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Sebastian W. Hoggenmüller: Globalität sehen

Rezensiert von Dr. Antje Flade, 28.12.2022

Cover Sebastian W. Hoggenmüller: Globalität sehen ISBN 978-3-593-51114-6

Sebastian W. Hoggenmüller: Globalität sehen. Zur visuellen Konstruktion von »Welt«. Campus Verlag (Frankfurt) 2021. 300 Seiten. ISBN 978-3-593-51114-6. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
Reihe: Studien zur Weltgesellschaft/World Society Studies - 6.

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Thema

Ausgehend von der Feststellung, dass Bilder Wissen über die soziale Welt vermitteln, wird untersucht, was Bilder über Globalität mitteilen. Vorgestellt wird ein Analyseverfahren, das der Autor entwickelt hat und an einem Fallbeispiel demonstriert. In zwei weiteren Fallbeispielen werden Bildserien analysiert. Bei dem Buch handelt es sich um eine überarbeitete Fassung der Dissertation des Autors. 

Autor

Sebastian W. Hoggenmüller ist Oberassistent am Soziologischen Seminar und Dozent für Kunst und Designtheorie an der Universität Luzern.

Inhalt

Das Buch umfasst fünf untergliederte Kapitel. Es beginnt mit einer ausführlichen Einleitung, auf die dann drei Analyse-Kapitel folgen. Am Schluss gibt es ein Fazit. 

Zu Beginn des ersten Kapitels wird die weltweit bekanntgewordene Fotographie „Blue Marble“ vorgestellt, die 1972 von der Besatzung der NASA-Mission Apollo17 vom Erdplaneten aufgenommen wurde. Dieses Weltraumfoto eröffnete einen neuen Blick auf die Erde. Überlegungen wurden angestellt, dass der extraterrestrische Distanzblick das Denken in globalen Bezügen stimulieren und ein globales Problembewusstsein erzeugen würde. Die Intention des Autors ist, die soziologische Bildforschung voran zu bringen und herauszufinden, wie das Globale wahrgenommen und beschrieben wird. Er skizziert die drei Fallbeispiele, die er im Folgenden analysiert. Im ersten Fallbeispiel richtet er den Fokus auf das weltberühmte Blue-Marble Foto. In der zweiten Analyse geht es um die Problematik von C02 -Emissionen, die im Nachrichtenmagazin Der Spiegel graphisch dargestellt worden sind. Im dritten Fallbeispiel werden die Titelseiten der jährlich veröffentlichten World Development Reports analysiert. 

Im zweiten Kapitel, dem Analyseschritt I, geht es erst einmal um die Methodik der Ästhetischen Re|Konstruktionsanalyse, die der Autor schrittweise entwickelt. Der erste Schritt ist ein Betrachten, Wiedererkennen und Sehen, der zweite Schritt eine Rekonstruktion. Die Weltraumfotografie Blue Marble wird detailliert und mitunter poetisch beschrieben. Mit Hilfe digitaler Techniken wird das Foto dann zeichnerisch rekonstruiert. Die Rekonstruktion beginnt bei der Bildfläche, danach werden softwarebasiert die Farben auf dem Foto ermittelt, als Nächstes wird die Kreisform thematisiert usw.. Der Prozess der Wahrnehmung ist, wie der Autor konstatiert, nur der wahrnehmenden Person zugänglich, während die Rekonstruktion eine Handlung einschließt, die intersubjektiv nachvollziehbar ist. 

Im dritten Kapitel, dem Analyseschritt II, ist es dann nicht mehr nur ein Bild, sondern eine Folge von drei Bildern zum Thema Schadstoffemissionen. Untersucht werden drei Bilder, die in Der Spiegel veröffentlicht wurden. Anders als bei der Analyse eines einzelnen Bildes kommt hier die diachrone Dimension dazu. Das erste Beispiel ist ein Länderranking aus dem Jahr 1992 zum Thema Treibhausproduktion, visualisiert durch ein Säulendiagram aus Rechtecken mit der Überschrift „Die großen Verschmutzer“. Ein Bildvergleich der drei Spiegel Graphiken zur C02-Emission der Länder zu verschiedenen Zeitpunkten, betitelt mit „Die großer Verschmutzer“ (1992), „Einheizer der Erde“ (2006) und „Versuch…und Scheitern“ (2015), führt nicht nur die Vielfalt der Darstellungsformen vor Augen, sondern darüber hinaus auch einen visuellen Globalisierungsprozess, denn während 1992 nur einzelne Staaten aufgeführt waren, sind es 2015 alle Länder der Welt.

In der dritten Analyse, die im vierten Kapitel geschildert wird, werden 44 Titelseiten der World Development Reports analysiert, die im Zeitraum 1978 bis 2022 von der World Bank publiziert worden sind. Das Vorgehen unterscheidet sich vollkommen von den vorangegangenen zwei Schritten, was der Intention des Autors entspricht, die Vorgehensweisen in den vorangegangenen Schritten kritisch zu hinterfragen. Ins Blickfeld rückt Hoggenmüller vor allem die Weltkartensilhouetten, die auf den Titelseiten in unterschiedlichen Formen erscheinen.

Das kurze fünfte Kapitel ist ein Fazit in Form eines Rück- und eines Ausblicks auf die Visualisierung von Globalität. Zur Frage, wie Bilder ein spezifisches Wissen über Globalität und Weltgesellschaft erzeugen, wird erst einmal bemerkt, dass die Berichterstattung über die Geschehnisse in der Welt sprachfixiert und Zahlen lastig ist. Der Autor, für den Globalität auch ein Produkt visueller Konstruktionsprozesse ist, stellt dem das Konzept des visual worlding gegenüber. Er erläutert noch einmal die Ästhetische Re|Konstruktionsanalyse, bei der Bilder nicht nur passiv wahrgenommen, sondern aktiv nachgezeichnet werden, und weist sodann auf die Notwendigkeit von Bildvergleichen hin, die Interpretationen ermöglichen, zu denen man ohne Vergleiche nicht gelangen könnte.

Diskussion

Mit der Verschiedenartigkeit der drei Fallbeispiele bringt der Autor die verschiedenen Erscheinungsformen und Sichtweisen des Phänomens Globalität zum Ausdruck. Die Auswahl des Bildmaterials wird indessen nicht weiter begründet.

Im ersten Analyseschritt erläutert Hoggenmüller anhand nur eines Bildes ausführlich sein methodisches Vorgehen, in den folgenden Analysen stellt er Bildvergleiche an. Die Methode der Ästhetischen Re|Konstruktionsanalyse wird nachvollziehbar begründet: Die subjektive Sicht wird bei der Rekonstruktion objektiviert. Nach dieser ausführlichen Präsentation würde man jetzt erwarten, dass an den folgenden Beispielen der drei Darstellungen zur Luftverschmutzung in Der Spiegel und den 44 Titelseiten aus den World Development Reports gezeigt wird, wie sich das Prozedere der visuellen Konstruktion von Globalität übertragen lässt, d.h. ein Analyseverfahren entwickelt worden ist, das auf diverses Bildmaterial anwendbar ist. Dieser Erwartung wird nicht entsprochen. Stattdessen erfolgt der Hinweis, dass es sich um einen Forschungsprozess handelt, also etwas noch nicht Abgeschlossenes, sondern kritisch zu Hinterfragendes. 

Im Rahmen eines Forschungsprozesses hätte es allerdings nahe gelegen, einige Fachleute zu interviewen, die zuständig sind für die Gestaltung von Graphiken und Titelblättern in den Medien, und sie zu fragen, wie sie vorgehen, wenn sie die Weltgesellschaft betreffende Themen visualisieren.

Fazit

Bei der Publikation handelt es sich zweifellos um ein Fachbuch, das denjenigen, die sich für das Thema „Vorstellungen über die gemeinsame Welt“ interessieren, einiges Durchhaltevermögen abverlangt. Die extreme Detailliertheit, mit der Hoggenmüller die Methode der Ästhetischen Re|Konstruktionsanalyse und seine drei Fallbeispiele schildert, die sich zunächst auf nur ein Bild: das Foto Blue Marble, und dann auf Bildfolgen: Darstellungen der C02 -Emissionen in den Ländern der Erde und 44 Titelseiten der World Development Reports richten, sind für einfach nur am Phänomen der Globalität und dessen medialer Darstellung interessierte Laien kaum geeignet. Es ist indessen ein anregendes Buch für Insider. 

Rezension von
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 28.12.2022 zu: Sebastian W. Hoggenmüller: Globalität sehen. Zur visuellen Konstruktion von »Welt«. Campus Verlag (Frankfurt) 2021. ISBN 978-3-593-51114-6. Reihe: Studien zur Weltgesellschaft/World Society Studies - 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27973.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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