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Andreas Koch: Armut? Frag doch einfach!

Rezensiert von Prof. Dr. Ernst-Ulrich Huster, 24.03.2022

Cover Andreas Koch: Armut? Frag doch einfach! ISBN 978-3-8252-5554-1

Andreas Koch: Armut? Frag doch einfach! Klare Antworten aus erster Hand. UTB (Stuttgart) 2021. 125 Seiten. ISBN 978-3-8252-5554-1. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 19,90 sFr.
Reihe: Frag doch einfach!
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Thema

Von ersten Vor-Arbeiten in der Armutsforschung in Deutschland abgesehen, setzte die kontinuierliche Beschäftigung mit dieser Problematik Mitte der 1980er Jahre ein. Zahlreiche wissenschaftliche Werke zur Gesamtlage, aber auch zu vielen Details sind publiziert worden und werden noch publiziert. Überdies gibt es eine breite Sozialberichterstattung im Bund und einzelnen Bundesländern. Selbst Expert*innen haben Schwierigkeiten, einen Überblick zu behalten. Und genau an dieser Stelle leistet der vorgelegte Band eine hervorragende Arbeit: Auf gerademal 179 Seiten bietet Andreas Koch einen kenntnisreichen Überblick zur Lebenslage Armut, ihren Ursachen und Erscheinungsformen sowie zu strategischen Überlegungen ihrer Überwindung. Dabei zieht sich als roter Faden durch das Werk, dass Armut im Rahmen der bestehenden privatwirtschaftlichen, kapitalistischen Wirtschaft funktionalisiert werde – als „Abschreckungs- und Stigmatisierungsinstanz“ (52).

Autor

Prof. Dr. Andreas Koch ist seit März 2007 Professor für Humangeographie an der Universität Salzburg. Zuvor lehrte er an der TU München. Seine Forschungsinteressen liegen zum einen im Bereich der Geoinformatik, Statistik und Wirtschaftsgeographie der Dienstleistungen, zum anderen beschäftigt er sich mit der Geographie der Kommunikation und Telekommunikation. Ihm geht es insgesamt um sozialräumliche Prozesse und Strukturen, im vorliegenden Band etwa darum, ob und inwieweit der lokale Raum eine wichtige Rolle bei der Überwindung von Exklusionsprozessen spielen soll und kann.

Entstehungshintergrund

Allein das ausführliche Literaturverzeichnis im vorgelegten Band zeigt die Ausdifferenzierung und Ausweitung der Forschung auf dem Gebiet Armut. Diese gilt es in überschaubarer, verständlicher Weise zusammenzufassen und damit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Angesichts der bislang wenig erfolgreichen Bemühungen, Armutsentstehung und Ausprägung zu begrenzen oder gar zu überwinden, sind auch Initiativen auf diesem Gebiet erforderlich, die gesellschaftliche Tabus hinterfragen.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich in sechs Kapitel mit jeweils zahlreichen kurzen Unterkapiteln. Vorgeschaltet ist eine empirische Bestandsaufnahme mit der Schlussfolgerung, Armut und soziale Ausgrenzung seien keine Krisenerscheinungen, sondern strukturell in die gesellschaftlichen Verhältnissen eingeschrieben; sie würden allerdings in Krisen virulent, um mit Bewältigung der Krise wieder unsichtbar gemacht zu werden (17).

Unter dem Obertitel „Armut: Wissenschaftlicher Konsens und Kontroverse“ wird Armut im Spannungsverhältnis zwischen dem Anspruch auf Überwindbarkeit und Instrumentalisierung für den sozialen Status quo dargestellt. Armut in jeglicher Form sei als „zentraler Beurteilungsmaßstab die Würde des Menschen zugrunde zu legen. Aus ihr folgt für eine selbstbestimmte und nichtdiskriminierende und nicht stigmatisierende Lebensführung eine materielle Absicherung (das Haben) und ein subjektiv-sozialer Handlungsspielraum (das Sein).“ (20). Es folgen klar strukturiert und sehr gut erklärt unterschiedliche theoretische und empirische Zugänge in der Armutsforschung vom Ressourcen- über den Lebenslage- bis hin zum Fähigkeitsansatz. Sodann werden gut nachvollziehbar die empirischen Erfassungsmethoden vorgestellt.

Kapitel 2 ordnet Armut in den historischen Kontext von der klassischen Antike bis ins 20. Jahrhundert ein. Zugleich werden die bis heute teilweise gültigen Elemente der Armutspolitik herausgestellt, die Unterscheidung von würdigen und unwürdigen Armen, die Durchsetzung industrieller Arbeit, der permanente Verdacht sozialen Missbrauchs durch die „Armen“. Armut sei als „Ergebnis staatlichen Handelns aufgrund staatlicher Deutungshoheit zu verstehen“. Wer dieser nicht entspreche, werde ausgeschlossen, wer ihr entspreche, müsse sich den Teilhabebedingungen unterwerfen (50). Armut stelle zugleich – wie aktuell Klimakrise, Digitalisierung, Corona-Pandemie und der demografische Wandel – eine „alle Schichten und Milieus treffende Herausforderung“ dar, die erworbene und zugewiesene Positionen im gesellschaftlichen Gefüge in Frage stellten und würden deshalb als Bedrohung empfunden. Es folgen „soziale Schließungsversuche gegenüber Schichten und Milieus mit geringeren ökonomischen, politischen und kulturellen Ressourcen und Öffnungsversuche zu den sozialstrukturell Bessergestellten (als man selbst).“ (51)

Das Kapitel „Armut und Gesellschaft“ zeigt die Kontinuität der Funktionalisierung von Armut „im neoliberalen Wirtschaftsmodell“(61). Der Autor stellt nun luzide Daten zu einzelnen sozialen Gruppen dar: Kinder, alte Menschen, Migrant*innen und Frauen. Einen besonderen Schwerpunkt bildet hier der Zusammenhang von Armut und Wohnungsnot. In den Bereichen Bildung und Gesundheit werden sozial selektive Strukturen verdeutlicht. Koch fordert dagegen gerichtet mit Pierre Rosanvallon, einem französischen Historiker, Beziehungsgleichheit mit Bezug auf das Individuum (Singularität), Koproduktion der Beziehungsgüter (Reziprozität) und Verankerung im lokalen Raum (Kommunalität). Kommunalität ziele auf „eine kollektive Nutzung öffentlicher sozialer Räume unter Teilhabegleichen. Kommunalität korrespondiert somit sehr stark mit dem lokalen Raum.“ (84).

Hieraus folgt der besondere Schwerpunkt im Kapitel „Armut und Geographie“. Andreas Koch beginnt mit der Darstellung weltweiter sozialer Disparitäten, um dann in immer kleinräumigeren Sozialräumen Ursachen der sozialen Ausschließung auf lokaler Ebene, insbesondere auf dem Wohnungsmarkt, empirisch und analytisch zu entfalten. Wohnung hat einen Warencharakter, der sich in Wohnungsnot ebenso niederschlage wie in Gentrifizierungsprozessen. Doch nicht nur beim Wohnen selbst, sondern auch bei Gesundheit/​Lebenserwartung gebe es sozialräumliche Differenzierungen. Lokale Politik müsse hier stärker auf kostenlose Dienstleistungsangebote setzen. Koch relativiert damit die Verteilungsdiskussion, insofern es jeweils einer Abwägung bedürfe, ob eher direkten Geldtransfers oder kostenlosen Angeboten elementarer Dienstleistungen und Infrastrukturen der Vorrang zu geben sei (102). Die bloße Forderung nach “Verteilungsgerechtigkeit“ verbleibe dagegen „im kapitalistischen Verwertungssystem“. Es gehe um die Überwindung von Entfremdung in Gestalt eines ‚gelingenden Lebens‘ (107). Hier solle dem lokalen Raum der Vorrang eingeräumt werden, in dem Autonomie und Verantwortung, Freiheit und Solidarität zusammengeführt werden könnten. Zugleich zeigt er die Gefahr auf, dass der Blick auf den eignen nationalen Sozialraum den Blick verstellt für Disparitäten weltweit („methodologischer Nationalismus“, 113).

Und schließlich geht es dem Autor um „Armut und Politik“. Nach einem historischen Rekurs auf England und das 19. Jahrhundert folgt eine präzise Darstellung der aktuellen Bemühungen um Armutsbekämpfung durch die EU und die dort angewendete Offene Methode der Koordination. Er diskutiert die unterschiedlichen Sozialstaatsmodelle und die aktuelle kommunale Armutspolitik, der er einen inklusiven Charakter abspricht. Gegen die aktuellen Krisensymptome des „neoliberalen Wirtschaftsmodells“ gebe es Protest und neue zivilgesellschaftliche Organisationsformen. Es kommt zu neuen konzeptionellen Überlegungen wie Grundeinkomme und Bürgerversicherung, die in verschiedenen Varianten vorgestellt und auch kritisch diskutiert werden. Im Anschluss an die in der Agenda 2030 festgestellten nachhaltigen Entwicklungsziele, den „Sustainable Developement Goals“, fragt Koch unter Bezug auf Ziel 1: „No poverty“ nach einer „emanzipatorische(n) Transformation gesellschaftlicher Verhältnisse“ als Prozess, „der über den Kapitalismus hinausweist“ und „so den in prekären Verhältnissen lebenden Menschen eine Perspektive auf Überwindung ihrer Lebensbedingungen bieten wird.“ (141 f.)

Voraussetzung für eine „beginnende Entfunktionalisierung von Armut“ sei, so das letzte Kapitel mit dem Titel „Strategien der Armutsüberwindung“, die „Entkoppelung von Erwerbsarbeit und sozialer Teilhabe“, ergänzt durch arbeitszeitpolitische Programme, eine armutsüberwindende Grundsicherung und die Anerkennung von Reproduktionsarbeit“ (145). Weitere Überlegungen runden diese Betrachtung ab, so Hinweise auf alternative Entlohnungssysteme, Staffelung der Preise für Konsumartikel. Ökologische Kosten müssten in die Preisgestaltung eingehen, die Nutzung der öffentlichen Infrastruktur müsse kostenlos sein. Commons, gemeinnützige Investitionen, würden insgesamt zu einer (Re-) Kommunalisierung führen.

Die einzelnen Kapitel sind klar strukturiert und gut lesbar geschrieben. Sie beinhalten überdies sehr gute grafische Darstellungen, die anschaulich das Gesagte unterstreichen. Ein Glossar am Ende des Bandes erleichtert gerade Anfänger*innen den Einstieg in die Problematik. Und last but not least werden zahlreiche ergänzende Materialien aus sozialen Medien bzw. dem Internet eingefügt, sodass man/frau sich über jeden Aspekt gründlich informieren kann. Die breite Einarbeitung in das wissenschaftliche Schrifttum und historische Quellen schlägt sich außer in den einzelnen Kapiteln auch in einem Literaturverzeichnis nieder, dass für die Weiterarbeit eine Fundgrube darstellt.

Diskussion

Die vorgelegte Studie bietet einen sehr guten empirischen und historischen Überblick zum Thema Armut. Zugleich gelingt es dem Autor, empirische Bezüge und theoretische Zusammenhänge miteinander zu verbinden. Die gewählten jeweils kurzen Unterkapitel zwingen zur Konzentration auf das Wesentliche. Spannend sind die immer wieder eingeflochtenen theoretischen Zugänge. Analytisch arbeitet er treffend die Instrumentalisierung von Armut im vorherrschenden gesellschaftlichen System heraus, sowohl geschichtlich als auch aktuell. Er kritisiert zu recht die politisch praktizierte Strategie, sozial Ausgegrenzte vorrangig über Erwerbsarbeit sozial (wieder) eingliedern zu wollen. Und dass der Blick auf nationale Ausgrenzungsprozesse häufig den auf internationale versperrt, kann nur bestätigt werden.

Es bleibt aber als Frage: Die kapitalismuskritische Analyse ist zumindest bezogen auf die Funktionalisierung von Armut nachvollziehbar, auch die Kritik an mangelnder Nachhaltigkeit. Forderungen allerdings nach Prozessen, die „über den Kapitalismus“ hinausweisen, können sich nicht nur plakativ auf neue zivilgesellschaftliche Träger sozialer Veränderungen beschränken, sondern bedürfen auch der ausführlichen Debatte, warum das bislang nicht erfolgreich war. Es handelt sich um eine Neuauflage der Luxemburg-Bernstein Diskussion. Schon Karl Marx hat dagegen festgestellt, dass es nicht ausreiche, dass sich der Gedanke zur Verwirklichung dränge, sondern dass sich die Wirklichkeit selber zum Gedanken drängen müsse (MEW 1, S. 368). Nicht dass es falsch wäre, über die aktuelle Wirtschaftsordnung hinaus zu denken, ist das Problem, sondern dass Fehlen einer genauen Analyse, an welchen Fakten der Wirklichkeit entsprechende Strategien bislang gescheitert sind. Ein zweites kommt hinzu: Nach Marx sind in der neuen, nachrevolutionären Gesellschaft immer noch Elemente des überwundenen Systems vorhanden (u.a. MEW 8, S. 115). Wie lange soll ein Wohnungsloser oder ein bildungsmäßig benachteiligtes Kind warten, bis er bzw. es „entfremdungslos“ leben kann? Bieten da nicht die Aussagen von Koch etwa zu Änderungen kommunaler, auf Commons ausgerichteter Politik eine handhabbare und sinnvolle Alternative? Gleichwohl sollen die hier vorgenommenen Überlegungen nicht weggewischt werden, denn es bleibt die These von Werner Hofmann: „(…) ohne die großen Ideen gibt es kein Fortschreiten auch in der praktischen Welt.“ (Hofmann 1970, S. 275)

Fazit

Andreas Koch hat eine wichtige Abhandlung vorgelegt, die zeigt, man kann komplexe Zusammenhänge auch konzentriert und doch verständlich erklären. Er verknüpft Empirie und Theorie, er diskutiert unterschiedliche Ansätze zur Überwindung der Ausgrenzungsprozesse von Armut. Er optiert, dekretiert aber nicht, Wege aus der Armut – für die soziale und die politische Gesellschaft.

Literatur

Karl Marx und Friedrich Engels (MEW), 1956 ff, Werke, hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin (Ost), Dietz

Werner Hofmann, 1970. Ideengeschichte der sozialen Bewegung des 19. Und 20. Jahrhunderts, Berlin, de Gruyter

Rezension von
Prof. Dr. Ernst-Ulrich Huster
Evangelischen Hochschule RWL Bochum und Justus Liebig-Universität Gießen
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Es gibt 5 Rezensionen von Ernst-Ulrich Huster.

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Zitiervorschlag
Ernst-Ulrich Huster. Rezension vom 24.03.2022 zu: Andreas Koch: Armut? Frag doch einfach! Klare Antworten aus erster Hand. UTB (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-8252-5554-1. Reihe: Frag doch einfach!. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28005.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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