Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Roland Anhorn, Johannes Stehr (Hrsg.): Handbuch Soziale Ausschließung und Soziale Arbeit

Rezensiert von Michael Bertram, 01.09.2022

Cover Roland Anhorn, Johannes Stehr (Hrsg.): Handbuch Soziale Ausschließung und Soziale Arbeit ISBN 978-3-531-18531-6

Roland Anhorn, Johannes Stehr (Hrsg.): Handbuch Soziale Ausschließung und Soziale Arbeit. Springer VS (Wiesbaden) 2021. 1275 Seiten. ISBN 978-3-531-18531-6. D: 229,99 EUR, A: 61,68 EUR, CH: 75,07 sFr.
Reihe: Perspektiven kritischer Sozialer Arbeit - 26
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema und Entstehungshintergrund

Menschen brauchen einander. Angehörige der Gattung Mensch werden sehr 'offen' in bereits bestehende soziale und kulturelle Zusammenhänge hineingeboren. Relativ schwach von ontogenetisch übermittelten, der Reflexion vorgelagerten Instinkten determinert, sind wir darauf angewiesen, auf Orientierungspunkte in der vorgefundenen Wirklichkeit zu stoßen. Derartige 'Koordinaten' finden sich im Alltag in wiederkehrenden Sinn- und Relevanzstrukturen, in Gewohnheiten, in Ritualen, in Institutionen, kurz: in verfestigten Wirklichkeiten, die subjektiv nicht selten als unhinterfragte Gewissheiten erscheinen.

Dieser anthropologische Ausgangspunkt erinnert zwar an die Unhintergehbarkeit menschlicher Sozialität. Gleichzeitig bleibt diese Einsicht limitiert, wenn sie nicht auf konkrete soziale Entitäten bezogen wird (so spielt es eine gewaltige Rolle, ob man sich als 'weltoffenes' Wesen in gemeinschaftlichen Bezügen oder in den Strukturen moderner Gesellschaften wiederfindet, wie sich von Ferdinand Tönnies lernen lässt). Der geografische sowie sozialstrukturelle Ort, konkretisiert die Perspektive von der aus wir auf die Welt blicken. Mit diesen Positionierungen hängen darüber hinaus der Zugang zu Ressourcen und damit (Un-)Möglichkeiten zusammen: wer jemand ist oder sein könnte, was für jemanden gilt, gelten soll oder muss; ob jemand Einfluss nehmen und damit Vorgefundenes gestalten kann, oder ob diese:r jemand gestaltet wird; nicht zuletzt wie jemand sich veränderten (Umwelt-)Bedingungen anpassen kann (vgl. Voigt/​Williams 2022, S. 8 f.) – m.a.W.: Fragen nach Freiheit, Teilhabe und Teilnahme usw. korrespondieren mit der jeweiligen gesellschaftlichen Positionierung. Sehr frei könnte man mit Horkheimer sagen, wer nicht über (gesellschaftliche, politische, kulturelle und ökonomische) Verhältnisse sprechen will, sollte vom (vermeintlichen falschen) Verhalten Einzelner schweigen.

Von diesen Überlegungen ausgehend, ist es – insb. im Rahmen kritischer Sozialer Arbeit – nicht weit bis zur analytischen und praktischen Problematisierung sozialer Ausschließungen. „Das vorliegende Handbuch versteht sich als Fortsetzung, Erweiterung und Vertiefung eines von uns seit nunmehr fast 20 Jahren verfolgten Theorie- und Forschungsprojektes, das sich zur Aufgabe gemacht hat, auf der Grundlage eines herrschafts- und konflikttheoretischen Zugangs sowohl die hegemonialen wie die 'widersständigen' Diskurse, Strukturen, Institutionen, Praktiken und Kämpfe (in) der Sozialen Arbeit (und um die Soziale Arbeit) zum Gegenstand der Darstellung, der Analyse und der Kritik zu machen“ (S. 9). Konkreter: „Angesichts der tiefgreifenden strukturellen Veränderungen, die sich im Zuge einer neoliberalen Umgestaltung der Gesellschaft durch vertiefte soziale Ungleichheits-, forcierte Prekarisierungs- und verschärfte Aussonderungsverhältnisse eingestellt haben, erscheint uns die Kategorie der 'sozialen Ausschließung' mehr denn je als ein den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen angemessener Ausgangspunkt in der Theoriebildung und der Foschungs- und Handlungspraxis der Sozialen Arbeit“ (XI). Insofern machen sich die Herausgeber (wieder) zur Aufgabe, die Kategorie der sozialen Ausschließung für die Soziale Arbeit nutz- und fruchtbar zu machen.

Herausgeber

Herausgegeben wird das Handbuch von

  • Dr. Roland Anhorn, Professor an der Evangelischen Hochschule Darmstadt. Anhorn ist diplomierter Sozialpädagoge und Pädagoge. In den Handlungsfeldern der Drogen-, Strafffälligen- und Wohnungslosenarbeit war er als Praktiker aktiv.
  • Dr. Johannes Stehr ist ebenfalls Professor an der Evangelischen Hochschule Darmstadt. Er ist diplomierter Soziologe.

Beide verantworten die von Springer VS veröffentlichte Reihe „Perspektiven kritischer Sozialer Arbeit“, in der nunmehr 26 Werke erschienen sind. Darüber hinaus veröffentlichen sowohl Stehr als auch Anhorn seit Jahren kontinuierlich bzgl. des Themenkomplexes kritischer Sozialwissenschaften bzw. kritischer Sozialer Arbeit, sodass sie als prägende Stimmen in den theoretischen Diskursen der Disziplin Sozialer Arbeit angesehen werden können.

Aufbau

Das Werk ist in zwei Bänden erschienen, welche sich, neben einer Einleitung, über vier Teile erstrecken:

  1. Gesellschaftstheoretische Perspektiven und soziale Ausschließung (Band 1)
  2. Dimensionen und Diskurse sozialer Ausschließung (Band 1)
  3. Soziale Ausschließung und Handlungsorientierungen in der Sozialen Arbeit (Band 2)
  4. Arbeitsfelder Sozialer Arbeit und soziale Ausschließungen (Band 2)

Inhalt

Das „Handbuch Soziale Ausschließung und Soziale Arbeit“ umfasst über 1250 Seiten. Die Inhalte aller Beiträge zu referieren, selbst maximal komprimiert, ist daher weder möglich noch zielführend. „Ein Handbuch ist“, laut Wikipedia, „eine geordnete Zusammenstellung eines Ausschnitts des menschlichen Wissens und kann als Nachschlagewerk dienen.“ Damit nimmt die von den Herausgebern vorgenommen Systematisierung des darzustellenden „Wissens“ eine besondere Bedeutung ein, wenn es darum geht, eine Publikation zu präsentieren und zu diskutieren. Hierauf wird der Fokus dieser Besprechung liegen.

Band 1

Gleichwohl darf und soll die thematische Eingrenzung eines Werkes – hier: Soziale Ausschließung und Soziale Arbeit – nicht ignoriert werden. Insb. der Beitrag, den Roland Anhorn zur Einleitung leistet, nimmt eine generalistische Perspektive ein und bezieht sich auf die Theoriediskussion(en) Sozialer Arbeit; Anhorn spannt also einen potenziell verbindenden (für die nachfolgenden Beiträge aber nicht verbindlichen) Rahmen, sodass dieser sehr umfangreiche Aufsatz (S. 3–190) gesondert gewürdigt werden soll:

Anhorn fragt im ersten Kapitel nach den „gesellschaftlichen Grundlagen sozialer Ausschließung“ und zielt damit auf die Aktualisierung der bereits an anderer Stelle artikulierten Position (Anhorn/​Bettinger/​Stehr 2008, Zimmermann u.a. 2013), wonach soziale Ausschließung Gegenstand einer kritischen Sozialen Arbeit in Wissenschaft und Praxis sein bzw. werden sollte. In das Zentrum seiner Überlegungen stellt der Autor die sich historisch und bis in die Gegenwart durchsetzende bzw. durchgesetzte Ideologie des Neoliberalismus und bezieht diese auf die politisch induzierten Veränderungsprozesse hinsichtlich staatlichen Agierens sowie den hiermit korrelierenden gewandelten Formen von Vergesellschaftung. Denn die „damit verbundenen Folgen massiv zunehmender Ungleichheits- und Ausschließungsverhältnisse stellen nicht zuletzt auch die Soziale Arbeit vor veränderte theoretische und handlungspraktische Herausforderungen“ (S. 4). In diesem Zusammenhang würde soziale Ausschließung nicht (mehr) mit dem Anspruch der „(Re-)Integration“ begegnet; es handele sich auch um mehr als eine Inkaufnahme sozialer Ausschließung. Was sich beobachten ließe, sei, laut Anhorn, dass soziale Ausschließung „als zentrales Medium in der Herstellung und Gewährleistung von gesellschaftlicher 'Ordnung' und 'Stabilität'“ (S. 6) Verwendung findet. Diese „neoliberale Transformation“ (S. 7) habe die Soziale Arbeit nicht hinreichend theoretisch aufgearbeitet, wozu nun ein Beitrag geleister werden soll, und dabei macht Anhorn sich nicht weniger zur Aufgabe „als das Bild einer Gesellschaft als Ganzes zu skizzieren, in dem der strukturelle Zusammenhang von auf den ersten Blick ausgesprochen heterogenen und disparaten Sachverhalten, wie weltweit steigenden Inhaftierungen, Flucht und Vertreibung, Klimawandel und Umweltzerstörung, exorbitanten Unternehmensgewinnen, Prekarisierung von Lohnarbeitsverhältnissen, zunehmenden sozialen Ungleichheiten, Staats- und Privatverschuldung, europäischer Austeritätspolitik, revitalisierungtem Nationalismus und autoritärem Populismus usw. usf. sichtbar gemacht und versuchweise theoretische eingeordnet werden soll“ (ebd.). Um all dies analytisch fassen und den sozialarbeiterischen Theoriediskursen zuführen zu können, soll die Kategorie der sozialen Ausschließung aktualisiert werden.

Dazu wird im zweiten Kapitel zunächst eine Genealogie neoliberaler Transformation vorgelegt (S. 13–118), die drei Kristallisationspunkte identifiziert und dezidiert und detailliert nachzeichnet (und immer wieder durch Rückblenden historisch kontextualisiert):

  • „Hartz-IV„-Reformen (2005, S. 13–61),
  • Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise (2008, S. 62–93),
  • „langer Sommer der Flucht“ (2015, S. 94–114).

Im dritten Kapitel bewegt Anhorn sich nun verstärkt in Richtung einer Theoretisierung, indem versucht wird, „die in der Sozialen Arbeit bis heute nicht in einem theoretisch wie handlungspraktisch notwendigen Maße angegangene Aufgabe einer konzeptionellen Klärung des Neoliberalismus-Begriffs“ zu bewältigen (S. 120). Eine entsprechende Theorie müsse mindestens von vier „Eckpfeilern“ getragen werden (vgl. 143–148):

  1. Gesellschaft wäre in ihrer Gesamtheit zu analysieren, wozu der Kapitalismus als zentrale Kategorie angesehen werden müsse;
  2. die Integration handlungstheoretischer Konzepte, da nur so die Subjektivität der agierenden Akteur:innen (be-)greifbar werden kann;
  3. eine theoretische Konfliktorientierung (in Abgrenzung zu Entwürfen von Wirklichkeit, die Konsens und Ordnung implizieren und propagieren);
  4. eine (Neu- bzw. Wieder-)Thematisierung von Klassenverhältnissen.

Geschlossen wird die sehr umfangreiche Einleitung mit einem „Plädoyer“ dafür, soziale Ausschließung zum Gegenstand einer kritischen Theorie und Praxis Sozialer Arbeit zu machen. Soziale Ausschließung lässt sich demnach wie folgt definieren: „Soziale Ausschließung ist … zur Signatur einer epochalen gesellschaftlichen (und damit auch der Sozialen Arbeit) Transformation geworden, die … gesellschaftliche Bedingungen, politische Diskurse, organisatorische Programmatiken und institutionelle Praktiken hervorgebracht und etabliert hat, durch die (vorbehaltliche) Zugehörigkeit oder (abgestufte) Nicht-Zugehörigkeit und die damit verbundenen Maßnahmen der totalen bzw. partiellen Ausschließung oder Partizipation, der physischen Ausstoßung/Deportation oder zwangsintegrativen Teilhabe, der freiheitsbeschränkenden Asylierung in totalen Institutionen oder der strategischen Vernachlässigung und systematischen öffentlichen Ignoranz immer wieder neu bestimmt und austariert werden muss“ (S. 165). Pointiert gesagt: Was eine kritische Soziale Arbeit interessieren müsse, sind (Ab-, Aus- und Be-)Grenzziehungen. In diesen sind (Interessen-)Konflikte eingelagert und somit (emanzipatorische) Kämpfe zu führen. Daher ist es, laut Anhorn, die Kategorie der sozialen Ausschließung, die es ermöglicht, gesellschaftliche Zustände und Entwicklungen sowie die Verstrickungen, Opportunitäten und Widerständigkeiten (in) der Sozialen Arbeit als Teil des gesellschafltichen Ganzen analytisch in den Blick zu nehmen (vgl. 168 f.).

Abgeschlossen wird die Einleitung von einem Beitrag von Johannes Stehr zur konfliktorientierten Forschung zur sozialen Ausschließung.

Nun einige wenige Eckpunkte zu den folgenden Teilen des Handbuchs:

Im ersten Teil werden eine Reihe sozialwissenschaftlicher Theorieangebote mit der Kategorie sozialer Ausschließung verbunden. Die Bandbreite reicht von systemtheoretischen Ansätzen (Scherr), postkolonialer Theorie (Castro Varela/​Jusuf) und Kritischer Theorie (Cremer-Schäfer) bis zu den Arbeiten Pierrie Bourdies (Schultheis) und „internationalen Diskursen zu sozialer Ausschließung als Exklusion“ (Kronauer).

Es folgt der zweite Teil, der über den Zugang der „Dimensionen und Diskurse“ verschiedene empirische Gegenstandsbereiche – Arbeitslosigkeit (Ludwig-Mayerhofer), Geschschlechterverhältnisse (Bitzan), Kindheit und Jugend (Stehr) usw. – thematisiert.

Band 2

Hinter dem Titel „Handlungsorientierungen“, wie er sich als Überschreibung des dritten Teils findet, verbergen sich eine Reihe von Konzepten resp. Wissensbeständen – „Asoziale im Nationalsozialismus (Gaida), „Mitleidsökonomie“ (Kessl/​Oechler/​Schoneville) „Prävention“ (Ziegler) uvm. –, die nicht eindeutig bestimmten Situationen, organisatiorischen bzw. institutionellen Kontexten oder Handlungsfeldern zugeordnet werden können und somit eher einen generalistischeren Zuschnitt aufweisen.

Der vierte Teil schließlich setzt 17 Handlungsfelder Sozialer Arbeit mit der Kategorie sozialer Ausschließung in Verbindung; darunter finden sich z.B. zwei Beiträge zur Wohnunglosenarbeit (Simon, Steckelberg), ein Aufsatz zur Kinder- und Jugendhilfe (Lutz) oder etwa einer zur Schuldsozialarbeit (Flad/Bolay).

Diskussion

Will man sich dem von Anhorn und Stehr vorgelegten Werk kritisch nähern, erscheinen zwei Fragen als wesentlich:

  1. Was leistet die Kategorie sozialer Ausschließung für eine Soziale Arbeit, die sich explizit als kritisch-emanzipatorisch versteht?
  2. Ein Handbuch ist ein Werkzeug, ein (akademischer und handlungspraktischer) Arbeitsgegenstand. Was leisten die Bände in dieser Hinsicht?

Soziale Ausschließung für eine kritisch-emanzipatorische Soziale Arbeit?

Zur Klärung dieser Frage ist der hier umfangreich dargestellte einleitende Beitrag Roland Anhorns die entscheidende Bezugsquelle:

  1. Anhorn geht es in theoretischer Sicht um einen großen Wurf, wenn er sich zur Aufgabe macht, Soziale Arbeit über ihre gesellschaftlichen Grundlagen und Bedingtheiten aufzuklären. Das an sich ist noch kein besonders innovatives Unterfangen; was vielmehr zu würdigen ist, ist die Problematisierung und Thematisierung des Neoliberalismus und vor allem die Gründlichkeit mit der hier vorgegangen wird. Diese Leistung war überfällig im wissenschaftlichen Diskurs Sozialer Arbeit.
  2. Bei sozialem Ausschluss – insb. im Neoliberalismus – geht es notwendigerweise um Grenzziehungen. Das Beratungsbüro, das Quartier, der Nationalstaat, der Rechtsanspruch, Vermögen, Wissen usw. sind Sphären, die zugänglich oder ausschließend sein können. Diese – fast schon trivial wirkende – Einsicht, kann fruchtbare Perspektiven für eine konfliktorientierte Soziale Arbeit eröffnen: gesamtgesellschaftliche Verhältnisse und politische Entscheidungen lassen sich theoretisch begreifen (so wie von Anhorn hier vorgenommen), lokale Situationen und institutionelle Kontexte können unter spezifischer Fokussierung auf Grenzziehungen (und Grenzkämpfe) empirisch erforschen und schließlich einer methodisch vorgehenden Sozialen Arbeit zur Verfügung gestellt werden (dass Anwendungen möglich sind, zeigen die zahlreichen Beiträge eindringlich). Der Position, dass soziale Ausschließung zum Gegenstand einer kritischen Theorie und Praxis Sozialer Arbeit werden bzw. bleiben sollte, kann sich also angeschlossen werden, insb. auch, weil soziale Ausschließung als eine theoretisch fundierte Orientierung angesehen werden kann, wann (mikro-)politische Einmischungen und Korrekturen der (eigenen) Praxis geboten sind.

Das Handbuch als Werkzeug?

Das Werk entfaltet sich entlang eines ebenso einfachen wie überzeugenden Konzeptes: wer sich für einen spezifischen Themenzusammenhang interessiert, soll in jedem der vier Teile einen entsprechenden Beitrag finden. Anhorn und Stehr greifen folgendes Beispiel heraus (vgl. XIII):

  • Teil 1: „Gendertheorien und soziale Ausschließung“;
  • Teil 2: „Das Geschlechterverhältnis als Strukturelement sozialer Ausschließung“;
  • Teil 3: „Geschlechterverhältnisse und soziale Ausschließung in der Praxis der Sozialen Arbeit“;
  • Teil 4: „Prozesse sozialer Ausschließung von wohnungslosen Mädchen und Frauen: eine anerkennungstheoretische Perspektive“.

Auch wenn sich dieses Muster, wie von den Herausgebern bemerkt (vgl. ebd.), nicht konsequent durchziehen lässt, wird durch diese Querverweise zwischen einzelnen Beiträgen eine Multiperspektivität erreicht, an der es für zukünftige Auflagen festzuhalten gilt. Wir haben es hier also mit einem Werk zu tun, dass (sehr) grundsätzliche sowie (ziemlich) tiefgehende Angebote macht und dabei ein breites Portfolio an Themen bedient.

Gleichzeitig wäre die Berücksichtigung von Konzepten wie Emanzipation, Autonomie, Subjekt(-tivität), Alltag bzw. Lebenswelt, (professionelle[r]) Identität und Habitus usw. auch im Rahmen der eher theoretisch orientierten Teile wünschenswert gewesen. Dass ebenfall kein expliziter Bezug zum Methodenbegriff bzw. zur Methodendiskussion hergestellt wird, zeigt, dass der Band, wenngleich er proklamiert, eine kritische Theorie sowie Praxis beleben und ermöglichen zu wollen, den Fokus auf die Theorie legt.

Zielgruppe

Inhaltlich kann also davon ausgegangen werden, dass die Kategorie sozialer Ausschließung, wie hier entworfen, einen mobilisierenden Beitrag zur Diskussion kritischer Sozialer Arbeit leisten wird. Gleichzeitig bleibt sehr fraglich, auf welchen Wegen die Überlegungen ihre Wirkungen entfalten können. Um sich zu Anhorns wissenswerten Positionen durchzuarbeiten, braucht es sozialwissenschaftliches Vorwissen, eine Könnerschaft im Umgang mit wissenschaftlicher Literatur (der Duktus ist anspruchsvoll und Sätze jenseits der zehn Zeilen sind keine Seltenheit) und schlicht Zeit – für Praktizierende wird sich die Lektüre also als sehr voraussetzungvoll darstellen.

Aber laut Klappentext setzt sich die Zielgruppe ohnehin aus Studierenden und Lehrenden zusammen. Leider zeigt meine Erfahrung in der Lehre, dass Studierende im Bachelorstudium – und zum Teil betrifft das auch den Grad des Masters – über wenig bis keine Übung im Lesen (wissenschaftlicher) Texte verfügen und sich entsprechend schwer tun. (Ob die Reaktion auf diese Beobachtung sein muss, sich sprachlich – nicht inhaltlich! – als Autor:in anzupassen, kann und soll hier nicht beurteilt werden.) Große Teile der Studierenden werden wohl ihre Schwierigkeiten haben, wenn es darum geht, brauchbare Orientierungen zu rezipieren.

Lehrende schließlich dürften, bei einschlägigem Interesse, bemerkenswerte Hinweise finden. Dass diese zur Kenntnis genommen werden, bleibt sehr zu hoffen. Denn vor dem Hintergrund des oben geäußerten Pessimismus bzgl. der Rezeptivität wird es Einiges an Adaption und 'Übersetzung' in Lehre und Publizistik (Stichwort: Aktionsforschung) brauchen, um Zugänge für möglichst viele Studierende und Praktizierende zu schaffen.

Schließlich gibt das Handbuch aber auch Grund zum Optimismus: es wird eine sehr große Bandbreite an Gegenständen (Analyse- und Handlungszusammenhänge) abgebildet und von einem Ensemble profilierter Autor:innen vorgetragen; wobei positiv auffällt – und dies betrifft sowohl die Konzeption des Handbuchs als auch die Kategorie sozialer Aussschließung als Instrument kritischer Sozialer Arbeit –, dass vielfältige theoretische und praktische Perspektiven eingenommen und auf soziale Ausschließung bezogen werden. Sicher vermag es diese mit kritischen Impetus kombinierte Diversität, das Interesse sehr vieler Lesenden zu wecken – und vielleicht kann dieses Werk so gar einen ersten Zugang, ein (Wieder-)Entdecken von Theorie (als notwendige Ressource Sozialer Arbeit) sein.

(Abschließende Bemerkung: Sieht man sich die Preise für dieses lesenwerte Werk an [Print: 229,99 €, eBook: 179,99 €], muss ohnehin davon ausgegangen werden, dass dieses Buch nur von Menschen gelesen werden wird, 'deren' Bibliotheken das eBook anbieten.)

Fazit

Das „Handbuch Soziale Ausschließung und Soziale Arbeit“ verfügt über eine überzeugende konzeptionelle Grundidee, es nimmt sich den Raum, um die vertretene Position umfangreich zu begründen und fordert zur kritischen (Selbst-)Reflexion sowie emanzipatorischer Praxis auf. Die Kategorie sozialer Ausschließung hat das Potenzial diesem (Selbst-)Anspruch gerecht zu werden. Ob die akademisch überzeugenden Überlegungen zu hilfreichen Ressourcen (in) der Praxis werden, bleibt allerdings abzuwarten. Zu hoffen ist es!

Literatur

Anhorn, R., Bettinger, F., Stehr, J.: Sozialer Ausschluss und Soziale Arbeit. Positionsbestimmungen einer kritischen Theorie und Praxis Sozialer Arbeit, 2., überarbeitete und erweiterte Aufl., Wiesbaden 2008

Voigt, K., Williams, D. S.: Klima der Ungerechtigkeit. Warum Anpassung nur global funktioniert; in: Luxemburg. Gesellschaftsanalyse und linke Praxis, 2/2022: 6–11

Zimmermann, I. u.a.: Anatomie des Ausschlusses. Theorie und Praxis einer Kritischen Sozialen Arbeit, Wiesbaden 2013

Rezension von
Michael Bertram
B.A. Soziale Arbeit, M.A. Soziologie/Politikwissenschaft
Beruflich in der Sozialen/politischen Arbeit mit geflüchteten Menschen tätig
Lehrbeauftragter an der Hochschule Magdeburg-Stendal
Mailformular

Es gibt 20 Rezensionen von Michael Bertram.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Michael Bertram. Rezension vom 01.09.2022 zu: Roland Anhorn, Johannes Stehr (Hrsg.): Handbuch Soziale Ausschließung und Soziale Arbeit. Springer VS (Wiesbaden) 2021. ISBN 978-3-531-18531-6. Reihe: Perspektiven kritischer Sozialer Arbeit - 26. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27939.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht