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Martin Gibson-Kunze, Dorit Happ u.a.: Bildung und Arbeit als Integrationsfeld für Geflüchtete

Rezensiert von Karsten Lauber, 15.02.2022

Cover Martin Gibson-Kunze, Dorit Happ u.a.: Bildung und Arbeit als Integrationsfeld für Geflüchtete ISBN 978-3-8487-6485-3

Martin Gibson-Kunze, Dorit Happ, Wolfgang Kühnel, Matthias Schmidt: Bildung und Arbeit als Integrationsfeld für Geflüchtete. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. 215 Seiten. ISBN 978-3-8487-6485-3. 44,00 EUR.
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Thema

Aus rechtshistorischer Sicht ist das sog. Ausländerrecht dem Polizei- bzw. Ordnungsrecht zuzuordnen. Befasst man sich mit der Wohlfahrts- bzw. Verwaltungspolizei des 18. und 19. Jahrhundert, stößt man immer wieder auf den Begriff der Fremdenpolizei. Bei einem Blick in den derzeit gültigen § 1 des Aufenthaltsgesetzes fällt bei der Frage des Zuzuges von ausländischen Personen nach Deutschland der Begriff der Integration auf. Allerdings geht es dabei nicht um die Integration der Ausländer/-innen, sondern um die Möglichkeiten und Fähigkeiten Deutschlands zur Aufnahme und zur Integration nichtdeutscher Zuwanderer/​-innen (vgl. Bergmann/​Dienelt 2020: 5). Diese Betrachtungsweise leitet sich von dem Ziel des Aufenthaltsgesetzes ab, der darin liegt, den Zuzug von Ausländern in die Bunderepublik Deutschland zu steuern und zu begrenzen. Dahingehend richtet sich im Übrigen auch der jüngst vorgelegte Koalitionsvertrag aus, das das Themenfeld „Integration, Migration, Flucht“ mit dem Vorhaben einleitet, „irreguläre Flucht [zu] reduzieren und reguläre Migration zu ermöglichen“ (SPD et al. 2021: 138). Dass die sog. Ampelkoalition Deutschland als „Einwanderungsland“ bezeichnet, war der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kürzlich eine Schlagzeile wert (vgl. Bubrowski 2021). Aus der Perspektive des Aufenthaltsrechts ist dies in der Tat ein Paradigmenwechsel. Erst mit dem am 1. März 2020 in Kraft getretenen Fachkräfteeinwanderungsgesetz wurde „der Begriff Einwanderung in die deutsche Gesetzesterminologie eingeführt“ (Kluth 2021:349). Darüber, wie es um die Integration von geflüchteten Personen in der Praxis bestellt ist, informiert nun der vorliegende Band, der auf qualitativen Interviews mit Geflüchteten und institutionellen Akteuren beruht. Ausgangspunkt für die Untersuchung ist die These, wonach die Teilhabe von Geflüchteten am Erwerbsleben als zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche gesellschaftliche Integration gilt (S. 191).

Autorinnen und Autoren

Martin Gibson-Kunze, Sozialwissenschaftler, und Matthias Schmidt, Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph, sind an der der Berliner Hochschule für Technik tätig. Dorit Happ, Migrationsforscherin, und Wolfgang Kühnel, Soziologie, arbeiten an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Arbeit basiert auf dem Forschungsprojekt „Arbeit und Ausbildung als Integrationsfeld für Geflüchtete – Chancen, Hindernisse und Handlungsperspektiven“, das die „Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für eine gelingende Integration Geflüchteter in Ausbildung und Arbeit in Berlin“ (S. 13) analysierte. Selbstverständlich steht auch diese Arbeit im Kontext der „Fluchtmigration“ (S. 13) im Jahr 2015.

Aufbau

Die Studie ist in fünf Kapitel gegliedert. Nach der Einleitung folgt die Explikation des theoretischen Ansatzes, an die das Untersuchungsdesign sowie die empirische Analyse anschließen. Das abschließende Kapitel zieht eine Bilanz und bietet einen Ausblick an. Das Abbildungs-, Tabellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Abstract und ein Vorwort bilden den Rahmen, zu dem auch ein sehr knapp gehaltener Überblick über die Autorinnen und Autoren zählet.

Inhalt

Über das halbseitige Abstract sowie das eineinhalbseitige Vorwort kann an dieser Stelle hinweggegangen werden. Die Einleitung fällt mit gut drei Seiten ebenfalls knapp aus und informiert über die der Studie zugrunde liegenden zwei Forschungsfragen.

  1. Welche individuellen Bedingungen und darauf bezogene Maßnahmen begünstigen den Integrationsprozess der Geflüchteten in Ausbildung und Arbeit?
  2. Welche institutionellen und organisationalen Bedingungen und darauf bezogene Maßnahmen fördern die Integration von Geflüchteten in Ausbildung und Arbeit?

Der Integrationsprozess auf der individuellen und der institutionellen Ebene soll dabei aus drei Dimensionen heraus betrachtet werden: einer rechtlich-politischen, einer sozio-ökonomischen und einer kulturell-religiösen Dimension. Das zweite Kapitel widmet sich der Explikation des theoretischen Ansatzes, gegliedert in integrationstheoretische Ansätze, die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten in bzw. durch Unternehmen, deskriptive Ausführungen (Statistiken) zu Geflüchteten in Deutschland bzw. Berlin, die bundesrechtlichen aufenthalts- und asylrechtlichen Rahmenbedingungen sowie die kommunalpolitischen Rahmenbedingungen in Berlin und abschließend die unternehmensethischen Perspektiven. Dabei führen die Verfasser/-in weniger Theorien aus, als dass vielmehr Daten über Integration aus unterschiedlichen Blickrichtungen wiedergegeben und analysiert werden. Ein Schwerpunkt liegt in der gesundheitlichen Belastung der Geflüchteten, insbesondere in der Darstellung von Traumata (S. 23 ff). Die Ausführungen zur Arbeitsmarktintegration beinhalten Faktoren der Beschäftigungsbereitschaft von Unternehmen auf einer individuellen Ebene (Sprachkenntnisse, Bildung, Alter), einer organisationalen Ebene (Bedarf qualifizierter Beschäftigter vs. der hohen Anzahl an geringqualifizierten Geflüchteten) und einer institutionellen Ebene (insbesondere durch das Aufenthaltsrecht im Allgemeinen und der Anerkennung von Abschlüssen und Ausbildungen im Besonderen). Deutlich wird die Diskrepanz zwischen dem inländischen Bedarf an qualifizierten Fachkräften und der hohen Anzahl an geringqualifizierten Geflüchteten. Dahingehend überraschen die zitierten Ergebnisse des Berliner Betriebspanels nicht, aus dem sich ergibt dass im Befragungszeitraum 2018 nur 8 % der Unternehmen mindestens eine geflüchtete Person eingestellt haben und 85 % der vermittelten Stellen keine spezifische Ausbildung erforderten (S. 31). Wie die Analyse der Migrationsstatistik zeigt (S. 32 f.), zählt die Bildungs- und Ausbildungsqualifizierung zu den zentralen Herausforderungen angesichts der soziodemografischen Struktur der Geflüchteten und ihrer mitgebrachten Bildungs- und Ausbildungsabschlüsse.

Das dritte Kapitel beschreibt das Untersuchungsdesign. Als Erhebungsinstrumente dienen qualitative Experteninterviews, biografische Interviews sowie Dokumentenanalysen. Der Clou besteht darin, den Forschungsgegenstand durch das Zueinanderführen der Perspektiven von Geflüchteten, Bildungsakteuren und Unternehmen aus unterschiedlichen Perspektiven zu analysieren. Neben den allgemeinen methodologischen Ausführungen wird ein Schwerpunkt auf die Vorgehensweise der Forscher/​-in gelegt, eine Sekundärviktimisierung der befragten Geflüchteten zu vermeiden. Die Untersuchung basiert auf 42 qualitativen Interviews mit Geflüchteten (24) und Beschäftigten, die in der Arbeitsmarktintegration (18) tätig sind. In einer weiten Auslegung des Expertenbegriffs werden die Befragten als „Expert*innen für ihre Lebenswelt“ (S. 61) betrachtet. Als Datenbasis für die unternehmensbezogene Perspektive dienen leitfadengestützte qualitative Interviews mit 13 Experten (Kleinstunternehmen, mittelgroße Unternehmen und Großunternehmen) sowie Unternehmensdokumente, die in sechs Fallanalysen münden.

Das vierte Kapitel beinhaltet die empirische Analyse, die in drei Schritten vorgenommen wird. Den Anfang bildet die Perspektive der Geflüchteten und der Bildungsakteure, danach folgt die Perspektive der Unternehmen, ehe im dritten Schritt eine Mehrebenenanalyse den Abschluss bildet. Die Analyse der Perspektive der Geflüchteten und der Bildungsakteure nimmt auf die Frage der Wahrnehmung konkreter Integrationsmaßnahmen Bezug (S. 70), die rechtlich-politisch, sozio-ökonomisch und kulturell-religiös gerahmt sind. Hier spielen natürlich der aufenthaltsrechtliche Status, die Bildung und der Spracherwerb, die Verfügbarkeit von Wohnraum, die Fluchterfahrungen sowie das soziale Kapital wichtige Rollen. Mit der Perspektive der Unternehmen (S. 110) schließt ein recht wenig untersuchtes Feld an, das zudem das Kernstück der Untersuchung bildet. Die Grundlage bilden Fallstudien in sechs Unternehmen, die entlang von betrieblichen und individuellen Merkmalen sowie einer kontextuellen Perspektive untersucht werden. Den Abschluss der Analyse bildet eine kurze mehrebenenanalytische Betrachtung, die in drei Aussagen gegliedert ist:

  1. Individuelle Integrationsbedingungen bei Geflüchteten treffen auf ein standardisiertes Übergangssystem
  2. Unsicherheit verhindert einen erfolgreichen Integrationsprozess
  3. Unternehmen als gesellschaftliche Kontaktzone

Das abschließende fünfte Kapitel beinhaltet das Fazit und einen Ausblick.

Diskussion

Als Geflüchtete im Sinne der Studie zählen Migrantinnen und Migranten mit unterschiedlichem rechtlichen Status. Damit ist eine Vielzahl unterschiedlicher Personen gemeint wie Personen im laufenden Asylverfahren, Personen mit anerkannter Flüchtlingseigenschaft, anerkannte Asylberechtigte oder Ausländer/-innen mit subsidiärem Schutz. Des Weiteren zählen auch Personen dazu, deren Asylantrag abgelehnt wurde und die sich nun als Geduldete im Bundesgebiet aufhalten (S. 32).

Das theoretische Kapitel liefert eine plausible Bestandsaufnahme verschiedener Aspekte der Integration in Arbeit und Bildung. Die Ausführungen zu Human- und Sozialkapital-Theorien fallen kurz und generalisierend aus (S. 25 f.), sodass am Ende angesichts etlicher Stichwörter wie „Selbstwirksamkeit“ (S. 30) oder Kontaktzone (S. 31) unklar bleibt, inwieweit damit beispielsweise Aspekte der Selbstwirksamkeitsforschung oder der Kontakthypothese für die Untersuchung bedeutsam sind oder sein werden. In der Gesamtbetrachtung wird nicht recht deutlich, worauf das theoretische Konzept der Untersuchung basiert.

Im Kapitel 3 fallen die Ausführungen zur Vermeidung einer Sekundärviktimisierung infolge der Experteninterviews umfangreich aus, sodass man als Leser/-in am Ende gerne mehr erfahren hätte als den Hinweis, dass es ein spezielles Formular zur Einwilligung und zum Datenschutz gegeben hat. Selbstkritisch weisen die Verfasser/​-innen auf die geringe Beteiligung weiblicher Gesprächsteilnehmerinnen hin, sodass nur zwei Frauen interviewt werden konnten. Die weiteren biografischen Daten rekurrieren auf einen homogenen Personenkreis, denn 13 Befragte (von 24 Personen) waren zwischen 18 und 20 Jahren alt, davon 18 aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, wobei sich 13 Befragte erst seit drei Jahren in Deutschland aufhielten. Recht interessant ist die Einbeziehung der Wohnverhältnisse. Zehn Befragte gaben an, über eine eigene Wohnung zu verfügen. Weitere Daten wie zum Beispiel der Familienstand oder der Bildungshintergrund wären von Interesse gewesen. Der aus anderen Untersuchungen bekanntgewordene Druck, Fluchtkosten zu begleichen, wird für diese Untersuchung als gegeben vorausgesetzt. Daten der in dieser Untersuchung befragten Migranten, die diese Aussage bestätigen, lassen sich dem Text allerdings nicht entnehmen.

Die Interviews geben gute Einblicke in die Lebenswirklichkeit von Geflüchteten und Zugewanderten und weisen auf Handlungsbedarfe und Lösungsansätze hin, die beispielsweise den Umgang mit Kompetenzproblemen beim Spracherwerb betreffen oder Alternativen zum herkömmlichen Verlauf einer Ausbildung durch Splittung der Ausbildung in verschiedene Etappen (vgl. S. 85 f.).

Das umfangreichste Analysekapitel, das sich mit der Perspektive der Unternehmen befasst, führt ebenfalls zur aufschlussreichen Ergebnissen. Vor allem der Vergleich zwischen kommunalen Unternehmen und Familienunternehmen bringt deutliche Unterschiede hervor, weist demgegenüber aber auch auf Lösungsansätze hin, die sich unternehmensübergreifend als wirksam erweisen. Lediglich die recht kurzgefasste Fallstudie über ein Kleinstunternehmen aus dem Dienstleistungssektor erweist sich als wenig ertragreich. Gerade mit den dort beschäftigten Minijobbern hätten sich vielfältige Anknüpfungspunkte ergeben, die weitestgehend ungenutzt blieben.

An unterschiedlichen Stellen wird deutlich, dass für die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten Alternativen zu den etablierten Ausbildungsverläufen zielführend sind. Als wesentliche Erfolgsfaktoren erweisen sich modular konzipierte Ausbildungen, Angebote zur Ausbildungsorientierung, Einstiegspraktika, ausbildungsbegleitende Maßnahmen, insbesondere zum Erwerb von Sprachkompetenzen, die Begleitung der Migranten bei Behördengängen, die Unterstützung bei der Suche nach Wohnraum sowie nicht zuletzt die Vernetzung der involvierten Institutionen. Es hat sich weitestgehend etabliert, die Geflüchteten in die regulären Ausbildungsformate einzubeziehen und keine gesonderte Struktur für ausschließlich Geflüchtete zu implementieren. Faktoren, die eine Arbeitsmarktintegration erschweren, sind in der Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften oder der (fehlenden) Anerkennung von Berufsabschlüssen zu suchen.

Nicht nur für kleinere Unternehmen zahlt sich die gute Vernetzung der mit Migration betrauten Institutionen auf lokaler Ebene aus.

Neben den Sprachkenntnissen werden auf der individuellen Ebene wiederkehrend das Erscheinungsbild, die Umfangsformen sowie die Lernbereitschaft zur Erwartungshaltung der Unternehmen gezählt. Nicht nur einmal wird die hohe Motivation der Azubis (Geflüchteten) ggü. denjenigen deutschen Jugendlichen/​Heranwachsenden hervorgehoben, die einen schwierigen Arbeitsmarktzugang aufweisen. Derartigen Hinweisen hätten die Autoren in den Analysen präziser nachgehen sollen, da ansonsten die Gefahr besteht, dass unterschiedliche Gruppen miteinander verglichen werden.

In bzw. nach den sechs Fallstudien schließen verschiedene Zusammenfassungen und Analyseschritte an, die an etlichen Stellen bereits gut beschriebenes wiedergeben. An der einen oder anderen Stelle hätten sich dahingehend Kürzungen angeboten. So bringt die komparative Analyse ab S. 168 erstens nicht viel Neues und zweitens ist diese Analyse ohnehin vor dem Hintergrund eines recht kleinen Samples zu sehen. Die Größe des Samples sollte spätestens bei der Ergebniszusammenfassung im Fazit in Erinnerung gerufen werden.

Gut gelungen sind wiederkehrende Hinweise auf die schulische Sozialisation, die allerdings theoretisch nicht näher bzw. in praktischer Hinsicht nur bedingt ausgeführt wird.

In der methodischen Vorgehensweise lässt sich diskutieren, ob sich eine stärkere Glättung der transkribierten Aussagen angeboten hätte.

Bemerkenswert ist der geringe Stellenwert der Berliner Ausländerbehörde in der Monografie. Vorbehaltlich der Einschränkungen durch die verschiedenen Behördenbezeichnungen in Berlin taucht dieser Begriff nur elf Mal im Text auf, beispielsweise mit Hinweisen auf unzufriedenstellende Erreichbarkeiten oder fehlende Entscheidungstransparenz. Diese Vorwürfe bleiben unwidersprochen bzw. unkommentiert. Bei den beanstandeten intransparenten Entscheidungen der Ausländerbehörde wird es sich in der Regel um Verwaltungsakte handeln, die schriftlich begründet vorliegen (vgl. §§ 35, 39 Verwaltungsverfahrensgesetz). In der mehrebenenanalytischen Betrachtung findet sich die Aussage, wonach „sich der Umgang der Behörden mit den Geflüchteten teilweise negativ auf deren Motivation und Selbstvertrauen auswirkt, mit wiederum negativen Folgen für den Integrationsprozess im Allgemeinen“, ohne dass dies näher ausgeführt wird. Sicherlich wird hier der Aufenthaltsstatus eine wesentliche Rolle spielen, was zu nennen gewesen wäre.

An etlichen Stellen weisen die Autoren zurecht auf die Bedeutung einer guten Vernetzung hin, wobei zumeist Unternehmernetzwerke gemeint sind. Darüber hinaus wäre ein Plädoyer für die Vernetzung aller relevanten Akteure (Sozial- und Schulämter, Ausländerbehörden, Jobcenter, Arbeitsagenturen, Handwerkskammer, Industrie- und Handwerkskammer etc.) – nicht nur zur Herstellung der für die Integration erforderlichen Infrastrukturen, sondern auch zum Erfahrungsaustausch – wünschenswert. Diese Vernetzung sollte auf zwei Ebenen erfolgen. Erstens auf der Ebene der Verantwortungsträger (Führungskräfte) und zweitens auf der Arbeitsebene zur Gewährleistung kurzer Kommunikations- und Entscheidungswege.

Für die Erwerbstätigkeit und die Bildungszugänge bildet das Migrationsrecht den Dreh- und Angelpunkt. Ausführungen zu den asyl- und aufenthaltsrechtlichen Aspekten finden sich verstreut in verschiedenen Kapiteln der Studie; sie zählen allerdings nicht zu ihren Stärken. Die sich „stetig veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen“ (S. 71) sind nicht nur eine Herausforderung für die Betroffenen, sondern stellen auch die damit befassten Institutionen vor immense Herausforderungen – und nicht zuletzt die Forscher/​-innen, die sich auf diesem Terrain bewegen. Die migrationsrechtlichen Ausführungen in den theoretischen Ausführungen des Kapitels 2.4 sind kursorisch angelegt. Der treffende Hinweise auf die Städte als Integrationsorte ist kombiniert mit der Feststellung, Kommunen würden zum Teil „gegensätzlich“ (S. 37) zur nationalen Migrationspolitik eine eigene migrationspolitische Agenda verfolgen. Eine derartige Aussage sollte trotz eines Quellenhinweises auf Koca (2019) nicht kommentarlos stehen, zumal die Kommunen das Aufenthaltsrecht (kommunalverfassungsrechtlich) als Auftragsangelegenheit oder Pflichtaufgabe zur Erfüllung nach Weisung umsetzen und sich in einem recht engen Rahmen bewegen, in dem sie zudem der Fachaufsicht unterliegen. Treffend wird auf die 3 + 2-Regelung hingewiesen, ohne allerdings den Begriff der Ausbildungsduldung zu verwenden, der im weiteren Verlauf hin und wieder auftaucht. Darüber hinaus wären auch Hinweise auf die zentralen Problemfelder der aufenthaltsrechtlichen Duldung angezeigt gewesen, wie beispielsweise die konfliktträchtige Frage der Identitätsklärung. Es ist allerdings daran zu erinnern, dass zum Zeitpunkt der Datenerhebung die am 1. Januar 2020 in Kraft getretene Beschäftigungsduldung gem. § 60d AufenthG gesetzlich noch nicht verankert war. Angesichts der Veröffentlichung der Studie im Jahr 2021 hätte sich dahingehend ein Hinweis in den Vorbemerkungen oder im Fazit angeboten. Unzutreffend ist die Feststellung, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge würde „befristete Aufenthaltserlaubnis[se] für Asylberechtigte nach Artikel 16 [sic!] des Grundgesetzes, für Flüchtlinge nach der Genfer Konvention und aufgrund von subsidiärem Schutz und nationalem Abschiebeverbot“ (S. 35) erteilen; die Erteilung von Aufenthaltserlaubnissen liegt vielmehr in der Zuständigkeit der lokalen Ausländerbehörden. Eine weitere grundgesetzliche Unschärfe ist auf S. 36 anzutreffen, wo das Asylgesetz als „Grundlage für die Asylpolitik in Deutschland“ benannt wird. Sicherlich ist das Asylgesetz neben dem Aufenthaltsgesetz eine der zentralen Normen, doch als Grundlage wäre auf Art. 16a GG Bezug zu nehmen. In der Migrationsstatistik (S. 32) führen die Verfasser/-in aus, dass Ende 2018 in Deutschland u.a. 12 % der Geflüchteten geduldet und 1 % ausreisepflichtig waren. Diese Ausführungen sind unscharf, da nach § 60a Abs. 3 des Aufenthaltsgesetzes die Ausreisepflicht eines Ausländers, dessen Abschiebung ausgesetzt ist (= Duldung) unberührt bleibt. Dass an zwei Stellen des Textes auf das „Asylbestimmungsverfahren“ (S. 31, 32) anstatt des „Asylverfahrens“ (Abschnitt 4 des Asylgesetzes) hingewiesen wird, ist demgegenüber von geringerer Bedeutung, auch wenn es eine entbehrliche Ungenauigkeit ist. Bei der empirischen Analyse, speziell der rechtlichen-politischen Dimension von Integrationsprozessen (Kap. 4.1.1), sind weitere Unschärfen in der Abgrenzung der Zuständigkeiten zwischen dem BAMF und den lokalen Ausländerbehörden anzutreffen. Problematischer ist allerdings die wiederkehrende Verwechslung bzw. Vermischung von Duldung und Aufenthaltserlaubnis, wie auf S. 76, wo die „Nichtverlängerung der Aufenthaltserlaubnis“ zu einer psychischen Belastung von „Geflüchtete[n] mit dem Status der Duldung“ führen soll. Oder auf S. 81, wenn sich „durch eine Ausbildungsduldung eine rechtliche Absicherung ihrer Aufenthaltserlaubnis“ ergeben soll. Dahingehend hätte sich im theoretischen Kapitel eine grundlegende Beschreibung bzw. Differenzierung angeboten. An dieser Stelle wäre zudem das Problem der sog. Kettenduldung zu problematisieren gewesen, zumal einige Interviews darauf hinweisen (vgl. S. 81). Gerade die Abschiebung langjährig Geduldeter führt nicht selten zu Skandalisierungen in der öffentlichen Meinung. In den Interviews zeigt sich die Bedeutung der Ausbildungsduldung, einschließlich der negativen Effekte, die sich aus den mangelnden Sprachkenntnissen ergeben – spätestens bei den Ausbildungsprüfungen (vgl. S. 81 ff). Auch diese Interviewaussagen erfordern eine breiter angelegte theoretische Fundierung, d.h. eine ausführlichere Beschreibung der einschlägigen aufenthaltsrechtlichen Vorschriften. Mitunter kann der Eindruck entstehen, der Beginn einer Ausbildung für Duldungsinhaber/​-innen wäre ohne weiteres möglich; dies ist allerdings nicht der Fall, wie ein Blick auf den inzwischen einschlägigen § 60c AufenthG zeigt. Hier stößt man auf eine zentrale Anforderung, die in der Praxis immer wieder zu Problemen bei der Erteilung einer Aufenthaltsduldung führt: die Klärung der Identität. Das Kapitel 4.2 stellt – so ist das zu interpretieren – einen Bezug zwischen der 3 + 2-Reglung (Aufenthaltsduldung) und einer „dauerhafte[n] Aufenthaltserlaubnis“ (S. 177) her, was nicht zutrifft. Der erfolgreiche Abschluss einer qualifizierten Berufsausbildung führt zum Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis für zwei Jahre (vgl. Landesamt für Einwanderung 2022). Eine „dauerhafte Aufenthaltserlaubnis“ entspricht aufenthaltsgesetzlich der Niederlassungserlaubnis (§ 9 AufenthG), die u.a. verbunden ist mit dem Besitz einer Aufenthaltserlaubnis seit fünf Jahren. In den Kapiteln 4.2 und 4.3 ist wiederkehrend von der Bedeutung der asylrechtlichen Reglungen die Sprache. Präziser sind es (mindestens) die Regelungen im Asylgesetz und dem Aufenthaltsgesetz.

Die sich hieraus ergebende Konsequenz besteht darin, dass einige grundlegende Ideen der Untersuchung zu analytischen Problemen führen, wenn die Duldung als „Schutzform“ zur „Feststellung des Abschiebeverbotes“ beschrieben wird (S. 75), ohne zu explizieren, dass damit die Abschiebung (a) lediglich ausgesetzt wird und (b) die Ausreisepflicht weiterhin Bestand hat. Oder anders: Eine geduldete Person ist vollziehbar ausreisepflichtig und eine Duldung ist kein Aufenthaltstitel. Trotz der Widersprüchlichkeiten, die an der Schnittstelle zwischen Duldung und Aufenthaltserlaubnis bestehen, darf nicht davon ausgegangen werden, dass der Gesetzgeber ein durchgängiges Interesse an der Integration geduldeter Personen verfolgt. Ein weiteres Beispiel für dieses analytische Problem findet sich auf S. 77, wo es heißt, dass „Geflüchtete mit einem sicheren Aufenthaltsstatus […] von potentiellen Arbeitgebern und Ausbildungsberufen gegenüber Geflüchteten mit geringer Bleibewahrscheinlichkeit priorisiert [werden]“, sodass sich hieraus eine 2-Klassen-Gesellschaft entwickeln könnte. Der Unterschied, auf den zu wenig eingegangen wird, besteht also darin, dass nicht zwischen Personen mit einer guten bzw. mit keiner Bleibeperspektive unterschieden wird, sodass unterschiedliche Rechtsformen der Zu- bzw. Einwanderung vermengt werden. Vor diesem Hintergrund ist es problematisch, wenn die zitierten Interviewpassagen nicht um den jeweiligen aufenthaltsrechtliche Status ergänzt sind; aus analytischen Gründen wäre dies zu empfehlen gewesen.

Das im Fazit nochmals genannte „lange Asylverfahren mit ungewissem Ausgang“, das zu „enormen psychischen Belastungen“ (S. 193) führt, bleibt in beide Richtungen unerklärt. Erstens: Weshalb dauern die Verfahren solange? Zweitens: Worin liegen die psychischen Belastungen und wie werden diese nachgewiesen? Die psychische Belastung taucht an rund 40 Stellen im Text auf und wird mit unterschiedlichen Aspekten des Asylverfahrens und der schulischen bzw. beruflichen Situation in Verbindung gebracht und verläuft sich mitunter in generalisierenden Aussagen wie „Nach Bestimmung des rechtlichen Aufenthaltsstatus kann dieser zu einer psychischen Belastung für den Betroffenen führen“ (S. 75). Wiederum erweist es sich an dieser Stelle wenig hilfreich, Schutzsuchende mit guter Bleibeperspektive und Antragsteller aus sog. sicheren Herkunftsländern analytisch zusammenzufassen (vgl. u.a. S. 193).

Fazit

Das mit rund 215 Seiten gut fassbare Werk bietet eine recht stark verdichtete Studie mit umfangreichen Informationsgehalt. Die Stärke der Untersuchung liegt in der Analyse der Perspektive der Unternehmen, die sich mit der Ausbildung von Geflüchteten befassen. Hieraus lassen sich brauchbare Forderungen an Politik, Verwaltung und sonstige mit Migration befasste Institutionen ableiten. Gut herausgearbeitet wird die Bedeutung der Wohnsituation von Geflüchteten, die an den andauernden Diskurs um die Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften anknüpfen können. Einschränkend ist anzumerken, dass Ungenauigkeiten in den asyl- und aufenthaltsgesetzlichen Beschreibungen zu (teilweise sehr) problematischen Analyseproblemen im empirischen Teil der Untersuchung führen.

Literatur

Bergmann, Jan; Dienelt, Klaus (Hrsg.) (2020): Ausländerrecht. Aufenthaltsrecht, Freizügigkeitsrecht/EU und ARB 1/80 (Auszug), Grundrechtecharta und Artikel 16a GG, Asylgesetz. Kommentar, 13. Auflage. München: C.H.Beck.

Bubrowski, Helene (2021): Ampel bezeichnet Deutschland als „Einwanderungsland“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (online). Verfügbar unter https://www.faz.net/aktuell/​politik/​inland/​ampel-koalition-bezeichnet-deutschland-als-einwanderungsland-17650744.html#void. Abgerufen am 26.11.2021.

Kluth, Winfried (2021): Die deutsche Migrationsgesetzgebung im Jahr 2020, in: Uwe Berlit, Michael Hoppe, Winfried Kluth (Hrsg.), Jahrbuch des Migrationsrechts für die Bundesrepublik Deutschland 2020. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, S. 349–374.

Landesamt für Einwanderung (2022): Ausbildungs-Duldung (3+2-Regelung) – ein Überblick. Verfügbar unter https://www.berlin.de/einwanderung/​aufenthalt/​informationen-fuer-gefluechtete/​artikel.874122.php#Perspektive. Abgerufen am 31.01.2022.

Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Freie Demokraten (FDP) (Hrsg.) (2021): Mehr Fortschritt wagen. Bündnis für Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Koalitionsvertrag zwischen SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP.

Rezension von
Karsten Lauber
M.A. (Kriminologie, Kriminalistik, Polizeiwissenschaft), M.A. (Public Administration)
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Es gibt 14 Rezensionen von Karsten Lauber.

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Zitiervorschlag
Karsten Lauber. Rezension vom 15.02.2022 zu: Martin Gibson-Kunze, Dorit Happ, Wolfgang Kühnel, Matthias Schmidt: Bildung und Arbeit als Integrationsfeld für Geflüchtete. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. ISBN 978-3-8487-6485-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27995.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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