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Annette Nana Heidhues, Ilse Schimpf-Herken u.a. (Hrsg.): Begegnung verändert Gesellschaft

Rezensiert von Arnold Schmieder, 13.12.2022

Cover Annette Nana Heidhues, Ilse Schimpf-Herken u.a. (Hrsg.): Begegnung verändert Gesellschaft ISBN 978-3-8382-1445-0

Annette Nana Heidhues, Ilse Schimpf-Herken, Marianna Schmidt Quintero (Hrsg.): Begegnung verändert Gesellschaft. Ansätze einer von Paulo Freire inspirierten Bildungspraxis. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2021. 416 Seiten. ISBN 978-3-8382-1445-0. D: 28,00 EUR, A: 28,70 EUR, CH: 32,90 sFr.

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Thema

Es bräuchte eine „Veränderung in unseren Herzen“, im „Bewusstsein“, der „Denkungsart und Identität“, „um eine Welt schaffen zu können, die sich wirklich radikal von der jetzigen bedrückenden Welt unterscheidet, die wir versuchen zu verändern.“ Das sei der Grund, „warum das Herz jeder Revolution die Revolution des Herzens ist. Ohne die Veränderung der inneren Welt kann man die äußere nicht ändern.“ In diesem Zitat des philippinischen Soziologen Nicanor Perlas, das Ilse Schimpf-Herken, eine der Herausgeberinnen, ihrem Beitrag voranstellt, klingt der Grundtenor aller weiteren Beiträge an; insofern hat das Zitat den Charakter eines Mottos. Die im Buch facettenreich ausbuchstabierte Leitfrage ist, „wie Bildung zur sozialen Veränderung und mehr Gerechtigkeit beitragen kann“, wobei der Bezugspunkt Theorie und Praxis von Paulo Freire ist. Alle Beiträger:innen des Sammelbandes haben sich über lange Jahre ausgetauscht und in ihren Diskussionen ging es immer „um das Ausloten einer Bildungspraxis, die Räume für Bewusstseinsprozesse eröffnet und den Lernenden ermöglicht“ – ganz wesentlich im Sinne Freires -, „selbst zu Akteur*innen für gesellschaftliche Veränderungen zu werden.“ Bildung, so verstanden, soll zum „Aufbrechen von ungerechten, ausgrenzenden und gewaltvollen Zuständen“ beitragen, im Kleinen ansetzend und mit dem Ziel, „in die Gesellschaft hineinzuwirken und zu einem größeren Wandel beizutragen“, und zwar auf der „Grundlage von Respekt, Menschenwürde, Chancengleichheit und einem konstruktiven Umgang mit Konflikten“ (S. 11 f.), so summarisch die Herausgeberinnen in ihrer Einleitung.

Damit ist das inhaltliche Terrain abgesteckt, innerhalb dessen sich die Beiträger:innen verschiedener nationaler wie ethnischer Herkunft bewegen, die „Freires Pädagogik und Philosophie aufgreifen und im Dialog mit komplementären Ansätzen weiterentwickeln“, wozu vor allem „(f)eministische und dekoloniale Theorie und Praxis“ gehört, wesentlich auch „diskriminierungssensible, rassismuskritische und gemeinwesenorientierte Bildungsansätze“, wobei – auch methodisch – das „emanzipatorische Potential“, dessen sich einige Beiträger:innen über Rückgriff auf „verschiedene(.) Ansätze kritischer Gesellschaftstheorie“ vergewissern, als Erweiterung der von Freire bezogenen pädagogischen und politischen Orientierung gesehen wird (S. 13 f.). Explizit theoriefokussiert sind die Beiträge in aller Regel nicht. So bekennt Maura Noemí Villagréz López, die sich als „Frau mit Maya-Wurzeln“ versteht und entsprechend handele, dass sie und eine Kollegin, als sie eine entlegene Arbeitsstelle als Lehrerin antraten, „beide nicht viel Arbeitserfahrung (hatten), (…) dafür aber auch nicht durch das System verdorben“ waren (S. 250). Wie vergleichbar etliche andere Beiträger:innen kehrt die Autorin hervor, dass die „Lebensform“ und Methoden der Konfliktaustragung etc. ihrer Herkunftskultur „schlichtweg effizienter waren als das, was die westliche Kultur uns suggerierte.“ Sie betont auch, dass die „Ideen der Globalisierung, des Kapitalismus und anderer individualistischer Denkströmungen (…) das für unsere Kultur charakteristische kollektive Bewusstsein (überdecken)“ (S. 252 f.). Worauf sie zielt: „Wir können eine Gesellschaft schaffen, die die Natur liebt, pflegt und ihr unzählige Male dankbar ist“ (S. 259). In diesen Bemerkungen, hier paradigmatisch für die Botschaften der Beiträger:innen vorgestellt, steckt Mahnung wie Aufforderung zugleich.

Herausgeberinnen

Annette Nana Heidhues ist Sozialwissenschaftlerin und als Journalistin und Herausgeberin tätig, außerdem arbeitet sie u.a. als Beraterin, Trainerin und Dozentin in der internationalen Friedensarbeit für das Paulo Freire Institut in Kolumbien.

Dr. Ilse Schimpf-Herken ist Soziologin und Erziehungswissenschaftlerin. Sie war Gründerin und langjährige Direktorin des Paulo Freire Instituts in Berlin.

Mariana Schmidt Quintero ist Psychologin und Publizistin, arbeitete als Redakteurin und Redaktionsleiterin bei verschiedenen kolumbianischen Zeitschriften, widmet sich der Begleitung von Schreibprozessen, nutzt kollektive Schreibprozesse als Mittel zur Annäherung an individuelle wie kollektive Gewalterfahrungen.

Inhalt

Was für Freire in Brasilien Stein des Anstoßes war und er als „‚Kultur des Schweigens‘“ bezeichnete, waren Verinnerlichung einer „vermeintlichen eigenen Unwissenheit“, ebenso „Passivität angesichts der hegemonialen Machtverhältnisse, Vereinzelung, Beschämung und gesellschaftliches Schweigen über die ungerechten Strukturen“. Dagegen wollte er „Bewusstseinsbildung“ setzen. Die Betroffenen sollten ermächtigt werden, „als mündige Staatsbürger*innen für ihre Rechte einzutreten“, und Freire betrachtete dies als einen „Beitrag zur Demokratisierung der Gesellschaft.“ Dabei war ihm „Anerkennung von Vielfalt“ wichtig und zugleich hinterfragte er den „westlich-europäischen Wissensbegriff“ (S. 12 f.). So stellen die Herausgeberinnen in Umrissen die Hauptanliegen des Ansatzes von Freire dar und dokumentieren über die Beiträge der Autor:innen dessen Weiterentwicklung. Die Botschaft geht auch an ‚uns‘ resp. an alle, die den Weg der Emanzipation beschreiten oder beschreiten wollen. Das Buch „erzählt“ nämlich „von Vertrauen und Solidarität als Grundlage für gleichberechtigtes Lernen, vom Mut, eigene Ängste zu überwinden und bestehende Strukturen in der Gesellschaft und in uns selbst zu hinterfragen, und von der Kraft, die entsteht, wenn wir gemeinsam mit anderen auf Veränderungen hinwirken“ (S. 14).

Das Buch ist nach der Einleitung und einem Beitrag von Ilse Schimpf-Herken, in dem sie (auch) ihren Weg, ausgehend von der 68er-Student:innenbewegung, zu Freires Theorie und Praxis beschreibt, in sieben Kapitel unterteilt, unter denen insgesamt fünfundvierzig Einzelbeiträge versammelt sind. Über die Autor:innen erfährt man jeweils zu Beginn eines Beitrages in einer Anmerkung Näheres. Die Autor:innen hatten während des Schreibprozesses die Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen. Die Übersetzer:innen werden jeweils am Ende der Beiträge namentlich genannt.

Im ersten Kapitel Bildung und Transformation wird der Relevanz einer Bildungsarbeit in Lateinamerika, aber auch in Europa im 21. Jahrhundert nachgegangen, die an Freire orientiert war bzw. ist. Was bedeutet, sie im Hinblick auf ein menschliches Miteinander, das durch diese Pädagogik konturiert wird, für die Handhabung von Konflikten zu nutzen, nicht zuletzt für Widerstand gegen Verhältnisse und Strukturen, die als gewaltvoll erfahren werden. Unter Kritische Bildungspraxis im Kontext verschiedener Kulturen geht es um Probleme beim Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen und deren Lösungen und vor allem um emanzipatorische Bildungsarbeit bei intersektionalem Ansatz. Verschiedene Wissensformen im Hinblick auf Gesundheit und Recht werden prominent behandelt. Um Erfahrungen von politischer Gewalt und Krieg gruppieren sich die Beiträge des dritten Kapitels Bildung und Erinnerungsarbeit. Mit erinnerungspädagogischer Arbeit sollen Annäherungen und Verbindungen zwischen zersplitterten sozialen Einheiten geschaffen und zugleich möglichen Zukunftsvisionen der Weg bereitet werden. Eine zugleich gendersensible wie friedenspädagogische Bildungsarbeit hebt konzeptuell auch auf Intersektionalität, Feminismus und Embodiment ab, wobei im vierten Kapitel Gender: Neue Bilder und neue Praxen das vielschichtige Verhältnis zwischen tradierten sozialen Normen, Machtverhältnissen und diesen Problemfeldern zur Sprache kommt und wie sie durch Intervention von der Bildung entschärft werden können. In den Beiträgen des fünften Kapitels Buen vivir geht es um tradiertes Wissen indigener Gemeinschaften, aus dem Widerstand gegen – nunmehr – neoliberale Vereinnahmungsversuche quillt. Gut leben und gutes Leben heißt auch, respektvoll miteinander umzugehen, unisono zwischenmenschlich und einbegriffen Natur und alles, was lebt, heißt, solidarisch zu wirtschaften und gemeinschaftlich zu lernen, und es stellt den europäischen Vernunftbegriff in Frage (was, wie aus Subtexten zu erschließen, auf ‚instrumentelle Vernunft‘ abhebt). Das sechste Kapitel Neue Wege des Lernens und Lehrens gibt Einblicke in den institutionellen Bildungsbereich und es werden Einflüsse von Freire in den Bildungsinstitutionen verschiedener Länder ausgeleuchtet und reflektiert. Freire und ich lautet das siebte Kapitel; im Sinne dieser Überschrift sind die Beiträge sehr persönlich gehalten. Es werden Einblicke in individuelle Erfahrungen gegeben, in Anstöße für Änderungen im eigenen Leben und auch ihre Folgewirkungen, die Wirkungen auf Dritte. Anzustreben ist eine Bildungsgemeinschaft, die alle im sozialen Umfeld inkludiert, was als Bereicherung gesehen wird. Überhaupt kommt es auf Gemeinschaft an – und Freiheit. Das unterstreichen pointiert die Zeilen von Karla Elizabeth Melgar Zúniga: „Freiheit bedeutet, den Anderen in voller Gleichwertigkeit zu betrachten und Wege zum Frieden zu schaffen./Freiheit bedeutet, sich gegenseitig mit Respekt und Aufrichtigkeit zu begegnen.“ Und zudem: „Freiheit ist Veränderung, Freiheit bedeutet, nicht zu schweigen, Freiheit bedeutet zu reflektieren“ (S. 405).

Diskussion

Buen vivir! Ohne Angst leben, ohne Hunger und Not, ohne offene und strukturelle Gewalt, ohne nationale Zwangsjacke in kulturelle Eigenständigkeit gemantelt sein, mit sozioemotionalem Rückhalt, mit Zutrauen zur Zukunft – dies und ggf. anderes mehr, wer will das nicht? Steht weniger die Frage an, wer jenes buen vivir in dieser Weise definiert, dringlicher ist zu fragen und dingfest zu machen, von wem und wo und mit welchen Mittel ein tatsächlich gutes Leben unterhöhlt und ruiniert wird, wie zu wehren ist und schlussendlich, worin diese Verhinderung gründet, die selbst da noch auf die „Kultur des Schweigens“ (s.o.) zugreift, wo in ihr doch ein Aufstöhnen mehr oder minder leise hörbar wird, das mit Gewalt oder so perfiden wie paternalistisch getarnten Mitteln der Integration abgewürgt wird.

„One child, one teacher, one book and one pen can change the world“, diese Worte der sehr jungen pakistanischen Dame Malala Yousafzai hallen noch nach und wurden mit standing ovations bedacht und sind zu bedenken – nur anders. Aus Sicht herrschenden ‚Systems‘ kann Bildung überflüssig sein, kann kontraproduktiv sein und ist daher zu unterdrücken, und wo sie zum Zwecke von Produktion und Reproduktion erheischt ist, kommt sie selektiv ins Angebot oder wird auf verwertbares Wissen hin kanalisiert, ein Déjà-vu, wobei aber anzumerken ist, dass eine subkutane Herrschaftsausübung über Kontrolle von Bildungsinhalten und Wissensbeständen für den Zweck des Machterhalts nicht zwingend abschlusshaft gelingt, weil es eben doch, wenn auch mit Kräften im Dunklen gehalten oder bis zur Unscheinbarkeit marginalisiert, auch eine andere Bildung, andere Wissensbestände gibt. Daraus kann oder könnte sich dieses „change the world“ nähren, worauf in Anfängen Freire optierte und woran auch die seine „Pädagogik und Philosophie“ (s.o.) erweiternden Vertreter:innen festhalten. Damit schwimmen sie im Mainstream gegen den Strom und suchen ein Ufer, das – um es ebenso metaphorisch zu formulieren – nicht ohne Weiteres als Steilwand zu erkennen ist, die auch mit einer anderen Bildungsleiter womöglich nicht zu überwinden ist.

Freire lehrte: „‚Wir brauchen auch das europäische Denken (zit. S. 28).‘“ Verbindungslinien gibt es zu der „in Lateinamerika einflussreichen Theologie der Befreiung“ und auch zu der „jüdischen Tradition von Emmanuel Levinas“, Orientierungsanker, die mit Freires Wegweisungen zu verbinden sind, um für „Demokratie und Inklusion (zu) streiten“, wobei „Wegbegleiter*innen aus verschiedenen Teilen der Welt (…) in diesem Prozess zu unseren ‚ethischen Meistern‘ (werden)“ (S. 29). In „stete(r) Praxis“ (S. 28) über Bewusstseins- und Bewusstwerdungsprozesse qua Bildung auf Transformation zu zielen, das auch aus der „Perspektive auf die kleinen Dinge der Welt“ im Auge zu behalten, nämlich „diese zu verändern“ (S. 21), ist für Ilse Schimpf-Herken aus der (bundesdeutschen) Student:innenbewegung ererbt, in der ihr als Soziologiestudentin klar wurde, dass ihre Ideale mit denen „viele(r) linke(r) Organisationen der Studentenbewegung (…) weitgehend übereinstimmten, dass sie aber nicht meinem Herzen entsprachen“ (S. 19).

Es sei daran erinnert, dass diese ‚linken Organisationen‘ in ihrer Mehrzahl die ‚bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft‘ scharf kritisierten, den Kapitalismus, wie ihn Marx analysiert hatte, ins Visier nahmen und mit Nachdruck auf Transformation aus waren, die seinerzeit unter dem Begriff ‚Revolution‘ angemahnt wurde, nämlich „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx). Aufklärung durch Bildung, wie sie mit und nach Freire verstanden wird, kann da sicherlich ein Hebel sein. Absehen kann sie nicht davon, dass die „kapitalistische Produktion (…) daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses (entwickelt), indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter“ (Marx). Man kann den „stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ (Marx) auch in Bezug auf Lateinamerika und ‚gesellschaftliches Bewusstsein‘ auswalzen. Man kann an all das gebetsmühlenartig erinnern, man kann inzwischen all überall mit der Nase auf die Wahrheit dieser Analysen und (Merk-)Sätze stoßen und die Gleichgültigkeit des Kapitals, opportunistisch und deklamatorisch übertüncht, gegenüber den Belangen von Mensch und Umwelt unter dem nicht zur Diskussion stehenden Zwang der Profitmaximierung konkret vor Augen führen, was auch durch einen ‚grünen‘ Kapitalismus nicht ausgehebelt wird und wo auch keine angediente Degrowth-Perspektive den (Unter-)Gang der Dinge aufhält. Arbeiter:innen nicht nur in Lateinamerika, ob Angehörige von Ethnien oder Indigenen verschiedener Gruppen bzw. Völker, bekommen diese systemisch bedingte Gleichgültigkeit hautnah zu spüren und es geht nicht nur um ihre Menschenwürde, sondern um Leib und Leben, um den Ruin von Gesundheit und Umwelt, um Missachtung von Rechten, um Enteignung von Zukunft. Freire-Pädagogik ist weit davon entfernt, über Bildung eine Integration in das Ganze als ‚Falsches‘ zu lancieren, und – pädagogisch – an den „kleinen Dingen der Welt“ (s.o.) anzusetzen, ist oder kann als Konkretion am Symptom erhellen, was ursächlich ist, was sinnlich nicht unmittelbar greifbar ist. Der zeitgenössische Dichter Clemens Schittko listet mit Blick auf hiesige Verhältnisse in seinem Band „Sag Ja zum Nein“ u.a. auf, es seien „eure Deponien“, „eure Dürren“, „eure Gewalttaten“, „eure Hungersnöte“, „eure Pandemien“, „eure Katastrophen“ (usw.). Zu fragen ist dann, wer ist „eure“, und die Gemeinten zu identifizieren und über Demokratie in Gesellschaft in ihrem unseligen Tun zu entmachten ist eine prominente Zielvorstellung auch der aktualisierten Freire-Pädagogik – nur: Reicht das?

Im November 2022 haben Vertreter sozialer Bewegungen aus Lateinamerika in Guatemala Wege zum „Buen Vivir“ diskutiert. In seiner Eröffnungsrede zum Abschlussplenum plädierte der Panamaer Ronaldo Ortiz von der Nationalen Front zur Verteidigung ökonomischer und sozialer Rechte dafür, die Klassenkämpfe, die auch als solche zu bezeichnen seien, weiterzuentwickeln. Alle sozialen Konflikte, ließ er die Teilnehmer:innen wissen, „sind im Kern Klassenauseinandersetzungen, Konflikte zwischen Proletariern und Kapitalisten.“ Mitte November übrigens hatten in Guatemala Busfahrer und andere Beschäftigte im Transportwesen gestreikt und Straßen blockiert, Hauptforderung war eine Preisobergrenze für Treibstoffe, auch wurden Schutzmaßnahmen gegen kriminelle Banden gefordert, aber es ging auch um prekäre Arbeitsverhältnisse. Nicht nur an diesem Ort und auf der Tagung war die Wortwahl von Ortis eher selten zu hören und mit ihr die Sache nicht, um die es eigentlich geht. Wirkt sie doch bis in das Denken und Handeln der Menschen, worum die Freire-Pädagogik weiß, nur ist sie allein dort nicht aufzulösen. Jene „Verdammten dieser Erde“ (so in Aufnahme eines Buchtitels von Franz Fanon), sie scheinen in Lateinamerika, allerdings nicht nur dort, massiert aufzutreten – und: Werden sie sich in der Dialektik von Handeln und Bewusstsein zu einer Klasse formieren, die ‚umwälzt‘? Und welche Steigbügel hält dabei die Freire-Pädagogik?

Das Buch mit seinen zahlreichen Beiträgen ist zugleich ein ‚Lesebuch‘ in bestem Sinne. Seitenblick auf sozialanthropologische und ethnologische Forschungen drängen sich auf. Der Philosoph Ulrich Ruschig entwickelt unter Aufnahme von Herbert Marcuse unter dem Titel „Die Befreiung der Natur“ und angesichts der Tatsache, dass „das Kapital die Art-Formen demoliert“, einen den „Kantschen Imperativ erweiternde(n), moralische(n) Imperativ“, der gebiete, „das Leben der Lebewesen insgesamt in deren jeweils spezifisch bestimmten Daseinsweisen als Arten nicht bloß als Mittel, sondern zugleich auch als jeweils besondere Zwecke an sich selbst zu achten“, was darauf führe, „das kapitalistische Produktionsverhältnis (…) zu beseitigen.“ Solche Argumentationen repräsentiert gewiss nicht den Erkenntnisstand im Trott herrschender akademischer Philosophie, jedoch wird man (auch) daran bei er Lektüre Buches erinnert, zumal diese ‚Natur‘-Thematik in sozialen und auf Transformation hinarbeitenden Bewegungen größere Beachtung findet. Lapidar klingt, um nochmals auf Maura Noemí Villagréz López zu rekurrieren, dass für die „indigenen Mam (…) das Leben insgesamt mit dem Leben und dem Zusammenleben mit der Natur, der ‚Mutter Erde‘, verbunden“ ist. „Wir betrachten uns als eine Art Mikrokosmos und alles, was der Natur widerfährt, widerfährt auch uns.“ Und weiter: „Wir können eine Gesellschaft schaffen, die die Natur liebt, pflegt und ihr unzählige Male dankbar ist“ (S. 256 ff.) Tiere und Pflanzen sind keine Subjekt: „die Natur selbst weiß nicht, daß sie schön ist“, schreibt Ruschig und sagt vorher, das „Subjekt nimmt die Natur als schön wahr“. Darin, also auch im ‚Naturschönen‘, mögen Impulse gestiftet sein, die in der Nähe dessen siedeln, was für die Kultur der indigenen Mam Selbstverständlichkeit ist. Doch – auch bei allen denkbaren Einwänden gegen solche Assoziationen – wie war das mit der Untergrabung der „Springquellen alles Reichtums“ (s.o.), Erde und Arbeiter? Dieses „europäische Denken“, könnte Freire gemeint haben(s.o.), ist es, das man braucht. Dabei hätte eine aktualisierte und erweiterte Freire-Pädagogik aber auch da, wo sie sich mehr Geltung verschaffen will, sich der (noch) unterschiedlichen bis ganz anderen Gewaltverhältnisse zwischen Ländern Lateinamerikas und Europas zur Seite pädagogisch aufbereiteter Aufklärung zu vergegenwärtigen. – Wie diese Marginalie ist das, was als neuralgischer Punkt und diskussionswürdig erscheint, in einem großen Teil der versammelten Beiträge angeregt.

Fazit

Es ist schon bedenkenswert, was die Herausgeberinnen in der Einleitung schreiben: Der vorgestellte „Bildungsansatz, der von einer konsequenten Kritik an gewaltvollen Zuständen ausgeht und zugleich versucht, Räume für Begegnung, Dialog und gemeinsames Handeln zu schaffen, bietet heute in Europa und Deutschland ein wichtiges Potenzial“ (S. 13). Es ist Unterstützung, solidarische. Gegen Domestikation muss sie sich sperren. Darum ist das Buch für alle, die in der Sozialen Arbeit tätig sind, eine anregende Handreichung, was sie auch für diejenigen ist, die auf dem verminten Weg einer (stagnierenden?) Emanzipation weitergehen wollen und auch bei Umwegen nicht zu hintergehende Zielvorstellungen transportieren.

Rezension von
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 13.12.2022 zu: Annette Nana Heidhues, Ilse Schimpf-Herken, Marianna Schmidt Quintero (Hrsg.): Begegnung verändert Gesellschaft. Ansätze einer von Paulo Freire inspirierten Bildungspraxis. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-8382-1445-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27963.php, Datum des Zugriffs 07.02.2023.


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