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Dirk Halm, Martina Sauer u.a.: Wohlfahrtspflegerische Leistungen von säkularen Migranten­organisationen

Cover Dirk Halm, Martina Sauer, Saboura Naqshband, Magdalena Nowicka: Wohlfahrtspflegerische Leistungen von säkularen Migrantenorganisationen in Deutschland, unter Berücksichtigung der Leistungen für Geflüchtete. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2020. 142 Seiten. ISBN 978-3-8487-7927-7. 29,00 EUR.
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Thema: Wohlfahrtspflege für Migranten durch Migranten

In den letzten Jahren sind zahlreiche säkulare Migrantenselbstorganisationen und – besonders seit 2015 – mehrere Geflüchtetenorganisationen entstanden, die soziale Dienstleistungen erbringen. Damit ergänzen sie die Angebote religiöser Organisationen und der klassischen Wohlfahrtsverbände, treten aber auch in Konkurrenz zu ihnen. Die vorliegende Studie analysiert auf Grund empirischer Erhebungen die Rahmenbedingungen, Inhalte und Wirkungen ihrer Arbeit in Deutschland.

Autor*innen

Dirk Halm ist apl. Professor an der Universität Duisburg-Essen und arbeitet am Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) in Essen.

Martina Sauer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZfTI und dort verantwortlich für die empirische Sozialforschung.

Saboura Naqshband ist Bildungsreferentin, Empowerment-Trainerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Migrations- und Integrationsforschung (DeZIM-Institut).

Magdalena Nowicka ist Professorin für Migrations- und Transnationalismusforschung an der Humboldt-Universität Berlin und Leiterin der Abteilung Integration im DeZIM-Institut.

Aufbau und Inhalt

Die vorliegende Arbeit knüpft an eine 2015 erschienene Studie über religiöse Migrantenorganisationen des muslimischen (einschließlich des alevitischen) Bekenntnisses an, die von Halm und Sauer im Rahmen der Deutschen Islam Konferenz durchgeführt worden ist. Das dort angewandte Instrumentarium wurde weitgehend übernommen: Eine CATI-Befragung (CATI = Computer Assisted Telephone Interviewing) wurde durch Einzelinterviews mit Vertreter*innen relevanter Organisationen ergänzt. Neu kamen hinzu Fallstudien in einzelnen Städten. Diese Methodik erlaubte es, Vergleiche mit den Ergebnissen der Studie von 2015 zu ziehen.

In der Einleitung stellen die Autor*innen den Rahmen und das Erkenntnisinteresse der Studie vor. Hier wird schon ein erster Begriff geklärt: Gemäß der von der BAGFW entwickelten Terminologie wird „Freie Wohlfahrtspflege“ definiert als „die Gesamtheit aller sozialen Hilfen, die auf freigemeinnütziger Grundlage und in organisierter Form geleistet werden“. Damit wird diese Form sozialer Dienstleistungen zum einen von Angeboten gewerblicher, auf Gewinnerzielung ausgerichteter Anbieter und solchen öffentlicher Träger abgegrenzt, zum anderen die Vielfalt der Angebote und ihre Erbringung sowohl durch hauptamtlich als auch durch ehrenamtlich Mitarbeitende betont.

Kapitel zwei stellt eine Diskussion des deutschsprachigen Forschungsstandes dar. Hier wird auch der Begriff „Migrantenorganisationen“ (MO) kritisch diskutiert, gleichwohl aber beibehalten und „als in der Folge von Einwanderungsbewegungen entstandene Zusammenschlüsse von Menschen, die ein Selbstverständnis als Eingewanderte teilen“, definiert. Wohl als Untergruppe werden „Geflüchtetenorganisationen“ (GO) verstanden, „die besonders starken Selbsthilfecharakter haben“. Abgegrenzt werden die MO von den „Neuen Deutschen Organisationen“, die „zwar in der Tradition der Migration“ stehen, deren Mitglieder gleichwohl sich nicht (mehr) als Eingewanderte begreifen.

Das dritte Kapitel stellt den Katalog sozialer Dienstleistungen vor, der im Rahmen der CATI-Befragung erhoben wurde und der sich im Wesentlichen an der Förderfähigkeit nach SGB, Zuwanderungsrecht oder AsylbLG orientiert. Hier wird auch beschrieben, welche Organisationen und Akteure durch CATI, Einzelinterviews und Fallstudien an welchen Standorten befragt wurden. Das Kapitel stellt außerdem die Vorgehensweise und Inhalte von Fallstudien und Einzelgesprächen sowie die Methoden der Befragungsdurchführung dar. Eine detaillierte Darstellung der CATI-Befragung wurde allerdings in einen Methodenbericht im Anhang „ausgelagert“.

Die Ergebnisse von CATI-Befragung, Einzelinterviews und Fallstudien werden im vierten Kapitel vorgestellt. Dabei wird zunächst beschrieben, welche Angebote an sozialen Dienstleistungen säkulare MO im Wesentlichen machen. Dem schließt sich eine Analyse der Bedingungen an, unter denen diese Dienstleistungen erbracht werden.

Am Ende der Studie wird ein Fazit gezogen und Handlungsempfehlungen formuliert, die sich im Wesentlichen an Politik und Verwaltung richten.

Diskussion

Für den Rezensenten war vor allem das Kapitel interessant, das die von den säkularen MO erbrachten Angebote und die Rahmenbedingungen für ihre Erbringung sozialer Dienstleistungen beschreibt. Hier wird die enorme Bandbreite der verschiedenen Akteure und ihrer Tätigkeiten plastisch vor Augen geführt. Säkulare MO sind kein homogener Block, sondern eine durchaus plurale Gruppe. Außerdem wird deutlich, dass säkulare MO längst nicht (mehr) Appendixe religiöser Organisationen oder der deutschen Wohlfahrtsverbände sind, sondern als eigenständige Akteure – zum Teil auch in Konkurrenz zu den etablierten Organisationen der Wohlfahrtspflege – auftreten. Gerade kleinere MO leiden aber unter denselben Schwierigkeiten, wie sie auch andere Organisationen der Migranten- oder Flüchtlingshilfe kennen: vor allem Probleme mit den unterschiedlichen Förderpolitiken und dem damit verbundenen Antrags- und Abrechnungsaufwand. Auch fällt es ihnen nicht leicht, sich im politischen Raum Gehör zu verschaffen.

Kritisch ist anzumerken, dass sich die Abfrage des Kataloges wohlfahrtspflegerischer Leistungen an den Fördermöglichkeiten nach dem SGB, dem „Zuwanderungsgesetz“ (gemeint sind wahrscheinlich das AufenthG und die BeschV) und nach dem AsylbLG orientiert. Anders als bei der Studie über die muslimischen bzw. alevitischen Organisationen bleiben dadurch Angebote unberücksichtigt, die zumeist auf den Leistungen von Ehrenamtlichen beruhen und nur selten an die gesetzlichen Fördermöglichkeiten anknüpfen.

Es wurde weder erklärt noch ist es ohne weiteres nachvollziehbar, warum die Studie nur den deutschsprachigen Forschungsstand berücksichtigt. Gerade der Vergleich der Forschungsergebnisse aus Deutschland mit solchen etwa aus Ländern mit einer anderen Migrationstradition wäre hochinteressant gewesen.

Bei der Beschreibung der ganzen Menge der säkularen MO und ihrer Angebote gehen die „Geflüchtetenorganisationen“ etwas unter. Das ist vielleicht auch Folge einer fehlenden klaren Begrifflichkeit: Weder wird geklärt, wann eine Person „Geflüchtete*r“ ist (anders als beim „Flüchtling“ fehlt es hier an einer offiziellen Definition, auf die zurückgegriffen werden könnte), noch wird deutlich, inwiefern der ihnen zugeschriebene „starke Selbsthilfecharakter“ die GO von den säkularen MO unterscheidet.

Fazit

Wer sich ein Bild machen will von der Bandbreite der Akteure, Angebote und Arbeitsbedingungen säkular-migrantischer Wohlfahrtspflege, kann auf diese Studie nicht verzichten. Sie ist außerdem ein wichtiger Mosaikstein für eine Gesamtübersicht der durch Migrantenorganisationen geleisteten Arbeit. Allerdings stellen die Autor*innen selbst zu Recht fest, dass nun noch Studien fehlen, die sich mit den Angeboten der Wohlfahrtspflege durch religiöse Migrantenorganisationen außerhalb des muslimischen einschließlich alevitischen Bekenntnisses – etwa christliche, jüdische, buddhistische, hinduistische oder Sikh-Organisationen – beschäftigen.


Rezension von
Stefan Keßler
Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland, Referent für Politik und Recht
Homepage www.jesuiten-fluechtlingsdienst.de
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Zitiervorschlag
Stefan Keßler. Rezension vom 23.03.2021 zu: Dirk Halm, Martina Sauer, Saboura Naqshband, Magdalena Nowicka: Wohlfahrtspflegerische Leistungen von säkularen Migrantenorganisationen in Deutschland, unter Berücksichtigung der Leistungen für Geflüchtete. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2020. ISBN 978-3-8487-7927-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27993.php, Datum des Zugriffs 02.08.2021.


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