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Dirk Hartmann: Erkenntnistheorie

Cover Dirk Hartmann: Erkenntnistheorie. mentis Verlag (Paderborn) 2020. 419 Seiten. ISBN 978-3-95743-202-5. D: 99,00 EUR, A: 101,80 EUR.

Reihe: Hartmann, Dirk: Neues System der philosopischen Wissenschaften im Grundriss - Band 1.
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Thema

1817 erschien die „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse“ von Georg Wilhelm Hegel (1770-1831), in dem der Philosoph sein Gesamtsystem der Philosophie in den drei Teilen der Wissenschaft der Logik, der Natur und des Geistes darstellt. Gut zweihundert Jahre später schließt ein deutscher Philosoph der Gegenwart seine systematische Enzyklopädie mit fast gleichlautendem Titel an und, ergänzend zu den philosophischen Teildisziplinen, empirische Wissenschaften mit ein. Denn die bleiben „auch nach ihrer methodischen und institutionellen Ablösung von der Philosophie noch Gegenstand philosophischer Klärungsbemühungen“ (S. XII). Im ersten Satz seiner Vorrede schreibt der Autor zu seinem Thema ganz einfach: „Dies ist ein Buch über die philosophischen Probleme in ihrem Zusammenhang“ (S. VII).

Autor

Dirk Hartmann, geb. 1964, ist seit 2004 Professor für Philosophie mit Schwerpunkt Theoretische Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Er hat an der Universität Marburg Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaft studiert, zur Philosophie der Psychologie promoviert und sich dort im selben Themenkreis habilitiert. Als Schüler des Marburger Philosophen Peter Janich (1942-2016), seinerseits Schüler der Erlanger Philosophen Wilhelm Kamlah (1905-1976) und Paul Lorenzen (1915-1994), steht er in der Tradition der von letzteren begründeten Erlanger Schule des Methodischen Konstruktivismus und ihrer Programmschrift „Logische Propädeutik“ (1967). Im Kontext dieser Schule ist die von Jürgen Mittelstraß (*1936) herausgegebene vierbändige „Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie“ (1980-1996) entstanden. Zusammen mit seinem Lehrer Peter Janich hat Hartmann aus dem Methodischen Konstruktivismus heraus den Methodischen Kulturalismus entwickelt, dessen Programmschrift der von den beiden herausgegebene Band „Methodischer Kulturalismus“ (1996) ist.

Entstehungshintergrund

Die „Erkenntnistheorie“ ist der erste und grundlegende Band des auf sieben Bände angelegten Werkes „Neues System der philosophischen Wissenschaften im Grundriss“. Erschienen ist bisher neben diesem ersten Band der zweite mit dem Titel „Mathematik und Naturwissenschaft“ (2020). Hartmanns Auffassung ist die, „dass auch heute noch zumindest einige Philosophen das Abenteuer wagen sollten, in ihrer Arbeit ‚aufs Ganze zu gehen‘“ (S. VII). Und er hat dieses Wagnis unternommen, obwohl es durch den Verzicht auf anerkennungswürdige Spezialisierungen und aufgrund des langen Zeitraums auf vorzeitige Publikation von Auszügen, ständige Aktualisierungen und drittmittelgebundene Leistungszulagen einer akademischen Karriere nach eigenem Bekunden in gewissem Sinne abträglich war und ist. In der Vorrede bezieht der Autor Stellung: „Wenn Sie mich fragen, was an ihm [dem System] eigentlich wirklich neu ist, dann wäre die Antwort, dass möglicherweise nicht gar so viel davon neu ist, dafür aber das Ganze neu ist“ (S. X).

Aufbau

Das Werk besteht aus einer Einleitung und vierzehn als Paragraphen gezählten Kapiteln:

  • Einleitung: Was ist Philosophie?
  • § 1 Drei Phasen der Philosophiegeschichte
  • § 2 Erkenntnistheorie und Kognitionswissenschaften
  • § 3 Erkenntnis und Wissenschaft
  • § 4 Skepsis
  • § 5 Sinn
  • § 6 Wahrheit
  • § 7 A priori und A Posteriori
  • § 8 Analytisch und Synthetisch
  • § 9 Das Synthetische Apriori
  • § 10 Lebenswelt
  • § 11 Sprache
  • § 12 Logik
  • § 13 Handlung
  • § 14 Wissenschaft

Die insgesamt fünfzehn Teile des Buches lassen sich lose zu größeren Teilen zusammenfassen. In der Einleitung steht die Philosophie selbst und insgesamt im Fokus. Die Paragraphen 1 und 2 handeln von der Erkenntnistheorie, 3 bis 6 von der formalen, 7 bis 9 von der materialen Wissenstheorie, 11 bis 12 von der Handlungsphilosophie und 10 und 14 von der Wissenschaftsphilosophie. Da Hartmann das Sprechen als Handeln versteht und das Denken im Sinne des Schließen mit dem Sprechen verbindet, umfasst der Block der Handlungsphilosophie neben ihr selbst (§ 13) auch die Sprachphilosophie (§ 11) und die Logik (§ 12). Das Kapitel zur Lebenswelt (§ 10) würde ich beim Versuch, oberhalb der Paragraphen größere Zusammenhänge zu identifizieren, mit dem Kapitel zur Wissenschaft (§ 14).

Die teils schon erschienenen, teil noch kommenden sechs Bände von „Neues System der philosophischen Wissenschaften“ widmen sich den empirischen Wissenschaften (II. Mathematik und Naturwissenschaften; III. Physik, Chemie, Kosmologie; IV. Biologie, Naturgeschichte, Neurowissenschaft; V. Psychologie, Geisteswissenschaft) und den metaphysischen Disziplinen der Philosophie (VI. Metaphysik des Seins: Metaphysik, Physis, Psyche; VII. Metaphysik der Sitten: Geist). Damit wird das System von einem philosophischen Band eröffnet (Erkenntnistheorie) und zwei philosophischen Bänden abgeschlossen (Metaphysik inkl. Ethik). Die vier Bände dazwischen sind den empirischen Wissenschaften gewidmet: von den Formalwissenschaften über die Naturwissenschaften einschließlich der Psychologie bis zu den Geisteswissenschaften. Diese Wissenschaften schließt Hartmann insofern in sein System der philosophischen Wissenschaften ein, als sie „erstens eine Fortsetzung allgemeiner philosophischer Fragestellungen … mit anderen Mitteln darstellen, und zweitens auch nach ihrer methodischen und institutionellen Ablösung von der Philosophie noch Gegenstand philosophischer Klärungsbemühungen und Reflexion bleiben.“ (S. Xif.)

Die empirischen Wissenschaften und metaphysischen Disziplinen scheinen sich zu entsprechen: die Naturwissenschaften der Metaphysik des Seins, die Geisteswissenschaften der Metaphysik der Sitten.

Inhalt

1. Philosophie (Einleitung)

Indem Hartmann die Philosophie als „Mutter aller Wissenschaften“ bezeichnet, vergleicht er sie mit ihren Kindern, die sich über die Jahrhunderte Zug um Zug von ihr gelöst haben: zuerst die Geometrie (300 v.Chr.), dann nacheinander die Mathematik (13. Jh. n.Chr.), Physik (17. Jh.), Chemie (18. Jh.) und Biologie, Soziologie und Psychologie (19. Jh.).

Dazu hätte es durchaus Alternativen gegeben. Um im verwandtschaftlichen Bild zu bleiben, wäre ein Vergleich mit der Mutter der Philosophie, dem alltäglichen bzw. lebensweltlichen Wissen möglich gewesen. Das stünde der Philosophie „nach dem Weltbegriffe“ Pate, die Immanuel Kant von der Philosophie „nach dem Schulbegriffe“ unterschieden hatte. Gernot Böhme ergänzt die Philosophie „als Weltweisheit“ („Weltbegriff“) und „als Wissenschaft“ („Schulbegriff“) noch um die Philosophie „als Lebensform“. Aber auch mit dem Glauben als Tante oder den Geschwistern des praktischen oder literarisches Wissens wäre ein Abgleich möglich gewesen. Das philosophische und das wissenschaftliche Wissen sind nach hilfreichen Unterscheidungen des Erkenntnistheoretikers Gottfried Gabriel propositionales theoretisches Wissen (dass etwas ist), während die beiden anderen, im Bilde geschwisterlichen Wissensformen nicht-propositional sind: praktisches Wissen (wie etwas zu machen ist) und ebenfalls theoretisches Wissen (wie etwas ist).

Weitere Ausgliederungen aus der Philosophie, also neue Kinder, sind für Hartmann nicht mehr zu erwarten. Alle bisherigen Kinder seien, von der Mathematik abgesehen, empirische Disziplinen. Die der Philosophie verbliebenen theoretischen und praktischen Disziplinen arbeiten jedoch nicht im wissenschaftlichen Sinne empirisch, während die empirischen Wissenschaften weder rein theoretisch noch normativ verfasst sind.

Die philosophischen Teildisziplinen sind innerhalb der „theoretischen Philosophie“ („vom Wahren“ bzw. mit dem durch „Behauptungen“ vermittelten „Geltungsanspruch Wahrheit“) die „Argumentationstheorie (inklusive Logik), Sprachphilosophie, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie, Ontologie, Naturphilosophie, Philosophie des Geistes und Philosophie der Person“ (S. XXVIII), innerhalb der „praktischen Philosophie“ („vom Guten“ bzw. mit dem durch „Aufforderungen“ vermittelten „Geltungsanspruch Gerechtigkeit“) die „Ethik, Rechts- und Staatsphilosophie sowie (normative) Sozial- und Politische Philosophie“ (S. XXVII). Grundlegend seien im theoretischen Feld die Erkenntnistheorie, im praktischen die Ethik. In der Philosophie als „Wissenschaft vom Schönen“, zu der die Ästhetik als Philosophie des „Natur-“ und „Kunstschönen“ gehörte, sieht Hartmann „keine eigene Kategorie“ (S. XXVII).

Der Autor postuliert, „dass die Philosophie sich … zum Teil denselben Themen zuwendet wie die empirischen Wissenschaften, dies aber doch auf ganz andere Weise tut“ (S. XXVII) und „sich nicht auf einer Ebene mit den anderen Wissenschaften“ (S. XXXI) befindet. Zum Teil habe sie aber „durchaus eigene Themen und dazugehörige ‚metaphysische‘ Resultate, die in ihrer Geltung … nicht vom empirischen Beobachtungen abhängen“ (S. XXXI). Zur anderen Weise bzw. zur philosophischen Methode bemerkt er, dass die Philosophie nach dem Linguistic Turn Anfang des 20. Jahrhunderts und im gegenwärtigen Mainstream der Analytischen Philosophie als und nur als „Reflexionsdisziplin“ (S. XXIV) verstanden würde und in diesem Verständnis „im Wesentlichen eine Tätigkeit, und zwar der Begriffsklärung“ (S. XXIX) darstelle.

Hartmann geht aber in zweierlei Hinsicht über diese methodische und da logisch-analytische Zuschreibung hinaus. Erstens beziehe sich die Weise der Philosophie bzw. die Philosophie als Tätigkeit nicht nur auf einzelne Begriffe, sondern auf ganze, besonders verallgemeinerte Aussagen, und verwende daneben auch eigene, eben philosophische Begriffe. Zweitens gäbe es seiner nicht dem analytischen Mainstream entsprechenden Ansicht nach nicht nur eine philosophische Methode (ein Philosophieren), sondern auch, wie es ebenfalls Herbert Schnädelbach in seinem Buch „Was Philosophen wissen…“ (2012) betont, philosophisches Wissen (eine Philosophie). Da gehe es um Sätze, die schon aufgrund ihres besonderen eigenen Geltungsstatus das Prädikat ‚philosophisch‘ verdienen. Solche Sätze wären, wie er in späteren Kapiteln aufzeigt, einerseits apriorisch (theoretisch, auf die Geltung des Wissens bezogen) statt aposteriorisch (empirisch, auf die Genese des Wissens bezogen), andererseits synthetisch (material) statt analytisch (formal). Sie antworteten auf die „klassischen ‚metaphysischen‘ Fragen“ (S. XXXVI).

Ohne dass Hartmann dies aufgreift, könnte man eine der in der antiken Philosophie unterschiedenen Wissensformen, nämlich die „sophía, sapientia, Weisheit“, dann auch dem Namen der Disziplin entsprechend für dieses ‚metaphysische‘ Wissen reservieren. Das Wissen der Wissenschaft wäre dann „epistéme, scientia, eben Wissenschaft“, das praktische Wissen „téchne, ars, Kunst(-fertigkeit)“. Dem Alltag wäre die „empeireía, experientia, Erfahrung“ vorbehalten.

2. Erkenntnistheorie (§ 1 Drei Phasen der Philosophiegeschichte, § 2 Erkenntnistheorie und Kognitionswissenschaften)

Hartmann postuliert „drei Phasen der Philosophiegeschichte“: „eine ‚ontologische Phase‘ (von ca. 600 v.Chr. bis ca. 1600 n.Chr.), eine ‚erkenntnistheoretische Phase‘ (von ca. 1600 n.Chr. bis ca. 1900 n.Chr.), und eine ‚sprachkritische Phase‘ (seit 1900 n.Chr.)“ (S. 1). Änalog hatte Herbert Schnädelbach 1986 in einem „Grundkurs“ zur Philosophie historisch, aber vor allem systematisch ein „ontologisches“, „mentalistisches“ und „linguistisches Paradigma“ unterschieden. Für Hartmann ist „die sprachkritische Wende … nicht [wie im Mainstream der Analytischen Philosophie] als Aufhebung der erkenntnistheoretischen Wende zu begreifen, sondern vielmehr als deren sprachkritische Fortführung“. Er akzentuiert Philosophie erkenntnistheoretisch und warnt sowohl vor einem ontologischen Rückschritt in eine naive Philosophie als auch vor einem sprachkritischen Fortschritt aus der Philosophie heraus. „Philosophie sollte heute … weder hinter die erkenntnistheoretische Phase in die Naivität der ontologischen Phase zurückfallen … noch soll sie als sprachkritisch aufgeklärte die erkenntnistheoretische Frage nach dem Ursprung, den Methoden und den Grenzen unseres Wissens aufgeben bzw. durch die Frage nach der Funktionsweise sprachlicher Strukturen ablösen.“ (S. 33) Er zieht das Fazit, „dass systematische Philosophie als solche mit der Erkenntnistheorie zu beginnen hat“ (S. 34). Hartmann betont aber entgegen seiner intellektuellen Herkunft aus dem Methodischen Konstruktivismus und auch dem Logischen Empirismus und Kritischen Rationalismus, dass Erkenntnistheorie nicht auf Wissenschaftstheorie zu reduzieren sei. Die sei vielmehr ein „Teilgebiet der Erkenntnistheorie“ (S. 34).

Die wiederum bleibe eine philosophische Disziplin und sei kein Teil der „empirischen Kognitionswissenschaften, also insbesondere der Neuro- und Sinnesphysiologie, der Wahrnehmungs- und Denkpsychologie, und der KI-Forschung“ (S. 37), wie es die Positionen z.B. der Evolutionären Erkenntnistheorie oder des Radikalen Konstruktivismus nahelegen würden. Philosophische Erkenntnistheorie und Kognitionswissenschaften würden anders nach der Erkenntnis fragen. Die Fragestellung der Erkenntnistheorie laute „Was sind Kriterien, denen Wahrheitsansprüche genügen müssen, um de jure als Wissen gelten zu können?“ (Frage der Geltung), die der Kognitionswissenschaften dagegen „Wie kommt Wissen de facto zustande?“ (Frage der Genese).

Der Verfasser räumt ein, dass er mit der historischen Dreiteilung und dem systematischen Anfang bei der Erkenntnistheorie der theoretischen Philosophie verpflichtet sei und die praktische Philosophie im Sinne einer Ableitung von der Theorie als sekundär betrachte. Philosophie und die Wissenschaften müssten einen Primat der Theorie vertreten.

3. Formale Wissenstheorie (§ 3 Erkenntnis und Wissenschaft, § 4 Skepsis, § 5 Sinn, § 6 Wahrheit)

„Erkenntnis als Prozess ist der Übergang vom Nicht-Wissen zum Wissen. Erkenntnis im Sinne des Resultats des Erkenntnisprozesses ist Wissen…“ (S. 51) In der Erkenntnistheorie als zentraler Disziplin der theoretischen Philosophie kann der Prozess oder das Resultat der Erkenntnis im Fokus stehen, d.h. das Erkennen (Erkenntnistheorie i.e.S.) oder das Erkannte (Wissenstheorie). Hartmann wählt, gegen den üblichen Zugang, den zweiten Weg. Er definiert Wissen zunächst klassisch als „eine gerechtfertigte, wahre Meinung“ (S. 51), um dann vor allem die Meinungsäußerung als Behauptung in den Blick zu nehmen. In ihr äußere sich Wissen, wenn die Behauptung wahr und begründet sei. Er wählt den Ausdruck „begründet“, da Aufforderungen als gerechtfertigt verstanden würden, nicht Behauptungen. In den folgenden beiden Paragraphen erörtert der Autor, (§ 4) ob ein Wissen sicher sein müsse und (§ 5) dass „sinnvolle Aussagen prüfbar und wahre Aussagen wissbar“ (S. 137) seien. Das „Wissbarkeitsprinzip“ gilt ihm sogar als „Grundprinzip“ seiner Erkenntnistheorie. „Ihm zufolge kann das Wahre als solches prinzipiell gewusst werden – wenn auch nicht immer de facto von jedem und zu jeder Zeit.“ (S. XIV). Der Wahrheit ist der letzte und ausführlichste der Paragraphen gewidmet (§ 6), die der Erkenntnis als Wissen gelten. Es geht dort um Aussagen als die Wahrheitsträger, um den Unterschied zwischen Wahrheitsdefinition und Wahrheitskriterium und die Wahrheitstheorien der Korrespondenz, Redundanz, Kohärenz, Evidenz, Effizienz und des Konsenses.

4. Materiale Wissenstheorie (§ 7 A priori und A Posteriori, § 8 Analytisch und Synthetisch, § 9 Das Synthetische Apriori, § 10 Lebenswelt)

Den Teil des Buches, der nun verschiedenen Arten des Behauptens und damit des Wissens gilt, will ich im gegebenen Rahmen einer Rezension nur ganz kurz streifen und die Paragraphen zur Handlungsphilosophie (§ 11 Sprache, § 12 Logik, § 13 Handlung) ganz aussparen. Das Werk ist zu umfangreich und tiefschürfend, als dass alle Teile gleichermaßen gewürdigt werden könnten.

Hartmann unterscheidet nach ihrem Geltungstyp drei Klassen von Aussagen: synthetisch-aposteriorische, analytisch-apriorische und synthetisch-apriorische. Die drei Klassen entstehen durch die Kombination der beiden traditionellen Unterscheidungen zwischen aposteriorischen (auf Wahrnehmen beruhende bzw. konkrete) und apriorischen (nur auf Denken beruhende bzw. abstrakte) Aussagen auf der einen und zwischen analytischen (nur auf Bedeutungen bezogene) und synthetischen (auf Sachverhalte bezogene) Aussagen auf der anderen Seite. Die Kombination zu analytisch-aposteriorischen Aussagen ist in sich widersprüchlich und entfällt deswegen. Den synthetisch-aposteriorische Aussagen entsprechen „empirische“, den analytisch-apriorische „begriffliche“ und den synthetisch-apriorischen Aussagen „metaphysische Wahrheiten“ (S. 222) und damit auch gleichnamige Wissensarten.

Empirisches und begriffliches Wissen sind unumstritten. Dissens besteht in der Philosophie in der Frage, ob es auch ein metaphysischen Wissen geben kann, das sich in synthetisch-apriorischen, also auf gedachte Sachverhalte bezogene Aussagen bezieht. Der Mainstream der aktuellen Philosophie verneint die Frage, während Hartmann sie bejaht und das ausführlich begründet (§ 9). Sein „Neues System der philosophischen Wissenschaften im Grundriss“ thematisiert demzufolge neben empirischem und begrifflichem Wissen (Bände II bis V) auch metaphysisches Wissen (Bände VI und VII).

5. Wissenschaftstheorie (§ 10 Lebenswelt, § 14 Wissenschaft)

Die Lebenswelt, worunter Hartmann wie Edmund Husserl (1859-1938), der den Begriff maßgeblich geprägt hat, die „aus der Perspektive des Eingebettetseins in das ‚Wir‘ einer Kommunikationsgemeinschaft“ („Teilnehmerperspektive“, S. 224) gegebene „vor- und außerwissenschaftliche“ (S. 226), aber nicht zwangsläufig alltägliche Welt versteht, ist der Ausgang sowohl der Wissenschaftstheorie (Bände II bis V) als auch der Theorie der Metaphysik (Bände VI und VII). Im vorliegenden Band wird nur die Wissenschaftstheorie aufgegriffen.

Für den Autor „ist die Lebenswelt der methodische Ausgangspunkt der Wissenschaftsphilosophie und der für sie einschlägigen Grundlagendisziplinen Sprachphilosophie und Handlungstheorie“ (S. 233). Sie wird dort als gegeben vorausgesetzt. Es gilt ein „lebensweltliches Apriori“ (S. 235). In der Theorie der Metaphysik wird sie jedoch hinterfragt. Hier geht es darum, „auf dem Boden der Lebenswelt stehend, transzendental hinter diesen zurückfragend, zu erkennen, welche ihrer Strukturen sich gegebenenfalls als transzendental notwendig einsehen lassen, das heißt als Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung überhaupt“ (S. 234 f.) Es gilt ein „Apriori der Lebenswelt“ (S. 235).

Wissenschaft gilt Hartmann als eine Form von Praxis. Er ordnet sie aber keiner derjenigen Praxen zu, die er näher ausführt. Es sind die zweckbezogenen Praxen, im Einzelnen die „technischen“ im engeren und weiteren Sinne, die „soziopolitischen“ und „kulturreflexiven“ Praxen. Er betont, „dass eine Wissenschaft mehrere Praxen stützen und eine Praxis durch mehrere Wissenschaften theoretische Stützung erfahren kann“ (S. 399). Er unterscheidet Formal- und Realwissenschaften. Zu den Formalwissenschaften rechnet er solche im engeren Sinne (Logik und Mathematik) und „Idealwissenschaften“ (insbesondere Geometrie und Stochastik), zu den Realwissenschaften gemäß den erwähnten Praxisformen technische Wissenschaften im engeren Sinne (Naturwissenschaften), technische Wissenschaften im weiteren Sinne, soziopolitische und kulturreflexive Wissenschaften (alle drei Kulturwissenschaften)

„Während die außerwissenschaftlichen Praxen von den Wissenschaften gestützt werden, ist die Stützung der Wissenschaften selbst Aufgabe der Wissenschaftsphilosophie“, die neben der Wissenschaftstheorie „auch allgemein erkenntnistheoretische und wissenschaftsethische Fragestellungen“ (S. 404) einschließt. Die Wissenschaftstheorie, auf die sich Hartmann aber konzentriert, gilt als allgemeine allen Wissenschaften, als spezielle jeweils einer besonderen. Spezielle Wissenschaftstheorien widmen sich den sieben Fragen nach den „erkenntnisleitenden Interessen“ der jeweiligen Wissenschaft, ihrer „Gliederung … in Unterdisziplinen“, ihren „Forschungsmethoden“, ihrer „systematischen Stellung … im Gesamtkorpus der Wissenschaften“, ihrem „systematischen Verhältnis zu ihren Nachbardisziplinen“, ihren „Grundbegriffen“ und „Theorien“ (S. 405). Eine Wissenschaft ist für Hartmann exakt, „wenn für sie die obigen Fragen auf zufriedenstellende Weise beantwortet sind“ (S. 405).

Diskussion

Dass der Autor alles in allem eine philosophische Position vertritt, die heute nicht gängig ist und gängige Positionen der Gegenwart – „die bis heute den Mainstream der modernen Analytischen Philosophie prägende Linie Neurath-Quine-Davidson“ (S. XXXII) – sogar als „Fehlentwicklungen“ (S. XXXVI) kritisiert, legt er immer wieder offen. Er formuliert sogar auf drei Seiten (S. XVI-XIX) programmatisch, welche Thesen ein „philosophischer Gegenpart“ in der Summe vertreten würde. Er nimmt an, dass „zumindest eine Mehrheit von Philosophen jeweils einem Großteil der … dargestellten Auffassungen zustimmen würde“ (S. XIX). Es bleibt aber der Eindruck, dass sich Hartmann von Positionen absetzt, mit denen er wiederum viel gemeinsam hat. Es handelt sich um Auffassungen, die einen Primat der theoretischen Philosophie behaupten und Philosophie da vornehmlich teils als Wissenschaftstheorie (der Natur- und Geisteswissenschaften), teils als eigene Wissenschaft (Metaphysik des Seins und der Sitten) verstehen. Die praktische Philosophie wird als Metaphysik nur zum letzten Band des Systems, ohne eine entsprechende vorherige Rekonstruktion der Sozialwissenschaften als dritter Gruppe unter den Realwissenschaften. Die ästhetische Philosophie wird ganz ausgeblendet.

Bei einem durchgehend systematischen Werk, dessen Systematik sich der Leser aber erst im Lesen trotz vielfacher Hinweise immer erst erschließen muss, ist es schwer nachzuvollziehen, dass es weder ein Literaturverzeichnis noch eine Sach- und Personenregister gibt. Beides wäre eine große Hilfe gewesen.

Fazit

Dirk Hartmann hat ein System der Philosophie von immensem Umfang und qualitativen Gewicht aus einer Hand vorgelegt. Solch einen – inhaltlich und formal gänzlich anderen – Entwurf eines Autor hat zuletzt Hermann Schmitz, von der Zunft weitgehend unbeachtet, mit seinem zehnbändigen „System der Philosophie“ (1964-1980) gewagt. Hartmann gilt wie Schmitz die Bewunderung des Rezensenten für den Mut und die Geduld für ein solches Mammutwerk und die kenntnisreiche und tiefschürfende Umsetzung. Chapeau, Herr Hartmann!


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 15.04.2021 zu: Dirk Hartmann: Erkenntnistheorie. mentis Verlag (Paderborn) 2020. ISBN 978-3-95743-202-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27933.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


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