socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Samia Dinkelaker, Nikolai Huke u.a.: Nach der »Willkommenskultur«

Cover Samia Dinkelaker, Nikolai Huke, Olaf Tietje: Nach der »Willkommenskultur«. Geflüchtete zwischen umkämpfter Teilhabe und zivilgesellschaftlicher Solidarität. transcript (Bielefeld) 2021. 250 Seiten. ISBN 978-3-8376-5414-1. D: 30,00 EUR, A: 30,00 EUR, CH: 36,80 sFr.

Reihe: Edition Politik - 104.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Autor*innen des Bandes widmen sich vor dem Hintergrund der zivilgesellschaftlichen Willkommenskultur den Fragen, wie in den folgenden fünf Jahren nach der Fluchtbewegung 2015 Geflüchteten gesellschaftliche Teilhabe verwehrt oder ermöglicht wurde. Auch die Rolle der professionellen sowie freiwilligen Akteure wird beleuchtet. Die Autor*innen rekonstruieren die Kämpfe um Teilhabe geflüchteter Menschen und legen deren Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt dar. Zudem werden gesellschaftlich transformative Potenziale solidarischer Handlungen im Kontext von Flucht und Migration beleuchtet.

Entstehungshintergrund

Die meisten Beiträge des Bandes basieren auf den Forschungsergebnissen des Verbundprojektes „Willkommenskultur und Demokratie in Deutschland. Flüchtlingspolitische Initiativen als Orte aktiver Bürgerschaft, kollektiver Konfliktaushandlung und demokratischen Lernens“. Die Beteiligten führten zwischen Ende 2017 und Mitte 2020 ca. 160 qualitative Interviews mit Geflüchteten, zivilgesellschaftlichen Organisationen und staatlichen Stellen durch. Zudem wurden einige der interviewten Initiativen in fünf dokumentarischen Kurzfilmen von der Filmemacherin Anne Frisius porträtiert.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband beginnt mit einer Einleitung der Herausgeber*innen. Danach folgen neun Beiträge und eine Filmograhie zu fünf dokumentarischen Kurzfilmen. Die Informationen zu den acht Autor*innen sind am Ende des Bandes nachzulesen. Das Werk hat einen Umfang von 254 Seiten.

Die Herausgeber*innen Olaf Tietje, Samia Dinkelaker und Nikolai Huke sprechen in der Einleitung Umkämpfte Teilhabe vom „Sommer der Migration“ (Hess et al. 2017) und den damit verbundenen Überforderung der staatlichen Strukturen aufgrund der hohen Zahl ankommender Geflüchteter. Die Herausgeber*innen betonen, dass die Unterstützung der freiwilligen Helfer*innen bei der infrastrukturellen Versorgung geflüchteter Menschen essenziell war. In der Einleitung wird erläutert, was unter den Begriffen Teilhabe und Partizipation verstanden wird. Als Teilhabe werde die Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit aufgefasst. Bei Partizipation werde das Verhältnis eines Individuums zur Umwelt mit den damit verbundenen Aktivitäten betrachtet. Als Unterschied zwischen den beiden Begrifflichkeiten werde gesehen, dass Teilhabe entweder gewährt oder verweigert werden kann und Partizipation aktiv von den Beteiligten betrieben werde. Es reiche jedoch nicht aus, formale Möglichkeit der Teilhabe zu gewährleisten, da Faktoren wie fehlende soziale Netzwerke, sprachliche Barrieren, räumliche Isolierung und fehlendes Wissen die Möglichkeiten der Inanspruchnahme reduzieren und eingeschränkte Rechte eine Teilhabe beeinträchtigen.

Nach der Einleitung folgt der Beitrag Gesellschaftliche Teilhabe und politische Partizipation. Konflikte um Flucht aus demokratietheoretischer Perspektive von Hans-Jürgen Bieling und Nikolai Huke. Die Autoren suchen nach einer alternativen Interpretation der Wirkungsprozesse der Fluchtbewegung 2015, des „langen Sommer der Migration“ (Hess et al. 2017) in Bezug auf Demokratie. Sie interpretieren Demokratie als eine Kommunikations- und Lebensform, deren Bestandteil auch Konflikte zu verstehen seien. Bieling und Huke unterteilen drei Demokratieverständnisse: ein liberales, ein plurales bzw. radikaldemokratisches und ein soziales und erklären diese wie folgt: Die liberale Demokratie gewähre bürgerliche Freiheitsrechte und sei zugleich um die Stabilität der gesellschaftlichen Ordnung besorgt. Die Teilhabe an demokratischer Partizipation sei hier an die jeweilige Staatsbürgerschaft geknüpft. Zivilgesellschaftlich-plurale Demokratie stelle eine Erweiterung des Demokratieverständnissen dar. Nach diesem Verständnis werden Konflikte angenommen und aufgegriffen, um sich mit gesellschaftlichen Problemen zu befassen und nach Lösungen zu suchen und die Vielfallt in der Gesellschaft zu akzeptieren. Bei der Erörterung der sozialen Demokratie nehmen die Autoren auf Thomas H. Marshall (1992) Bezug, der das Verständnis der liberalen Demokratie kritisiert, da er Demokratie nicht vordergründlich als Regierungsform, sondern als Lebensform betrachtet sehen möchte. Anhand dieser Erörterung untersuchen Bieling und Huke die demokratiepolitischen Effekte der Fluchtbewegung 2015. Unter den staatlich garantierten Rechten nehmen die Autoren eine selektive Inklusion wahr, da Geflüchtete anhand ihrer Bleibeperspektive segregiert werden. Geflüchtete mit guter Bleibeperspektive erhielten mehr Möglichkeiten an Integrationsprozessen teilzunehmen, wohingegen anderen Geflüchteten Rechte abgesprochen würden und diese Exklusion erfahren. Bieling und Huke beschreiben, dass es bei der Willkommenskultur 2015 zunächst galt, die geflüchteten Menschen mit Kleidung, alltäglichen Gebrauchsgegenständen, Spracherwerb etc. zu unterstützen. Nach Meinung der beiden Autoren taten das vor allem Ehrenamtliche, obwohl für derartige Aufgaben die staatlichen Verwaltungen zuständig wären. Bieling und Huke sehen hier eine Verlagerung staatlich garantierte Rechte und professionelle soziale Arbeit durch de-professionalisierte freiwillige Initiativen zu ersetzen (van Dyk/Misbach 2016). Die Gefahr sei dabei, dass der Zugang der Geflüchteten zu den Ressourcen von ihrer Dankbarkeit oder der Motivation der Ehrenamtlichen abhängig wurde (Ratfisch/​Schwiertz 2016:25).

Ein weiterer Aspekt, der in diesem Beitrag thematisiert wird, ist, dass sich aus den direkten Kontakt mit geflüchteten Menschen Auseinandersetzungen mit den Ursachen von Flucht ergaben. Die Helfer*innen wurden mit anderen Sprachen, Religionen und Kulturen konfrontiert. Die Autoren heben hervor, dass dieser Austausch die Ausweitung demokratischer Teilhabe begünstigte, da die Ehrenamtlichen die Forderung danach in den öffentlichen Diskurs einbrachten. Jedoch wird auch dargestellt, dass die Teilhabechancen der Geflüchteten im Alltag nur in subordinierten oder subalternen Positionen möglich seien. Für Bieling und Huke erscheinen die Effekte der Fluchtbewegung 2015 als ambivalent. Einerseits beobachten die Autoren, dass die autoritären und rassistischen Einstellungen verstärkt aktiviert wurden. Auf der anderen Seite sehen sie durch die Aktivitäten in der zivilgesellschaftlichen Flüchtlingshilfe eine Tendenz einer pluralen Demokratie. Für Geflüchtete selbst sei jedoch die demokratische Teilhabe aufgrund von Aufenthaltsstatus, rassistischer Diskriminierung oder einer schwierigen sozioökonomischen Lage sehr begrenzt. Bieling und Huke fassen zusammen, dass die politischen Konflikte, die in Verbindung der Fluchtbewegung 2015 entstanden seien, einerseits Chancen für eine Erneuerung von Demokratie bieten, anderseits für einen autoritären Populismus. Als demokratiegefährdend werden dabei nicht die Konflikte selbst, sondern die damit verbundenen Formen von Gewalt und sozialer Exklusion gesehen. Die Autoren plädieren für eine offene Konfliktführung sowie für einen transparenten Umgang mit den antidemokratischen Charakter des autoritären Populismus.

Olaf Tietje befasst sich in seinen Beitrag Grenzraum jenseits der Grenze? Rationalitäten der Grenzregimes im Alltag Geflüchteter am Beispiel von Unterbringung Geflüchteter mit der Bildung von Grenzräumen jenseits territorialer Markierungen. Dabei zeigt er auf, wie Geflüchteten nach dem Sommer der Migration Teilhabe abgesprochen werde. Die im Alltag produzierten Grenzen schränkten das eigenständige Leben der Geflüchteten ein. Der Autor widmet sich der infrastrukturellen Unterversorgung Geflüchteter, Segregation von Wohnraum, Kompensation der sozialen Arbeit und Unterbrechung der Nähe zwischen Geflüchteten und Helfer*innen. Tietje betont, dass die thematisierte Flüchtlingskrise mit den Geflüchteten oder den Asylverfahren in Bezug gesetzt wurde, hingegen weniger mit dem staatlichen Regierungsgeschehen. Im letzteren jedoch sieht der Autor den krisenhaften Moment begründet. Nach der Fluchtbewegung 2015 seien Geflüchtete erstmals infrastrukturell unterversorgt gewesen. Tietje zufolge sei zivilgesellschaftliches Engagement notwendig gewesen, um die staatliche Versorgungslücke zu schließen. Der Staat steuere durch die Strategie der Mittelbeantragung die freiwillige Unterstützungsarbeit, in der z.B. Ehrenamtliche Sachkosten für Projekte beantragen können. Der Autor argumentiert, dass, um Gelder einzusparen, freiwillige Unterstützer*innen systematisch eingeplant werden. Somit stehe nicht die Ermöglichung sozialer Teilhabe für Geflüchtete, sondern ökonomische Logik im Vordergrund. Tietje sieht in der infrastrukturellen Vernachlässigung geflüchteter Menschen deren niedrigen Stellenwert für die deutschen Gesellschaft begründet. Nach Meinung des Autors verhindern soziale, politische und geografische Isolierung von Geflüchteten sowie Rassismus auf dem Wohnungsmarkt die soziale Teilhabe.

Katherine Braun und Samia Dinkelaker behandeln in ihrem Beitrag Schutz für geflüchtete Frauen im Spannungsfeld von besonderer Schutzbedürftigkeit und restriktiven Migrationspolitiken den Schutz von Gewalt betroffenen geflüchteten Frauen. Gemäß den Autorinnen bliebe der Schutz von Gewalt betroffenen geflüchteten Frauen prekär. Gewalterfahrung von geflüchteten Frauen besonders im Zuge der Fluchtbewegung 2015 habe eine stärkere Aufmerksamkeit erfahren. So durch entstanden auch besondere Hilfsangebote, die durch die Landesregierung finanziert wurden, wie Übersetzungsleistungen für Beratungsstellen und Frauenhäuser. Die Bundesregierung verfasste Standards zum Schutz von geflüchteten Frauen in Flüchtlingsunterkünften. Auch wenn diese Maßnahmen von der Bundes- und Landesregierung vorgenommen wurden, sei – so die Autorinnen – der Schutz vor Gewalt von geflüchteten Frauen in Unterkünften prekär. Somit widmen sich Braun und Dinkelaker der Umsetzung des Gewaltschutzes für geflüchtete Frauen. Ihr Beitrag stellt eine Kritik an Vulnerabilitätsdiskursen dar. Die Autorinnen argumentieren jedoch auch, dass institutioneller Gewaltschutz für die physische und psychische Sicherheit geflüchteter Frauen notwendig und nicht zugunsten der Kritik an Vulnerabilitätsdiskursen aufzugehen sei. Die Beiträgerinnen nehmen mittels eines intersektionalen Gewaltbegriffs die Verletzbarkeit geflüchteter Frauen in den Blick, die durch einschränkende Asyl- und Aufenthaltspolitik erzeugt werde. Als kritisch wird betrachtet, dass Maßnahmen zum Schutze geschlechtsspezifischer Gewalterfahrung geflüchteter Menschen im Asylverfahren nicht umgesetzt werden, ebenso die Abhängigkeit des Bleiberechtes vom Status des Partners. Schlussfolgernd werden als zentrale Gründe für das Misslingen der gegenwertigen Schutzmaßnahmen für von Gewalt betroffenen geflüchteten Frauen die institutionelle Gewalt des Grenzregimes, die restriktive Asyl- und Aufenthaltspolitik und die unsichere Finanzierung professioneller, feministischer Unterstützungsarbeit genannt.

Es folgt der Beitrag Strategische Selektivität im kafkaesken Staat. Migrationspolitische Konflikte im Spannungsfeld von Innenbehörden und Arbeitsverwaltungen, in dem sich Nikolai Huke mit der Rolle staatlicher Bürokratie in Bezug auf Konflikte um Teilhabe befasst. Der Autor beleuchtet anhand drei staatstheoretischen Konzepten – materielle Verdichtung, strategische Selektivität und kafkaesker Staat – den Umgang mit Geflüchteten innerhalb der Verwaltung, insbesondere zwischen Innenbehörden und Arbeitsverwaltung sowie zwischen einzelnen Ausländerbehörden. Am Beispiel der Ausländerbehörden und Arbeitsverwaltung zeigt der Autor die widersprüchlichen Rationalitäten innerhalb den Behörden und den Auswirkungen auf die Entscheidungen. Konflikte innerhalb den Behörden sowie politische Implikationen werden hier als ausschlaggebend genannt. Gemäß dem Autor entscheiden Behörden nicht politisch neutral und der Umgang mit geflüchteten Menschen entspreche nicht immer rationalen und legalen Kriterien. Huke stellt fest, dass die Rechte von Geflüchteten nicht zwangsläufig im Behördenalltag gewahrt werden. Um Geflüchtete bei diesem Prozess zu unterstützen und Rechtsstaatlichkeit zu sichern, seien zivilgesellschaftliche Strukturen von großer Bedeutung. Hukes Artikel macht deutlich, dass Entscheidungen von Behörden unberechenbar, lokal unterschiedlich, durch individuelle Beweggründe oder Vorurteile der Sachbearbeiter*innen geprägt sind.

In seinem Artikel Queere Geflüchtete im Unterbringungssystem. Zwischen Selbstermächtigung, Gewalterfahrungen und sicheren Rückzugsorten widmet sich Olaf Tietje den Problematiken, die sich für queere Geflüchtete im auf heterosexuelle Zweitgeschlechtlichkeit ausgerichteten Unterbringungen für Geflüchtete ergeben. Tietje geht dem Umstand nach, was es für queere Geflüchtete bedeutet, in deutschen Unterbringungssystem zu leben. Dabei stellt der Autor fest, dass der Alltag queerer Geflüchteter von Gewalt und Exklusion geprägt sei. Aufgrund des heternormativen Blickes der Institutionen und Verwaltungen werden die Belange von queeren Geflüchteten nicht berücksichtigt. Die Lebensrealitäten queerer Geflüchteter werden in Deutschland ausgeblendet. Tietje macht deutlich, dass queere Geflüchtete Konflikte und Gewalt in den Gemeinschaftsunterkünften erleben, wenn sie sich als queer positionieren. Wohingegen es von queeren Geflüchteten im Asylverfahren verlangt werde, ihre Queerness zu beweisen, um Asylschutz erhalten zu können. Zudem wird dargestellt, dass queere Geflüchtete auf freiwillige Unterstützer*innen angewiesen seien, um sich vor Gewalt und Anfeindungen zu schützen.

Nikolai Huke befasst sich in seinem nachfolgenden Beitrag Die Erfahrung der „Anderen“. Wie Flüchtlingshilfe und autoritäre Populismus auf Risse im Habitus der Externalisierung reagieren mit alltäglichen Erfahrungen von Engagierten in der Willkommenskultur. Im Fokus der Auseinandersetzung stehen globale soziale Ungleichheit und imperiale Lebensweise. Huke behandelt imperialistische Ursachen für die globale Ungleichheitsverhätnisse. Der Autor führt aus, dass Menschen im globalen Süden als medial repräsentierte Andere erscheinen: Menschen, die von Armut, Hunger und Krieg betroffen seien oder als islamische Terroristen. Der Alltag der Menschen jenseits der Grenzen der Europäischen Union werde ausgeblendet und kein Zusammenhang zwischen den eigenen Wohlstand und globaler Produktions- und Lieferketten gesehen. Der Autor kritisiert die imperiale Lebensweise, die eine ungleiche Entwicklung von Chancen (re-)produziere und verbindet es historisch mit kolonialen Abwicklungen. Huke zufolge sei es die imperiale Lebensweise, die den Norden von Süden trenne. Er argumentiert, dass „eigensinnige Praktiken der Migration“ (Benz/Schwenken 2005), d.h. die Überwindung der Grenzen der Europäischen Union in illegalisierter Form, die Erfahrung der getrennten Lebenswelten durchbrechen. Der Autor plädiert dafür, die sozialen und ökologischen Konsequenten für die imperiale Lebensweise zu betrachten. Ungleichverhätnisse herrschten jedoch auch jenseits der Staatsgrenzen, also im Inneren. Hier bezieht sich der Autor auf Ungleichheiten zwischen den sozialen Milieus; der Klassengrenzen. Nach Auffassung des Autorssei es nötig, zu erkennen, dass eigene Lebensbedingungen mit sozialer Ungleichheit, Klassenprivilegien, kapitalistischer Produktionsweise und Ausbeutung verwoben seien. Huke führt auf, dass erst unter Berücksichtigung dieser Bedingungen sich die eigene Lebensweise als Produkt eigener Leistung betrachten lasse. Zusammenfassend dringen durch Flucht globale Lebensrealitäten in den Alltag der Menschen in Deutschland. Engagierte erfahren dadurch, dass die eigene imperiale Lebensweise nicht für alle Menschen zutreffend sei. Die Geflüchteten treten somit mit ihren Lebensgeschichten als reale Menschen in Alltag der deutschen Bevölkerung. Dadurch entstünden einerseits Abwehrbewegungen, andererseits neue Formen der Solidarität. Huke zeigt in seinen Beitrag die zwei polarisierten Reaktionen in Deutschland seit der Fluchtbewegung 2015 auf: Ein Teil der Bevölkerung war daran interessiert, den Habitus der Externalisierung zu restabilisieren. Ein anderer Teil in der Bevölkerung war bemüht, Geflüchtete zu unterstützen.

Formen der Solidarität gehen auch Helge Schwiertz und Helen Schwenken in ihrem Artikel Transverbale und inklusive Solidaritäten im Kontext politischer Mobilisierungen für sichere Fluchtwege und gegen Abschiebungen nach. Die Autor*innen beschäftigen sich mit Protesten gegen Abschiebungen und der Bewegung Seebrücke für Seenotrettung und Aufnahme von Flüchtlingen. Sie analysieren zwei Fälle pro-migrantischer Solidarität: die Mobilisierung gegen Abschiebungen und das Engagements für sichere Fluchtwege. Die Autor*innen zeigen auf, dass Menschen vor allen gegen Abschiebungen mobil seien, wenn sie vorher in sozialer Beziehung zu den Betroffenen standen und dass die Seebrücke im Kontext der Politisierung der Seenotrettung transversale sowie inklusive Solidaritäten entwickelt hätte.

Anschließend widmet sich Paula Edling in ihrem Beitrag Zwischen Funktionalismus und feministischer Systemkritik. Intersektionale Perspektiven auf Empowerment in der Gewaltschutzarbeit mit Frauen* im Asylsystem der Empowerment-Arbeit. Die Autorin befasst sich mit Prozessen, in denen sich marginalisierte Personen zu Teilhabe ermächtigen. Im Artikel geht es darum, welche Rolle diese Prozesse in der Unterstützungsarbeit für von Gewalt betroffene Frauen spiele. Edling plädiert dafür, Unterstützungskonzepte für und mit von Gewalt betroffenen Frauen im Asylsystem unter der Prämisse des Empowerments zu konzeptualisieren. Auch wenn seit 2015 Unterstützungskonzepte für den Gewaltschutz geflüchteter Frauen entwickelt wurden, vermisst die Autorin dezidiert machtkritische Empowerment-Konzepte. Als wesentlich für die Ermöglichung gesellschaftlicher Teilhabe betrachtet Edling die Einbeziehung der Repressionserfahrungen von Frauen im Asylsystem, ihrer Strategien sowie Bedürfnisse. Die Autorin schlussfolgert, dass feministische Unterstützungsarbeit mit von Gewalt betroffenen Frauen im deutschen Asylsystem dort eingreift, wo ihre selbstbestimmte Ermächtigung eingegrenzt oder unmöglich erscheint. Es wird hervorgehoben, dass beim Empowerment in diesem Kontext institutioneller und struktureller Rassismus stärker in den Fokus genommen werden müsse, um der Reproduktion dessen in den Unterstützungssystemen entgegenzuwirken. Bei der Konzeptionierung von Empowerment sei es wichtig, mit einem machtkritischen und intersektionalen Gewaltbegriff zu arbeiten, der auch das Unterstützungssystem kritisch beleuchtet.

Nikolai Hukes abschließender Beitrag lautet So jetzt sind wir hier. Wie Momente der (Selbst-)Ermächtigung von Geflüchteten subkulturellen Aktivismus und ehrenamtliches Engagement herausfordern. Am Beispiel von subkulturellen Aktivismus, ehrenamtlichen Engagements im Alltag und der (Selbst-)Ermächtigung von Geflüchteten zeigt der Autor, dass diese Alltagshandlungen selbst einen politischen Charakter entfalten. Somit macht Huke deutlich, dass es wichtig ist, Analysen nicht nur auf die Repräsentation politischer Forderungen und Selbstverständnisse zu lenken. Der Autor beschreibt die Migrationskontrollpolitik als inhuman und fordert dazu auf, stärker die praktischen Effekte des Engagements zu reflektieren als das Engagement auf der Ebene von Diskursen und politischen Forderungen zu analysieren. Seine Forschung zeigt, dass das Verständnis von Politik nicht auf öffentliche Aushandlungsprozesse in der Zivilgesellschaft reduziert werden sollten. Jedoch wird auch in Hukes Analyse zur (Selbst-)Ermächtigung von Geflüchteten deutlich, dass einerseits subkultureller Aktivismus in seltenen Fällen konkreten Lösungen für alltägliche Probleme bietet, anderseits dass das ehrenamtliche Engagement dazu tendiere, Geflüchteten ihre politische Subjektivität abzusprechen. Somit plädiert der Autor für die Suche nach konkreten Lösungsstrategien, die dazu beitragen, alltägliche Probleme von Geflüchteten (z.B. Wohnraumsuche) praktisch zu lösen.

Als filmische Ergänzung zum Sammelband sind zwischen 2019 und 2020 fünf dokumentarische Kurzfilme entstanden, die Anne Frisius für das Forschungsprojekt Willkommenskultur und Demokratie in Deutschland produziert hat (http://cooperativa-film.de/welcome-democracy/). Dargestellt werden Themen wie zivilgesellschaftliches Engagement unter rassistischer Mobilisierung, Selbstorganisation von Geflüchteten, Arbeitsmarkt, Wohn- und Lebensverhältnisse von Geflüchteten sowie Schutz bei Gewalt durch Männer. Die Filmographie dazu ist am Ende des Bandes enthalten. Die Titel der dokumentarischen Kurzfilme lauten wie folgt:

  • Flüchtlingssolidarität in Dresden und Umgebung. Willkommenskultur trotz PEGIDA und neonazistischer Gewalt. (2019, 16 min.)
  • „Wenn wir auf die Regierung warten, wird nichts passieren.“ Aktivismus von Geflüchteten in Hamburg (2019, 16 min.)
  • „Der Staat schafft ein Prekaritätsproblem.“ Restriktive Asylpolitik erschwert die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten (2019, 14 min.)
  • Neue Nachbar*innen. Von der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete zur eigenen Wohnung (2019, 17 min.)
  • „Die Solidarität untereinander: das gibt mir Kraft!“ Frauenprojekte und die Arbeit mit geflüchteten Frauen (2020, 17 min.)

Diskussion

Die Beiträger*innen zeigen Defizite und Unlogik im Umgang mit Geflüchteten auf und bieten Lösungen, Flüchtlingspolitik und das Verfahren mit Geflüchteten humaner und partizipativ zu gestalten. Es gilt dabei, die Lebenssituation von Geflüchteten zu berücksichtigen und praktische Lösungsstrategien anzubieten. Ein wichtiger Punkt ist zudem, aus der Sicht der Erfahrungsräume der Geflüchteten zu arbeiten und die Geflüchteten miteinzubeziehen. In den empirisch erforschten Beiträgen wird nämlich deutlich, dass Geflüchtete oft von Partizipation ausgeschlossen sind. Zu Recht kritisieren die Autoren*innen den Umstand, dass geflüchtete Menschen bei öffentlichen Debatten kaum zu Wort kommen. Nach dem Verständnis einer zivilgesellschaftlich-pluralen Demokratie sollte es dazugehören, Vorstellungen und Belangen von allen in ihr lebenden Menschen Raum zu geben. Eine aktive Miteinbeziehung von Geflüchteten könnte einen Mehrwert für unsere Gesellschaft bieten, denn durch unterschiedliche Blickwinkel könnten sich neue Perspektiven auf das Zusammenleben eröffnen.

Fazit

Die Autor*innen des Bandes legen eine multiperspektivische Darstellung des zivilgesellschaftlichen Engagements für geflüchtete Menschen nach dem „Sommer der Migration“ (Hess et al. 2017) dar. Die Feldforschungen und Reportagen zeigen Erfahrungen, Handlungen und Praktiken der Unterstützung auf. Die alltägliche Auseinandersetzung in der Unterstützungsarbeit wird anhand der Felder Wohnen, Zugang zum Arbeitsmarkt und vergeschlechtliche Gewaltverhältnisse analysiert. Die Beiträger*innen liefern eine fundierte empirische Analyse der Diskurse um Teilhabe, Partizipation, Solidarität und Demokratieverständnisse. In den Beiträgen werden verschiedene Mechanismen des Ausschlusses von Teilhabe dargestellt. Ein weiterer Aspekt, der in den Blick genommen wird, ist Betroffenheit von bestimmten Zielgruppen wie geflüchteten Frauen und queeren Geflüchteten.


Rezension von
Dr. Karoline Pietrzik
Kulturanthropologie, Leitung des Interkulturellen Bildungs- und Begegnungszentrums (IBBO), Lehraufträge an der Hochschule fom für das Modul Interkulturelle Soziale Arbeit
Homepage www.oefo.org/ibbo-team
E-Mail Mailformular


Alle 2 Rezensionen von Karoline Pietrzik anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Karoline Pietrzik. Rezension vom 28.04.2021 zu: Samia Dinkelaker, Nikolai Huke, Olaf Tietje: Nach der »Willkommenskultur«. Geflüchtete zwischen umkämpfter Teilhabe und zivilgesellschaftlicher Solidarität. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5414-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27949.php, Datum des Zugriffs 03.08.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht