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Dankwart Mattke, Heide Otten: Balintgruppen

Cover Dankwart Mattke, Heide Otten: Balintgruppen. Supervision in medizinischen Handlungsfeldern. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. 148 Seiten. ISBN 978-3-17-033768-8. 32,00 EUR.

Reihe: Supervision im Dialog.
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Thema

Die Kohlhammer-Reihe „Supervision im Dialog“ bringt Methoden und Anwendungsfelder in Ausbildung und Berufsbegleitung praxisnah zum Ausdruck. In diesem Band geht es um die Geschichte und längst nicht abgeschlossene Entwicklung von Balintgruppen, die ein Motor der Psychosomatischen Grundversorgung sind.

Autoren

Dankwart Mattke ist Psychiater und Psychoanalytiker, war Leitender Klinikarzt, führt eine psychotherapeutische Praxis, berät Führungskräfte, leitet Balintgruppen und bildet Balintgruppenleiter aus.

Heide Otten ist Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin, war Geschäftsführerin der Deutschen Balintgesellschaft, Präsidentin der Internationalen Balintgesellschaft und initiierte Balintgruppen u.a. in Fernost. 

Inhalt

1: Historische Einordnung. Michael Balint (1896-1970) emigrierte 1939 von Ungarn nach England. Er behandelte dort Kriegstraumatisierte und setzte seine Gruppenarbeit mit Allgemeinärzten fort. In seinem Buch „Der Arzt, sein Patient und die Krankheit“ (1957) beschreibt er seinen Forschungsansatz der Arzt-Patienten-Beziehung. Bei Sachs und Ferenczi selbst psychoanalytisch ausgebildet, sammelte er in seinen Gruppen freie Einfälle zu jedem Fallreferat, um den emotionalen Gehalt der referierten Beziehung zu erfassen. Sie spiegelt sich in der Gruppenresonanz und in jedem einzeln.

2: Unverzichtbares Hintergrundwissen. Als Gruppenvorteil in der Supervisionspraxis werden zunehmend gruppendynamische Wirkungen erkannt und genutzt. Rapp-Giesecke (2000) unterscheidet sechs Subtypen von Balintgruppen: Training-cum-research-Gruppen, klassische Balintgruppenarbeit, Professionshomogene Gruppen, Ausbildungssupervision mit Fallarbeit, Fallbezogene „Supervision“ in Teams, Fallbezogene abteilungsübergreifende „Supervision“. Otten macht im Dialog deutlich, wie sehr Balint den Beitrag jedes einzelnen in der Gruppe betonte. Im Kontext von Demokratisierungsprozessen in Gruppenarbeit sieht Mattke Lewin und Moreno als Pioniere der Gruppendynamik schon in den 30er Jahren. Ebenso fördern Balintgroßgruppen prozessorientierte Fragen wie „wann entsteht Scham“ (festhalten)?, „ein autoritärer Reflex“ (entlassen)? Gerade in Reha-Kliniken herrscht enormer Zeit- und Bewertungsdruck. Chancen von Großgruppen liegen im Erkenntnisgewinn aus parallelen Prozessen: Ein Außenkreis nimmt Emotionen auf, die im Innenkreis mit dem Fallvorsteller blockiert sein können. Der Leiter bemerkt Unruhe in der Außengruppe und bittet sie um Kommentare.

Balintarbeit im kulturellen Kontext wird am Beispiel China erläutert, wo 2011 der erste Balint Weekend Workshop stattfand (Otten). Die Übersetzer waren selbst Ärzte. Hier ein Beispiel:

Ein 30-jähriger Patient kommt wegen lang anhaltendem Husten in die internistische Ambulanz des Krankenhauses. Die Kollegin untersucht ihn, möchte weitere Untersuchungen veranlassen. Der Patient wird wütend, möchte lediglich Medikamente und nicht länger warten. Die Ärztin bekommt Angst vor dem großen, kräftigen jungen Mann, versucht ruhig auf ihn einzuwirken, erreicht schließlich, dass er die Untersuchungen durchführen lässt. Sie ist empört darüber, dass der Patient sie angeschrien, keinen Respekt gezeigt hat. Sie ärgert sich darüber, dass sie diese Situation nicht besser handhaben konnte, sondern den ganzen Vormittag davon belastet war, Ärger und Aufregung in die nächste Patientenbegegnung mit genommen hat. Die Gruppe zeigt Verständnis, übernimmt ihre Empörung. Bei der Arbeitsbelastung in der Ambulanz müsste der Patient dankbar für eine gründliche Abklärung sein. Durch die Skulptur gelingt es, sich in die Lage des Patienten einzufühlen, der unter vielen Patienten gewartet hat. Vielleicht hat er Angst über seine Krankheit entwickelt und wollte lieber gar nicht wissen, was Schlimmes dahinterstecken könnte, nur rasch gesund werden und an seinen Arbeitsplatz zurückkehren. Zudem kann er vielleicht das Geld für die zusätzlichen Untersuchungen nicht aufbringen. Die Ärztin sehe doch gleich, was er brauche … Dieses Erleben entlastete die Ärztin; der Patient kommt ihr nicht mehr bedrohlich vor, sondern hilfsbedürftig und unsicher; ihr Ärger und die Angst vor ihm sind verschwunden (S. 55-57).

Das kommt so auch in unseren Ambulanzen vor. Hier aber wird explizit auf Medizinsystem und Gesellschaft Chinas hingewiesen: Als Folge der Einzelkind-Politik wird viel in das eine Kind investiert, das später die Versorgung der Alten übernehmen soll und nicht erkranken darf. Otten fiel noch auf: „In Leiterseminaren, wo wir als Ratgeber fungieren, haben wir noch mehr einen Status als 'Meister'“ (S. 62).

3: Zentrale Themen und Anwendungsgebiete. Sie betreffen die Facharzt-Weiterbildung. Für viele Richtungen ist Balintarbeit obligat. Zu vermitteln sind Introspektionsfähigkeit, Erkennen von Beziehungsproblemen und Fertigkeiten für die Arbeit daran. Dies kommt ja im Medizinstudium zu kurz oder gar nicht vor. Die Gruppe diskutiert, wie würden wir selbst es haben wollen, als Betroffene, als Ehepartner, an Stelle der Kinder? Otten findet die Methode des „Push back“ wichtig: der Referierende zieht sich aus der Gruppendiskussion zurück, hört zu, hat dann das Schlusswort. Auch in Balintgruppen für niedergelassene Kollegen sind eine offene Atmosphäre, Sicherheit und Verschwiegenheit nach außen Grundvoraussetzungen. Innerhalb der Kollegenschaft einer Klinik kann die Balintarbeit zum Abbau von Voruteilen und Berührungsängsten führen, aber auch wegen institutioneller Auflagen und verschleierten Verwaltungsproblemen an Grenzen stoßen, die oft persönlich genommen werden. Hier sieht Mattke Klärungsbedarf in Gruppen und gegenüber den Auftraggebern. Er berichtet dann über Balintarbeit für Anwälte. Auch hier ist persönlichkeitsbedingte Beziehungsgestaltung Thema. So erkennt eine Anwältin erst in der Balintgruppe, dass ein ihr unangenehmer Klient einer Person aus ihrem privaten Leben ähnelt – „also ein Übertragunsphänomen“ – und ist erleichtert. Analog werden Balintgruppen für Lehrer und in der sozialen Arbeit vorgestellt. 

4: Techniken der Balintarbeit. Ihnen ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Eindrucksvolle Möglichkeiten bieten sich durch Skulpturarbeit, in den 1970er Jahren durch die Familientherapeutin Virginia Satir entwickelt. Auf Übergänge und Abgrenzung zur Organisationsberatung und reinen Selbsterfahrung ist zu achten. Alle informationsverarbeitenden Systeme können ihre Umwelt spiegeln. Vom Fallvorsteller nicht benannte Aspekte einer therapeutischen Beziehung werden in den Voten und Interaktionen der Gruppe gespiegelt und damit einer Reflexion zugänglich. Durch Berichte von mehreren Gruppenmitgliedern einer Klinik zum selben Patienten werden mehrere Beziehungen eingebracht, die erheblich divergieren können. Die Komplexität der Beobachtungen führt oft zu differenzierterer Diagnose und neuer Selbsteinschätzung.

5: Balintforschung international. Dazu diskutieren die Autoren abschließend, welche Rolle Gruppendynamik in moderner Balintarbeit spielt. Organisiert gibt es sie heute in 22 Ländern. Erfahrungshintergrund und Wertschätzung sind unterschiedlich. Wagt z.B. ein russischer Teilnehmer sich frei über Homosexualität zu äußern? Hat der deutsche Teilnehmer den Mut über Nazideutschland zu assoziieren? Entscheidende Leiterfähigkeiten sind international gut verankert und werden weiter ausgebaut: Herstellen von Sicherheit und Vertrauen, Struktur gewährleisten, Ermutigen zu brisanten Einfällen und Gruppenprozesse durchschauen.

Übersichtliche (und nicht ausufernde) Literatur- und Stichwortverzeichnisse erleichtern die Orientierung zum Nachlesen. 

Diskussion

Den erfahrenen Autoren ist erstmal wichtig, die Geschichte von Psychotherapie und Supervision seit ihren Anfängen darzustellen. Die Beiden kennen sich seit ihren prägenden Ausbildungszeiten im selben Institut vor 50 Jahren. Sie nutzen für gemeinsame Publikationen sowohl ihre korrespondierenden Berufserfahrungen als auch die erhebliche Schnittmenge einer immer variantenreicheren Balintgruppenarbeit.

Lehrreich sind die Schwerpunkte des Buches:

  1. Wie sich Selbst- und Fremdbeobachtung im supervisorischen Gruppenprozess zum besseren Verständnis der Arzt/Anwalt - Patient/Klient - Beziehung verbinden.
  2. Dass Balintarbeit ein – gemessen am Zeitaufwand – extrem sinnvolles und nützliches Instrument zur Professionalisierung und Persönlichkeitsentwicklung von Behandlern und Beratern wird.
  3. Gruppendynamisches Lernen und empathisches Verstehen bereichert in Studium, Berufsbegleitung und die Fortbilder auf allen Therapie- und Beratungsfeldern, also nicht nur “in medizinischen Handlungsfeldern“, wie der Untertitel einschränkt.

Die Autoren lassen sich gegenseitig Raum und Zeit, sodass Leser ruhige Mainstream- und klippenreiche Prozesse nachvollziehen können. In diesem Doppelpass-Spiel kommt Mattke mehr die Rolle des gerne experimentierenden und Grenzen überschreitenden, psychoanalytisch „robusten“ (sic!) Supervisors zu. Wenn er sich weit aus dem Fenster lehnt, holt Otten ihn charmant zurück. Sie betritt gleichfalls Neuland in der Balintarbeit – sowohl in methodischer als geografischer Hinsicht. Viele ausführliche Fallbeispiele der beiden bilden keineswegs nur erfolgreiche Beziehungsarbeit ab. Fachkundige Leser werden sich im Strudel verwirrender, aggressiver Missverständnisse sowie dem unzumutbaren Zeit- und Bewertungsdruck in Klinik und Praxis, Kanzlei und Beratungsstelle wieder erkennen.

Fazit

Flüssig geschrieben, übersichtlich formatiert und in handlichem Umfang präsentieren Dankwart Mattke und Heide Otten ganz grundlegende und psychodynamisch tief lotende Erkenntnisse aus der Balintgruppenarbeit. Klar und ermutigend können sich Studierende und Anwender aus diesem Vademecum informieren. Das erreichen die beiden Experten, indem sie ihre Erfahrungswege für alle transparent machen, die sich nicht mit objektivierender Diagnostik zufrieden geben, sondern Lösungen in spannender Beziehungsarbeit suchen.


Rezension von
Dr. med. Joachim Gneist
Psychiater, Psychotherapeut, Evang. Theologe, Sachbuch- und Roman-Autor.
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Zitiervorschlag
Joachim Gneist. Rezension vom 02.02.2021 zu: Dankwart Mattke, Heide Otten: Balintgruppen. Supervision in medizinischen Handlungsfeldern. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-17-033768-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27934.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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