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Thomas Telios: Das Subjekt als Gemeinwesen

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 19.01.2022

Thomas Telios: Das Subjekt als Gemeinwesen. Zur Konstitution kollektiver Handlungsfähigkeit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. 320 Seiten. ISBN 978-3-8487-4466-4. 62,00 EUR.
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Thema: Gemeinwesen = res publica

Der Diskurs darüber, ob und inwieweit der anthrôpos, der verstandesbewusste, ethisch bestimmte, auf Gemeinschaft angewiesene Mensch willens und in der Lage ist, für sich und alle Menschen auf der Erde ein gutes, gelingendes, menschenwürdiges Leben zu führen, wird seit Jahrtausenden kontrovers diskutiert. Es sind traditionelle und traditionalistische, weltanschauliche, politische und ideologische Auffassungen, ob der Mensch des Menschen Freund oder Feind sein könne. Zahlreiche individualistische und Gemeinwohlkonzepte bieten Richtungen und Wege an, um kollektives Denken und Tun der Menschen zu erklären und zu fördern. Es sind die ökonomischen und politischen Theorien, die objektive und subjektive Entwicklungen erklären. Die Auseinandersetzungen zwischen Optimisten und Pessimisten, Fatalisten und Nonkonformisten, Demokraten und Populisten, Realisten und Denk-Minimalisten gestalten sich in der globalisierten, digitalisierten Welt immer schwieriger. In wissenschaftlichen Analysen wird nachgewiesen, dass ein positiver Dialog zwischen den Fronten immer schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich wird. „Warum scheint es nahezu Gesetz zu sein, dass, je radikaler die Theorie ist, desto exklusiver und abweisender auch die Praxis wird?“. Diesen Zweifel äußert der Philosoph Thomas Telios von der Universität in St. Gallen. Er legt seine Dissertationsschrift vor, die beim generationenübergreifenden Kreis der „Frankfurter Schule“ (Axel Honneth) entstanden ist. Es sind die notwendigen und wichtigen, aktuellen Fragen, warum Kritik an falschen lokal- und globalgesellschaftlichen Entwicklungen und die Suche nach menschenwürdigen, gemeinsamen Theorien und Konzepten „immer zersplittert und bestenfalls multitudinal provisorisch“ verlaufen, „während die Affirmation immer kompakter und stabiler auftritt?“.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert seine Studie über das „Subjekt als Gemeinwesen“, neben dem erzählenden Vorwort, in dem er über seine (griechische) Herkunft und seine aktuellen Befindlichkeiten reflektiert, in die Einleitung, in der er vermutet, dass im westlichen, wissenschaftlichen Diskurs ein Gespenst umgehe, nämlich „das Gespenst der kollektiven Handlungsfähigkeit“, in vier Kapitel: Im ersten wird der Begriff „Gemeinwesen“ in der marxistischen Ausprägung thematisiert; im zweiten geht es um antinormative Begrifflichkeiten im Sinne von Jean-Luc Nancy; im dritten werden drei Fallbeispiele über „Produktionsweisen, -bedingungen und –verhältnisse“ konstruiert, wie sie von George Lukács, Louis Althusser und Judith Butler analysiert werden. Das vierte Kapitel subsumiert die verschiedenen kapitalismuskritischen Theorien in das Gebäude „kollektives Ereignis“, wie es von Catherine Malabou entwickelt wurde.

In der Studie begegnen uns zahlreiche Bekannte, An- und Aufreger, Theoretiker und Praktiker des Lebens, wie: Marx, Engels, Slavoj Žižek, Jacques Derrida, Jürgen Habermas, Ernesto Laclau, Chantal Mouffe, Hanna Arendt, Michael Hardt, Antonio Negri, Seyla Bernhabib… Es sind Mahner und Magier, Marker und Meinungsbildner, denen bewusst war und ist, dass Einstellungen, Verhaltensweisen, Aktivitäten und Interessen „erschaffen werden müss(t)en, damit die Individuen sich zusammentun“. Der Begriff „Gemeinwesen“ wird im sozialen und zivilisatorischen Diskurs als „soziales Kapital“, als „Community work“, der „Allmende“, der Gemeinschaft und dem Gemeinwohl verpflichtete Ethik verstanden und mit der Aussicht, dass „Mehr wird, wenn wir teilen“, als Alternative zum egozentristischen, kapitalistischen Eigennutz propagiert (Elenor Ostrom). Es ist die „Macht der Commons“ (Silke Helfrich/​David Bollier), die der „Macht des Kapitals“ Paroli geboten wird. Es sind sozialphilosophische und sozialontologische Bewusstseinsebenen, die den Wunsch, für die Menschheit Orte und Systeme zu finden und zu bilden, in ein friedliches, gerechtes, gleichberechtigtes, friedliches Zusammenleben möglichmacht. „Kommunismus“ in der idealen Gestalt der Conditio Humana, als „condiio communis“ zu schaffen und eine neue „anthropologische Aufklärung“ zu ermöglichen (Johannes Schwarte, Die Plastizität des Menschen. Ergebnisoffenheit und Beeinflussbarkeit der Persönlichkeitsentwicklung,2015, www.socialnet.de/rezensionen/​20282.php). Wir befinden uns in der Spannweite zwischen Subversion und Dialektik, wie dies der Umwelt- und Zukunftsforscher Hans A. Pestalozzi 1979 in der Nachdenke formuliert hat: Wo kämen wir hin/wenn alle sagten/wo kämen wir hin/und niemand ginge/um einmal zu schauen/​wohin man käme/wenn man ginge.

Diskussion

Die Ökonomen Paul Collier und John Kay haben angemahnt, dass der überzogene Individualismus, wie er sich weltweit und beinahe unaufhaltsam ausbreitet, eine humane, demokratische gesellschaftliche Entwicklung verhindert (Paul Collier/John Kay, Das Ende der Gier. Wie der Individualismus unsere Gesellschaft zerreißt – und warum die Politik wieder dem Zusammenhalt dienen muss, 2021, www.socialnet.de/rezensionen/​28719.php). Darauf rekurriert auch Telios, wenn er fordert: „Die Politik des Subjekts als Gemeinwesen ist eine Politik, bei der es um das Ganze geht“. Das Ganze aber ist, was in der Conditio Humana als Herausforderung und Verpflichtung des Menschseins vorgegeben ist. Thomas Telios legt eine sozialphilosophische und anthropologische Arbeit vor, die sich einreiht in die zunehmenden, optimistischen, gegenwartskritischen und zukunftsvisionären Reflexionen hin zu dem notwendigen Perspektivenwechsel, wie ihn bereits die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ bereits vor fast zwei Jahrzehnten gefordert hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden.

Fazit

Es bedarf der Vorstellungskraft, dass ein Gemeinwesen „ein plastischer Körper“ ist, der nur existieren kann, wenn Kollektivität eingebunden in ein Bewusstsein des historischen, kulturellen Gewordenseins (Wo komme ich her?), der existentiellen Reflexion des Seins (Wie bin ich geworden, wie ich bin?), der erdbewussten Realität (Wer bin ich?) und der ethischen, kollektiven Verantwortlichkeit (Was soll ich tun? – Was darf ich hoffen?). Wenn im Hegelschen, anthropologischen Sinn das „Ich (wenn es ist) ein Wir ist“, kann es nur einen humanen Weg hin zur kollektiven Handlungsfähigkeit geben: Solidarität! „Die Politik des Subjekts als Gemeinwesen ist eine Politik, bei der es um das Ganze geht“.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.01.2022 zu: Thomas Telios: Das Subjekt als Gemeinwesen. Zur Konstitution kollektiver Handlungsfähigkeit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. ISBN 978-3-8487-4466-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28008.php, Datum des Zugriffs 20.05.2022.


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