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Nikolaus Sidler: Problemsoziologie

Cover Nikolaus Sidler: Problemsoziologie. Eine Einführung. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 1999. 246 Seiten. ISBN 978-3-7841-1188-9. 18,40 EUR.
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Einführung in das Thema

Einführungen in die sozialwissenschaftliche Analyse sozialer Probleme sind ein knappes Gut auf dem Literaturmarkt. Ein kurzer Blick zurück verdeutlicht, dass das wissenschaftliche Nachdenken und Forschen über das Thema „Soziale Probleme“ nur in wenigen Einführungstexten für Studierende und PraktikerInnen der Sozialen Arbeit dokumentiert ist. Den Anfang machte schon 1974 der „Reader Soziale Probleme“ von A. Bellebaum und H. Braun, der vor allem die amerikanischen Befunde zu ausgewählten sozialen Problemlagen präsentiert. Der Sammelband „Soziale Probleme“ von W. Springer und F.W. Stallberg, 1983 erschienen, konzentriert den Blick auf die bundesrepublikanische Wirklichkeit, folgt in seiner additiven Darstellungsweise aber dem vorgegebenen Schnittmuster. Im Jahr 1989 erschien dann schließlich der Einführungstext von Nikolaus Sidler mit dem Titel „Am Rand leben – abweichen – arm sein“, in dem der Verfasser eine griffige Einführung in den soziologischen Theoriediskurs liefert und dieses theoretische Raster auf drei ausgewählte soziale Probleme anwendet. Und nun – 10 Jahre nach Erscheinen der ersten Einführung – legt Nikolaus Sidler mit seinem Buch „Problemsoziologie. Eine Einführung“ einen neuen Studientext vor, der den Leser in „die Werkstätten (führen will), in denen die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit sozialen Problemen stattfindet“ (S. 17).

Grundpositionen der Soziologie sozialer Probleme

Die Gemeinde der Forscher zum Thema Soziale Probleme teilt sich in zwei Lager: Da ist zum einen der „objektivistische“ strukturfunktionalistische Ansatz zur Erklärung sozialer Probleme; und da ist zum anderen der „subjektivistische“ konstruktionistische Erklärungsansatz. Beide Lager streiten um den angemessenen Zuschnitt dessen, was in unserer Gesellschaft als „soziales Problem“ gelten soll: Das strukturfunktionalistische Lager beschreibt soziale Probleme als objektiv bestimmbare gesellschaftliche Mißstände und Strukturmängel, die Menschen in ihrer autonomen Lebensführung beeinträchtigen und subjektives Leiden verursachen – die Aufmerksamkeit gilt hier also der Analyse von Strukturen und Prozessen der sozialen Ungleichheit, der Abweichung und der sozialen Desintegration. Das konstruktionistische Lager hingegen wählt einen anderen Zugang. Der Blick richtet sich hier auf die Bühne des öffentlich-politischen Diskurses über gesellschaftlichen Mißstände. Thematisiert werden also jene gesellschaftlichen Konstitutionsprozesse (Prozesse der öffentlichen Definition, Problematisierung und Politisierung), in denen problematische soziale Situationen öffentliche Aufmerksamkeit erfahren, auf die Tagesordnung von Politik und Medienöffentlichkeit gelangen und sich in institutionellen Gegenrezepten der sozialen Dienstleistungsagenturen (Politik- und Praxisprogramme) niederschlagen.

Sidler stellt in der Einführung seines Buches diese beiden widerstreitenden Lager vor und formuliert hieran anknüpfend, um was es in seinem Buch gehen soll: Die beiden hier angerissenen Themenstellungen werden nicht gleichgewichtig bearbeitet. Im Mittelpunkt seiner Darstellung steht vielmehr in konstruktionistischer Perspektive die Untersuchung der öffentlichen Konstitutionsprozesse, in denen soziale Probleme sich durchsetzen und erst soziale Wirklichkeit werden. Eine soziologische Analyse der Webmuster von sozialer Ungleichheit und sozialer Exklusion hingegen, die gesellschaftliche Mißstände und schädigende Lebenslagen erst produzieren, bleibt ausgeblendet.

Gliederung und Inhalt

Das vorliegende Buch gliedert sich in zwei Teile.

Zu Teil I.: Ansätze und Perspektiven der Problemsoziologie: Eingeleitet wird das Buch in Kap. 1 durch eine kurze Chronologie der sozialwissenschaftlichen Verwendung des Begriffs des sozialen Problems (19 ff.). Diese begriffliche Grundlegung mündet in der Gegenüberstellung der beiden unterschiedlichen Lager der Problemsoziologie – die Untersuchung sozialer Probleme als Analyse objektiver gesellschaftlicher Mißstände oder als Analyse der Muster der Problematisierung belastender Lebenslagen. Das Plädoyer des Verfassers gilt hier einer Verknüpfung beider Denk- und Forschungsperspektiven zu einer umfassenden Theorie sozialer Probleme, die die Vereinseitigungen des jeweiligen Lagers überwindet und sowohl die gesellschaftliche Herstellung von Leid als auch den politisch-öffentlichen Diskurs über Gegenrezepte gegen diese Leidenszustände in den Blick nimmt (37 ff.). Die folgenden Kapitel (Kap. 2–4) liefern eine Anwendung dieses Erkenntnisprogramms auf ausgewählte soziale Probleme. Das Wissen unserer Gesellschaft über soziale Probleme – so Sidler – ist in relativ festen „Problemtypen“ untergebracht, in handfesten Deutungsmustern also, in denen ‚für jeden sichtbar und plausibel‘ der Problemgehalt belasteter Lebenslagen sichtbar wird. Sidler unterscheidet drei grundlegende Problemtypen: „Abweichung“ – „Deprivation/​Armut“ und „Randständigkeit/​Desintegration“. In einer eher skizzenhaften Darstellung werden diese Grundprobleme des Sozialen vorgestellt und – entsprechend dem Bauplan des Buches – vor allem im Hinblick auf die aktuellen Prozesse ihrer Problematisierung im Konzert der öffentlichen Stimmen thematisiert.

Zu Teil II: Zentrale Themen der Problemsoziologie: Im Mittelpunkt des zweiten Teils steht eine sehr differenzierte und mit Gewinn zu lesende Analyse der Prozessverläufe von Problematisierungskarrieren. Bereits 1973 haben die amerikanischen Soziologen Spector und Kitsuse ein „Vier-Phasen-Modell der Naturgeschichte sozialer Probleme“ vorgelegt, das für die empirische Forschung zur Konstitutionskarriere sozialer Probleme von anregender Kraft war. Sidler unternimmt nun den (gelingenden) Versuch, dieses Karrieremodell zu differenzieren und um aktuelle empirische Befunde anzureichern. Er entwirft ein Verlaufsmodell, das drei Entwicklungsphasen der Problematisierung unterscheidet (118 ff.):

  1. Die ursprüngliche Problematisierung: die öffentlichkeitswirksame Veröffentlichung von Problemtatbeständen durch ‚interessierte‘ Akteure (Betroffene; Advokaten; moralische Unternehmer); Skandalisierungsstrategien und die Mobilisierung von öffentlicher Aufmerksamkeit; die durchsetzungskräfige Formulierung von politischem Handlungsbedarf;
  2. Das Werben um politische Aufmerksamkeit: Strategien der unterschiedlichen Akteure, durch die gesellschaftliche Mißstände auf die Tagesordnungen der politischen und der medialen Öffentlichkeit gebracht werden;
  3. Die politische Problemdurchsetzung: die konflikthafte Auseinandersetzung um die ‚richtigen‘ politischen Antworten auf thematisierte soziale Probleme.

Der fachlich interessierte Leser wird diesen Teil der Arbeit (109-188) mit besonderem Gewinn lesen. Sidler gelingt es in seiner Darstellung, das von Spector und Kitsuse nur grob gezeichnet Verlaufsmodell der Konstitutionskarriere sozialer Probleme zu differenzieren und um aktuelle Befunde aus der Soziologie sozialer Bewegungen, der politischen Soziologie und der Mediensoziologie zu ergänzen. Der letzte Part der Arbeit liefert einen Brückenschlag zur Sozialen Arbeit. Prävention und korrigierende Fallbearbeitung (189 ff.) werden als grundlegende Strategien der Problembearbeitung vorgestellt, die Problemdefinitionen und -typisierungen, mit denen die MitarbeiterInnen sozialer Dienste die komplexen Problemlagen ihrer Klienten in handhabbare Routine-Fälle übersetzen, werden diskutiert und in ein allgemeines Modell pädagogischer Fall-Konstitution übertragen. Einige kurze Anmerkungen zu Perspektiven der Evaluation des sozialarbeiterischen Problemzugriffs und zu möglichen Folgewirkungen für die weitere institutionelle Problembearbeitung beschließen die Arbeit (222 ff.).

Fazit

Zielgruppen des Buches sind Lehrende und Studierende der Sozialen Arbeit und anderer sozialwissenschaftlicher Studiengänge sowie interessierte Praktiker.

Das Buch ist im Untertitel als „Einführung“ in die Soziologie sozialer Probleme ausgewiesen – ein Selbstanspruch, der nur bedingt eingelöst wird. Und dies ist wohl der ‚Wermutstropfen‘ dieser Veröffentlichung: Sidler hat mit diesem Buch eine ‚halbierte Einführung‘ vorgelegt. Zwar verweist er in der Einführung auf die Notwendigkeit einer umfassenden Theorie sozialer Probleme. Mit der Eingrenzung des Themenspektrums auf den Aspekt der Konstitution sozialer Probleme in öffentlichen Problematisierungsprozessen aber verfehlt er diesen Anspruch. Für die Leser, die sich vom Titel des Buches eine umfassende und kompakte Einführung in das gesamte Themenfeld der Problemsoziologie versprochen haben, verbleiben somit Leerstellen, die mit weiterführender und weit verstreuter Literatur zu Themen wie z.B. Soziale Ungleichheit, Devianz und Desintegration geschlossen werden müssen. Hinzu kommt ein letzter Aspekt: Die Sprache dieses Buches ist ansprüchlich und voraussetzungsreich; der ‚rote Faden‘, also die Systematik des Argumentationsganges, erschließt sich auch dem geübten Leser nur schwer, sodass es einiger Geduld und Lesemühe bedarf, bis sich ein nachhaltiger Lernertrag einstellt.


Rezension von
Prof. Dr. Norbert Herriger
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Professor für Soziologie sozialer Probleme, Soziologie der Lebensalter, Theorie der Sozialen Arbeit
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Zitiervorschlag
Norbert Herriger. Rezension vom 01.12.2000 zu: Nikolaus Sidler: Problemsoziologie. Eine Einführung. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 1999. ISBN 978-3-7841-1188-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28.php, Datum des Zugriffs 24.01.2022.


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