socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Kathrin Amann, Tobias Kindler (Hrsg.): Sozialarbeitende in der Politik

Cover Kathrin Amann, Tobias Kindler (Hrsg.): Sozialarbeitende in der Politik. Biografien, Projekte und Strategien parteipolitisch engagierter Fachpersonen der Sozialen Arbeit. Frank & Timme (Berlin) 2020. 400 Seiten. ISBN 978-3-7329-0619-2. D: 49,80 EUR, A: 49,80 EUR, CH: 74,70 sFr.

Reihe: Transposition – Ostschweizer Beiträge zu Lehre, Forschung und Entwicklung in der Sozialen Arbeit - 9.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Sozialarbeitende sind vielfältig in Politik involviert. Je nach Position und Aufgabe in ihren Organisationen und dem Handlungsfeld, in dem sie tätig sind, gehört es zu ihrem Auftrag Politik zu beraten, zu versuchen politische Entscheidungen zu beeinflussen (Lobbying) oder in Gremien mitzuentscheiden. Sie handeln aber auch politisch, indem sie Klient*innen aktivieren und politisch bilden. In all diesen Fällen ist das politische Handeln Teil ihres professionellen Auftrags. Der vorliegende Herausgeberband „Sozialarbeitende in der Politik“ dagegen beschäftigt sich mit Sozialarbeitenden, die in die Politik wechseln. Es geht um Sozialarbeitende, die sich entschlossen haben ein politisches Mandat anzustreben, in Parlamente, kommunale Räte oder hohe politische Verwaltungsposition gewählt wurden und nun als Abgeordnete bzw. Räte Politik gestalten. Es geht um „Berufskolleg*innen, (die sich) neben ihrer Erwerbsarbeit in der Sozialpädagogik, Sozialarbeit oder Soziokulturellen Animation als gewählte Politiker*innen auf parteipolitischer Ebene für die Anliegen unserer Profession und die Anliegen der Adressat*innen einsetzen“ (S. 16). Was motiviert Sozialarbeitende sich als Bürger*in parteipolitisch zu engagieren und politische Funktionen zu übernehmen? Was qualifiziert Sozialarbeitende für solch ein Engagement? Was bleibt an Sozialarbeit im politischen Geschäft?

HerausgeberInnen

Der vorliegende Band ist herausgegeben von Kathrin Amann und Thobias Kindler. Kathrin Amann (MSc Soziale Arbeit) „ist Sozialarbeiterin und arbeitet als Fachstellenleiterin in Prävention und Gesundheitsförderung beim Amt für Gesundheitsvorsorge des Kantons St. Gallen“ (S. 393). Tobias Kindler (MSc Soziale Arbeit) „ist Sozialpädagoge und arbeitet als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Soziale Arbeit und Räume der OST – Ostschweizer Fachhochschule“ (S. 394). Beide haben sich bereits in ihren Qualifikationsarbeiten um Erforschung und Aufklärung der politischen Partizipation von Sozialarbeitenden bemüht (Amman 2017; Kindler 2021).

Entstehungshintergrund

Das Buch ist in der Zusammenarbeit der Herausgeber*innen mit dem Schweizer Berufsverband Sozialer Arbeit (AvenirSocial) und dem Department Soziale Arbeit OST – Ostschweizer Fachhochschule entstanden und in der Reihe Transposition – Ostschweizer Beiträge zu Lehre, Forschung und Entwicklung in der Sozialen Arbeit als Band 9 veröffentlicht.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einer Einführung der Herausgerber*innen („Einleitende Gedanken zum parteipolitischen Engagement von Fachpersonen der Sozialen Arbeit in der Schweiz“ [S. 15-19]) in drei Schwerpunkte und schließt mit einem Ausblick der Herausgeber*innen („Perspektiven einer politischen Sozialen Arbeit“ (S. 385–392).

Schwerpunt 1 „Biographien parteipolitisch engagierte Fachpersonen der Sozialen Arbeit“ enthält fünf persönliche Beiträge von Mandatsträger*innen über ihre je unterschiedlichen Wege in die Politik:

  1. Kathrin Hilber (ehem. Regierungsrätin Kanton St. Gallen) (SP): Soziale Arbeit in der Ostschweiz – eine biographische Zeitreise“;
  2. Sandra Niederberger (Landrätin Nidwalden (SP): Ein Beitrag für Listenfüller*innen und alle, die es noch werden möchten;
  3. Katharina Prelicz-Huber (Nationalrätin (Grüne): Soziale Arbeit, Politik, Frauen*streik;
  4. Dario Sulzer (Stadtrat Wil SG und Kantonsrat St. Gallen (SP): Partizipation als Kernelement von Soziokultur und Politik;
  5. Annegert Wigger (Kantonsrätin Appenzell Ausserrhoden (SP): Das Private ist politisch – und die Soziale Arbeit? Versuch einer persönlichen Verhältnisbestimmung).

Schwerpunkt 2 „Projekte parteipolitisch engagierter Fachpersonen der Sozialen Arbeit“ umfasst sieben Beiträge:

  1. Rosmarie Dormann (ehem. Nationalrätin (CVP): Soziale Arbeit und Politik: Zweieiige Zwillinge;
  2. Thomas Gander (Grossrat Basel Stadt (SP): Gelbe Karte für die Soziale Arbeit;
  3. Peter Gut (Kantonsrat Appenzell Ausserrhoden (parteiunabhängig): Deutungshoheit erringen – Politik als Plattform für Anliegen Sozialer Arbeit;
  4. Barbara Gysi (Nationalrätin (SP): Prämienverbilligung – Entwicklung eines sozialpolitischen Instruments zur Stärkung der Solidarität innerhalb der obligatorischen Krankenversicherung;
  5. Michael Kreuzer (Gemeinderat Visp (SVP): Mehr als Schall und Rauch. Auf der Jagd nach politischen Mehrheiten;
  6. Hasim Sancar (Grossrat Bern (SP): Widerstand gegen Kahlschlag im Kanton Bern: Einblicke in die Verkehrt-Kampagne;
  7. Silvia Schenker (ehem. Nationalrätin (SP): Die politische Dimension unserer Profession: Auch die Rahmenbedingungen müssen verändert werden).

Schließlich beschäftigt sich Schwerpunkt 3 in fünf Beiträgen mit den „Strategien parteipolitisch engagierter Fachpersonen der Sozialen Arbeit“: 

  1. Maria Pappa (Stadträtin und Kantonsrätin St. Gallen (SP): Sozialpädagogin und Baudirektorin: Soziale Arbeit auf lokalpolitischer Ebene;
  2. Tobias Rettich (Grossrat Graubünden (SP): Soziale Arbeit im Wahlkampf;
  3. Herbert Schuler (Gemeinderat Hünenberg und Kantonsrat Zug (SP): Als Handwerker zur Sozialen Arbeit und in die Politik;
  4. Monika Stocker (ehem. Stadträtin Zürich (Grüne): Kämpfen lohnt sich doch!;
  5. Simon Stocker (Stadtrat Schaffhausen (alternative Liste): Soziale Arbeit macht Politik – jetzt!;).

Zwischen die Artikel sind darüber hinaus „Kurzbeiträge von 15 Kantons- und Stadträt*innen sowie einer Ständerätin, die über eine Ausbildung in Sozialer Arbeit verfügen“, als kürzere oder längere Zitate eingestreut, um „die Erfahrung von möglichst vielen parteipolitisch aktiven Sozialarbeitenden abzubilden“ (S. 18).

Inhalt

„Das Buch beinhaltet 17 von Berfufskolleg*innen verfasste Beiträge. Diese sind so vielgestaltig und spannend wie die Praxis einer politischen Sozialen Arbeit selbst“ (S. 17). Es handelt sich bei dem Band nicht um eine systematische Untersuchung zum Thema „Sozialarbeitende in der Politik“, sondern um subjektive Stellungnahmen von Mandatsträger*innen, die von ihrem persönlichen Weg in die Politik berichten, ihre politische Arbeit reflektieren und dabei insbesondere über den Zusammenhang zur Sozialen Arbeit nachdenken. Die einzelnen Berichte können und sollen hier nicht im Detail besprochen werden. Um einen Eindruck von den Berichten zu geben, müssen einige ausgewählte Zitate genügen:

  • „Sozialarbeit hat immer sowohl Bedürfnisse und Probleme von Einzelpersonen im Fokus als auch gesellschaftliche Bedingungen, die zu einem Problem führen oder es lösen können. Politik ist die Handlungsplattform dafür. Die Einsicht gab mir den Anstoß zum entscheidenden Schritt: 1980 trat ich der Sozialdemokratischen Partei bei“ (Hilber: S. 31).
  • „… wie man Politik zum Beruf machen kann. Das fachlich methodische Rüstzeug bekam ich … im Rahmen meiner verschiedenen Aus- und Weiterbildungen und im Berufsfeld der Sozialen Arbeit“ (Hilber: S. 39).
  • „Ich definiere mich als Gesellschaftsarbeiterin“ (Hilber: S. 41).
  • „Und dann sehe ich eine Chance, wenn Sozialarbeitende in einem Parlament tätig sind: Sie sind häufig mit unterprivilegierten Menschen in Kontakt, sie können den Diskurs erweitern und dabei ebendiesen Menschen eine Stimme geben“ (Niederberger: S. 55).
  • „In der Schweiz sind Direktdemokratie und Föderalismus von zentraler Bedeutung und bieten Chancen, die es zu nutzen gilt; Kommunen haben sozialpolitisch hohe Kompetenzen und Entscheidungsbefugnisse … . Eine gute Kampagne auf lokaler Ebene ist oft erfolgversprechend und kann auch auf kantonaler und nationaler Ebene Wirkung entfalten“ (Prelicz-Huber: S. 77).
  • „Daher bedaure ich, dass der Organisationsgrad bei den Sozialarbeitenden schon fast unanständig gering ist“ (Sulzer: S. 88).
  • „Nun wurde ich über Nacht zu einer Frau der Öffentlichkeit. Mit Monika Stocker aus Zürich waren wir 1987 zwei Sozialarbeiterinnen im Nationalrat“ (Dormann: S. 140).
  • „Mein Verständnis der Sozialen Arbeit war und ist es, unsere Erfahrungen nicht nur im „stillen Kämmerlein“ einzusetzen, sondern sich ernsthaft und fachlich begründet in den gesellschaftspolitischen und öffentlichen Diskurs einzumischen“ (Gander: 167).
  • „Trotzdem bin ich erstaunt, dass ich deutlich mehr Landwirte kenne, die ein politisches Amt haben oder hatten, als Sozialarbeitende, die das von sich behaupten können. Vielleicht hat das damit zu tun, dass jene eindeutiger wissen, wofür sie eintreten wollen, als diese“ (Gut: S. 182).
  • „Ebenfalls sollten entsprechende Berufsleute bei Wahlen natürlich auch parteiübergreifend unterstützt werden, wie dies andere Verbände bereits tun. Denn auch wenn ich vielleicht Sozialarbeiterin und CVP-Wählerin bin, kann ich mir doch sagen, dass wenn schon die SP einen Nationalratssitz gewinnt, diesen dann immerhin diejenige Person mit einem sozialarbeiterischen Hintergrund erhalten soll“ (Kreuzer: S. 236).

Wie die Zitate zeigen, handelt es sich bei den Beiträgen um persönliche Erfahrungsberichte über die Wege von Sozialarbeitenden in die Politik und die Möglichkeit dort als Politiker*in und Sozialarbeiter*in gestaltend Einfluss zu nehmen. Die Leser*in erhält durch die Texte aber auch facettenreiche Einblicke in sozialpolitische Entwicklungen in der Schweiz und darf gelegentlich einen Blick in den „Maschinenraum“ schweizerischer Politik auf Bundes, Kantons oder kommunaler Ebene werfen (für die Nicht-Schweizer Leser*in empfiehlt es sich dabei allerdings, ein Nachschlagewerk zum politischen System oder Googel zu Hand zu haben, da einiges zum Schweizer „Milizsystem“ und einige der verwandten Begriffe nicht vertraut sein dürften).

Obwohl die Beiträge dezidiert keine systematischen Untersuchungen zum Thema Sozialarbeitende in der Politik sind, leiten die Herausgeber*innen einige allgemeine Erkenntnisse ab. Sie heben hervor, dass es allen Beitragenden nicht mehr darum geht, ob Sozialarbeitende aktiv Politik machen sollen, sondern nur wie sie dies tun können, „um der Profession eine starke Stimme verleihen, jedoch primär, um sich anwaltschaftlich für Adressat*innen bzw. deren Interessen und Anliegen auf politischer Ebene einzubringen“ (Kindler/​Amann: S. 385). Alle Autor*innen betonen darüber hinaus, „dass Soziale Arbeit und Politik in einem engen Wechselverhältnis stehen und sind dabei überzeugt, dass (Sozial-)Politik von der Sozialen Arbeit profitiert“ (ebd., S. 386; Herv. i. O.). „Insbesondere Autor*innen, die ein Exekutivamt innehaben, berichten, dass ihre Grundaufgaben jenen der Sozialen Arbeit sehr ähnlich und lediglich auf einer anderen Ebene angesiedelt seinen“ (ebd.). Klar ist aber auch „dass ein Engagement in der Parteipolitik längst nicht die einzige Möglichkeit darstellt, sich aktiv am politischen Diskurs zu beteiligen“ (ebd., S. 387). Für die Sozialarbeitenden in der Politik scheint auch zu gelten, dass Kompetenzen die in Studium und Praxis der Sozialen Arbeit erworben wurden („Kompetenzen im Bereich der Gesprächsführung und Kommunikation, im Umgang mit Gruppen oder die Gestaltung partizipativer Prozesse“ (ebd.)) auch äußerst nützlich für die erfolgreiche Berufspolitiker*in sein können. Um im Bereich der Sozialarbeitspolitik erfolgreich zu sein, braucht es Netzwerke, wissenschaftliche Expertise und „aussagekräftige Zahlen“ verbunden mit der Fähigkeit des Storrytelling, denn „generalisierende Sozialpolitik (interessiert sich zwar im Grunde nicht für den Einzelfall …, (nimmt) diesen jedoch durchaus zur Illustration und zum Anlass für (sozial-)politische Reformen“ (ebd., S. 390; Herv. i. O.).

Diskussion

Das Buch bietet eine facettenreiche Annährung an „Sozialarbeitende in der Politik“ und hat starken Appellcharakter, denn obwohl politisch interessiert und mit entsprechnden Kompetenzen ausgestattet, stammen nur verhältnismäßig wenige Mandatsträger*innen und politische Beamte aus den Reihen der Berufsgruppe der Sozialarbeiter*innen. Wie die Berichte der Autor*innen des Bandes zeigen, war ihr Weg in die Politik oft von Zufällen geprägt. Hier scheint es notwendig, dass a) die Bedeutung politischer Einmischung schon im Studium der Sozialen Arbeit größere Bedeutung erhält und dabei insbesondere das Politik-Machen im Zentrum von Lehre und Forschung steht. b) ist der Weg in die Politik auch abhängig von Netzwerken, man muss auf Engagementmöglichkeiten aufmerksam gemacht und gefragt werden. Hier kommt es auch auf die Berufsverbände der Sozialen Arbeit an. Mit dem Buch wurde hier für die Schweiz und AvenirSocial ein wichtiger Schritt getan. In der Bundesrepublik gibt es bislang auch nicht im Ansatz einen Überblick (und eine Vernetzung) wer als Sozialarbeiter*in in Bund-Land oder Kommune ein politisches Mandat innehat oder ein Exekutivamt ausübt.

Fazit

Das Buch ist Studierenden als Anregung für eine politische Karriere zu empfehlen, bietet in unterschiedlichen Beiträgen gut geeignete Fallbeispiele für die Politiklehre im Studium der Sozialen Arbeit und sollte berufspolitisch engagierte Berufskolleginnen wie auch den Hochschulen Sozialer Arbeit Anregung geben, das Thema der Sozialarbeitenden in der Politik mehr zu bearbeiten und besser zu erforschen.

Literatur

Amman, K. 2017: Sozialarbeitende in der Politik. Eine qualitative Untersuchung der Politisierungsprozesse von Sozialarbeitenden, die sich aktiv parteipolitisch engagieren. Masterthesis St. Gallen

Kindler, T. 2021 (i.E.): Politische Aktivität von Sozialarbeitenden. Einblicke in ein sich dynamisch entwickelndes Forschungsfeld. In: Dischler, A./Kulke, D. (Hrsg.): Politische Praxis und Soziale Arbeit. Opladen: Barbara Budrich.


Rezension von
Prof. Dr. Günter Rieger
Studiengangsleiter Soziale Dienste in der Justiz, Fakultät Sozialwesen DHBW Stuttgart
Homepage dhbw-stuttgart.de
E-Mail Mailformular


Alle 12 Rezensionen von Günter Rieger anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Günter Rieger. Rezension vom 14.04.2021 zu: Kathrin Amann, Tobias Kindler (Hrsg.): Sozialarbeitende in der Politik. Biografien, Projekte und Strategien parteipolitisch engagierter Fachpersonen der Sozialen Arbeit. Frank & Timme (Berlin) 2020. ISBN 978-3-7329-0619-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27940.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht