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Joachim Walter (Hrsg.): Sexualität und geistige Behinderung

Cover Joachim Walter (Hrsg.): Sexualität und geistige Behinderung. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2005. 6. Auflage. 473 Seiten. ISBN 978-3-8253-8321-3. 31,00 EUR, CH: 54,10 sFr.
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Herausgeber

Joachim Walter, Prof. Dr. rer.soc., Diplompsychologe, Pfarrer, Professor an der ETH Freiburg - Hochschule für soziale Arbeit; Vorstandsvorsitzender und fachlicher Leiter der Diakonie Kork Epilepsiezentrum. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Sexualpädagogik und Sexualität geistigbehinderter Menschen.

Thema Sexualität und geistige Behinderung

Das Thema "Sexualität und geistige Behinderung" schien Mitte der 80er Jahre innerhalb der Behindertenarbeit allgemein akzeptiert, und damit wohl an einigen Orten auch ad acta gelegt, bis plötzlich 1. die Sterilisation einwilligungsfähiger behinderter Menschen, und 2. AIDS und seine möglichen Auswirkungen die Behinderteneinrichtungen aufschrecken liessen. Quasi über Nacht waren jahrelange Liberalisierungsbestrebungen und Normalisierungsbemühungen wie vergessen, schreibt der Herausgeber in seinem Vorwort. So erschien1983 die erste Auflage des vorliegenden Sammelbandes "Sexualität und geistige Behinderung", und nahm damit die Fachdiskussion auf. In der zweiten bis vierten Auflage wurde der Sammelband jeweils um aktuelle Beiträge erweitert, die teils zuerst in Fachzeitschriften erschienen, und teils eigens für den Band verfasst worden sind.

Aus dem Inhalt

  • Menschenrecht. Grundlegend für das Thema ist sicher die Anerkennung der Sexualität - im weitesten Sinne - als ein Menschenrecht und Lebensgrundbedürfnis. Anschaulich geschildert beispielsweise, von Ilse Achilles, einer betroffenen Mutter.
  • Medizinisch-psychiatrische Aspekte. In der Einführung von Heinz Krebs heisst es z.B. "Geistige Behinderung ist - entgegen landläufiger Vorstellungen - keine Krankheit…" Der Blick auf die Gesamtpersönlichkeit muss Vorrang haben. Behindertenspezifische Sexualität gibt es ebenso wenig wie es Nichtbehindertenspezifische Sexualität gibt.
  • Ethische/Theologische Überlegungen. Die Haltung der Kirchen wird kritisch hinterfragt. Beim Thema Sexualität seien Theologen leider immer wieder in die falsche Rolle von Legitimationswissenschaftlern geraten, die aus der Bibel beweisen wollten, was ein bestimmtes moralisches Empfinden für verboten hielt. Zur ethischen Dimension von Partnerschaften geistig Behinderter gibt es beispielsweise zu überlegen, dass sie Partnerschaft und Sexualität anders gestalten müssen und sollen, als Nichtbekinderte. Dass aber genau das fast nicht zu bewerkstelligen ist, weil Erfahrungsräume fehlen. 
  • Juristisches. Die Sterilisationsdiskussion, Schwangerschaftsabbruch und Eheschliessung aus juristischer Sicht
  • Pädagogische Ansätze. "Wenn wir normabweichende Äusserungen der Sexualität geistigbehinderter Menschen untersuchen, stossen wir in der Regel auf Ursachen, die in einer abnormen sozialen Situation - bzw. Sozialisation  - liegen". Dieser Satz aus dem Beitrag von Martin Hahn, zeigt einen Aspekt, dem in der ganzen  Diskussion rund ums Thema unbedingt Rechnung getragen werden muss.
  • Pubertät und Erwachsen werden. Über das Auseinanderklaffen der körperlichen  und geistigen Reifung, und die Wichtigkeit der Gleichaltrigen-Gruppe auch für junge Menschen mit geistiger Behinderung. Auch der junge Mensch mit geistiger Behinderung sollte in der peer group neue Verhaltensweisen erproben und einüben können.
  • Sexualberatung und -erziehung. Sexualerziehung von geistigbehinderten Menschen beginnt bei deren Bezugs- und Betreuungspersonen. Konkrete Beispiele für Sexualpädagogische Arbeit, Gespräche über Sexualität oder Weiterbildungskurse zum Thema Sexualität für Menschen mit geistiger Behinderung, oder das berührende Beispiel einer Selbsterfahrungsgruppe.
  • Kinderwunsch. Grundlagen zur Meinungsbildung und Diskussion zum Thema Kinderwunsch, Ehe oder Partnerschaft. Interviews mit geistigbehinderten Müttern und Vätern.
  • Sterilisation. Drei Beiträge aus juristischer, aus pädagogisch/psychologischer und aus historisch/ethischer Sicht.
  • AIDS. "Risikoreiche Sexualkontakte aufgrund defizitärer Lebensbedingungen", oder "AIDS bedroht den zaghaften freieren Umgang mit Sexualität", sind z.B. Themen, auf die Bezugspersonen im Zusammenhang mit HIV und AIDS ihre Augenmerk richten müssen.
  • Missbrauch. Anerkennung der Tatsache, Begriffsklärung, Hinweise auf sexuelle Gewalt, Fragen zu Täterkreis, Prävention und Intervention.  Wobei dieses Kapitel sehr mager ausgefallen ist, in Anbetracht der grossen Tragweite des sexuellen Missbrauchs an Menschen mit geistiger Behinderung. Aber es  zeigt wohl auch die Hilflosigkeit in Umgang damit auf…

Zielgruppen

Hauptsächlich für Fachleute aus dem pflegerischen/therapeutischen/betreuerischen/lehrenden Bereich. Für Eltern von Menschen mit Behinderungen und interessierte Laien, gibt es meines Erachtens geeignetere Literatur.

Fazit

Der vorliegende Sammelband kommt manchmal ganz praxisnah, dann wieder eher theoretisch daher. Die Vielfalt an Fachpersonen die hier zu Worte kommen, ermöglichen einen guten Einstieg ins Thema, ermöglichen Denkanstöße, und schaffen eine Grundlage für die persönliche Auseinandersetzung sowie Auseinandersetzung in Teams. Dazu kommen ganz konkrete Anleitungen für Weiterbildungen mit erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung. Durch die Vielfalt der Beiträge wird der Band zu einem Standardwerk, das Pflichtlektüre für Fachleute der obgenannten Bereiche sein sollte.


Rezensentin
Marlise Santiago
Praxis für Körper, Beziehung, Sexualität
Homepage www.beraten-und-beruehren.ch
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Zitiervorschlag
Marlise Santiago. Rezension vom 02.05.2006 zu: Joachim Walter (Hrsg.): Sexualität und geistige Behinderung. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2005. 6. Auflage. ISBN 978-3-8253-8321-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2797.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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