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Stefan Hierholzer: Basiswissen Sexualpädagogik

Cover Stefan Hierholzer: Basiswissen Sexualpädagogik. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. 227 Seiten. ISBN 978-3-497-02973-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Geschlechtsbezogenes Verhalten tritt in den ersten Lebensjahren weniger auf, als im Kindergarten- und noch mehr im Grundschulalter. Dies führt oft dazu, dass Geschlechterfragen und Genderthematiken in den ersten drei Lebensjahren von Eltern und pädagogischen Fachkräften als unbedeutend angesehen werden (vgl. Rohrmann 2009). Allerdings werden vornehmlich in diesen ersten Lebensjahren geschlechtsbezogene Erwartungen und Verhaltensweisen, durch das Erziehungsverhalten der Erwachsenen, gerichtet an das Kind, wirksam. Geschlechtsbezogene Typisierungen im Kita-Alltag zeigen sich zusätzlich in vorgegebenen Strukturen von Räumen und Material (vgl. Rohrmann 2009). Dies alles sind wesentliche Anteile in kindlichen Sozialisationsprozessen und wirken vom ersten Lebensjahr an auf die Identitätsentwicklung von Menschen ein. Gendersensible (sozialpädagogische) Arbeit ist unabdingbar, um das Klientel jeden Alters kritisch bei der Erprobung von Geschlechterverhältnissen zu begleiten und sie professionell bei der Ausgestaltung der individuellen (Geschlechts-)Identität, die ihren ganz persönlichen Fähigkeiten und Interessen entspricht, zu unterstützen (vgl. Focks 2016).

Das Bewusstsein um die Bedeutung von Gender-/​Queerkompetenz von (sozialpädagogischen) Fachkräften ist nicht neu, zeigt sich bislang allerdings vornehmlich in der Fokussierung auf binäre Geschlechtervariationen, wie im Gender Mainstreaming. Das Verständnis von Geschlechterdiversität wird hierbei oft als gesonderte Kompetenz aufgeführt. Allerdings ist die Geschlechterfrage innerhalb (sozialpädagogischer) Tätigkeiten keine Wissens- und/oder Anwendungsfrage, sondern muss vielmehr als Haltungsfrage diskutiert werden, welche einen Teil des professionellen Habitus und der professionellen Handlungskompetenz vom Fachpersonal* ausmacht. Demnach basiert der Umgang mit Geschlechterdiversität nicht allein auf die Anwendung von Bestandswissen, sondern zeigt sich vielmehr als kritisch-diskursive Haltung, welche einen Teil der professionellen Persönlichkeit des Fachpersonals ausmacht. Das bedeutet, dass die Diversität von Geschlecht innerhalb der (sozialpädagogischen) Berufsausbildung aktiv, über die klassisch binäre-heteronormative Geschlechtervarianz hinaus, thematisiert und reflektiert werden muss. Das vorliegende Lehrbuch ist diesbezüglich als hilfreiche Unterstützung dieses Prozesses zu würdigen.

*Im folgenden Verlauf werden unter dem Begriff Fachpersonal sowohl alle sozial-/pädagogischen Berufe als auch alle Care-Berufe impliziert. Aus diesem Grund ist „sozialpädagogische“ zumeist in Klammern ausgewiesen.

Autor

Stefan Hierholzer (M.Ed.) ist ausgebildeter Erzieher, Berufsschullehrer und heilpraktischer Psychotherapeut. Er arbeitet aktuell als Schulleiter am Campus29, einer Fachschule für Sozialpädagogik, in Hamburg und als heilpraktischer Psychotherapeut in Lüneburg.

Aufbau und Inhalt

Nach den bibliographischen Angaben des Buches, inklusive einer sehr kurzen Vorstellung des Autors, folgt ein übersichtlich gestaltetes Inhaltsverzeichnis. Zu Beginn des Buches wird, im „Vorwort – Wie lese ich dieses Buch?“ (S. 8 f.), die Leserschaft über die Besonderheit des bearbeiteten Inhaltsfeldes „Sexualität“ aufgeklärt. Da jede Person eine eigene, ganz subjektive Sexualität aufweist, und dies zu meist eher ein intimes Thema ist, muss jeder noch so objektive Inhalt des Buches von der subjektiven Erschließung und Bearbeitung des Autors, nach seinen individuellen Erfahrungen und seinem Habitus, betrachtet werden. Zudem wird in diesem Zusammenhang die Besonderheit und Relevanz der bewussten Verwendung von (Schrift-)Sprache aufgeführt. Ihre Rolle als Weltbild konstruierendes Medium, wird durch den Hinweis eines gendersensiblen Sprachgebrauchs innerhalb des Buches verdeutlicht. Bereits hier gibt es erste inhaltliche Hinweise auf die Erarbeitung eines diversen Sexualitätsbegriffs innerhalb des vorliegenden Werkes.

Im ersten Kapitel „1 Sexualitätsbegriff – Annährung an ein diffuses Konstrukt“ erfolgt eine erste Annäherung an die Begriffserarbeitung Sexualität. Bereits hier wird die Komplexität von Sexualität verdeutlicht, da die Annährung über vier Unterkapitel, auf der Grundlage unterschiedlicher wissenschaftlicher Perspektiven (sozialpädagogische, medizinische, psychoanalytische und soziologische Perspektive), erfolgt. Hierbei wird sowohl die biologische, als auch die gesellschaftliche Komponente von Sexualität analysiert.

Das Kapitel „2 Sexuelle Entwicklung“ verdeutlicht Sexualität als lebenslangen Prozess der menschlichen Sozialisation. Die Besonderheit dieses Kapitels ist es, dass diesbezüglich die sexuelle Entwicklung über ein gesamtes Leben aufgezeigt wird. Demnach wird nicht, wie so oft, nur von Sexualität ab der Pubertät ausgegangen, sondern auch Kindern sowie Personen im Alter ihre Sexualität zugesprochen. Hierdurch verdeutlicht Hierholzer die Bedeutung von Sexualität als komplexe Sozialhandlung, welche nicht nur biologische Triebe, Geschlechtsorgane oder Fortpflanzung beinhaltet, sondern immer als grundlegendes Identitätsmerkmal in gesellschaftlichen Handlungen mitzudenken ist. Aus diesem Grund werden in diesem Kapitel nicht allein biologisch physische Entwicklungsprozesse aufgeführt. Auch entwicklungspsychologische und soziosexuelle Perspektiven, welche Sexualität immer auch in gesellschaftlichen Prozessen eingebunden versteht, beschreibt Hierholzer ausführlich, indem er beispielsweise geschlechtliche Rollenbilder, gesellschaftliche Erwartungshaltungen und sexuelle Skripte ausführlich und reflektiert einbezieht.

Diese soziosexuelle Perspektive wird in Kapitel „3 Sexualität und Medien“ vertieft dargestellt, indem hierbei nicht nur auf Medienkonsum und dessen Auswirkungen auf die Identitätswerdung junger Menschen eingegangen wird, sondern diesbezüglich vor allem auch dargestellt wird, wie Sexualisierung in und durch Medien, hier am Beispiel Pornografie, bestimmte Rollenbilder und Erwartungen von und an Sexualität suggerieren.

Das Kapitel „4 Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt“ beschreibt zunächst kritisch die vermeintliche Heteronormativität von Geschlecht, sowohl in der gesellschaftlichen, als auch lange Zeit in der wissenschaftlichen Ideologie. Hierzu wird Stellung zur geschlechtlichen Identität genommen und ihre langwierige historische Entwicklung, von der Antike, über die Frauenbewegungen bis zu den Queer Studies, aufgezeigt. Die weiterführende Darstellung verschiedener Coming-out Modelle, stellt vor allem den (sozialpädagogischen) Fachkräften relevante Informationen für die Praxis zur Verfügung. Zudem wird der Leserschaft in diesem Kapitel die Vielfältigkeit sexueller Erscheinungsformen, sowohl bzgl. der geschlechtlichen Identität als auch der sexuellen Orientierung, aufgeführt. Nicht nur die Vielfältigkeit sexueller Erscheinungsformen, auch die zunehmende Multikulturalität der Gesellschaft stellt komplexe Herausforderung an (sozialpädagogische) Fachkräfte. Kultur und Sozialisation stehen in einem interdependenten Verhältnis zueinander, wodurch eine Vielfalt an Paradigmen, Normen und Werten (auch bzgl. Sexualität) in einer Gesellschaft aufeinander treffen und ggf. aneinander geraten. Besonders hilfreich für zukünftige Fachkräfte sind diesbezüglich die Aufführung und Diskussion unterschiedlicher interkultureller Perspektiven und weiterführende Tipps zum Umgang mit interkultureller Sexualität.

Das nachfolgende Kapitel „5 Sexualität, Recht und Gesundheit“ führt relevante rechtliche Grundlagen und somit Legitimationsgrundlagen fachlich professionellen Handelns auf. Hier erfolgt eine strukturelle Erläuterung relevanter Rechtsvorschriften und Konventionen. Von der Entstehungsgeschichte über den Bedeutungswandel, bis hin zur Bedeutung für die sexuelle Selbstbestimmung/der sexuellen Ausrichtung, erfolgt eine gut strukturierte Erarbeitung wichtiger rechtlicher Grundlagen. Weiterführend folgen Informationen zu verschiedenen Geschlechtskrankheiten und möglichen Verhütungsmethoden. Hierbei werden auch hilfreiche Inhalte aufgezeigt, um für Menschen mit Behinderungen die Verhütungsmöglichkeiten reflektiert auszuwählen.

Sexualität ist, wie oben bereits dargestellt, nicht nur ein wesentliches Identitätsmerkmal, sondern vor allem in komplexen Sozialhandlungen eingebunden. Menschen aller Altersstufen, im Rahmen einer lebenslangen Entwicklung, bei diesen Prozessen zu unterstützen und zu begleiten, ist eine wesentliche Aufgabe (sozialpädagogischer) Fachkräfte aller sozialen Arbeitsfelder. Dies ist bei einem sensiblen Thema, wie der Sexualität, zum einen besonders wichtig und zum anderen auch besonders herausfordernd. Das Kapitel „6 Sexualpädagogik – von der Sexualerziehung bis zum Sexualbildungsbegriff“ zeigt sich diesbezüglich als sehr wertvoll für (sozialpädagogische) Fachkräfte, indem es absolut praxisnah zunächst die historische Entwicklung der Sexualerziehung und Sexualpädagogik in den Mittelpunkt der Inhalte stellt, um auf diese Weise den Werdegang verschiedener sexualpädagogischer Ansätze und Ansichten nachvollziehen zu können. Darauf aufbauend erfolgt eine ausführliche, handlungsorientierte Erläuterung von sexueller Bildung und wie diese realisiert werden sollte.

Diese praxisnahen Darstellungen über sexueller Bildung werden im folgenden Kapitel „7 Sexualpädagogische Didaktik und Methodik“ noch konkreter, indem hier zusätzlich auf die Anwendung dieser, in den einzelnen Arbeitsfeldern sozialpädagogischer Fachkräfte, detailliert eingegangen wird. An dieser Stelle erfährt die Leserschaft nicht nur alles Wichtige über Auswahlkriterien der Inhalte, Kompetenzen und Richtzielen aus der didaktischen Perspektive, zudem erfolgt eine Darstellung möglicher methodischer Übungen für jedes Arbeitsfeld und Klientel, welche direkt ausprobiert werden können.

Die Arbeit im (sozialpädagogischen) Feld ist immer mit Beziehungsarbeit zu den einzelnen Klient_innen verbunden. (Sozialpädagogische) Fachkräfte sind hierbei dazu angehalten, den Menschen wertzuschätzen und sein Verhalten, losgelöst von seinem Menschsein, objektiv zu bewerten. Hierbei kann es immer wieder zu neuen Herausforderungen kommen, wenn sich die Klientel im Spannungsfeld zwischen Ethik und Sexualität bewegt. Welche Herausforderungen das sein könnten, wird im Kapitel „8 Sexualethik“ exemplarisch an den Inhaltsfeldern Prostitution, Umgang mit Sexualstraftäter_innen und dem Wandel von Liebesbeziehungen aufgezeigt. Mit Hilfe von detaillierten Reflexionsfragen werden (sozialpädagogische) Fachkräfte unterstützt, die eigene Arbeitshaltung kritisch zu reflektieren und notwendige Abwägungsentscheidungen zu treffen.

Abschließend befasst sich das Werk mit der Schattenseite von Sexualität, dem sexuellen Missbrauch. In dem Kapitel „9 Sexualisierte Gewalt“ wird ausführlich dargelegt, was darunter zu verstehen ist, wie es zu derartigen Übergriffen kommen kann und was dies für Täter_innen, aber vor allem für die Opfer bedeutet. Relevantes Hintergrundwissen für Personen, dessen Klientel Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt machen musste. Unter dem Punkt „Präventionsstrategien bei sexuellen Missbrauch“ wird nochmals die Relevanz sexueller Bildung hervorgehoben.

Diskussion

Das vorliegende Werk ist eine hilfreiche fachliche Lektüre, um Vorurteile abzubauen und ganzheitlich über einen besonders wichtigen menschlichen Entwicklungsbereich aufzuklären. Das Thema Sexualität wurde in diesem Werk auf 206 Seiten umfangreich erarbeitet. Die interessanten Themenfelder sind logisch strukturiert und bauen gut aufeinander auf. Zusätzliche grafische Darstellungen und tabellarische Übersichten unterstützen die Verständlichkeit der Inhalte. Einzelne Quintessenzen, die die relevantesten Inhalte des vorab Dargestellten zusammenfasst, werden, leicht auffindbar, in einem separaten Textfeld aufgeführt. Doch gerade ein Thema wie Sexualität kann niemals in nur einem Buch mit allen Facetten dargestellt werden und somit alle fachlichen und weiterführenden Fragen beantworten. Aus diesem Grund sind innerhalb dieses Fachbuchs weiterführende Quellen zur Informationsbeschaffung oder aber Literaturempfehlungen aufgeführt. Am Ende der Lektüre werden auch weitere Bücher des Verlags empfohlen, welche sich ebenfalls mit dem Thema Sexualität befassen.

Innerhalb der einzelnen Kapitel werden immer wieder anregende Reflexionsfragen aufgeführt, welche die Leser_innen zu (Selbs-)Reflexionsprozessen anregen. Dies ist besonders innerhalb sozialpädagogischer Berufsfelder von besonderer Bedeutung, da das Fachpersonal in der Arbeit mit Menschen immer auch sich und seine Persönlichkeit, bewusst oder unbewusst, in den Arbeitsprozess einbringt. Ob durch (un)bewusste Handlungen oder (un)bewusste Äußerungen. (Selbst)Reflexion und stetige Überprüfung eigener und anderer Einstellungen, Handlungen und Wahrnehmungen sind somit unabdingbares „Arbeitswerkzeug“ für professionelles Handeln, da diese das berufliche Tun maßgeblich beeinflussen. Die Reflexionsfragen sind nicht die einzige praktisch orientierte Unterstützung. Enthaltene methodische Übungen und didaktische Überlegungen, geben vor allem zukünftigem Fachpersonal mehr Sicherheit in dem Umgang mit dem sensiblen Thema der Sexualität. Dies macht es für die Leserschaft nicht nur zu einem inhaltlich aussagekräftigen Lehrbuch, sondern, durch die starke Praxisorientierung, auch zu einem echten Mehrgewinn für die Arbeit mit der Klientel. Besonders hervorzuheben ist diesbezüglich die inhaltliche Erarbeitung von „Sexualität“ von der Geburt bis in den Tod hinein. Hierdurch wird mit dem gesellschaftlichen Verständnis von Sexualität aufgeräumt, welches sich meist nur auf die körperliche Entwicklung in der Pubertät und die Fortpflanzung begrenzt. Auch Kindern wird ihre Sexualität zugestanden, welche auch mit Befriedigung und Trieben einhergeht, aber doch ganz anders gedeutet und verstanden werden muss als die Sexualität von Erwachsenen. Neben den Kindern wird auch Sexualität im Alter bearbeitet, welches zumeist immer noch ein gesellschaftliches Tabuthema ist. Dies fördert nicht nur das Verständnis von Sexualität als lebenslangen Entwicklungsprozess, sondern macht dieses Werk auch interessant für das Fachpersonal aller sozialpädagogischen Berufsfelder, unabhängig vom Alter der Klientel. 

Wie sensibel dieses Thema ist, verdeutlicht der Autor bereits in seinem Vorwort, indem er die Macht von (Schrift-)Sprache hervorhebt. Hierbei geht er kritisch mit heteronormativen Annahmen um, welche einer vielfältigen und diversen Weltvorstellung im Wege steht und binäre Alltagswelten gestaltet. Weiterführend wird dies durchgängig anhand seines sehr reflektierten und (gender-)sensiblen Sprachgebrauchs deutlich. Dieses Lehrwerk hat keinen vorschreibenden Charakter. Es regt vielmehr immer wieder zur kritischen (Selbst-)Reflexion und zu konstruktiven Diskussionen an. Dies zeigt sich beispielsweise in den zahlreichen Definitionsannäherungen relevanter Grundbegriffe, wobei niemals die eine absolute Definition aufgezeigt und angepriesen wird. Der Autor gibt vielmehr Definitionsanreize, die die Wandelbarkeit und Veränderung der Begrifflichkeiten verdeutlicht. Zudem findet sich in ziemlich jedem Kapitel auch immer (wenn auch nur in Kurzform) ein Verweis auf sexuelle Orientierungen und/oder Identitäten, die nicht der heteronormativen Vorstellung entspricht, wie beispielsweise in Kapitel „2.9 Reproduktives Alter“.

Gerade dieser sensible Umgang mit dem Thema Sexualität und unter der Voraussetzung als aufklärendes Lehrbuch für bisherige Laien zu fungieren, gilt es die Darstellung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt zu hinterfragen. Auch wenn mehrfach in dem Buch über geschlechtliche Identität und sexueller Orientierung gesprochen wird, wäre es für absolute Fachneulinge eventuell wichtig zu wissen, ob es einen Unterschied zwischen diesen Begrifflichkeiten gibt und welcher das wäre. Hier wäre eventuell eine Gegenüberstellung und Diskussion dieser beiden Aspekte, für ein besseres Verständnis, hilfreich gewesen. Zudem wird Asexualität nicht ausreichend dargelegt. Dies ist ein besonderes Versäumnis, da gerade diesbezüglich der gesellschaftliche Irrglaube besteht, Asexualität mit sexueller Abstinenz gleichzusetzen. Dies vermag das Buch zu unterstützen: „Auch eine fehlende bzw. schwache Ausprägung von Sexualität, z.B. in Form von Asexualität, ist existent“ (S. 17). Diese Aussage ist irreführend, da bei asexuellen Menschen sowohl sexuelle Interaktionen, wie auch romantische Anziehung nicht ausgeschlossen sind. Auch die Libido kann bei asexuellen Menschen unterschiedlich stark oder schwach ausgeprägt sein (vgl. http://asexuality.org). Eine differenzierte Diskussion dieses Themenfeldes, vor allem auch bezüglich der Besonderheiten, die sich für asexuelle Menschen in Paarbeziehungen ergeben, wäre innerhalb dieses Werkes ein Zugewinn.

Besonders bedenklich ist die Wahl des Covers. Das Erste, was potentielle Käufer_innen eines Buches sehen, ist das Cover. Das hier Ausgewählte, wirkt vollkommen konträr zu seinem Inhalt. Es zeigt einen Jungen und ein Mädchen. Das Mädchen trägt ihr langes Haar zu zwei Seitenzöpfen, mit einer Blumenspange gestaltet, und ein rosa-pinkfarbenes Shirt. Der Junge, mit seinen kurzen blonden Haaren, trägt ein grünes Shirt und eine lässige Jeans, welche unten rebellisch hochgekrempelt ist. Beide haben einen Pinsel in der Hand und scheinen gemeinsam ein Herz zu malen. Es verwundert, weil zum einen die Darstellung der Kinder heteronormative Geschlechtszuschreibungen verstärkt und es zum anderen dem Verständnis von kindlicher Sexualität nicht gerecht wird. Diese binäre und heterosexuelle Darstellung der Kinder passt in keiner Form zu den ausgewählten inhaltlichen Darstellungen des Buches, welche von sexueller Vielfalt geprägt sind, oder der äußerst reflektierten und gendersensiblen Schriftsprache des Autors. Zudem suggeriert das gemeinsame Malen eines Herzens, es ginge um Liebe oder Zuneigung zwischen den Kindern. Kindliche Sexualität ist allerdings nicht gleichzusetzen mit der von erwachsenen Personen. Kindliche Sexualität umfasst vornehmlich das Verständnis über den eigenen Körper und seine einzelnen Körperteile, die eigene Körperwahrnehmung (was tut mir gut), vielfältige Sinneswahrnehmungen, den Ausdruck von Gefühlen und Erleben. Kindliche Sexualität ist demnach vornehmlich egozentrisch und nicht, wie etwa bei Erwachsenen, beziehungsorientiert. Ein Mädchen und ein Junge, die gemeinsam ein Herz malen, drücken leider Gegenteiliges aus. Im Hinblick auf die zu erreichende Zielgruppe, sozialpädagogische Fachkräfte, welche auf der Suche nach einem Fachbuch ist, das von einem differenzierten Sexualbegriff ausgeht, könnte dieses Cover eher weniger zum Kauf animieren.

Zudem stellt man sich als Leser_in die Frage, warum der Autor sich zunächst die Mühe macht im Vorwort auf eine sehr reflektierte und sensible Weise zu erläutern, dass ein intimes Thema, wie Sexualität, immer auch subjektiv dargestellt und bewertet wird und daher immer der „Background“ des Verfassers mitbedacht werden muss, aber genau dieser in nur wenigen Worten zusammengefasst wird. Die sehr differenzierte, lösungsoffene und besonders reflektierte und sensible Schriftsprache des Autors ist so nicht in jedem Werk auffindbar. Es wäre für die Leserschaft interessant und eventuell auch bzgl. einiger Inhalte ein Mehrwert, mehr Informationen über den Autor zu erhalten als absolvierte Berufe und Weiterbildungsbereiche. Zumindest als weiterführenden Link für Interessierte.

Fazit

Das vorliegende Lehrbuch weist, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit, einige Besonderheiten auf, wodurch es für die sozialpädagogische Ausbildung und Berufsausübung eine relevante Unterstützung darstellt. Durch die Ausführungen von Sexualität als identitätsstiftenden lebenslangen Prozess, von der Geburt bis in den Tod, und den Einbezug von sexueller Diversität, ist dem Autor hiermit eine umfassende Einführung in das Thema Sexualität gelungen, welches nicht nur für Auszubildende dieses Berufszweiges, sondern für jeden Interessenten lesenswert ist. Doch nicht nur die theoretischen Inhalte, sondern auch die vielen Reflexionsfragen und dargestellten methodischen Übungen sind besonders für (sozialpädagogische) Fachkräfte aller Berufsfelder eine gelungene Hilfestellung, um einen ersten Einstieg in die professionelle Entwicklungsunterstützung zu wagen. Dieses Werk lädt zum Reflektieren, Hinterfragen, Diskutieren und Ausprobieren ein und leistet dadurch einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Aufklärung bzgl. der Vielfalt der Sexualität des Menschen.


Rezension von
Sabrina Jankowski
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Zitiervorschlag
Sabrina Jankowski. Rezension vom 04.03.2021 zu: Stefan Hierholzer: Basiswissen Sexualpädagogik. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. ISBN 978-3-497-02973-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27990.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


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