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Thomas Bolm: Mentalisierungs­basierte Therapie

Cover Thomas Bolm: Mentalisierungsbasierte Therapie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. 2., aktualisierte Auflage. 205 Seiten. ISBN 978-3-497-03041-5. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Wege der Psychotherapie.
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Thema

Mit dem Buch möchte der Autor eine Lücke schließen und ein Praxisbuch zur Mentalisierungsbasierten Therapie präsentieren. Praxisnah und anschaulich informiert die zu besprechende Publikation über das Mentalisierungskonzept und seine Anwendungen.

Autor

Dr. Thomas Bolm ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie und Gruppenpsychotherapie. Als Chefarzt ist Bolm am MentaCare, Zentrum für psychische Gesundheit Stuttgart tätig.

Aufbau

Der Band ist wie folgt gegliedert:

  1. Einführung
  2. Geschichte
  3. Theorie
  4. Der therapeutische Prozess
  5. Evaluation
  6. Ausblick auf künftige Entwicklungen

Inhalt

Unter der Mentalisierungsbasierten Therapie (MBT) wird die Förderung bzw. Wiedergewinnung der Mentalisierungsfähigkeit verstanden. Es handelt sich um einen modernen Ansatz, der schwere und komplexe Krankheitsbilder verständlich macht. “Die MBT kann bei allen Zuständen oder Erkrankungen helfen, bei denen durch starke innere Beteiligung oder Anspannung steuernde, modulierende und identitätsbildende Ich-Funktionen deutlich beeinträchtigt sind“ (S. 11).

Sehr gute und nachhaltige Verbesserungen bewirkt MBT bei Borderlinestörungen. Über die MBT-Fähigkeit gelingt es innere Repräsentanzen aufzubauen. Darüber gelingt es dem Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) sich und andere in den psychischen und sozialen Aspekten besser zu verstehen.

Anthony Bateman und Peter Fongay entwickelten etwa ab 1995 einen ersten manualisierten und forschungsbegleiteten Praxistest des Mentalisierungskonzepts. Randomisiert-kontrollierte Studien zur MBT erkannten den großen und nachhaltigen Nutzen für die Gesundung und gesellschaftliche Integration von Menschen mit BPS. Diese großartigen Erfolge aus Großbritannien führten dann zur Gründung von MBT-Zentren in Ländern des British Empire. Die Erfolge bei der Behandlung von BPS durch das Mentalisierungskonzept führte zu Forschungen der Behandlung mit MBT bei anderen Erkrankungen.

1998 führten der Autor und sein Team das Mentalisierungskonzept in Deutschland ein.

Das Mentalisierungskonzept fußt auf entwicklungspsychologischen, bildungstheoretischen und neurobiologischen Grundlagen.

Unter Mentalisieren versteht man die imaginative Fähigkeit zur Herstellung von differenzierten inneren Vorstellungen über die Psyche und ihre Wechselwirkungen mit Erlebens- und Verhaltensweisen, welche die Beziehungsgestaltung mit einbeziehen. Mit Blick auf einen selbst und andere kann mit Bedeutungen gespielt und Perspektiven gewechselt werden. Der Perspektivwechsel beinhaltet ein Spielen mit der Realität.

Es sind vier Wahrnehmungsmodi der Realität zu unterscheiden:

  • der Äquivalenzmodus, typischerweise gekennzeichnet durch das Vorhandensein von nur einer Wahrheit;
  • der teleologische Modus, bei dem Menschen auf die konkreten Aktionen des Gegenübers angewiesen sind;
  • der Als-ob-Modus, der ein Nachdenken, Vorausschauen und ein Spielen mit Ideen und Interpretationen ermöglicht;
  • der reflektierende Modus – und hier nimmt man Abstand von den direkt beobachteten oder erlebten Effekten eines Verhaltens ohne dieselben auszublenden.

„Wer gut mentalisieren gelernt hat, kann sich ein besseres soziales Netz schaffen und wird später besser sozial aufgefangen, wenn die eigenen Ich-Funktionen einmal nicht so gut funktionieren“ (S. 54).

Im therapeutischen Prozess erfolgt im deutschsprachigen Raum die Mentalisierungsdiagnostik i.d.R. über die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik, einem halbstandardisierten Zugang zur Erfassung der Mentalisierungsfähigkeit.

Es werden unterschiedliche Settings aufgeführt, die, je nach Indikation, zur Anwendung kommen können, als da wären:

  • das Kurzzeittherapieprogramm iMBT (8 – 12 wöchentlich stattfindende doppelstündige Gruppensitzungen);
  • das tagesklinische MBT-Intensivprogramm (über maximal 18 Monate findet an 5 Wochentagen eine Behandlung statt);
  • das MBT-Nachsorgeprogramm (es folgt der MBT-Intensivprogramm für maximal 18 Monate);
  • das ambulante MBT-Intensivprogramm (an zwei Tagen/​Woche wird Einzel- oder Gruppenpsychotherapie angeboten);
  • die kurze stationäre Krisenintervention (wenige Tage bis Wochen);
  • die mehrmonatige Komplexpsychotherapie auf einer MBT-Spezialstation.

Diskussion

Auf die Coronapandemie bezogen kann die Mentalisierungsbasierte Therapie ein nützliches Instrument sein, wenn auf Seite 182 zu lesen ist, dass angstamachende Krisen u.a. häufig in der Politik vorkommen. „Hier geht es, wie in der Borderlintherapie, oftmals um existentielle Erlebnisqualitäten von Gut oder Böse, Zusammenhalt oder Fragmentierung und Kreativität oder Vernichtung. Und im Erscheinungsjahr hat sich, wie der Autor feststellt, „eine leidvolle Entwicklung verstärkt, die sich um ‚fake news‘, ‚Lügenpresse‘ und Verschwörungstheorien dreht“ (S. 182).

Fazit

Beim Mentalisieren handelt es sich um die imaginative Fähigkeit zur differenzierten Vorstellung von sich selbst und anderen und der Beziehung miteinander. Bei schweren psychischen Krankheiten treten Mentalisierungsstörungen auf. Charakteristisch für die Mentalisierungsförderung ist eine aktiv-neugierige und nichtwissende Haltung sowie ein kleinschrittiges, interaktionell und prozessorientiertes Vorgehen.

Sehr gute und nachhaltige Behandlungserfolge zeigen sich in der Anwendung der MBT bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen. Diese Behandlungserfolge zeigen sich in der Symptomreduktion, der Lebensqualität und der Kosteneffektivität.


Rezension von
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 30.03.2021 zu: Thomas Bolm: Mentalisierungsbasierte Therapie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. 2., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-497-03041-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27955.php, Datum des Zugriffs 02.08.2021.


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