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Stefan Bestmann, Delia Godehardt: Was braucht ein zukunftsweisender ASD?

Cover Stefan Bestmann, Delia Godehardt: Was braucht ein zukunftsweisender ASD? Impulse von Stefan Bestmann und Delia Godehardt. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2020. 64 Seiten. ISBN 978-3-7841-3269-3. D: 9,00 EUR, A: 9,30 EUR.
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Autor/​innen

Verfasst wurde die vorliegende Publikation von Delia Godehardt, Sozialpädagogin und systemische Beraterin, tätig als Führungskraft bei einem kommunalen Jugendamt sowie von Stefan Bestmann, Professor für Soziale Arbeit an der IUBH Internationale Hochschule und zudem tätig als Praxisberater und Trainer.

Aufbau

Das Buch erscheint als 24. Ausgabe in der Reihe „Soziale Arbeit kontrovers“ des Deutschen Vereins. Es bietet einen theoretisch-konzeptionellen Bezugsrahmen, ein Praxisbeispiel zur Mitbestimmung von Adressat/​innen sowie einen kompakten Perspektivenblick auf den ASD. Der Vollständigkeit wegen sei hier erwähnt, dass der Begriff ASD für Deutschland zutreffend ist. In Österreich gibt es keine adäquate wörtliche Übersetzung. Hier wird meist vom Fachbereich Sozialarbeit gesprochen, der den fachlichen Kern der Kinder- und Jugendhilfe in Österreich darstellt, wobei Kinder- und Jugendhilfe – anders als in Deutschland – ausschließlich den Bereich der Familiensozialarbeit umfasst.

Trotz dieser begrifflichen Unterschiede sind die Aufgaben und Fragestellungen, die diese Profession laufend beschäftigen, grenzüberschreitend vergleichbar.

Inhalt

In einem vorangestellten Prolog wird am Beispiel eines alleinerziehenden Vaters die Kompliziertheit des Nebeneinanders im Hilfesystem von 26 Fachkräften unterschiedlicher Professionen in einem Familiensystem etwas zugespitzt, aber durchaus praxisnah skizziert. Die zuständige ASD-Mitarbeiterin bewegt sich in einem Dschungel von unterschiedlichen Kompetenzen und Fachlichkeiten und ist gleichzeitig herausgefordert, fachliche Ansprüche an das eigene Handeln im Sinne einer systemischen und sozialraumorientierten Praxis zu realisieren. Das Beispiel trifft auf innere Zustimmung im Sinne von: „Ja, so etwas kennen wir auch aus unserer Praxis“. Gleichzeitig eröffnet diese Erkenntnis zumindest zwei Reaktionsmuster:

Hilflosigkeit im Sinne von, denen geht es gleich wie uns und was sollen wir als einzelne Mitarbeiterin, als einzelner Mitarbeiter dagegen machen?

Oder ein sympathisierendes „Wir sitzen alle im gleichen Boot“, das neugierig macht, nach dem Motto, wir sind nicht alleine und jetzt schauen wir einmal, wie das denn die anderen schaffen.

Das folgende Kapitel zu theoretisch-fachkonzeptionellen Bezügen befasst sich zunächst mit Aspekten einer alltagsorientierten Sozialen Arbeit, leitet daraus fachkonzeptionelle Prinzipien ab und skizziert organisationsstrukturelle Notwendigkeiten wie organisationsinterne Kooperation, multiperspektivische Teams, sozialraumbezogene Aufbauarchitektur, ein entsprechendes Managementverständnis sowie eine Steuerungsrichtung „von Versorgungsqualität zu Lebensqualität“.

Anhand eines konkreten Beispiels wird im zweiten Kapitel das Modell einer „dialogisch-partizipativen Fallberatung“ praxisnah entwickelt und in seinen Möglichkeiten für die Hilfeplanung im ASD ausgeleuchtet. Leser/​innen erhalten einen Einblick darin, wie Dialog und Partizipation der Adressat/​innen im sogenannten „Hilfedreieck“ umgesetzt werden können, welche Voraussetzungen es dafür bedarf und wie gemeinsam mit den Adressaten/​innen eine Fallberatung durchgeführt wird.

Im Prolog zu diesem Buch ist zu lesen, dass es keiner weiteren normativen Appelle an die Fachkräfte bedürfe. Zustimmung! Umso größer die Erwartung, das Praxisbeispiel zu lesen und dadurch den theoretischen Vorspann geerdet zu bekommen; gepaart mit der naiven Hoffnung auf eine konkrete Handlungsanleitung.

Das Kapitel schließt mit einer kompakten Beschreibung der „Anforderungen an Fachkräfte und Organisationen“ als Grundlage für die Umsetzung derartiger Fallberatungen. Das Praxisbeispiel ist ansprechend und regt zur Nachahmung an. So, wie es beschrieben ist, könnte man meinen, man könnte es eins zu eins bereits am nächsten Tag in der eigenen Organisation umsetzen. Was hält einen davon ab? Aus meiner Sicht die Summe der genannten Anforderungen. Am Ende ist es vielleicht auch zu viel des Guten, was alles bedacht werden muss, sodass man sich ob der Fülle erschlagen fühlen könnte und sich wegen der zahlreichen Arbeitsschritte möglicherweise nicht traut, über den eigenen Schatten zu springen und das zu tun, was fachlich auf der Hand liegt ist – die Adressatinnen und Adressaten unserer Arbeit viel stärker, konsequenter und von Anfang an mit einzubeziehen.

Abschließend werden im dritten Teil „Perspektiven – Quo Vadis ASD?“ die zahlreichen Diskurse zum ASD sowie die daraus folgenden Anforderungen skizziert und daraus einige Aspekte zur quantitativen, wie auch qualitativen Stärkung des ASD abgeleitet. Wesentlich ist dabei eine adäquate Binnenstruktur des ASD, ein kooperatives Verhältnis zu den Leistungserbringern sowie eine veränderte Finanzierungssystematik.

Diskussion

So klar, beinahe selbstverständlich und ausschließlich bejahend der theoretische Rahmen und das darin eingefügte Praxisbeispiel sich bei der unkomplizierten und kurzweiligen Lektüre dieses Büchleins darstellen, so anspruchsvoll ist die Realisierung dieses Ansatzes auf allen Ebenen. „Ja, ja, ja!“ Dies möchte man mindestens nach jeder Seite ausrufen oder gleich das gesamte Kapitel als Vortrag an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der eigenen Organisationseinheit aussenden. Gut, leicht und verständlich formuliert, an manchen Stellen pointiert und rasant zusammengefasst, fühlt man sich sowohl angesprochen, bestätigt als auch herausgefordert. Letzteres vor allem durch die Frage, die man je nach eigener beruflicher Verortung an sich selbst stellt: Was trage ich dazu bei, dass dies in meinem Zuständigkeits- und Verantwortungsbereich so umgesetzt und gelebt werden kann?

Auch beim Praxisbeispiel ist die Lesbarkeit und Verständlichkeit sehr gut und einfach, sodass man sich rasch angesprochen fühlt beziehungsweise sich inhaltlich wiederfinden kann. Besonders hervorstreichen möchte ich die Definition von „echte Beteiligung bedeutet die Transparentmachung professioneller Strukturen und Entscheidungswege“; eine der zentralen handlungsleitenden Aussagen. Dies muss jedes Jugendamt gewährleisten, um die wenige Zeilen später beschriebene „Blackbox“ zu beleuchten und zugänglich zu machen, insbesondere für jene Menschen, in deren Auftrag wir als Jugendämter arbeiten. Das verständlich machen des administrativen und bürokratischen Alltages ist einer der oft unterschätzten Arbeitsaufträge von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern. Alleine die bürokratische Sprache, die Prozessschritte und Abläufe, die Hierarchien und Entscheidungswege stellen für viele der Fachkräfte einen undurchsichtigen Dschungel dar, umso mehr für Bürgerinnen und Bürger, die ihren Rechtsanspruch auf Unterstützungsleistung durch Jugendämter geltend machen wollen.

Eine Verwaltungseinheit wie ein Jugendamt, ist nicht mit einem Unternehmen zu vergleichen, auch wenn gewisse unternehmerische Logiken auch hier greifen. Dennoch wäre aus meiner Sicht die Sonderstellung des „öffentlichen Dienstes“, der den Rahmen für die Erbringung der Kinder- und Jugendhilfe darstellt, es wert gewesen, darauf einzugehen, insbesondere, da sich dadurch auch spezielle Herausforderungen ergeben. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sind hier einige genannt: Das zwingende Zusammenspiel aus Politik und Verwaltung, die Verwendung öffentlicher Gelder, die durch Steuereinnahmen und nicht durch Gewinne erzielt werden, die besondere Stellung öffentlicher Bediensteter. Das alles ist mit ausschlaggebend, wie sehr eine in diesem Buch beschriebene fachliche Haltung, konsequent implementiert, umgesetzt, nachjustiert und mit den entsprechenden organisationalen Rahmenbedingungen gefördert werden kann.

Um die Komplexität nicht noch weiter zu erhöhen und dadurch möglicherweise abschreckend zu wirken, sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es neben dem großen Ganzen auch jede und jeden einzelnen braucht, um eine derartige Herangehensweise, wie sie fachlich wohl weitgehend unstrittig ist, zu realisieren. Haltung kann weder trainiert noch angewiesen werden. Sehr wohl kann Haltung aber entwickelt werden. Und diese Entwicklung kann gefördert und unterstützt werden. Auch wenn dieses Buch ganz dezidiert und wörtlich sich von einem Appellcharakter an die Fachkräfte distanziert, so ist es dennoch aus meiner Sicht erforderlich, darauf hinzuweisen, dass es eben auch diese Haltung der einzelnen Fachkraft erfordert und diese immer wieder reflektiert, überdacht und vergewissert werden muss, um eine partizipative Kinder- und Jugendhilfe im beschriebenen Sinne zu realisieren.

Fazit

„Was braucht ein zukunftsweisender ASD?“ ist aus meiner Sicht nicht der geglückteste Titel für ein Fachbuch, das sich vor allem damit auseinandersetzt, sich fachlich davon zu verabschieden, was jemand anderer brauchen könnte. Zugegeben, der ASD ist keine Person, aber so konsequent wie das Autorenpaar die Realisierung sozialraumorientierter Prinzipien auf allen Ebenen einfordert, springt dieser Titel eben ins Auge. Inhaltlich spricht das Buch aus meiner Sicht jede Praktikerin und jeden Praktiker der Sozialen Arbeit an, unabhängig, in welchem fachlichen oder hierarchischen Zusammenhang man selbst tätig ist. Es regt zum Nachdenken und auch zum Nachahmen an und ist aus meiner Sicht eine gute Basis, die eigene Praxis zu überdenken beziehungsweise sie innerhalb des Organisationszusammenhanges auf den Prüfstand zu stellen.

Die Summe der fachlichen Anforderungen ist in ihrer Vollständigkeit gut und übersichtlich ausgebreitet und könnte möglicherweise erschlagend sein. Damit ist eine Chance verschenkt, da dieses Buch Potenzial hat, nachhaltig die Praktikerinnen und Praktiker des ASD beziehungsweise der Kinder- und Jugendhilfe zu berühren und sie in ihrem Arbeitsalltag zu erreichen.

Da das Autorenpaar auch in freier Praxis in Trainings, Beratung und Coaching tätig ist, kann davon ausgegangen werden, dass auf die Frage, „was kann ich persönlich in meinem Arbeitsalltag dafür tun“, diesen partizipativen und sozialraumorientierten Arbeitsansatz zu realisieren, Antworten gegeben werden können.


Rezension von
Mag. Ingrid Krammer
Abteilungsleiterin im Amt für Jugend und Familie der Stadt Graz, www.graz.at/allesfamilie
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Zitiervorschlag
Ingrid Krammer. Rezension vom 07.04.2021 zu: Stefan Bestmann, Delia Godehardt: Was braucht ein zukunftsweisender ASD? Impulse von Stefan Bestmann und Delia Godehardt. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2020. ISBN 978-3-7841-3269-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27951.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


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