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Martin Holler: Mit-Gestaltung inklusiver Sozialräume in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung

Cover Martin Holler: Mit-Gestaltung inklusiver Sozialräume in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Ein unternehmerischer Beitrag unter Anwendung von Instrumenten der strategischen Planung. Evangelische Verlagsanstalt (Leipzig) 2020. 352 Seiten. ISBN 978-3-374-06726-8. D: 68,00 EUR, A: 70,00 EUR, CH: 78,20 sFr.

Reihe: Veröffentlichungen des Diakoniewissenschaftlichen Instituts an der Universität Heidelberg (VDWI) - 64.
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Thema

Das Thema der sozialräumlich orientierten Arbeit im Bereich sozialer Dienstleistungen ist in der Behindertenhilfe relativ neu. Die großen Einrichtungen der Hilfe für Menschen mit geistigen Behinderungen wurden zentral und in der Regel außerhalb der üblichen sozialräumlichen Bezüge aufgebaut. Sie entwickelten ein Eigenleben und wurden als „Anstalten“ gestaltet. Die Inklusionsdiskussion brachte für das Anstaltswesen neue Herausforderungen. Die Einrichtungen antworteten darauf mit Konversionsstrategien. Dies bedeutet, dass die Einrichtungen sich dezentralisieren, kleinere Wohneinheiten schaffen und sich in sozialräumlichen Bezügen verorten. Der Umsetzungsprozess der Konversion ist im Gange. Dabei zeigte sich, dass neben dem Aufbau von entsprechenden Wohnstrukturen auch neue Konzepte der Behindertenhilfe entwickelt werden müssen. Vor diesem Hintergrund ist die vorliegende Arbeit zu sehen, die sich die Aufgabe stellt, einen Beitrag zur wissenschaftlichen und berufspraktischen Diskussion um Inklusion in Sozialräumen mit besonderem Fokus auf die Gemengelage zwischen Sozialer Arbeit, Management, Pädagogik und Ethik zu leisten.

Autor*innen

Martin Holler arbeitet als Leiter der Unternehmensentwicklung in der Johannes-Diakonie Mosbach. Die Johannes-Diakonie befindet sich in einem grundlegenden Konversionsprozess. Dieser Prozess braucht neue Konzepte: sowohl für die Organisations- als auch für die damit verbundene Personalentwicklung. Für diese Prozesse ist Holler mitverantwortlich. Er weiß daher auch, dass diese Aufgabenstellung ein systematisch-strukturiertes Vorgehen erfordert: ein ausdifferenziertes Managementkonzept.

Aufbau

Das Werk umfasst neben einer Einführung und Schlussbetrachtungen mit Ausblick zur Weiterarbeit drei große Teile.

Teil A widmet sich den Grundlagen und Konzeptionen zur Gestaltung inklusiver Sozialräume in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Hierbei werden zentrale Einflussgrößen in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung thematisiert: Inklusion als Leitkonzept, der Sozialraum als Bezugsgröße, der Einbezug subjektiver Sichtweisen in Bezug auf sozialräumliche Teilhabe und wesentliche Akteure in der sozialorientierten Arbeit mit Menschen mit Behinderung.

Teil B umfasst Grundlagen und Konzeptionen des Managements in der sozialraumorientierten Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Neben allgemeinen Managementgrundlagen werden im Zusammenhang mit Veränderung gestalterische Managementaufgaben in der sozialraumorientierten Arbeit mit Menschen mit Behinderung dargestellt und diskutiert.

In Teil C wird ein Praxistransfer beschrieben. Dies erfolgt mittels einer vertiefenden Fallstudie zur Mit-Gestaltung inklusiver Sozialräume sowie Ansätzen zur Implementierung und praktischen Umsetzung der Ergebnisse und Erkenntnisse.

Inhalt

In der Einleitung des Werkes wird die Mit-Gestaltung inklusiver Sozialräume als thematische Herausforderung sowie der aktuelle Stand in Wissenschaft und Praxis dargestellt. Vor dem Hintergrund der aufzuarbeitenden Defizite werden anschließend das Erkenntnisinteresse, die Zielsetzungen und Fragestellungen der Arbeit festgelegt. Grundsätzlich wird in der Arbeit der Frage nachgegangen, wie Leistungserbringer, soziale Dienstleistungsunternehmen, in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung bei der Mit-Gestaltung inklusiver Sozialräume einen effektiveren Beitrag leisten können, damit ist vor allem gemeint, die verschiedenen in Sozialräumen vorkommenden Sinnperspektiven zu berücksichtigen. Konsequenterweise fragt der Autor, wie sich grundlegende theoretische Annahmen auf Strategien zur Mit-Gestaltung sozialräumlicher Inklusion auswirken, ob es neben allgemeinen bekannten Parametern weitere Größen und Anforderungen gibt, die bei der konkreten Mit-Gestaltung sozialräumlicher Inklusion im Zusammenhang strategischer Herangehensweisen zu beachten sind, wie bestimmte Parameter im jeweils betrachteten Sozialraum ausgestaltet bzw. auszugestalten sind, um Inklusion von Leistungserbringerseite mit-zugestalten; des Weiteren wird thematisiert welche Faktoren bei der Gestaltung eines konkreten Sozialraums unter der Perspektive der Inklusion als (potentiell) förderlich oder hemmend wahrgenommen werden und wie die Ergebnisse von Fallstudien unter Zuhilfenahme konkreter Instrumente der strategischen Planung so zu verarbeiten sind, dass eine spezifische sozialräumliche Strategie sowie konkrete Umsetzungsschritte formuliert werden können.

In Teil A der Arbeit werden Grundlagen und Konzeptionen zur Gestaltung inklusiver Sozialräume der Arbeit mit Menschen mit Behinderung dargestellt. Zunächst wird in einem historischen Überblick der Umgang mit Menschen mit Behinderung über die Zeit und Kulturen hinweg geschildert, bevor der vor Jahrzehnten begonnene und immer noch andauernde Paradigmenwechsel hin zu Selbstbestimmung und Teilhabe analysiert wird. Dargestellt werden im Anschluss theologische Perspektiven sowie Sichtweisen aus den Disability Studies, sodass bereits an diesem Punkt deutlich wird, dass die Gestaltung inklusiver Sozialräume von Haltungen, kulturellen Deutungsmustern, Partizipation und emanzipatorischen Ansätzen abhängig ist. Im zweiten Kapitel von Teil A wird Inklusion als Leitkonzept in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung dargestellt und diskutiert. Hervorgehoben wird, dass Inklusion sowohl als Phänomen wie auch als Prozess komplex ist: er gilt als gesamtgesellschaftliches Ziel und ist sozialräumlich zu implementieren. Anschließend wird der Sozialraum als Bezugsgröße für die Arbeit mit Menschen mit Behinderung eingeführt. Dabei greift Martin Holler auf unterschiedliche raumphilosophische und raumwissenschaftliche Theorien und Konzeptionen zurück. Er betrachtet den Sozialraum von einem relationalen Raumverständnis aus, der durch soziale Praxen und Aneignungsprozesse individuell zu erschließen ist. Deutlich wird, dass der Sozialraum als zentraler Anknüpfungspunkt für Inklusion betrachtet werden kann. Im Anschluss stellt der Autor allgemeine Überlegungen und abstrakte Fachkonzepte in der sozialraumorientierten Arbeit mit Behinderung vor. Fokussiert werden dabei die International Classification of Functioning, Health and Disability, der Kommunale Index für Inklusion, allgemeine Überlegungen zum inklusiven Sozialraum sowie das Fachkonzept Sozialraumorientierung. Die allgemeinen Überlegungen und abstrakten Fachkonzepte führen den Verfasser zum Schluss, dass eben jene Überlegungen zwar gute Orientierungshilfen darstellen, bislang im Hinblick auf konkrete Sozialräume jedoch unzureichend ausbuchstabiert sind und die subjektiven Sichtweisen sozialräumlicher Akteurinnen und Akteure (zum Beispiel Menschen mit Behinderung) dabei zu wenig zum Tragen kommen. Daher widmet der Autor das darauffolgende Kapitel dem Einbezug subjektiver Sichtweisen in Bezug auf sozialräumliche Teilhabe und verdeutlicht, wie wichtig Personenzentrierung, Wirkungsorientierung, Partizipation und Kommunikation in der sozialraumorientierten Arbeit mit Menschen mit Behinderung sind. Im sechsten Kapitel von Teil A werden wesentliche sozialräumliche Akteurinnen und Akteure dargestellt. Dabei wird die Vielfalt der Akteurinnen und Akteure betont und begründet, warum Menschen mit Behinderung in dieser Arbeit fokussiert werden.

Teil B der Dissertation widmet sich den Grundlagen und Konzeptionen des Managements in der sozialraumorientierten Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Zurückgegriffen wird dabei auf bekannte Theorien und Konzepte des professionellen Managements (zum Beispiel St.-Galler-Managementmodell). Holler macht dabei deutlich, dass der Paradigmenwechsel in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung in der Praxis managementseitig nicht immer und überall hinreichend nachvollzogen ist. Im Kern von Teil B wird Veränderung als gestalterische Managementaufgabe in der sozialraumorientierten Arbeit mit Menschen mit Behinderung betrachtet. Es wird deutlich, dass Sozialraumorientierung mit dem Management von Veränderung einhergeht. Daher rückt der Autor die Organisationsentwicklung und das Change Management in einem eigenen Kapitel in den Vordergrund. Darüber hinaus wird deutlich, dass Veränderung nicht nur von Managementseite aus, sondern gemeinsam zu gestalten ist. Im Sozialraum geht dies mit einem konsequenten Kooperations-, Netzwerk- und Partizipationsmanagement einher. Schließlich sind Veränderungen kompetent zu begleiten, weshalb auch die strategische Personalentwicklung in den Blick genommen wird. Die Managementbetrachtungen werden in einer konzeptionellen Synthese mit dem Paradigmenwechsel in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung abgeglichen. Hierbei wird ersichtlich, dass vielfältige Parameter für Strategien zur Mit-Gestaltung inklusiver Sozialräume bestehen, diese jedoch je nach Sozialraum konkret ausgestaltet oder auszugestalten sind.

Teil C der Arbeit ist einem Praxistransfer gewidmet. Der Autor stellt dar, dass die Praxis für ihn der entscheidende Bezugspunkt darstellt; der Praxistransfer ist insoweit der wesentliche Gradmesser der vorliegenden Arbeit. In einer vertiefenden Fallstudie zur Mit-Gestaltung inklusiver Sozialräume wird ein Wohnhaus für Menschen mit Behinderung in der Oberen Riedstraße in Mannheim fokussiert. Die Studie ist nach den Standards der empirischen Sozialforschung durchgeführt. Bei der Erhebung wurden qualitative Methoden wie die Sozialraumbegehung sowie qualitative Leitfadeninterviews genutzt; die Auswertung erfolgt mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse. Im Ergebnis werden die individuellen Bedürfnisse und Bedarfe dargestellt und Perspektiven eröffnet, wie der Leistungserbringer diesen entsprechen kann. Holler zeigt dabei, wie die erhobenen Bedarfe und Bedürfnisse strategisch in den Blick zu nehmen sind und ins Operative überführt werden können. An dieser Stelle führt der Autor mit der strategischen Planung ein stimmiges Instrument ein, sodass ausgehend von den subjektiven Schilderungen der Forschungssubjekte eine spezifische Strategie zur Mitgestaltung des Sozialraums Obere Riedstraße in Mannheim entwickelt werden kann. Der Autor nutzt in diesem Kontext auf innovative Weise Instrumente wie die Kraftfeldanalyse sowie die Balanced Scorecard und überträgt sie auf die thematische Herausforderung.

In den Schlussbetrachtungen werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und die aufgeworfenen Fragestellungen präzise beantwortet. Es wird deutlich, dass im Zuge der Arbeit sowohl inhaltliche und in den konkreten Alltag übertragbare Ergebnisse erzielt werden konnten als auch ein auf unterschiedliche Sozialräume übertragbarer Prozess entwickelt wurde, mit dem eine sozialraumorientierte Arbeit mit Menschen mit Behinderung unter besonderer Beachtung partizipativer und managementseitiger Elemente geleistet werden kann. Insgesamt zeigt der Autor, dass er durch seine Vorgehensweise seinen selbst gesetzten Maßstab erfüllt und die wissenschaftlichen Erkenntnisse konkret in die Praxis transferiert werden können.

Diskussion

Zunächst einmal zusammenfassend: die vorliegende Arbeit ist all denen sehr zu empfehlen, die Veränderungsprozesse in der Eingliederungshilfe mitgestalten – als Mitarbeitende oder in Leitungspositionen. Die verschiedenen Kapitel können trotz der vorhandenen Konsistenz sehr gut unabhängig voneinander gelesen und studiert werden.

Die Zusammenführung unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche unter dem Aspekt einer effektiven Mit-Gestaltung des konkreten Sozialraums ist aus Sicht des Rezensenten äußerst gelungen. Der Mehrwert für die konkret Betroffenen, die Menschen mit Behinderung in den Einrichtungen, die Mitarbeitenden der Einrichtungen wie für das soziale Umfeld wird unmittelbar ersichtlich. Sehr anregend – generell für die soziale Arbeit und insbesondere die Soziale Arbeit im Rahmen der Eingliederungshilfe – sind auch die konkreten, innovativen Nutzungen vorhandener Managementinstrumente wie der Kraftfeldanalyse oder der Balanced Scorecard. Wer nachhaltig von dem Werk profitieren will, sollte sich auch das entwickelte Dynamische Prozessmodell anschauen, das vielfältige Hinweise zur Organisations- und Personalentwicklung, zum Sozialraummanagement wie auch zur Weiterentwicklung von Dienstleistungsangeboten enthält. Hier entfaltet sich eine außerordentliche Stärke der Arbeit. Die behandelten wissenschaftlichen Konzepte sind in den praktischen Berufsalltag übertragbar.

Die vorliegende Arbeit, die als Promotion am diakoniewissenschaftlichen Institut der Universität Heidelberg entstanden ist, sollte Pflichtlektüre für diejenigen sein, die in Inklusions- und Konversionsprozesse involviert sind. Dazu gehören insbesondere auch Leistungserbringer und Leistungsträger, die eine sozialraumorientierte Eingliederungshilfe leisten oder gewährleisten möchten. Allen anderen in der Sozialwirtschaft, der Sozialen Arbeit und dem Sozialmanagement Tätigen bzw. Interessierten und Studierenden sei die Arbeit als anregungsreiches, theoretisch sehr fundiertes und grundsätzlich auf praktische Umsetzung ausgerichtetes Werk wärmstens empfohlen.

Fazit

Das vorliegende Buch bietet grundlegende Informationen zu den behandelten Gebieten, regt an und macht Mut, die Herausforderungen, die sich im Zuge der Konversions- und Inklusionsprozesse in der Behindertenhilfe ergeben, systematisch und zielgerichtet anzugehen. Es bleibt zu hoffen, dass die Anregungen in Wissenschaft und Praxis aufgenommen und die herausgestellten Themenkomplexe weiter bearbeitett werden.


Rezension von
Dipl.Päd Manfred Weiser
Leiter Berufsbildungswerk Mosbach‐Heidelberg
Homepage www.bbw‐mosbach‐heidelberg.de
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Zitiervorschlag
Manfred Weiser. Rezension vom 18.01.2021 zu: Martin Holler: Mit-Gestaltung inklusiver Sozialräume in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Ein unternehmerischer Beitrag unter Anwendung von Instrumenten der strategischen Planung. Evangelische Verlagsanstalt (Leipzig) 2020. ISBN 978-3-374-06726-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27937.php, Datum des Zugriffs 16.10.2021.


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