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Miriam Düber, Constance Remhof u.a. (Hrsg.): Begleitete Elternschaft

Cover Miriam Düber, Constance Remhof, Ulla Riesberg, Albrecht Rohrmann, Christiane Sprung (Hrsg.): Begleitete Elternschaft in den Spannungsfeldern pädagogischer Unterstützung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 245 Seiten. ISBN 978-3-7799-6316-5. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema

Mit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2006 wurde das Recht auf selbstbestimmte Elternschaft unabhängig von Art und Schwere der Behinderung als Menschenrecht festgeschrieben. Das gilt auch für Menschen mit Lernschwierigkeiten (dieser Begriff wird anstelle des sozialrechtlich noch gebräuchlichen Begriffs Menschen mit geistigen Behinderungen von den Autor_innen des vorliegenden Buches verwendet). Die Vertragsstaaten, dazu gehört seit 2009 auch Deutschland, verpflichteten sich, die entsprechenden Rahmenbedingungen zur Umsetzung zu schaffen. Dennoch treffen Menschen mit Lernschwierigkeiten bereits bei der Äußerung ihres Kinderwunsches bzw. bei Bekanntwerden der Schwangerschaft noch immer auf Ängste, Vorurteile und Ablehnung in ihrem sozialen Umfeld sowie bei Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe und der Eingliederungshilfe. Sie treffen auf eine unzureichende Infrastruktur sowie Streit um Zuständigkeiten und Finanzierung von Leistungen.

Im vorliegenden Buch wird die aktuelle Situation bei der Etablierung der Begleiteten Elternschaft als geeignetes Angebot für diese Elterngruppe umfassend analysiert. Es trägt zu einem besseren Verständnis der Herausforderungen und Möglichkeiten der bedarfsgerechten Unterstützung von Eltern mit Lernschwierigkeiten bei.

Ausgehend von der aktuellen Rechts- und Forschungslage kommen sowohl Eltern mit Lernschwierigkeiten als auch erwachsene Kinder, Fachkräfte aus Projekten der Begleiteten Elternschaft, dem Bereich Kinderschutz oder Wissenschaftler verschiedener pädagogischer Disziplinen zu Wort. Abgerundet wird das Buch durch zwei Beiträge zu Angeboten für Eltern mit Lernschwierigkeiten aus Kanada und Großbritannien.

Herausgeber*innen und Autor*innen

Miriam Düber M.A. ist Diplomsozialpädagogin. Albrecht Rohrmann ist Professor für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt soziale Rehabilitation und Inklusion. Beide arbeiten am Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE) der Universität Siegen. Sie übernahmen die wissenschaftliche Begleitung des Modellprojektes „Entwicklung von Leitlinien zu Qualitätsmerkmalen Begleiteter Elternschaft in NRW“. Constance Remhof B.A., gehörte ebenfalls zum Team der wissenschaftlichen Begleitung des Modellprojektes. Sie arbeitet im Bereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Universität Siegen mit dem Schwerpunkt Elternschaft von Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Ulla Riesberg und Christiane Sprung sind Diplom-Pädagoginnen und bringen ihre langjährige Expertise in der praktischen Arbeit im Projekt MOBILE, einem Projekt der Begleiteten Elternschaft in Dortmund, ein. Sie sind Mitglieder in der Bundesarbeitsgemeinschaft Begleitete Elternschaft und verfügen über umfangreiche praktische Erfahrung in der Unterstützung von Eltern mit Lernschwierigkeiten.

Neben den fünf Herausgeber_innen gibt es weitere elf Autor_innen mit wissenschaftlicher und praktischer Expertise in der Arbeit mit dieser Elterngruppe, die in ihren Beiträgen spezifische Aspekte der Unterstützung von Eltern mit Lernschwierigkeiten beleuchten.

Entstehungshintergrund

Das Thema Elternschaft von Menschen mit Lernschwierigkeiten stellte bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts ein Tabuthema dar. Erst mit der Arbeit von Pixa-Kettner, Bargfrede und Blanken im Jahre 1996 begann eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit der Frage, wie Elternschaft von Menschen mit Lernschwierigkeiten gelingen kann.

MOBILE-Selbstbestimmtes Leben Behinderter e.V. widmet sich seit vielen Jahren der Unterstützung von Menschen mit Lernschwierigkeiten besonders auch im Bereich der selbstbestimmten Elternschaft. Der Verein entstand 1983 aus der Politischen Behindertenselbsthilfe heraus „um Alternativen zum tradierten Behindertenhilfesystem aufzuzeigen und deren Aufbau zu unterstützen“ (https://www.mobile-dortmund.de/45-0-Verein.html 2021). Das Engagement der Protagonisten des Vereins für den Aufbau eines Angebotes der Begleiteten Elternschaft ist als Alternative zu tradierten Hilfesystemen der Behinderten- sowie der Jugendhilfe zu sehen. Bereits das erste Modellprojekt zur Begleiteten Elternschaft wurde wissenschaftlich begleitet und publiziert (Lenz et al. 2010). Das Modellprojekt „Entwicklung von Leitlinien zu Qualitätsmerkmalen Begleiteter Elternschaft in NRW“ (2018 bis 2020) in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste der Universität Siegen (ZPE) und gefördert durch die Stiftung Wohlfahrtspflege NRW, fiel zeitlich mit dem stufenweisen Inkrafttreten des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) in Deutschland zusammen. Konzipiert für Nordrhein-Westfalen leistet es einen sehr wichtigen Beitrag für die Umsetzung des Artikels 23 der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) sowie des § 78 BTHG in Bezug auf die Weiterentwicklung der Begleiteten Elternschaft auch in anderen Bundesländern. Die Arbeitsergebnisse des Modellprojektes sowie der wissenschaftlichen Begleitung werden im vorliegenden Sammelband vorgestellt.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in fünf Teile mit je drei, bzw. im Teil 4 mit vier Einzelbeiträgen und im fünften Teil mit einem Exkurs zum Thema „Eltern mit Lernschwierigkeiten“ in Kanada und Großbritannien.

Die Beiträge beleuchten das Thema jeweils aus einem anderen Blickwinkel, sodass die Leser_innen umfassende Informationen zum Schwerpunktthema Begleitete Elternschaft erhalten. Jeder Einzelbeitrag enthält ausführliche Literaturhinweise. Es gibt im Buch zahlreiche Querverweise auf die einzelnen Kapitel, sodass die Multidimensionalität des Themas immer präsent ist.

Teil 1 befasst sich unter der Überschrift „ Begleitete Elternschaft – Herausforderungen, Entwicklungen und Zukunftsperspektiven“ mit den grundlegenden wissenschaftlichen und rechtlichen Fragen zum Thema. Im einleitenden Beitrag wird von den Herausgeber_innen ein Überblick über Entwicklungen, Herausforderungen und Perspektiven der Unterstützung von Eltern mit Lernschwierigkeiten und ihren Familien gegeben. Der zweite Beitrag dieses Kapitels befasst sich mit Anforderungen an die Qualitätsentwicklung (Riesberg, Sprung) und im dritten Beitrag sensibilisiert Rohrmann für noch immer bestehende Barrieren und skizziert Rahmenbedingungen für bedarfsgerechte, flexible Unterstützungsarrangements an den Schnittstellen der Jugend- und Eingliederungshilfe.

Teil 2: Begleitete Elternschaft aus verschiedenen Blickwinkeln: Basierend auf qualitativen empirischen Daten betrachten die Autor_innen die Anforderungen an die bedarfsgerechte Unterstützung von Eltern mit Lernschwierigkeiten aus der Perspektive der Eltern und ihrer sozialisationsbedingten kumulativen Benachteiligungen (Düber). Remhof und Düber zeigen die Sichtweisen junger Erwachsener auf, deren Eltern eine geistige Behinderung zugeschrieben wurde. Die dritte Perspektive ist die von Fachkräften, die in Familien von Eltern mit Lernschwierigkeiten Unterstützung leisten (Remhof, Lücking).

Teil 3: Grundlegende Spannungsfelder und Herausforderungen in der Begleitung von Eltern mit Lernschwierigkeiten und ihren Kindern: Dieser Teil spannt den Bogen vom Umgang mit Sexualität, Partnerschaft und Familiengründung und den damit verbundenen, vor allem ideellen, Barrieren (Römisch) über das Spannungsverhältnis von Elternrechten und Kindeswohl auf der Basis rechtlicher Grundlagen (Schone) bis hin zur Sensibilisierung für Anforderungen an Begleitete Elternschaft und noch immer bestehende Barrieren (Düber) und die Bedeutung sozialer Netzwerke im Kontext professioneller Unterstützung (Theile).

Teil 4: Eltern mit Lernschwierigkeiten im Kontext ausgewählter Hilfeformen: In diesem Teil werden bestehende Angebote zur Unterstützung von jungen Eltern dargestellt und deren Passfähigkeit für die Bedarfe von Eltern mit Lernschwierigkeiten kritisch bewertet. Bächer widmet sich praxisnah den Möglichkeiten der Frühen Hilfen als niederschwelliges Angebot. Dittmann fokussiert auf die Probleme der Mutter-/Vater-Kind-Einrichtungen als stationäres Angebot, Kaminski auf die reguläre Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) als ambulantes Angebot bei der Unterstützung von Eltern mit Lernschwierigkeiten. Abschließend setzen sich Düber und Rohrmann mit Entscheidungsprozessen in der Unterstützung von Eltern mit Lernschwierigkeiten auseinander.

Exkurs: Begleitete Elternschaft aus internationaler Perspektive: Der Exkurs nach Kanada (Aunos, Pacheco, More) und Großbritannien (van Essen) liefert „einen Blick über den Tellerrand“ und zeigt gute Beispiele zur Unterstützung der relevanten Elterngruppe, aber auch ähnliche Problemlagen auf.

Inhalt

„In Deutschland hängt es für Eltern mit Lernschwierigkeiten und ihre Kinder immer noch vom Zufall ab, ob sie als Familie zusammenleben können oder nicht.“ stellen Riesberg und Sprung (S. 20) fest. Sie verweisen in ihrem Beitrag auf Pixa-Kettner, die für das Jahr 2007 weit differierende Anteile von Kindern fand, die mit ihren Eltern mit Lernschwierigkeiten zusammenleben konnten (zwischen 76,5 % in Schleswig-Holstein und 35,4 % in Bremen). Die Ursachen für diese Unterschiede werden in strukturellen Problemen gesehen. Fehlende Konzeptionen, fehlende Aussagen zur Qualitätssicherung, fehlende Fortbildungsangebote, Streit um Finanzierung von Leistungen spielen eine wesentliche Rolle für das hohe Risiko von Eltern mit Lernschwierigkeiten, wegen nicht bedarfsgerechter Unterstützung von ihren Kindern getrennt zu werden. Mit diesen Problemen wird sich in den Beiträgen des Buches aus unterschiedlichen Perspektiven auseinandergesetzt.

Mit dem Modellprojekt „Entwicklung von Leitlinien zu Qualitätsmerkmalen Begleiteter Elternschaft in Nordrhein-Westfalen“ wird ein wesentlicher Beitrag geleistet, Voraussetzungen für den Abbau bestehender Probleme und mehr Chancengerechtigkeit für Eltern mit Lernschwierigkeiten durch bedarfsgerechte Angebote, Sensibilisierung und Qualifizierung zu schaffen. Insgesamt 12 Leitlinien werden entwickelt und im Beitrag von Riesberg und Sprung diskutiert. Die Leitlinien bilden den inhaltlichen Rahmen des Buches und werden in den folgenden Kapiteln aus den unterschiedlichen Perspektiven untersetzt. Damit findet sich in allen Beiträgen der Bezug zu den Leitlinien. Es werden sowohl der Handlungsbedarf auf der Ebene der Leistungserbringer und Leistungsträger als auch die Möglichkeiten der Unterstützung und spezifischen Bedarfe von Eltern mit Lernschwierigkeiten umfassend theoretisch und empirisch dargestellt.

In der Kurzfassung betreffen diese Leitlinien:

  1. Recht auf Familie
  2. Fachliche Grundsätze – Inklusion
  3. Fachliche Grundsätze – Empowerment
  4. Fachliche Grundsätze – Partizipation
  5. Professionelle Haltung
  6. Pädagogische Unterstützung
  7. Methoden
  8. Kindliche Bedürfnisse und Erziehungskompetenzen
  9. Finanzierung und Verfahrensabläufe
  10. Anforderungen an ein Unterstützungskonzept
  11. Kooperation und Vernetzung
  12. Qualitätsentwicklung.

Da Menschen mit Lernschwierigkeiten unter den Eltern trotz steigender Zahlen eine vergleichsweise kleine Gruppe bilden, fehlen Fachkräften aller relevanten Professionen ausreichende Erfahrungen mit diesen Eltern, was zu Ängsten, Vorurteilen und Unsicherheiten führt. Ihnen stehen Eltern gegenüber, die Angst haben, den Anforderungen an gute Elternschaft nicht genügen zu können und deshalb von ihren Kindern getrennt zu werden. Aus diesem Grund kommt einer Sensibilisierung für Eltern mit Lernschwierigkeiten eine große Bedeutung zu (Leitlinie 1,2,5). Sozialisation und Lebenslage, als wesentliche Einflussfaktoren auf gelingende Elternschaft, werden grundlegend im Beitrag von Rohrmann sowie vertiefend in den Beiträgen im Teil 2 und 3 des Buches diskutiert.

Bereits das Thema Sexualität und Partnerschaft löst in den sozialen Netzen von jungen Menschen mit Lernschwierigkeiten Ängste und Verunsicherungen aus – mit Einfluss auf die sexuelle Selbstbestimmung und die Selbstbestimmung in Bezug auf Familiengründung (Römisch). Menschen mit Lernschwierigkeiten verfügen oft über langjährige Erfahrungen mit traditionellen, wenig partizipativen und Selbstbestimmung fördernden Helfersystemen. Soziale Netze und damit verbundene Ressourcen sind eher klein. Überwiegend leben sie in materieller Armut und Abhängigkeit von sozialen Transferleistungen. Überzeugend wird aus der jeweiligen Perspektive der Beiträge dargestellt, dass eine einfache Reduktion von Problemen bei der Erziehung der Kinder auf die Behinderung der Eltern ebenso einen ungeeigneten Ansatz in der Arbeit mit den Eltern darstellt, wie der Rückschluss, dass aus der Behinderung der Eltern auf eine unmittelbare Kindeswohlgefährdung geschlossen werden könnte. Vielmehr erfordert die Unterstützung von Eltern mit Lernschwierigkeiten ein sehr komplexes, flexibles Handeln, das an der Lebensrealität der Familien orientiert ist. Diese Betrachtungsweise entspricht den Forderungen der aktuellen Gesetzgebung, als wesentlichen Bestandteil der Hilfeplanung die Kontextfaktoren gemäß Internationaler Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) zu berücksichtigen. 

Die Leitlinien 3,4,5 zielen auf die Entwicklung professioneller Haltungen ab, die auf Wertorientierungen, Normen, Deutungsmustern und Einstellungen basieren. Sie entscheiden sehr wesentlich darüber, ob Eltern mit Lernschwierigkeiten eine reale Chance bekommen, mit ihren Kindern zusammenleben zu können und bedarfsgerechte Unterstützung zu erhalten. Rohrmann stellt den Bezug zum aktuellen Kinder- und Jugendhilferecht dar, in dem Eltern mit Lernschwierigkeiten in erster Linie Adressat_innen von Leistungen zur „Förderung der Erziehung in der Familie“ sind. Sowohl in seinem Beitrag als auch in den Beiträgen im Teil 4 des vorliegenden Buches wird kritisch hinterfragt, warum traditionelle Angebote der Familienhilfe im ambulanten und stationären Setting sowie Familienbildungsangebote Eltern mit Lernschwierigkeiten nur in begrenztem Umfang erreichen. Im Sinne des Inklusionsgedankens werden von mehreren Autor_innen heterogene Gruppen sowohl in Bildungs- als auch in Unterstützungsangeboten präferiert, in denen Eltern und Kinder aber auch Fachkräfte profitieren und Kompetenzen entwickeln können. Als Voraussetzung für das Gelingen werden in mehreren Beiträgen Anforderungen an die fachliche Qualifikation formuliert, die sich nicht ausschließlich auf die Berufsabschlüsse beziehen, sondern auf Haltungen, Grundüberzeugungen, Einstellungen der professionellen Akteure.

Bächer beschreibt in ihrem Beitrag anhand eines gelungenen Praxisprojektes, wie Frühe Hilfe ohne Stigmatisierung gelingen kann und warum ein rein pädagogischer Ansatz, der „die Widerstände und die eigene Bedürftigkeit von Eltern nicht wahr und ernst nimmt“ ebenso wenig erfolgreich ist wie ein rein therapeutischer Ansatz, bei dem “die Bedürfnisse des kleinen Kindes unter Umständen aus dem Blick geraten“ (S. 156).

Die Bedeutung professionellen Handelns spiegelt sich auch in den Beiträgen wider, in denen das Kindeswohl im Vordergrund steht. Sowohl aus der Perspektive erwachsener Kinder, die Eltern mit Lernschwierigkeiten haben, (Remhof, Düber) als auch der Perspektive Kinderschutz (Schone) wird das Spannungsfeld professionellen Handelns beleuchtet. Fachkräfte werden zu wichtigen Bezugspersonen für die Kinder und entscheiden durch ihr Handeln, ob Kinder mit den Besonderheiten ihrer Familien gesund aufwachsen oder ob sie die Stigmatisierung ihrer Familie belastend erleben. Empowerment und Partizipation werden nicht nur in ihrem Einfluss auf die Eltern dargestellt, sondern auch auf die Kinder; eine Sichtweise, die den Entwicklungsbedarf im professionellen Handeln aufzeigt.

Schone setzt sich aus wissenschaftlicher Sicht mit der Thematik Kinderschutz und Kindeswohl bzw. Kindeswohlgefährdung und mit Anforderungen an die Ausgestaltung partizipativer, ressourcenorientierte Arbeit der Jugendämter auseinander. So verweist er darauf, dass es sich beim Anspruch auf Hilfen zur Erziehung um einen Rechtsanspruch betroffener Eltern gegenüber dem Jugendamt handelt, „nicht etwa um das Recht des Jugendamtes, sich in die familiären Angelegenheiten der Familie einzumischen“ (S. 117). Auch in diesem Beitrag wird deutlich, dass ein Blickwechsel auf Eltern mit Lernschwierigkeiten im professionellen Handeln dringend erforderlich ist, damit Kinder in ihren Familien gesund aufwachsen können und die Art und Weise der Unterstützung nicht selbst zur Gefährdung des Kindeswohls wird.

Die Leitlinien 9 bis 11 umfassen die Problembereiche Kooperation und Koordination bzw. Finanzierung im Rahmen der Unterstützung von Eltern mit Lernschwierigkeiten. Rohrmann verweist darauf, dass „Hilfeplanverfahren durch eine Dominanz der professionellen Akteur*innen „ (S. 42) geprägt sind, Transparenz und Partizipation der Eltern hingegen kaum eine Rolle spielen. In verschiedenen Beiträgen des Buches wird darauf Bezug genommen, dass Intransparenz, Unübersichtlichkeit in Zuständigkeiten und Angeboten dazu führen, dass sowohl Eltern mit Lernschwierigkeiten als auch Fachkräfte verunsichert sind und ihre Situation eher als bedrohlich erleben. Es fehlt noch immer an abgestimmten Hilfeplanungen, Teilhabeplanverfahren gemäß BTHG müssen erst entwickelt werden (S. 28). Aus dem Streit um Zuständigkeiten „…kommt es im schlimmsten Fall zur Trennung von Eltern und Kind, die ausschließlich verfahrenstechnisch begründet ist.“(S. 28).

Diskussion

Die UN-BRK ist nunmehr seit 12 Jahren in Deutschland geltendes (Menschen-)Recht, das Bundesteilhabegesetz seit drei Jahren. Beide Gesetze bieten die Grundlage für die Umsetzung der Rechte von Menschen mit Behinderungen auf Selbstbestimmung und Teilhabe in allen Bereichen des Lebens, unabhängig von Art und Schwere der Behinderung. Das gilt auch uneingeschränkt für die Bereiche Sexualität und Elternschaft.

Das Modellprojekt zur Entwicklung von Leitlinien zur Begleiteten Elternschaft ist ein wichtiger Beitrag, Rahmenbedingungen zu definieren, die Elternschaft für Menschen mit Lernschwierigkeiten gelingen lassen und ihren Kindern ein gesundes Aufwachsen in ihren Familien ermöglichen. Es werden aber auch die daraus resultierenden Herausforderungen an das professionelle Helfersystem formuliert. Und es werden Voraussetzungen benannt, die die flexible, bedarfsgerechte Unterstützung der Familien auch für das Helfersystem gestaltbar machen können.

Das Buch stellt in überzeugender Weise die unterschiedlichen Sichtweisen, Probleme und den dringenden Entwicklungsbedarf in der Unterstützung von Eltern mit Lernschwierigkeiten dar. Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Beiträge des Buches die Aussage, dass es vor allem darauf ankommt, ideelle Barrieren bei allen beteiligten Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe, der Eingliederungshilfe, der Familiengerichtsbarkeit incl. der Sachverständigen in Begutachtungsverfahren oder in medizinisch-pflegerischen Bereichen abzubauen, um damit Eltern mit Lernschwierigkeiten und ihren Kindern zu erleichtern, bedarfsgerechte Unterstützung annehmen und selbstbestimmte Elternschaft leben zu können. Es sollte Bestandteil der Aus- und Weiterbildung in allen relevanten Berufsgruppen werden.

Die Ergebnisse des Modellprojektes „Entwicklung von Leitlinien zu Qualitätsmerkmalen Begleiteter Elternschaft in NRW“ sollten ebenso in die Entwicklung von Konzeptionen zur Umsetzung des Artikels 23 der UN-BRK und des § 78 BTHG einfließen, damit auch in anderen Bundesländern gute Angebote der Begleiteten Elternschaft entstehen und nicht auf bisherige Angebote der Jugendhilfe einfach der Stempel „Begleitet Elternschaft“ gedrückt wird. Dabei kommt es nicht auf den Aufbau neuer, möglichst stationärer Einrichtungen an sondern auf den Umbau bestehender Angebote im Sinne der Inklusion.

Nach dem Lesen des Buches wird jedoch auch deutlich, was sich insgesamt in der Jugendhilfe ändern muss, um Eltern und Kinder aus Familien mit Unterstützungsbedarf mitzunehmen, ihre Kompetenzen zu stärken und achtungsvoll mit Eltern und Kindern umzugehen. Es wird deutlich, dass einerseits noch zu oft durch nichtbedarfsgerechte Maßnahmen strukturelle Kindeswohlgefährdung in Kauf genommen wird. Andererseits zeigt das Buch auch die hohen Anforderungen an die Jugendhilfe durch komplexe Bedarfslagen in Familien mit Unterstützungsbedarf. Die Lernschwierigkeiten der Eltern stellen nur einen Aspekt dieser Bedarfe dar. Insofern können die Erfahrungen des Modellprojektes auch wichtige Impulse geben für die Weiterentwicklung des Systems der Jugendhilfe im Bereich der Hilfen zur Erziehung.

Fazit

Das vorliegende Buch leistet einen wichtigen Beitrag für die Umsetzung des Rechts auf selbstbestimmte Elternschaft. Die Leitlinien zu Qualitätsmerkmalen Begleiteter Elternschaft werden in den einzelnen Beiträgen aus unterschiedlichen Blickwinkeln überzeugend begründet. Das Buch sollte als Grundlage für die Entwicklung von Konzepten der Begleiteten Elternschaft auch in anderen Bundesländern Anwendung finden und als Lehrbuch Bestandteil in der Aus- und Weiterbildung relevanter Berufsgruppen werden.

Ein lesenswertes, interessantes und wichtiges Buch für alle, die Selbstbestimmung und Teilhabe von Menschen mit Lernschwierigkeiten umsetzen wollen.


Rezension von
Dr. Marion Michel
Medizinsoziologin, Verein Leben mit Handicaps e.V. - Kompetenzzentrum für behinderte und chronisch kranke Eltern in Sachsen
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Zitiervorschlag
Marion Michel. Rezension vom 08.04.2021 zu: Miriam Düber, Constance Remhof, Ulla Riesberg, Albrecht Rohrmann, Christiane Sprung (Hrsg.): Begleitete Elternschaft in den Spannungsfeldern pädagogischer Unterstützung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6316-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27950.php, Datum des Zugriffs 03.08.2021.


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