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Thomas Müller: Basiswissen Pädagogik bei Verhaltensstörungen

Cover Thomas Müller: Basiswissen Pädagogik bei Verhaltensstörungen. UTB (Stuttgart) 2021. 211 Seiten. ISBN 978-3-8252-5578-7. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 29,50 sFr.
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Thema

Thomas Müller legt mit seiner Veröffentlichung eine Basis für den pädagogischen Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die einen Förderbedarf in der sozial-emotionalen Entwicklung haben.

Autor

Thomas Müller lehrt an der Universität Würzburg als außerplanmäßiger Professor am Lehrstuhl Pädagogik bei Verhaltensstörungen.

Entstehungshintergrund

Da die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit einem Förderbedarf in der sozial-emotionalen Entwicklung in den unterschiedlichen Institutionen ansteigt, will die zu besprechende Publikation einen Überblick über fachlich relevante Aspekte für die Arbeit mit der vorgenannten Personengruppe schaffen.

Aufbau

  1. Herkunft und Zukunft
  2. Begriffe und Ordnungen
  3. Verhalten erklären – Erleben verstehen
  4. Bildung und Erziehung
  5. Lehren und Lernen
  6. Diagnostik und Förderung
  7. Prävention und Intervention

Inhalt

Bei der Darstellung der ideengeschichtlichen Aspekte zur Herkunft der Pädagogik bei Verhaltensstörungen beginnt Müller im 17. Jahrhundert, das durch eine gesinnungsethische Haltung geprägt ist, führt weiter über das eher medizinische Interesse im 18. Jahrhundert und endet mit dem Interesse am inneren Erleben des Menschen im 20. Jahrhundert.

Der Blick in die Zeit des Nationalsozialismus‘ zeigt, dass Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensauffälligkeiten kein wirtschaftlicher Wert zuerkannt wurde. Über die Hitlerjugend sollte eine Besserung erfolgen: „Dort konnten verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche ihren volkswirtschaftlichen Wert unter Beweis stellen“ (S. 15).

In der DDR wurde bei verhaltensauffälligen Kindern eine Umerziehung durchgeführt, um so, eine sich dem Kollektiv unterzuordnende, sozialistische Persönlichkeiten zu schaffen. Diese Umerziehung hatte Ausschluss, harte Arbeit und überzogene Strafen zur Folge.

Die Ausführungen zum Thema Inklusion ist, mit Blick auf die fokussierte Personengruppe, eine Exklusion in der Inklusion.

Bei der Einführung der Begrifflichkeiten, die der Pädagogik bei Verhaltensstörungen zugrunde liegen, führt der Autor Werte und Normen an, z.B. die Bezugsnorm – und hier sind zu unterscheiden:

  • die individuelle Bezugsnorm, d.h. die typische Verhaltensweise einer einzigen Person
  • der Situations- oder Sachbezug, d.h. in welcher Situation wird ein angebrachtes oder unangebrachtes Verhalten gezeigt;
  • der gesellschaftsbezogene Maßstab, der sich an den Verhaltensnormen z.B. einer sozialen Gruppe orientiert.

Mit Bezug auf W. Seitz werden unterschiedliche Dimensionen der Normsetzung beschrieben – und das sind:

  • explizite Normen,
  • soziokulturelle Normen,
  • statistische Normen.

Bei der Definition von Verhaltensstörungen, auf welcher die Publikation basiert, beruft Müller sich auf jene von R. Stein: „‘Verhaltensstörungen sind Störungen im Person-Umwelt-Bezug. Sie treten in sozialen Systemen auf und äußern sich bei Kindern und Jugendlichen in Form von Verhaltensauffälligkeiten als Beeinträchtigungen des Verhaltens und Erlebens, welche problematische Folgen für die betroffene Person selbst und/oder ihr Umfeld nach sich ziehen. Dabei bedürfen überdauernde, verfestigte, Verhaltensauffälligkeiten besonderer pädagogischer und gegebenenfalls auch therapeutischer Unterstützungsmaßnahmen‘“ (S. 41).

Die Begriffsklärung führt perspektivisch zur Erklärung von Resilienz und Vulnerabilität. Bei Ersterem handelt es sich um die Fähigkeit, akuten Belastungserfahrungen entgegenzustehen. Aus pädagogischer Sicht ist Vulnerabilität eine konstitutionelle Versehrbarkeit.

Einem Klassifikationssystem von Verhaltensstörungen steht Müller kritisch gegenüber. Es ist fraglich „ob ein Klassifikationssystem notwendig und wünschenswert ist, gerade dann, wenn man Kinder und Jugendliche als einzigartige Individuen ansehen und sie entsprechend begleiten möchte“ (S. 57).

Verhaltensstörungen sind multiperspektivisch zu betrachten. Hierzu beruft Müller sich:

1. Auf psychologische Erklärungsansätze – und hier:

  • die lernpsychologische Perspektive – und hier ist ein Grundgedanke, „dass jedes Verhalten erlernt und somit auch wieder verlernt, also verändert werden kann“ (S. 63);
  • die Perspektive der Selbst- und Handlungsregulation – und die spielt dort eine Rolle, „wo sie es mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, die sich ohnmächtig und hilflos erleben“ (S. 72);
  • die Perspektive der Selbstkonzepttheorie – hierbei „handelt es sich um die Gesamtheit aller Informationen, welche ein Mensch über sich selbst gewinnt und sich zur ‚kognitiven Repräsentanz der eigenen Person‘ […] verdichten“ (S. 73).
  • Die interaktionistische Perspektive – hier wird der Blick auf eine gestörte Person-Umwelt-Interaktion gerichtet.

2. Auf psychologische Verstehensansätze, wie:

  • die psychoanalytische Perspektive;
  • die individualpsychologische Perspektive;
  • die bindungstheoretische Perspektive.

3. Auf soziologische Erklärungsansätze, als da wären:

  • die Perspektive der Theorien der Subkultur und des Kulturkonflikts;
  • die Perspektive der Anomietheorien;
  • die Perspektive der Theorie des differentiellen Lernens;
  • die Perspektive des Labelling Approach oder dem Etikettierungsansatz.

Zum Phänomen Bildung führt Müller aus, dass es sich hierbei um Arbeit für und mit Menschen, zum Zwecke der Menschwerdung und Realisierung eines sinnerfüllten Lebens in einer Gemeinschaft, handelt. Da Bildung ein Menschenrecht ist, „so darf in den Menschen nicht investiert werden, damit seine Fähigkeiten verwertet werden, sondern schlicht, weil er Mensch ist“ (S. 103). Mögliche Asymmetrien im Erziehungsprozess, in biographischen Erfahrungen bzw. institutionellen Abläufen erschweren die Erziehung bei Verhaltensstörungen. „Die Pädagogik bei Verhaltensstörungen ist eine Teildisziplin der Sonderpädagogik und Erziehung unter erschwerten Bedingungen“ (S. 119). Unausweichlich ist in diesem Zusammenhang eine Zusammenarbeit mit der Psychiatrie und der Psychologie.

Bei der Didaktik, als der Wissenschaft vom Lehren und Lernen, widmet sich der Verfasser den didaktischen Modellen, den didaktischen Konzepten und den Unterrichtsprinzipien.

Neben Erziehen, Unterrichten und Beraten ist die Diagnostik eine sonderpädagogische Aufgabe, also auch für die Pädagogik bei Verhaltensstörungen. Kritisch zu hinterfragen ist im Diagnostikprozess, ob das diagnostische Urteil als Basis für Präventions- bzw. Interventionsmaßnahmen dient. Beispielhaft sei die verstehende subjektlogische Diagnostik genannt. „Methodisch geht es zum einen darum, Daten und Perspektiven in einen systematisierten begründeten Zusammenhang zu bringen und zum anderen zu prüfen, ob die hergestellten Zusammenhänge dahingehend stimmig erscheinen, sich ein vielgestaltiges Bild von der Situation eines Kindes oder Jugendlichen gemacht zu haben und Hypothesen für die guten Gründe und inneren Notwendigkeiten bilden zu können“ (S. 163 f.; Hervorh. im Original), die zu Verhaltensauffälligkeiten führen.

Thomas Müller diskutiert am Ende seiner Veröffentlichung das Thema Prävention und Intervention. Prävention ist im Feld der Pädagogik bei Verhaltensstörungen schlecht von der Intervention abzugrenzen, da Interventionsmaßnahmen bei bereits vorliegenden Verhaltensstörungen durchgeführt werden, um Schlimmerem vorzubeugen. „Umgekehrt hat die Prävention zwar die Vorbeugung von Verhaltensauffälligkeiten und -störungen zum Ziel, muss hierzu jedoch häufig auch in bestehende Zustände intervenierend eingreifen“ (S. 173).

Diskussion

Den Inklusionsbemühungen stellt Thomas Müller kein gutes Zeugnis aus. „Im Sinne der Kinder und Jugendlichen, die niemanden neben sich aushalten (können) und im Sinne derer, die es vor Übergriffen zu schützen gilt, werden spezielle Schulen auch in Zukunft unerlässlich sein“ (S. 26). Die Exklusion, nämlich der Einschluss in Psychiatrien, Forensiken und Justizvollzugsanstalten, in der Inklusion könnte das Resultat einer nicht kind- und jugendgerechten Coronapolitik sein, welche alle Kinder und Jugendlichen in ihren Häusern und Wohnungen einschließt.

Diskussionswürdig sind Müllers Ausführungen zur Normalität: „Normalität ist ein relatives Maß, abhängig von Kultur und Zeit. […] Was normal ist, wandelt sich. […] Was normal ist, wird unter den Mitgliedern einer Gemeinschaft immer wieder neu verhandelt“ (S. 34). Seit Beginn der Coronapandemie und besonders ab November 2020 werden politischerseits immer wieder neue Normalitäten bestimmt. Hieran ist die Flexibilität der Normalität erkennbar. Zu erkennen ist so auch, dass Normalität terminologisch eine graue Masse darstellt, die sich nie vollständig greifen lässt.

Fazit

Das Basiswissen von Thomas Müller ist eine hervorragende Einführung in die Pädagogik bei – schon existierenden – Verhaltensstörungen und zur Vorbeugung von Verhaltensstörungen (was im achten Kapitel erklärt wird).

Am Ende eines jeden Kapitels hat der Autor, für den schnellen Überblick, eine thematische Skizze eingefügt. Für die studierende Leserschaft sind die Verständnis- und Vertiefungsfragen hilfreich.

Der Wert der besprochenen Publikation dürfte in naher Zukunft steigen, da sich die Gesellschaft mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der gegenwärtigen Pandemie auf Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen einzustellen hat. „Aus Sicht der Pädagogik bei Verhaltensstörungen ist es zentral, die Abfolge in der lebensgeschichtlichen Entwicklung beim gemeinsamen Vorliegen von Auffälligkeiten des Erlebens und/oder Verhaltens und von Lern- und Leistungsstörungen zu eruieren“ (S. 161; Hervorh. im. Original). Bei der bildungsfernen Politik zur Bekämpfung der Coronapandemie verlaufen die Lebensläufe bei Kindern und Jugendlichen in höchstem Maße katastrophal.


Rezension von
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 03.02.2021 zu: Thomas Müller: Basiswissen Pädagogik bei Verhaltensstörungen. UTB (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-8252-5578-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27956.php, Datum des Zugriffs 06.03.2021.


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