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Ingrid Breckner, Albrecht Göschel u.a. (Hrsg.): Stadtsoziologie und Stadtentwicklung

Cover Ingrid Breckner, Albrecht Göschel, Ulf Matthiesen (Hrsg.): Stadtsoziologie und Stadtentwicklung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2020. 847 Seiten. ISBN 978-3-8487-3340-8. 148,00 EUR.
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Thema

Stadtsoziologie bedeutet, so der 2011 verstorbene Hartmut Häußermann, sich mit einem sozialen Raum zu beschäftigen (vgl. Bertels 2008: 83). Bereits ein Blick in die (Online-)Tageszeitung genügt, um die Omnipräsenz stadtsoziologischer Themen zu erkennen, beispielsweise bei der Diskussion um wertvolle Flächen der Kleingärtner/​-innen, der Installation kriminalpräventiver Videoanlagen, der Umnutzung ehemaliger Bahnflächen oder ganz allgemein bei der Frage: Wem gehört der öffentliche Raum? Die Stadtsoziologie erfreut sich auch auf dem populärwissenschaftlichem Markt hoher Attraktivität, wie die Monografien von Steffen Mau (Lütten Klein) oder Richard Sennett (Die offene Stadt) zuletzt bestätigten.

Autor*innen

An dem Sammelband wirkten 78 Autorinnen und Autoren mit, u.a. renommierte Wissenschaftler/​-innen wie Walter Siebel, Dieter Rink, Rolf Lindner und Dieter Läpple. Eine Kurzbeschreibung aller Mitwirkenden kann dem Verzeichnis der Autoren und Autorinnen entnommen werden (S. 827 ff).

Entstehungshintergrund

In der Verlagsinformation wird das Buch als erstmaliger Überblick „über aktuelle und historische städtische Entwicklungen unter fünf zentralen Kategorien“ angekündigt. Ziel ist es, die Themen fachlich angemessen und in allgemeinverständlichen Beiträgen zugänglich zu machen. Als Zielgruppe dienen Studierende, Forscher/​-innen und Praktiker/​-innen, denen der Sammelband als Referenzquelle, Nachschlagewerk und verlässlicher Begleiter im Arbeitsalltag dienen soll.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband gliedert sich in die sechs Kapitel:

  1. Stadtentwicklung im Widerstreit staatlicher, wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Interessen (10 Aufsätze),
  2. Urbanität im Spannungsfeld von Heterogenisierung und gesellschaftlicher Teilhaben (24 Aufsätze),
  3. Stadtkulturen, Identitätskonstrukte und kulturelle Praktiken (10 Aufsätze),
  4. Utopien, Visionen und Leitbilder Stadt (5 Aufsätze),
  5. Stadt_Macht_Zukunft – Städte als Co-Akteure von Zukunft (11 Aufsätze) und
  6. Institutionen der Stadtforschung (11 Aufsätze).

In der Gesamtschau sind es also 71 Aufsätze. Ein Autorenverzeichnis, ein Stichwortverzeichnis und eine gemeinsame Einleitung ergänzend den Band. Darüber hinaus gibt es eine kurze Einleitung zu den jeweiligen Kapiteln. Die ca. 12-seitigen Beiträge beginnen mit einem Abstract, dem sich Keywords anschließen. Am Ende von jedem Aufsatz befindet sich ein eigenes Literaturverzeichnis.

Inhaltliche Details folgen in der Diskussion, wo sie sogleich kritisch gewürdigt werden.

Diskussion

Wie der Titel verdeutlicht, handelt es sich nicht ausschließlich um ein soziologisches Buch, sondern es beinhaltet auch Stadtsoziologie. Die Aspekte der Stadtentwicklung unterliegen einer interdisziplinären Betrachtung und sind vor allem geschichts-, verwaltungs- und politikwissenschaftlich ausgerichtet. Der Untersuchungsgegenstand ist die europäische Stadt (S. 5).

Der Vorteil von Sammelbänden liegt in ihrer Beliebigkeit. Man kann es von vorne nach hinten lesen oder sich treiben lassen. Als Einstieg ist der Beitrag von Martin zur Nedden zu empfehlen. Dieser Beitrag über die Zukunftsvorsorge unter Komplexitätsbedingungen hätte sich auch als Einleitung in das Gesamtwerk gut angeboten.

Die Zuteilung der Beiträge in die sechs Kapitel überzeugt nicht immer, da die Übergänge fließend sind. Dass die Zuordnung einzelner Beiträge zu den jeweiligen Kapiteln auch anders hätte ausfallen können ist allerdings zu verschmerzen. Dahingehend stellt sich nur die Frage nach der Brauchbarkeit der gewählten Kapitelbeschreibungen.

Naheliegend ist eine Einleitung in die geschichtliche Entwicklung der europäischen Stadt, insbesondere durch den soliden Aufsatz von Dieter Schott. Dieser bezieht sich in seinem Beitrag nicht unwesentlich auf das Standardwerk von Isenmann (2012). Wünschenswert dabei wäre die Bezugnahme auf die aktuelle Ausgabe (2014) gewesen.

Die Betrachtungsweise auf die Stadt ist natürlich facettenreich, sodass auf der einen Seiten Spannung entsteht, welche Themen behandelt werden. Auf der anderen Seite lassen sich natürlich immer auch Bereiche entdecken, die unterrepräsentiert sind oder sogar fehlen. So hätte sich beispielsweise auch ein eigener Beitrag zum Kleingartenwesen angeboten, denn zunehmend gelangen die kostbaren Flächen in den Blick derjenigen, die neuen Baugrund benötigen. Dafür überraschen Themen wie von Dietrich Henckel: Wie kommt die Zeit in die Stadt? Takte und Rhythmus der Stadt.

Die Spannung für die Rezipienten entsteht in der Reflexion und gedanklichen Fortschreibung der angebotenen Inhalte. Wenn also von der Zeit die Rede ist, ist die Industrialisierung nicht weit und damit die Eisenbahn und in der Folge die Prägung der Städte durch den Eisenbahnbau. Ähnlich verhält es sich mit dem Hinweis auf die „Aktivierung der Bürger“ (S. 46) als Teil des Modernisierungsdiskurses in den 1990er Jahren. Der aktivierende Staat wäre im Verlaufe der weiteren Aufsätze in verschiedenster Weise anschlussfähig, beispielsweise in Bezug auf Beteiligungsformate, Nachbarschaften oder informelle Sozialkontrolle.

Mit den Hochhäusern aus soziologischer Sicht befasst sich Marianne Rodenstein (S. 269 ff) in einem sehr ansprechenden Beitrag mit echtem Handbuchcharakter. Die Autorin bietet einen guten Einstieg in das Thema. Was fehlt, ist der Blick auf die in den Hochhäusern lebenden Menschen, aber diesem Thema widmet sich dann der folgende, ebenso lobenswerte Beitrag von Sigrun Kabisch am Beispiel der Großwohnsiedlung in Leipzig-Grünau (S. 283 ff). Ohnehin finden sich in den Aufsätzen immer wieder Querverweise auf andere Beiträge in dem Sammelband.

In dem Aufsatz zu den urbanen Angsträumen beschreibt Renate Ruhne ein in der Kriminologie als Kriminalitätsparadox hinlänglich bekanntes Phänomen. Der Kern des Problems wird dabei anschaulich herausgearbeitet: Frauen weisen ein höheres Maß an Kriminalitätsfurcht im öffentlichen Raum auf, sind dabei kriminalstatistisch als Opfer jedoch unterrepräsentiert. Die eigentliche Gefahr droht im Kontext häuslicher Gewalt in den eigenen vier Wänden. Zu beanstanden ist in diesem Beitrag die nicht ausreichend berücksichtigte Forschung zur Kriminalitätsfurcht, was insofern verwundert, als dass der vorherige Beitrag von Joachim Häfele von einem ausgewiesenen Kenner der Materie verfasst wurde. Wenig überraschend liefert Häfele einen ansprechenden Beitrag zu urbanen Gewaltphänomenen ab (S. 415 ff). Das sind auch schon die wesentlichen Ausführungen zur Sicherheit in den Städten. Natürlich ist der Boom der kriminalpräventiven Räte oder sind Ansätze wie community policing schon hinreichend beschrieben worden. Für ein Handbuch hätte sich dennoch ein Beitrag zur Frage der (Re-)Kommunalisierung der Polizei angeboten, d.h. dem verstärkten Aufbau von kommunalen Ordnungsdiensten.

Die kompakten Aufsätze lassen sich fast durchwegs gut lesen und bieten fundierte Informationen zu den jeweiligen Themen. So beschäftigt sich der (abermals) lesenswerte Beitrag von Walter Siebel unter dem Titel „Stadtkultur“ mit dem Begriff der Urbanität in der europäischen Stadt, den er überzeugend als kritischen, zur Analyse geeigneten Begriff, herausarbeitet. Rolf Lindner beschreibt den Habitus der Stadt mit einem Schwerpunkt auf Paris; auch dieser Beitrag bietet zuverlässig Informationen, die von einem Handbuch zu erwarten sind.

Stichwortverzeichnisse erweisen sich häufig als verbesserungsbedürftig, so auch in diesem Fall. Ein soziologisches Handbuch ohne die Begriffe Sozialkapital oder soziale Kontrolle ist schwer vorzustellen. Natürlich tauchen diese Themen in unterschiedlichen Beitragen auf (z.B. S. 273). Im Stichwortverzeichnis sucht man sie vergeblich. Ebenso wenig finden sich im Stichwortverzeichnis die Begriffe Videoüberwachung (bzw. Videokamera), Kriminalitätsfurcht (bzw. Sicherheitsempfinden), Kommunalisierung oder Kleingarten wieder. Gelistete Stichwörter mit einer Vielzahl an Verweisen sind demgegenüber unter anderem die wenig zielführenden Begriffe Ausbildung, Differenzierung, Kapital, Kooperation, Sicherheit oder Zentrum. Auch die seit etlichen Jahren diskutierte Eigenlogik (vgl. Berking/Löw 2008) sucht man im Stichwortverzeichnis vergeblich, obwohl der Aufsatz von Rolf Lindner (S. 505 ff) dahingehend einzuordnen ist. Für die Käufer des E-Books ist die Qualität des Stichwortverzeichnisses unerheblich. Diejenigen, die zur gedruckten Ausgabe greifen, werden mit dem hier angebotenen Stichwortverzeichnis wenig Freude haben.

Mit 847 Seiten ist das Buch bereits sehr umfangreich ausgefallen. Diese Seitenanzahl erreicht das Werk zu Lasten einer adäquaten Schriftgröße. Kurzum: Die Schriftgröße ist zu klein. Die in den Beiträgen vorhandenen Abbildungen und Tabellen sind von guter Qualität. Lediglich auf S. 419 findet sich eine nahezu unleserliche Grafik.

Fazit

Breckner et al. legen einen informativen und gut lesbaren Sammelband zur Stadtsoziologie und Stadtentwicklung vor. Besonders hervorzuheben ist die Auswahl der Autoren. Der Herausgeberschaft ist es gelungen, eine Vielzahl an Expertinnen und Experten für das Vorhaben zu gewinnen. Infolge der kurzen Einzelbeiträge gelingt es, vielfältige Momentaufnahmen sowie Rück- und Ausblicke auf die europäische Stadt zu werfen. Stellenweise hätte sich mehr Quellenreichtum angeboten, um den Rezipienten eine umfangreichere Auswahl an weitergehender Literatur an die Hand zu geben – eine Erwartungshaltung, die für ein Handbuch durchaus ihre Rechtfertigung findet. Gelungen ist auch der Aufbau des Buches. Jedem Beitrag sind ein Abstract und Keywords vorangestellt.

Literatur

Berking, Helmuth; Löw, Martina (2008) (Hrsg.): Die Eigenlogik der Städte. Neue Wege für die Stadtforschung. Campus Verlag: Frankfurt am Main, New York.

Bertels, Lothar (Hrsg.) (2008): Stadtgespräche mit Hans Paul Bahrdt, Ulfert Herlyn, Hartmut Häußermann und Bernhard Schäfers. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 59–83.

Isenmann, Eberhard (2012): Die deutsche Stadt im Mittelalter 1150 – 1150. Wien, Köln, Weimar, Böhlau: Böhlau Verlag.


Rezension von
Karsten Lauber
M.A. (Kriminologie, Kriminalistik, Polizeiwissenschaft), M.A. (Public Administration)
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Zitiervorschlag
Karsten Lauber. Rezension vom 04.05.2021 zu: Ingrid Breckner, Albrecht Göschel, Ulf Matthiesen (Hrsg.): Stadtsoziologie und Stadtentwicklung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2020. ISBN 978-3-8487-3340-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27935.php, Datum des Zugriffs 28.10.2021.


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