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Sabrina Schönfeld: Mensch - Maschine - Miteinander

Cover Sabrina Schönfeld: Mensch - Maschine - Miteinander. Sozialrobotik und ihr kritisch-kreativer Einsatz in der Pädagogik. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2020. 200 Seiten. ISBN 978-3-8382-1473-3. D: 24,90 EUR, A: 25,50 EUR, CH: 29,20 sFr.
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Thema

Im Buch geht es um Sozialrobotik und ihren Einsatz in pädagogischen Feldern. Sozialrobotik befasst sich mit Robotern, also Maschinen, welche soziale Funktionen aufweisen, beispielsweise Sprache (vgl. Bischof 2017).

Autorin

Ursprünglich als Mechanikerin ausgebildet, studierte Sabrina Schönfeld Amerikanistik und Pädagogik. In Pädagogik machte sie ihren Master und schildert im vorliegenden Buch ihre Erfahrungen von Forschung mit Studierenden.

Entstehungshintergrund

Schönfeld schildert, wie sie Studierende involviert und in das Forschungsprojekt Roberta einbezogen hat. Es geht darum, mit Roberta, einem Fallbeispiel der Sozialrobotik, zu lernen und Chancen und Risiken für die Pädagogik zu erkennen.

Interessant auch, dass das Forschungsprojekt in einer Kooperation der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und der Fachhochschule Kiel realisiert worden ist. Es handelt sich also beim Buch um einen praxisbasierten, interdisziplinären Forschungsbericht.

Aufbau und Inhalt

Aus pädagogischer Sicht kommt viel Kritik an der Sozialrobotik und gegenüber Digitalisierung allgemein. Nach Auffassung von Sabrina Schönfeld dagegen bilden Selbstbestätigung, kritische und kreative Begegnung, Design und Gestaltungsprinzipien die Grundlage für praktische Empfehlungen für neugierige Lehrende und Lernende.

Es zeigt sich, dass eine gemeinsame Synthese möglich ist. Das angewandte Designprinzip mit öffnenden und schliessenden Fragen stellt sich als geeignet heraus. Das Projekt profitiert von unterschiedlichen Sichtweisen. Die Autorin stützt sich teilweise auf ältere Literatur, erwähnt und begründet dies auch. Zentral ist die Unterscheidung von maschinellem und menschlichem Denken: Pädagogik und Sozialrobotik sind gegenseitig relevant füreinander.

In den unterschiedlichen Disziplinen gibt es ähnliche Probleme: Komplexität sozialer Situationen, Zusammenbringen unterschiedlicher Interessenslagen, unberechenbare Einflussfaktoren, hoher Finanzbedarf sind Beispiele dafür.

Die Studierenden stellen Fragen zu Bedeutung, Chancen und Risiken der Sozialrobotik für die Menschen. Das Verhältnis zwischen Menschen und Maschinen wird in den Fokus genommen und seine Auswirkungen für die Soziale Arbeit und die pädagogische Arbeit werden untersucht.

Die Erwartungen an die Sozialrobotik sind hoch. Menschen müssen ernst genommen werden, was viele in digitalen Kontexten anders wahrnehmen. Das heisst: kein Forschungsprojekt wird nicht „den Menschen im Zentrum“ sehen. Das Empfinden und die Wahrnehmung der implizierten Menschen sind jedoch meist anders. Die Menschen fühlen sich nicht verstanden, dafür entfremdet.

Informationen über Bedarfe und Bedürfnisse, über Begegnung und Auseinandersetzung und der Diskurs mit Sozialrobotik sind nötig in sozialen und in verschiedenen Bildungsbereichen.

Was sind die Intentionen der Sozialrobotik? Wie sehen die tatsächlichen Nutzungen aus? Wofür sind zweckentfremdete Nutzungen förderlich? Solche Fragen muss die Pädagogik stellen. Immer noch unerforscht ist die Soziabilität bei Menschen in Zusammenhang mit sozial-intendierten Maschinen. Sabrina Schönfeld untersucht diese Fragen mit Studierenden und stellt das Phasenmodell des Forschenden Lernens als Zyklus dar (S. 89).

Soziabilität und Sozialisation hinsichtlich Maschinen sollten nach Schönfeld qualitativ und empirisch untersucht werden, ebenso die methodischen Vorgehensweisen und entsprechende Reflexion. Es braucht eine kritische Prüfung der Kommunikationsmöglichkeiten von Robotern betreffend ihre Wirkungsweisen auf Menschen. Hilfreich könnte eine pädagogische Begleitung von Mensch-Maschine-Begegnungen sein, welche neben der (nur) technischen Perspektive und Wissensvermittlung auch die oben erwähnten pädagogischen Fragen und weitere mehr stellt.

Es geht weiter darum, den Umgang mit Technologie zu reflektieren. Ansonsten sind keine kritisch-kreativen Prozesse möglich. WIE wird etwas gesagt? Spätestens seit dem Vier-Ohren-Modell nach Schulz von Thun ist bekannt, dass der Inhalt nur eine Ebene von Kommunikation ist, Kommunikation jedoch ein vielschichtiges Geschehen. Auf S. 148 erwähnt die Autorin Erving Goffmanns Erkenntnis aus den 1970er Jahren, welche besagt, dass Unterscheidung Unterschiede hervorbringt; Zuschreibungen verwandeln sich durch ständige Wiederholung in „Eigenschaften“ der Individuen.

Technologie und Künstliche Intelligenz selbst zeigen die Beschränktheit spezifischen Fachwissens. Der Kontext ist wichtig. Ohne weiterführendes Wissen wären Menschen nicht gesellschafts- oder lebensfähig. Sabrina Schönfeld zieht hier auch eine Parallele zu technologischer Nachhaltigkeit, zur Achtsamkeit im Umgang mit Worten, (Fach-)Begriffen und Konzepten.

Diskussion

Roboter nimmt Sabrina Schönfeld wahr als Teil und als Problem von Bildung. Der Kontext sind Unzulänglichkeiten und Besonderheiten von Menschen. Roboter können Leben retten und Leben nehmen. Ob ihre Wirkung im Leben bereichernd sein kann und soll, liegt in Menschenhand. Wie sollen Maschinen vernünftig mit Menschen kommunizieren, wenn Menschen zu binärem resp. „maschinellem“ Denken aufgefordert sind? Der Prozess muss umgekehrt laufen. Fehler sind Teil einer förderlichen Lern- und Bildungskultur. Dabei merkt Schönfeld an, statt „Fehler“ sollte man besser „Lernschritte“ oder „Testphasen“ sagen.

Die Autorin versteht Sozialrobotik – im Idealfall – als Miteinander von Menschen und Maschinen. Bisher ging es beim Einsatz von Robotern in der Pädagogik jedoch um ökonomische und technische Umsetzbarkeit. Das Soziale fehlte. Sabrina Schönfeld empfiehlt, eigene und gängige Sichtweisen vorzustellen und in die Diskussion zu bringen.

Fazit

Es geht nicht um die absolute Wahrheit, sondern besonders in Auseinandersetzung mit Computional Thinking und Genderfragen um eine Positionierung. Schönfeld fordert eine Orientierung an den Bedürfnissen von Menschen (S. 158 f.) wie soziale Eingebundenheit, Gefühlen von Sicherheit oder sich über sozial-intendierte Maschinen informieren und ihnen begegnen zu können.

Literaturhinweis

Andreas Bischof (2017): Soziale Maschinen bauen. Epistemische Praktiken der Sozialrobotik. Bielefeld: Transcript-Verlag.


Rezension von
Prof. Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 17.08.2021 zu: Sabrina Schönfeld: Mensch - Maschine - Miteinander. Sozialrobotik und ihr kritisch-kreativer Einsatz in der Pädagogik. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-8382-1473-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27964.php, Datum des Zugriffs 29.11.2021.


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