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Alexander Akel: Strukturmerkmale extremistischer und populistischer Ideologien

Cover Alexander Akel: Strukturmerkmale extremistischer und populistischer Ideologien. Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. 454 Seiten. ISBN 978-3-8487-8012-9. 94,00 EUR.
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Thema

Die theoretische und empirisch tragfähige und nachvollziehbare Differenzierung zwischen extremistischen und populistischen Ideologien stellt eine Aufgabe dar, mit der sich mehrere Subdisziplinen der Politikwissenschaft intensiv befassen. Die vorliegende Arbeit unternimmt diesen anspruchsvollen Versuch auf der Grundlage der normativen Extremismustheorie, angelehnt an das Populismusverständnis von Cas Mudde und Rovira Kaltwasser sowie aus einer am Kritischen Rationalismus geschulten ideologietheoretischen Perspektive. Auf der Grundlage der Untersuchung der Parteiprogramme von NPD und AfD leitet der Autor schließlich Handlungsempfehlungen für einen demokratietheoretisch angemessenen Umgang mit Extremisten und Populisten ab.

Die rezensierte Arbeit stellt eine geringfügig überarbeitete und aktualisierte Fassung der im Jahr 2020 an der Philosophischen Fakultät der Technischen Universität Chemnitz angenommenen Dissertationsschrift von Dr. Alexander Akel dar. Die Arbeit wurde von Jun.-Prof. Dr. Tom Mannewitz sowie Prof. em. Dr. Eckard Jesse betreut. Der Autor ist seit September 2020 als Lehrbeauftragter für Politik und Soziologie an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung (HfPV) in Kassel sowie seit Juni 2021 als Bildungsreferent bei der Jugendbildungsstätte Ludwigstein im hessenweiten Präventionsprojekt „Grauzone: historisch-politische Extremismusprävention zum völkisch-nationalistischen Milieu“ tätig.

Aufbau

Die Veröffentlichung folgt der klassischen Struktur von Qualifikationsarbeiten:

  • der Einleitung mit Problemstellung, Übersicht über den Forschungsstand sowie Ausführungen zum Aufbau und zur Methodik der Arbeit (13-49) schließt sich im
  • Kapitel II der theoretische Bezugsrahmen an, der sich insbesondere aus dem kritischen Rationalismus Poppers speist sowie das Verständnis zentraler Begriffe der Arbeit enthält und in der Bestimmung der Strukturmerkmale extremistischer sowie populistischer Ideologien aufgeht (51-146).
  • In dem vom Autor als ‚Herz der Arbeit‘ (44) bezeichneten Kapitel III wird der konzeptionelle Bezugsrahmen aufgespannt, wobei der Autor einerseits die gemeinsamen Strukturmerkmale extremistischer und populistischer Ideologien vorstellt als auch die diesen jeweils spezifischen Strukturmerkmale darstellt (147-218).
  • Nach der Operationalisierung und der Entwicklung eines Kategorienschemas legt der Autor das von ihm entwickelte Schema der Strukturmerkmale im Sinne einer kontrastierenden Fallauswahl auf seine Fallbeispiele – die NPD (237-298) und die AfD (298-363) – an.
  • Über den folgenden Vergleich der Fallbeispiele (365-410) gelangt der Autor zu einer
  • Zusammenfassung und Handlungsempfehlungen (411-430).

Inhalt

Der Autor verortet sich in der normativen Extremismustheorie und konstatiert als eine zentrale Ausgangsfeststellung, dass diese bisher eine Operationalisierung der von ihr konstatierten Strukturmerkmale von Extremismus – fundamentale Verwerfung des demokratischen Verfassungsstaates; dogmatischer Absolutheitsanspruch; dualistischer Rigorismus; exklusiver Erkenntnisanspruch; essentialistisches Deutungsmonopol; holistische Steuerungsabsichten; deterministisches Geschichtsbild; identitäre Gesellschaftskonzeption – nicht geleistet habe. Mit Blick auf die Forschung zum Populismus, deren Rezeption freilich insbesondere mit Blick auf die internationale wissenschaftliche Debatte sehr knapp ausfällt, begnügt sich der Autor mit der Setzung, dass diesem als zentralem Definitionskriterium der Volk-Elite-Gegensatz zuzurechnen sei (76).

An späterer Stelle setzt der Autor folgende spezifische Strukturmerkmale für populistische Ideologien zentral:

  • ‚Establishment‘-Protest;
  • Medienfokussierung;
  • charismatische Führung;
  • homogenes Volksverständnis;
  • direkte Demokratie sowie
  • selektive Themenauswahl (105).

Unter Rückgriff auf Karl R. Poppers Auseinandersetzung mit der Ideologieforschung und der Fortführung durch Kurt Salamun führt der Autor ein „ideologiekritisches Analyseraster“ ein, mit Hilfe dessen „die jeweils charakteristischen Strukturmerkmale von extremistischen und populistischen Ideologien theoretisch dargestellt und eingeordnet werden, indem ihre (nicht-)wissenschaftliche Substanz über das poppersche Falsifizierbarkeitskriterium abgefragt wird“ (59). Dieses Analyseraster besteht aus fünf Ebenen:

  • der strukturellen Ebene (s.o.),
  • der inhaltlichen Ebene (ist die Ideologie dem Extremismus oder dem Populismus zuzuordnen?),
  • der strukturelle Subebene (Unterscheidung von Denkstruktur und Argumentationsstruktur),
  • der Substanz (besteht das Strukturmerkmal ausschließlich aus Werturteilen oder aus Tatsachenaussagen) sowie
  • der Frage nach der Falsifizierbarkeit.

In den umfangreichen Ausführungen zu den einzelnen Strukturmerkmalen konstatiert der Autor für den Extremismus, dass es sich um Denkstrukturen handelt, deren Substanz aus Werturteilen bestehe, die nicht falsifiziert werden können, d.h. aus Sicht ihrer Vertreter*innen nicht mit der erfahrbaren Wirklichkeit in Widerspruch geraten können (85). Mit Blick auf den Populismus sieht der Autor beim Strukturmerkmal Establishment-Protest auf der Subebene das Merkmal der Argumentationsstruktur erfüllt, in der Substanz jedoch eine systemoppositionelle wie eine systemreformistische Substanz als möglich an (115). Hinsicht der Strukturmerkmale Medienfokussierung, Direkte Demokratie und selektive Themenauswahl sieht er im Populismus Tatsachenaussagen und mithin Falsifizierbarkeit gegeben (125, 143 und 146); bei der charismatischen Führung und beim homogenen Volksverständnis verbinden sich aus Sicht des Autors Argumentationsstruktur mit Werturteilen und fehlender Falsifizierbarkeit (134 und 139).

Im Anschluss an diese theoretischen Überlegungen entfaltet der Autor seinen konzeptionellen Bezugsrahmen, in dem er entlang einer Gegenüberstellung der Strukturmerkmale von extremistischen und populistischen Ideologien nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten sucht. Letztere sieht er hinsichtlich von exklusivem Erkenntnisanspruch und charismatischer Führung (157) und von identitären Gesellschaftskonzeptionen und homogenem Volksverständnis (165) gegeben; bei dualistischem Rigorismus und Establishment-Protest sei die Differenzierung zwischen systemoppositionell-antiempirischem Establishment-Protest und systemreformistisch-empirischem Establishment-Protest gegeben (153). Den Abschluss der konzeptionellen Überlegungen bildet die Operationalisierung der Untersuchungskategorien.

In der empirischen Anwendung anhand von NPD und AfD nimmt der Autor für den Zeitraum 2010–2017 beziehungsweise 2013–2017 anhand der Parteiprogramme jeweils eine extremismustheoretische und eine populismustheoretische Einordnung vor und diskutiert dann anhand der zuvor bestimmten gemeinsamen Strukturmerkmale populistischer und extremistischer Ideologien sowie der je spezifischen Strukturmerkmale, inwiefern diese für die beiden Parteien jeweils zutreffen. So kommt der Autor etwa hinsichtlich des als spezifisch populistisch bestimmten Strukturmerkmals Medienfokussierung zum Ergebnis, dass es diese bei der NPD argumentationsstrukturell nicht gegeben habe (287); hinsichtlich des Merkmals Establishment-Protest wird die AfD als systemreformistisch eingeordnet, der es darum gehe, „die Machtspielräume der ‚politischen Klasse‘ nicht nur einzuschränken, sondern sie in absehbarer Zeit mittels demokratischer Wahlen ihrer Ämter zu entheben und diese durch sich selbst innerhalb des politischen Systems der Bundesrepublik zu ersetzen“ (316).

In der Gesamtschau konstatiert der Autor, dass es sich bei der NPD „zwischen 2010 und 2017 um eine rechtsextremistische Partei mit einem deutlich erkennbaren populistischen Einschlag“ gehandelt habe, während die AfD bis spätestens Mai 2016 als „rechtspopulistische Partei, die zunächst mit beiden Beinen auf dem Boden des demokratischen Verfassungsstaates stand“ (403), gelten müsse. Beide Parteien hätten jedoch nicht die extremistisch-populistische Argumentationsstruktur der charismatischen Führung aufgewiesen.

Diskussion

Ist dieser Befund in der Sache wenig überraschend, so liegt der zentrale Beitrag der Arbeit im Versuch der Operationalisierung der normativen Extremismustheorie und ihrer Verschränkung mit populismustheoretischen Ansätzen. Dies ist anzuerkennen, auch wenn man der normativen Extremismustheorie kritisch gegenübersteht. Kritisch bleibt zu fragen, ob es tatsächlich ausreicht, die aufgeworfenen Fragen lediglich auf der Grundlage von Parteiprogrammen zu diskutieren.

Einschränkend ist schließlich anzumerken, dass die den Abschluss der Arbeit bildenden Empfehlungen – Keine Freiheit für diejenigen, welche die Freiheit beseitigen wollen; Trennung von Inhalt und Individuum; Unterscheidung von Radikalismus, Populismus und Extremismus – schwerlich alleine aus den theoretischen und empirischen Erkenntnissen der vorliegenden Arbeit zu begründen noch besonders neu sind.

Fazit

Die vorliegende Arbeit stellt den ernst zu nehmenden Versuch dar, die normative Extremismustheorie weiter zu entwickeln. Die Ausführungen des Autors sind nicht zuletzt hinsichtlich der Verknüpfung theoretischer Perspektiven und der konzeptionellen Überlegungen Neuland.


Rezension von
Prof. Dr. Fabian Virchow
Professor für Theorien der Gesellschaft und Theorien politischen Handelns sowie Leiter des Forschungsschwerpunktes Rechtsextremismus/Neonazismus an der Hochschule Düsseldorf
Homepage www.forena.de
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Zitiervorschlag
Fabian Virchow. Rezension vom 29.11.2021 zu: Alexander Akel: Strukturmerkmale extremistischer und populistischer Ideologien. Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. ISBN 978-3-8487-8012-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27979.php, Datum des Zugriffs 28.01.2022.


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