig zuzuordnen sind, bleibt die Gruppe von Wissenschaften gänzlich unbeachtet, die im vorliegenden Band „Handlungswissenschaften“ (Heiner Raspe) oder „intervenierende Wissenschaften“ (Ulrich Krohs) genannt werden. Sie sind das wissenschaftstheoretische Thema des Buches. Thematisiert werden die „fünf Disziplinen“ klinische Medizin, Psychotherapie, Rechtspflege, Seelsorge und Pädagogik, denen im Sinne des Philosophen Ludwig Wittgenstein eine „Familienähnlichkeit“ unterstellt wird.

Herausgeber

Die drei Herausgeber lehren an der Universität Münster. Der Historiker Dr. Hans-Georg Hofer als Professor für Geschichte und Theorie der Medizin und der Arzt Prof. DDr. Heiner Raspe als Gastwissenschaftler am dortigen Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, der Biologie und Philosoph Dr. Ulrich Krohs als Professor für Philosophie mit dem Schwerpunkt Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie am Zentrum für Wissenschaftstheorie. Damit sind die Herausgeber Hofer und Raspe direkt der Medizin als einer der „fünf Disziplinen“ verbunden, Krohs als Biologie in gewisser Weise vielleicht indirekt.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Sammelband geht auf eine öffentliche Ringvorlesung „Praxis und Wissenschaft“ des Zentrums für Wissenschaftstheorie der Universität Münster im Wintersemester 2018/2019 zurück und enthält alle dort gehaltenen Vorträge und einen für den Band nachträglich geschriebenen einführenden Beitrag. Alle Redner waren und alle Autoren sind an der Universität Münster tätig.

Aufbau

Der Sammelband enthält einführend und abschließend zwei allgemeine Beiträge und dazwischen Aufsätze zu den fünf ausgewählten Disziplinen. Das Vorwort der Herausgeber ist inhaltlich ebenfalls einzubeziehen. Die im Untertitel des Bandes gestellte Frage, ob diese Disziplinen einer Familie angehören, wird im Vorwort, dem einleitenden (Hans-Georg Hofer) und dem beschließenden Beitrag (Ulrich Krohs) diskutiert und zusätzlich in den Beiträgen zur Medizin (Heiner Raspe) und Erziehungswissenschaft (Ewald Terhart). Die Antwort fällt stets positiv aus. Trotzdem werden trotz aller Gemeinsamkeiten auch Unterschiede benannt, so für die Rechtswissenschaft (Bijan Nowrousian) und die Erziehungswissenschaft.

Inhalt

Heiner Raspe/​Hans-Georg Hofer/​Ulrich Krohs: Vorwort

Hier identifizieren die Herausgeber Gemeinsamkeiten der „fünf Disziplinen“ klinische Medizin, Psychotherapie, Rechtspflege, Seelsorge und Pädagogik. Roser rechnet die Seelsorge in seinem entsprechenden Beitrag zur Praktischen Theologie, während Terhart für seine Zuständigkeit von „Erziehungswissenschaft“ statt „Pädagogik“ spricht. Alle Disziplinen beziehen sich nach Ansicht der Herausgeber auf Praxen, die (1) Menschen (personenbezogen) und (2) deren Problemen (negativ) gelten und (3) vor dem Hintergrund einer fachlichen Ungleichheit (asymmetrisch) sowie (4) nach einer Deutung der Lage (mäeutisch) (5) auf die Mitarbeit dieser Menschen angewiesen (koproduktiv) und (6) für theoretische Fragen offen sind (reflektiert). Solche Disziplinen nennen sie „Handlungswissenschaften“, erwähnen aber die Alternativen „angewandte“, „praktische“ und „intervenierende Wissenschaften“.

Hans-Georg Hofer: Praxis, Wissenschaft, Handlungswissenschaft – eine genealogische Perspektive

Hofer führt aus historischer Perspektive in die Thematik des Bandes ein und beschränkt seinen Rückblick auf die letzten beiden Jahrhunderte. Er bevorzugt den Begriff der Handlungswissenschaft gegenüber dem der praktischen Wissenschaft. Letzterer bliebe der Philosophie und ihrer Tradition verhaftet, während „Handlungswissenschaft begrifflich und konzeptionell mit bildungspolitischen Reformüberlegungen und … mit den methodologischen Aufbrüchen und wissenschaftstheoretischen Neusortierungen der 1960er und 1970er Jahre verknüpft“ (S. 19) sei. Hofer betont, dass das Wort „Handlungswissenschaft“ hier nicht in seiner zweiten möglichen Bedeutung einer Sozialwissenschaft (statt Natur- oder Geisteswissenschaft) gemeint ist, nicht als lediglich angewandte Wissenschaft verstanden werden darf und nicht in die einschlägige „Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie“ aufgenommen worden ist.

Als Medizinhistoriker beschäftigt er sich insbesondere mit der klinischen Medizin, behandelt aber alle fünf Disziplinen. Für fast alle verweist er auf einschlägige Werke: für die Rechtspflege auf Theodor Viehwegs „Topik und Jurisprudenz“ (1953), für die Pädagogik auf Dietrich Benners „Hauptströmungen der Erziehungswissenschaft“ und für die Seelsorge auf Karl-Fritz Daibers „Grundriß der praktischen Theologie als Handlungswissenschaft“ (1977). Für die Psychotherapie wird er nicht fündig, während er für die klinische Medizin methodologisch Paul Albertini (Methodenlehre der therapeutischen Untersuchung, 1932) und Alvan R. Feinstein (Clinical Judgement, 1967) und philosophisch Hans-Georg Gadamer (Apologie der Heilkunst, 1965; Theorie, Technik, Praxis, 1972) und Wolfgang Wieland (Diagnose, 1975) nennt. Die Idee der Medizin als Handlungswissenschaft finde insbesondere bei den Medizintheoretikern Fritz Hartmann (1920-2007) und Richard Toellner (1930-2019), einem Schüler von Karl Eduard Rothschuh (1908-1984), Widerhall.

Heiner Raspe: (Be-)Handeln, Forschen und Wissenschaft (in) der klinischen Medizin

Raspe widmet sich in seinem Beitrag der klinischen Medizin, unter der er die medizinische Behandlung und Forschung an Krankenhäusern, besonders an Universitätskliniken und anderen akademischen Lehrkrankenhäusern versteht. Dabei versteht er die Klinik als „Zentrum und Ziel der Humanmedizin“ (S. 53). Er unterstellt, dass die klinisch-praktische Medizin (clinical-disciplines) einerseits derjenige Teil der praktischen Medizin ist, der auch Forschung, an akademischen Lehrkrankenhäusern auch die Lehre umfasst. Andererseits gilt sie ihm zusammen mit der praktischen Medizin als ein Teil der Medizin insgesamt, die ansonsten noch, auf der Grundlage der Naturwissenschaften Physik, Chemie und Biologie, inzwischen um die medizinische Psychologie und Soziologie ergänzt, humanspezifisch Anatomie und Physiologie (vorklinisch-theoretische Medizin) und krankheitsorientiert Pathologie (klinisch-theoretische Medizin) betreibt (research-disciplines).

Der Autor erstellt und verteidigt drei aufeinander aufbauende Thesen. Klinische Medizin sei erstens eine „Wissenschaft“, da „nicht nur außerhalb, sondern auch in der Klinik selbst geforscht (und gelehrt) wird“, sich auch der „Wissenskorpus der Klinik … durch Systematizität“ (S. 48) auszeichnet, die nach dem Wissenschaftstheoretiker Paul Hoyningen-Huene das maßgebliche Kennzeichen von Wissenschaft ist, und eine ethische „Pflicht der Kliniker“ zur Forschung besteht. Andere Kriterien, die Raspe nennt, beziehen sich und bezieht er auf die gesamte Medizin: ihre Verpflichtung zur Wahrheit, „im Einzelfall und generalisierend“, und ihre universitäre Tradition. Raspes zweite These besagt, dass die klinische Medizin eine „praktische Wissenschaft“ sei, weil sie technisch und moralisch auf (präventive, therapeutische und rehabilitative) Handlungen bezogen seien. Dabei sei unter einer praktischen keine angewandte Wissenschaft zu verstehen, da die unter dem Primat der Theorie stünde. Klinische Medizin sei drittens eine „humane Handlungswissenschaft“. Denn „ein klinischer Kontakt beinhaltet beides: Subjekte und Objekte, Nähe und Distanz, Begegnung und (wechselseitige) Beobachtung, freien Umgang und methodisches Vorgehen“ (S. 51). Die „Gestaltung der (unvermeidbar asymmetrischen) Beziehung“ (S. 51) erfolge „im Medium gemeinsamer Beratung“ (S. 52). Und aus der Subjektivität des Patienten folge: „Ausgangs- und Endpunkt klinischen Handelns ist und bleibt der Einzelfall“ (S. 53).

Zu Beginn seines Beitrags nennt Raspe sechs Gemeinsamkeiten, die für eine Familienähnlichkeit der im Sammelband thematisierten Disziplinen sprechen. Die ihnen entsprechenden Praxen erfolgen (1) in „direktem Kontakt“, sind (2) durch „Narrative“ auch subjektiv geprägt, reagieren auf (3) „negativ konnotierte Sachverhalte“ vor einem (4) „normativ verfassten“ Hintergrund und (5) in „normativer Regulierung“ der Beziehungen und fußen (6) auf einer „Vielzahl heterogener Wissensbestände“ und (7) „zeitaufwendigen Lernen“ vor der und in der Praxis.

Thole H. Hoppen/​Nexhmedin Morina: Psychotherapie: Praxis, Empirie und Theorie

Nexhmedin Morina, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Münster, und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Thole H. Hoppen verfolgen Zusammenhänge zwischen Praxis, Theorie und Empirie der Psychotherapie in verschiedenen Verfahren (Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, kognitive Verhaltenstherapie, Gesprächspsychotherapie), halten ein „Plädoyer für die Symbiose zwischen Praxis, Empirie und Theorie“ (S. 82), betonen dabei aber die besondere Rolle der Empirie: wissenschaftlich und – bezüglich der Anerkennung als Krankenkassenleistung – rechtlich.

Ihr Resümee zu den Verfahren lautet: „Der Grad der Verwobenheit von Praxis, Empirie und Theorie variiert von Psychotherapieverfahren zu Psychotherapieverfahren und steht auch in Zusammenhang mit den Ursprüngen eines jeweiligen Verfahrens. Das Verfahren mit der kohärentesten Verflechtung der Trias, die Verhaltenstherapie, ist in den meisten westlichen Ländern das am meisten verbreitete Psychotherapieverfahren.“ (S. 65)

Die beiden Autoren vertreten persönlich das Verfahren der empirisch entstandenen und universitär angebundenen Verhaltenstherapie und repräsentieren damit insbesondere den Blickwinkel der (Klinischen) Psychologie und psychologischen Psychotherapie. Die Psychotherapie ist aber eine Praxis, die Gegenstand sowohl der Medizin als auch der Psychologie ist, genauer der Psychiatrie und der Klinischen Psychologie, und entsprechend von (meist tiefenpsychologisch ausgebildeten) Ärzten und (meist verhaltenspsychologisch ausgebildeten) Psychologen ausgeübt wird. Die tiefenpsychologischen, später auch die humanistischen Verfahren sind insbesondere von niedergelassenen Psychiatern aus der Praxis heraus, die verhaltenstherapeutischen, später auch die systemischen Methoden von empirisch arbeitenden und wissenschaftlich angebundenen Biologen und Psychologen entwickelt worden.

Hoppen und Morina betonen vor ihrem Hintergrund die zentrale Rolle der Empirie, die sie zudem auf die Psychotherapieforschung engführen, in der es um die Wirksamkeit von psychotherapeutischen Verfahren geht. Sie schreiben: „Somit findet im Feld der Psychotherapie durchgehend eine experimentelle Überprüfung von bestehenden und neuen Verfahren statt… Darüber hinaus werden auch die theoretischen Modelle gemäß den neuen empirischen befunden … angepasst (oder verworfen). Das Charakteristische ist hier, dass empirische Forschung evidenzbasiert die Praxis und Theorie informiert.“ (S. 75). Analog zu den Universitätskliniken der medizinischen Fakultäten sind dazu an etlichen psychologischen Universitätsinstituten psychotherapeutische Ambulanzen eingerichtet worden.

Bijan Nowrousian: „Letzte Instanz“ – Zur Entstehung und Vermittlung von Wissenschaft in der Rechtspraxis

Bijan Nowrousjan, seit 2016 Professor für Strafrecht und Ordnungswidrigkeitenrecht an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW, ehemals Staatsanwalt, widmet sich den Fragen, „wie in der Rechtspraxis Wissenschaft entsteht und ob bzw. wie außerhalb der Praxis geschaffene Wissenschaft in die Praxis wirkt“ (S. 89). Er stellt fest, dass aufgrund der „relativ klaren ‚örtlichen‘ Trennung von Praxis und Wissenschaft“ nur zufällig, aber nicht systematisch Wissenschaft aus der Praxis entstehen und Wissenschaft in die Praxis vermittelt werden werden kann. Denn „der Normalfall ist … kein direkter personeller Austausch und keine direkte personelle Überschneidung zwischen Praxis und Wissenschaft, sondern ein Nebeneinander von Anwälten, Staatsanwälten und Richtern auf der einen und Hochschullehrern sowie anderen an Hochschule Publizierenden auf der anderen Seite. Die Wissenschaft diskutiert dabei anders als die Praxis niemals Tatfragen, sondern nur Rechtsfragen.“ (S. 95)

Zugleich betont der Autor, dass „Rechtswissenschaft nur durch ein Zusammenspiel von Praxis und professionellen Wissenschaftlern“ entstehen und vermittelt werden kann und die Praxis „zwar nicht zur Gänze“, aber immerhin „an ihrer ‚Spitze‘“ (S. 100) an einem solchen Zusammenspiel beteiligt ist. „Die Entscheidungen der letzten Instanzen sind … das Tor zwischen Praxis und Wissenschaft.“ (S. 95) „Hochschule und Obergericht betreiben gemeinsam Rechtsauslegung und Rechtsfortbildung. Lediglich die unteren Instanzen sind zumindest grundsätzlich nur Rechtsanwender.“ (S. 96)

Nowroujan verweist weiterhin darauf, dass in der juristischen Praxis im Unterschied zur therapeutischen, seelsorglichen und pädagogischen Praxis nicht nur zwei komplementäre Rollen, sondern auf beiden Seiten mehrere Rollen einbezogen sind: Angeklagte, Kläger, Zeugen und – bei Strafverfahren – Opfer auf der einen, Verteidiger, Richter und – wieder im Strafrecht – Staatsanwälte und Nebenkläger auf der anderen Seite. Nur der Rechtspraxis liegt ein „Dissens“ zugrunde, zu dem eine „Entscheidung“ (S. 93) getroffen werden muss.

Traugott Roser: Fallstudien, Verbatims, Empirie – Erfahrungswissen und Reflexionsbedarf in der Seelsorgetheorie

Traugott Roser, seit 2013 Professor für (evangelische) Praktische Theologie an der Universität Münster, fokussiert sich beispielhaft auf einen Ausschnitt der praxisorientierten Theologie, nämlich die theologische Theorie und kirchliche Praxis der „Seelsorge in Einrichtungen des Gesundheitswesens“ (S. 101). Die praktische Theologie, die zuerst Schleiermacher von der theoretischen Theologie mit ihren beiden Zweigen der systematischen und biblisch-historischen Theologie unterschieden hat, thematisiert außer der Seelsorge (Poimenik) noch mindestens den Gottesdienst (Liturgik), die Predigt (Homiletik), die Glaubensvermittlung (Katechetik) und die (pfarrliche) Gemeindeleitung. (Pastoraltheologie in der evangelischen Theologie).

Der Autor vertritt die Auffassung, dass es in der kirchlichen Praxis mehr um die „religiöse Praxis des Individuums“ als um die institutionelle, meist berufliche Praxis geht. Diese habe „ihren Sinn darin, das religiöse Individuum zu selbstständiger Ausübung von Religion auszubilden und gelebte Glaubenspraxis … zu fördern“ (S. 102). „Kirchliche Praxis, zu der wesentlich das Angebot von Seelsorge gehört, setzt individuelle religiöse Praxis voraus und findet in ihr zugleich auch ihr Ziel.“ (S. 104) Roser scheint in der Seelsorge sogar in gewisser Weise ein Zentrum der kirchlichen Praxis und in der Poimenik eine Kerndisziplin der praktischen Theologie zu sehen. Systemtheoretisch betrachtet sieht er die moderne Seelsorge insofern als „Hybrid“, als sie „sowohl dem therapeutischen System als auch dem Religionssystem angehört“ (S. 118 f.).

Traugott Roser behandelt sodann und betont dabei die zentrale Rolle von schriftlich dokumentierten einzelnen seelsorglichen Gesprächsverläufen im Kontext der Ausbildung (Fallstudien, Verbatims als Gesprächsprotokolle aus dem Gedächtnis). Für die Seelsorgetheorie resümiert er, dass Fallstudien ein „internationaler und interdisziplinärer Ansatz zur Theoriebildung aus der Praxis“ (S. 113) sind, seit geraumer Zeit mit den Mitteln qualitativer Sozialforschung.

Ewald Terhart: Von der Erziehung zur Erziehungswissenschaft – und zurück? Erziehen als Praxis, als Beruf und als Gegenstand von Wissenschaft

Ewald Terhart, emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Schulpädagogik/​Allgemeine Didaktik an der Universität Münster, entwickelt für alle fünf Disziplinen ein „Drei-Ebenen-Modell“ von der „Lebenswelt“ der Laien über die „akademischen Berufe“ bis zu den „Wissenschaften“ (S. 126). Die akademischen Berufe entstehen aus der Lebenswelt, die Wissenschaften wirken vermittels dieser Berufe und auch direkt in die Lebenswelt hinein.

Terhart skizziert anhand dieses Modells den Weg „von der Erziehung zur Erziehungswissenschaft“: „von der gelebten erzieherischen Laien-Praxis zu den pädagogischen Berufen“ (S. 128) der Ausbilder*innen, Lehrer*innen, Erzieher*innen und Erwachsenenbildner*innen und „von der pädagogischen Gelehrsamkeit“ dieser Berufe „zur spezialisierten Wissenschaft von der Erziehung“ (S. 131) zuerst im 19. Jahrhundert durch die Volksschullehrer und durch Philosophen und Theologen in den philosophischen Fakultäten der Universitäten, ab Anfang des 20. Jahrhunderts dann im Kontext der Geistes- und ab dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts in dem der Sozialwissenschaften.

Während der Weg „von der Erziehung zur Erziehungswissenschaft“ nachvollziehbar ist, bleibt der Weg „zurück“ zur beruflichen Praxis unklar und besteht in die Laien-Praxis hinein nur durch berufliche, erfahrene Praktiker oder Wissenschaftler anderer Disziplinen wie z.B. der Psychologie.

Zum Schluss listet Terhart bei aller Gemeinsamkeit eine Reihe von Unterschieden zu den anderen Praxen und Disziplinen auf. Die pädagogischen Berufe, die eine „immense Größe“ haben und „sehr stark verstaatlicht“ sind, haben frei nach Schleiermacher einen mehr „unterstützend“-positiven, weniger einen „gegenwirkend“-negativen Charakter. Das Problem „ist keine lebensbedrohliche Krankheit, kein undämmbarer Streit, es geht auch nicht um Seelenheil“ (S. 143). Es geht erst einmal überhaupt nicht um ein Problem. Bei den Lehrern kommt insbesondere hinzu, dass ihre „Arbeitssituation eine Gruppensituation“ (S. 144) ist, diese durch eine nicht zwei-, sondern „dreistellige Relation“ (Lehrer – Schüler – Sache) geprägt ist und die Prüfungen nicht nur eine pädagogische, sondern auch und vor allem eine „Selektionsfunktion“ (S. 145) haben.

Ulrich Krohs: Die intervenierenden Wissenschaften

Die fünf Disziplinen des Bandes entziehen sich nach Krohs der gängigen Einteilung in „rationale“ und „empirische“, letzteren in Natur- und Geisteswissenschaften, inzwischen um die Sozialwissenschaften zu ergänzen. Denn in ihnen steht nicht der „Erkenntnisgewinn“ im Vordergrund, sondern der „steuernde Eingriff in laufende Prozesse, die Intervention“. „Aus soziologischer Perspektive werden sie (auch) deshalb oft als Professionen den Wissenschaften gegenübergestellt“ (S. 152), die nach dem Kriterium der Nützlichkeit und nicht der Wahrheit verfahren. Krohs sieht die Professionen dagegen selbst als Wissenschaften und spricht von „intervenierenden Wissenschaften“ (S. 151). Drei dieser Wissenschaften entsprechen den drei oberen, berufsorientierten Fakultäten der mittelalterlichen Universitäten (theologische, juristische, medizinische Fakultät), die bis ins 18. Jahrhundert ihren Stellenwert behielten, bevor sich die Rangfolge der Fakultäten umkehrte und sich die alte untere (Artisten-) Fakultät zur maßgeblichen philosophischen Fakultät entwickelte. Während sich diese in der Folge vielfach aufteilte, blieben die drei ehemals oberen Fakultäten bis heute als Ganze erhalten. Die Psychotherapeutik hat zumindest in ihrer ärztlichen und tiefenpsychologischen Tradition einen Bezug zur Medizin und die Pädagogik in der Linie der Gymnasiallehrer den fachlichen Bezug zu den Wissenschaften der philosophischen Fakultät.

Alle fünf Disziplinen haben ihren Ausgang von der Praxis genommen, Medizin, Erziehungs- und Rechtswissenschaft beispielsweise „von Alltagspraxen der Versorgung von Kranken mit Hausmitteln, der Erziehung und des schlichtenden Gesprächs“ (S. 159). Jede von ihnen greift nach Krohs auf vier „Orte der Wissenschaft“ zurück. „Zu dem wissenschaftlichen Bezugswissen [über den Gegenstand], der so genannten Theorie, kommen … drei weitere Orte der Wissenschaft in der Praxis hinzu.“ „Das Bezugswissen … ist nicht unmittelbar an die Praxis … gebunden, sondern theoretische Grundlage der Praxis. Die drei weiteren Orte der Wissenschaft sind praxisinhärent.“ (S. 162): Wissen zur „Diagnose“ des „defizienten Zustands“, zur „Indikation“ der Intervention und zur (Durchführung der) „Intervention“ (S. 163) selbst.

Im Unterschied zu den ebenfalls intervenierenden Technikwissenschaften, die eher an die im Mittelalter neben den artes liberales der unteren Fakultät und den oberen Fakultäten „artes mechanicae“ genannten Handwerke erinnern, wobei innerhalb der Medizin die Chirurgie zu den artes mechanicae und die Innere Medizin zur medizinischen Fakultät gerechnet wurde, definiert der Autor die fünf Disziplinen des Bandes als „asymmetrisch intervenierende Wissenschaften“ (S. 174). Da diese Disziplinen „zum Wohl des Menschen intervenieren“, gelten sie ihm als „normativ“ und aufgrund ihrer Möglichkeiten zwischen Wohl und Wehe, Nutzen und Schaden als „asymmetrisch“. Die Bindung an das Wohl der Menschen gilt als „Selbstverpflichtung und gesellschaftlicher Auftrag“ (S. 171).

Diskussion

Die Disziplinen, für die der Zusammenhang von Praxis und Wissenschaft zu klären ist, werden in den Beiträgen des Buches explizit auf unterschiedlichen Ebenen thematisiert: auf der Ebene einer beruflichen Praxis (Psychotherapie), einer engeren oder weiteren Teildisziplin (Seelsorgetheorie, klinische Medizin) oder einer Gesamtdisziplin (Rechtswissenschaft, Erziehungswissenschaft). Für einen genaue Analyse müssten aber entweder Praxen (Heilung, Rechtsprechung, Seelsorge, Erziehung/​Unterricht), Teildisziplinen auf gleicher Ebene (klinische Medizin, klinische Psychologie, Jurisprudenz als Rechtswissenschaft im praktischen Sinne, praktische Theologie, Pädagogik als Erziehungswissenschaft im praktischen Sinne) oder Gesamtdisziplinen (Medizin, Psychologie, Rechtswissenschaft, Theologie, Erziehungswissenschaft) verglichen werden. Zwei der fünf Teildisziplinen sind therapeutische Wissenschaften (klinische Medizin für die Somatotherapie, klinische Psychiatrie/​Psychologie für die Psychotherapie), während eine dritte (praktische Theologie) in bestimmten Teilen (Seelsorge) eine Nähe zur Therapie aufweist.

Die diskutierten fünf Disziplinen werden von Hofer „Handlungswissenschaften“ und von Krohs „intervenierende Wissenschaften“ genannt. Als von den beiden Autoren nicht genannte Antonyme kämen „Erkenntniswissenschaften“ und „konstatierende Wissenschaften“ in Frage. Ansonsten wird im Buch noch von „praktischen“ und „angewandten Wissenschaften“ gesprochen, denen die „theoretischen“ und „Grundlagenwissenschaften“ entsprechen würden. In der griechischen Antike lautete das vergleichbare Begriffspaar „epistémai“ und „téchnai“, in der römischen „scientiae“ und „artes“, lange Zeit mit „Wissenschaften“ und „Künste“ ins Deutsche übersetzt. Ein moderner, soziologischer Dual lautet „Disziplinen“ und „Professionen“ als Berufe eines besonderen Typs. Wie auch immer die Bezeichnung der praxisbezogenen Disziplinen lautet: Sie beziehen sich stets nicht nur auf Handlungen, sondern auch auf entsprechende Werte. Der Soziologie Ulrich Oevermann spricht von nur zwei Werten, der „leiblichen und psychosozialen Integrität“, wofür man auch (biopsychosoziale) „Gesundheit“ oder gar, um die Seelsorge mit einzubeziehen, „Heil“ sagen könnte, und von „Recht und Gerechtigkeit“. Da er die Integrität auch der Erziehung zuschreibt, sind mit diesen beiden Werten alle fünf Disziplinen abgedeckt. Beide Werte spiegeln für ihn die „dialektisch widersprüchliche Einheit von Individuum und Gesellschaft“. 

Der Begriff der angewandten Wissenschaft steht am ehesten für den Weg von der Wissenschaft in die Praxis. Der erfolgt von einer Wissenschaft aus, kann aber in verschiedene Praxisfelder erfolgen. Die klinische Psychologie, aus deren Sicht der Beitrag von Hoppen und Morina zur Psychotherapie geschrieben worden ist, ist eine solche angewandte Wissenschaft. Die Grundlagenwissenschaft ist die Psychologie. Andere angewandte Wissenschaften sind z.B. noch die pädagogische Psychologie und die Arbeits- und Organisationspsychologie. Der Begriff der praktischen bzw. Handlungswissenschaft verweist auf den umgekehrten Weg von der Praxis in die Wissenschaft. Hier steht ein Praxisfeld im Vordergrund (z.B. ärztliche Praxis), zu dem man auf verschiedene Wissenschaften (z.B. Naturwissenschaften, Psychologie, Soziologie) zurückgreifen kann. Während angewandte Wissenschaften einen Primat der Theorie unterstellen, gehen praktische von einem Primat der Praxis aus. Der Primat kann genetisch (früher) und/oder normativ (wichtiger) gemeint sein.

Die Antworten auf die „Frage, wie Praxis und Wissenschaft heute zusammenhängen“ (S. VII), können alles in allem nicht zufriedenstellen. Ein Grund könnte sein, dass die beiden Begriffe der Praxis und der Wissenschaft in sich undifferenziert bleiben und es so stets auf eine unvermittelte Gegenüberstellung von Praxis und Wissenschaft hinausläuft. Mein Vorschlag besteht darin, jeweils drei Dimensionen von Praxis und von Wissenschaft zu unterscheiden, von denen sich jeweils eine praktische und eine wissenschaftliche entsprechen und mal mehr, mal weniger nah beieinander liegen. In der Praxis wirken die Allgemeinpraktiker (Hausarzt, Anwalt, Pfarrer, Lehrer in der Primarstufe), Fachpraktiker (Facharzt, Fachanwalt/​Richter, Priester in der Kategorialseelsorge, Lehrer in der Sekundarstufe) und ‚Oberpraktiker‘ (Universitäts-/Klinikarzt, Oberrichter, Bischof/​kirchliches Lehramt, vereinzelt Universitätsschullehrer). Für die Wissenschaft lassen sich empirische, normative und praktische Disziplinen unterscheiden, die zusammengefasst eine Fakultät ausmachen. So besteht zum Beispiel die medizinische Fakultät aus den theoretischen Disziplinen, nämlich den empirischen der Physik, Chemie und Biologie, der Anatomie und Physiologie, aus der normativen der Pathologie und aus der praktischen Disziplin der Klinischen Medizin. Die größte Nähe zwischen Praxis und Theorie besteht zwischen den ‚Oberpraxen“ (z.B. des Klinikarztes, Oberrichters) und den praktischen Wissenschaften (z.B. klinische Medizin, Jurisprudenz), die größte Distanz zwischen den Allgemeinpraxen (z.B. Hausarzt, Anwalt) und den empirisch-theoretischen Wissenschaften (z.B. Naturwissenschaften, historische/​vergleichende Rechtswissenschaft).

Fazit

Nachdem sich Wissenschaftstheorie bisher fast ausschließlich den Erkenntniswissenschaften, also den Formal- und Real-, Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften gewidmet hat, ist der vorliegende Band trotz aller dem Anlass einer Ringvorlesung geschuldeten inhaltlichen Vorläufigkeit und Unvollständigkeit ein Meilenstein auf dem Weg zu einer Wissenschaftstheorie der Handlungswissenschaften.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 11.03.2021 zu: Hans-Heinrich Raspe, Hans Georg Hofer, Ulrich Krohs (Hrsg.): Praxis und Wissenschaft. Fünf Disziplinen - eine Familie? mentis Verlag (Paderborn) 2020. ISBN 978-3-95743-198-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27931.php, Datum des Zugriffs 18.04.2021.


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