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Kirsten Vollmer, Julia Laakmann u.a.: Qualifizierung des Berufsbildungspersonals in der beruflichen Bildung behinderter Menschen

Cover Kirsten Vollmer, Julia Laakmann, Christoph Metzler, Harald Schlieck, Manfred Weiser: Qualifizierung des Berufsbildungspersonals in der beruflichen Bildung behinderter Menschen. Einschätzungen, Anmerkungen, Impulse. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. ISBN 978-3-8474-2969-2.
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Thema

Die vorliegenden Beiträge beschäftigen sich aus verschiedenen Perspektiven mit der Qualifizierung des Berufsbildungspersonals in der beruflichen Bildung von Menschen mit Behinderung. Ihr gemeinsamer Bezugspunkt ist der Fokus auf Teilhabe und Inklusion hinsichtlich beruflicher Bildung und Beschäftigung.

Autoren

Die AutorInnen verbindet die gemeinsame Herkunft aus dem Bereich der beruflichen Bildung von Menschen mit Behinderungen. Sie haben sich in einer Projektgruppe des deutsch-israelischen Programms zusammengefunden.

Kirsten Vollmer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundesinstitut für Berufsbildung und fachliche Geschäftsführerin des Ausschusses für Fragen behinderter Menschen. Julia Laakmann kommt aus einem Familienunternehmen, das als Spedition Menschen, die taub sind, zu Berufskraftfahrern qualifiziert hat. Christoph Metzler, beschäftigt sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts der Deutschen Wirtschaft schwerpunktmäßig mit Fragen der Ausbildung von Menschen mit Behinderungen. Harald Schlieck war über längere Zeit Vorsitzender des Ausschusses für Fragen behinderter Menschen beim BIBB; hauptberuflich ist er stellvertretender Hauptgeschäftsführer einer Handwerkskammer. Manfred Weiser ist Pädagoge und leitet ein Berufsbildungswerk.

Entstehungshintergrund

In die Ausbildung von jungen Menschen mit Behinderungen sind eine Vielzahl unterschiedlicher Professionen einbezogen. Es gab in den letzten Jahren Ansätze die Anforderungen an die Mitarbeitenden im Rehabilitationsprozess kompetenzorientiert zu beschreiben. Dabei wurden erste Schritte getan. Insgesamt ist aber festzustellen, dass die Frage, wie die spezifischen Qualifizierungen aussehen sollen und wie diese vermittelt werden, immer noch offen ist. Diese Aussage gilt umso mehr, wenn man sich die Anforderungen an das Berufsbildungspersonal mit Blick auf die Megatrends in diesem Bereich betrachtet: dabei ist zuerst die Inklusionsdiskussion zu nennen aber auch die Veränderungen, die sich bei den Behinderungsarten ergeben haben.

Die Arbeit gibt einen summarischen Überblick über das beteiligte Berufsbildungspersonal und will Anstöße geben, die Diskussion dieses – wie es der Präsident des BIBB formuliert -bildungs-, gesellschafts- und arbeitsmarktpolitisch relevante Thema zu intensivieren.

Konkret sind die Arbeiten im Rahmen eines deutsch-israelischen Austauschprogramms entstanden. Die beteiligten nationalen Projektgruppen haben übereinstimmend festgestellt, dass sowohl in Israel als auch in Deutschland die Frage der Qualifizierung des Berufsbildungspersonals im Bereich der Ausbildung junger Menschen mit Behinderungen sehr viel intensiver bearbeitet werden sollte, um zu verbindlichen Standards zu kommen. Die vorliegenden Beiträge entstanden im Zusammenhang der damit beauftragten deutschen Projektgruppe.

Aufbau

Nach dem Vorwort des Präsidenten des Bundesinstituts für Berufsbildung.

  1. Einleitung aller AutorInnen
  2. Kirsten Vollmer; Consider their importance – ein pointierter Beitrag zur Qualifizierung des Berufsbildungspersonals in der beruflichen Bildung behinderter Menschen
  3. Julia Laakmann: Wie Unternehmen durch das Beschäftigen von behinderten Menschen die Zukunft der Wirtschaft gestalten können – ein Erfahrungsbericht aus unternehmerischer Perspektive
  4. Christoph Metzler: Prospektive Kompetenzen von Auszubildenden und daraus abzuleitende Folgen für die Qualifizierung von Ausbildungsverantwortlichen von Menschen mit Behinderung
  5. Harald Schlieck: Inklusive berufliche Ausbildung im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und gesellschaftlicher Verantwortung
  6. Manfred Weiser: Professionalisierung – Professionalität – Professionalisierung. Zur Qualifizierung des Berufsbildungspersonals unter rehabilitationspädagogischer Perspektive
  7. Übersicht der Personengruppen, die unmittelbar an der Qualifizierung behinderter Menschen beteiligt sind.

Inhalt

Kirsten Vollmer weist in ihrem Beitrag auf die Bedeutung der Qualifizierung des Berufsbildungspersonals hin. Das Thema ist für Berufsbildungspolitik, -forschung und -praxis nicht neu, erhält aber derzeit – auch unter dem Aspekt des Facharbeitermangels – in den entsprechenden Diskussionzusammenhängen einen prominenten Platz. Sie plädiert für die Vermittlung von Fachlichkeit und versteht darunter „behinderungsbezogene Fachkenntnisse, die … als Erweiterung der beruflichen Handlungskompetenz der Ausbilder/​-innen diesen ein Rüstzeug vermitteln, um die behinderten Jugendlichen adäquat und erfolgreich auszubilden“ (13). Im Beitrag von Julia Laakmann geht es um die Erfahrungen eines mittelständischen Logistikunternehmens bei der Ausbildung und Inklusion gehörloser Berufskraftfahrer.

Die Kompetenzerwartungen von Unternehmen und die damit verbundenen Auswirkungen auf Ausbildungskonzepte und Qualifizierungsbedarfe der AusbilderInnen behandelt Christoph Metzler in seinem Beitrag. In der Bewertung vorliegender Untersuchungen kommt er zu dem Schluss: „Soft Skills schlagen Programmierkenntnisse“ 25). Ein besonderes Augenmerk widmet Metzler den jungen Menschen mit psychischen Behinderungen, da diese die Unternehmen vor besondere Herausforderungen stellen. Unter der Perspektive von Digitalisierung und Inklusion sieht er die Möglichkeit aber auch Notwendigkeit, betriebliche Lehr- und Lernumgebungen stark individualisiert zu gestalten.

Die Perspektiven der Kammern und zuständigen Stellen bringt Harald Schlieck zum Ausdruck. Er sieht das Bemühen des Handwerks in der Ausbildung von jungen Menschen mit Behinderungen im Spannungsfeld von sozialer Verantwortung und der Notwendigkeit, sich marktwirtschaftlich zu behaupten. Er macht deutlich, dass die Diskussion um die Qualifizierung des Berufsbildungspersonals einen umfassenden Blick auf die Praxis der Berufsbildung erfordert: „Als wohl schwierigste Gruppe bei der Professionalisierung inklusiver beruflicher Bildung gilt das ausbildungsbeauftragte Personal, also alle Mitarbeiter/​-innen eines Betriebes, die bei der Berufsbildung mitwirken.“ (37). Daher schließt er seinen Beitrag mit dem Appell, dass Inklusion gelebter Alltag werden muss. Dies kann dadurch gelingen, dass in den Betrieben Inklusion zur „Chefsache“ wird.

Manfred Weiser akzentuiert die rehabilitationspädagogischen Aspekte. Er geht aus von einem Professionalitätsbegriff, der die Dimensionen Grundsätze, Aufgaben und Instrumente fokussiert. Ein pädagogisches Arbeitsbündnis, das sich durch Ressourcenorientierung und Partizipation auszeichnet, bildet die Grundlage seines Ansatzes. Professionalität sieht er durch Kooperation und Reflexivität gekennzeichnet – daher empfiehlt er Kollegiale Fallberatungen als Mittel professioneller Kommunikation. In fünf Thesen schließt er seinen Beitrag und verweist auf die Bedeutung der ständigen Fort- und Weiterbildung des Berufsbildungspersonals: „Rehapädagogische Professionalität ist sich der eigenen notwendigen Weiterentwicklung bewusst. Professionalität braucht im Sinne lebenslangen Lernens Professionalisierung als Dauerprozess. Lernen ist dabei als Kompetenzaneignung wie -vertiefung und -erweitung zu verstehen“ (49). Die in der Ausbildung begonnen Professionalisierung führt zur Professionalität, muss aber durch Fort- und Weiterbildungen gesichert werden. Daher: Professionalisierung – Professionalität – Professionalisierung.

Im Anhang ist eine umfassende Auflistung des Ausbildungspersonals in Tabellenform enthalten. Die verschiedenen betrieblichen wie außerbetrieblichen Akteure werden unter den Aspekten Aufgaben, Herkunftsprofession und Qualifikationen dargestellt.

Diskussion

Die vorliegenden Diskussionspapiere liefern interessante und wichtige Beiträge zur Diskussion um die Qualifizierung des Berufsbildungspersonals bei jungen Menschen mit Behinderungen. Sie machen die Breite und Vielfalt der Thematik deutlich. Die verschiedenen Perspektiven sind anregend und fordern zum Weiterdenken und -handeln auf. Besonders bedeutsam fand ich die Hinweise auf die Gestaltung von Beziehungen. An den allgemeinbildenden Schulen und besonders in inklusiven Settings ist die Bedeutung der Beziehungsarbeit anerkannt. In Ausbildungs- und Kompetenzordnungen für die angehendenden SonderpädagogInnen wird diesem Aspekt ein eigenes Kompetenzfeld gewidmet. In der Berufspädagogik stehen aber nach wie vor die spezifisch fachwissenschaftlichen Aspekte im Vordergrund. Der Bezug auf die Hattie-Studie bei Vollmer verdeutlicht, dass hier im Bereich der Berufspädagogik noch Nachholbedarf besteht. Das Thema der sozial-emotionalen Kompetenzen gewinnt daneben auch durch die von Metzler referierten Anforderungen von ArbeitgeberInnen weitere Bedeutung. Daher lässt sich festhalten, dass zum einen die Beziehungsarbeit, die Gestaltung von Begegnungen ein wesentlicher Erfolgsfaktor in der Bildung junger Menschen ist; gleichzeitig ist diese auch spezifisch zu gestalten, wenn es um die Entwicklung sozial-emotionaler Kompetenzen in der Rehabilitationspädagogik geht. Es gibt erst vereinzelt Konzepte – wie zum Beispiel das EU-Projekt SEC4VET (vgl. https://sec4vet.eu/), die sich der gezielten und systematischen Entwicklung sozial-emotionaler Kompetenzen widmen. Stimmig dazu sind die professionstheoretischen Überlegungen von Weiser, der das pädagogische Arbeitsbündnis vorstellt. Attraktiv ist an diesem Konzept, dass es zwischen fachlichen Anforderungen und Aspekten der Persönlichkeitsentwicklung eine Brücke schlägt. Die Hinweise zur Weiterentwicklung der PädagogInnen auch durch kollegiale Fallberatungen machen deutlich, dass sich professionell Lehrende immer auch als Weiter-Lernende verstehen sollten. Persönlich wäre ich an weiteren Ausführungen und Hintergründen zum angedeuteten Verstehensprozess interessiert gewesen.

 Die Auflistung der am Berufsbildungsprozess Beteiligten ist eine Fleißarbeit, die in ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden darf, da hier erstmalig eine umfassende Übersicht vorgestellt wird.

Fazit

Ich kann mich dem Vorwort des Präsidenten des Bundesinstituts für Berufsbildung nur anschließen und hoffe, dass dieses Papier zur Intensivierung der Diskussion um die Professionalisierung der Mitarbeitenden im Prozess der Berufsbildung junger Menschen mit Behinderungen beiträgt.


Rezension von
Katja Ludwig
Sonderschullehrerin an einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum für den Förderbereich motorische Entwicklung
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Zitiervorschlag
Katja Ludwig. Rezension vom 11.02.2021 zu: Kirsten Vollmer, Julia Laakmann, Christoph Metzler, Harald Schlieck, Manfred Weiser: Qualifizierung des Berufsbildungspersonals in der beruflichen Bildung behinderter Menschen. Einschätzungen, Anmerkungen, Impulse. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. ISBN 978-3-8474-2969-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27982.php, Datum des Zugriffs 02.03.2021.


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