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Anja Frindt: Ambivalente Bewältigungsaktivitäten

Cover Anja Frindt: Ambivalente Bewältigungsaktivitäten beim Aufwachsen unter ungünstigen Bedingungen. Resilienztheoretische Abstraktionen eines Entwicklungs- und Hilfeprozesses in der aufsuchenden Familienarbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 522 Seiten. ISBN 978-3-7799-6403-2. D: 58,00 EUR, A: 59,70 EUR.
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Thematischer Hintergrund: Aufwachsen in ungünstigen sozialen Situationen

Die Familie in den verschiedenen Konstellationen ist und bleibt ein individuelles und kollektives soziales Element von verantwortlicher Bildung und Erziehung in der Gesellschaft. Augenmerk und Auftrag für die Unterstützung dieser Zielsetzung entwickelt sich ethisch, sittlich, mental und kulturell in gesellschaftspolitischen Prozessen, und institutionell in der Sozialgesetzgebung. Im SGB VIII wird geregelt, dass jeder junge Mensch ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit hat, dass die Pflege und Erziehung der Kinder das natürliche Recht der Eltern, wie auch deren Pflicht ist, dass die Gesellschaft aufgefordert ist, die Erziehungsberechtigten dabei zu unterstützen und zu fördern. Die Soziale Arbeit ist in besonderer – verfasster – Weise dazu aufgerufen, „durch die detaillierte Analyse von Belastungen und Risikofaktoren einerseits und von Ressourcen sowie Schutzfaktoren andererseits das komplexe Zusammenspiel und die dynamischen Prozesse und Mechanismen beim Aufwachsen unter ungünstigen Bedingungen zu untersuchen“ – und damit Unterstützung und Hilfen anzubieten.

Entstehungshintergrund und Autorin

In der theoretischen und praktischen Sozialen Arbeit wird der sozialpädagogischen, aufsuchenden Familienhilfe eine resiliente Aufmerksamkeit gewidmet ( siehe z.B.: Kurt Edler, Demokratische Resilienz auf den Punkt gebracht, 2017, www.sozialnet.de/rezensionen/​23304.php ). Die Autorin, Anja Frindt, hat an der Universität Siegen im Rahmen ihres Studiums und der darauffolgenden wissenschaftlichen Forschung beim Modellprojekt „Steigerung der Wirksamkeit intensiver ambulanter erzieherischer Hilfen“ ( https://www.lwl-landesjugendamt.de/media/​filer_public/23/0c/230c514c-86df-432d-a3ce-0412d367434c/​iuk_49_steigerung_der_wirksamkeit_intensiver_ambulanter_hze.pdf, Oktober 2009 ) ihre Dissertation entwickelt. Sie legt die Ergebnisse in dem Buch „Ambivalente Bewältigungsaktivitäten beim Aufwachsen unter ungünstigen Bedingungen“ vor. Sie fokussiert dabei ihr Interesse auf die rund einjährige Beobachtung, Begleitung und Betreuung der 12jährigen Kristin und die Analyse der Lebens- und Sozialisationsbedingungen und -erfahrungen der Klientin. 

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung und dem Schlusswort gliedert Anja Frindt ihre Forschungsarbeit in sechs weitere Kapitel: „Aufsuchende Familienarbeit: Die Sozialpädagogische Familienhilfe als Handlungs- und Forschungsfeld“ – „Das Resilienzkonzept als Referenzrahmen zur Analyse des Aufwachsens unter ungünstigen Bedingungen“ – „Untersuchungsdesign und Forschungsprozess“ – „Empirische Fallkonstruktion I: Das Lebens- und Lernfeld Kristins“ – „Empirische Fallkonstruktion II: Der Entwicklungsverlauf des Mädchens und der Prozess der sozialpädagogischen Interventionen“ – „Ambivalente Bewältigungspraktiken: Resilienztheoretische Abstraktionen“.

Die aufsuchende, also aktive, resiliente Familienbetreuung in der Sozialen Arbeit will die sozialpädagogischen Bedingungen, wie sie sich als „Komm-(Angebots-)Strukturen“ darstellen und durch „Geh-(intervenierende)Strukturen“ erweitern. Dieses zweifellos pekuniär und personell aufwändigere soziale Engagement erfordert einen theoretischen und praktischen Perspektivenwechsel in der Sozialen Arbeit. Die Forschungs- und Erfahrungsergebnisse zeigen, dass dabei die Aktivitäts- und Selbsthilfe-Potenziale der Familienmitglieder und Erziehungsberechtigten, wie auch die Professionalität der Pädagoginnen und Pädagogen gestärkt werden.

Die im anglo-amerikanischen Diskurs entwickelte Erkenntnis, dass beim sozialen Verhalten multidimensionale, kontextabhängige und prozessbestimmte Bedingungen wirksam werden, wirkt in psychologischen und sozialen Prozessen. Sie stellen sich als Widerstandskräfte gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Risiken dar. Im Theoriediskurs entwickelten sich zahlreiche Resilienz-Konzepte und Methoden, die von der Autorin aufgeführt und diskutiert werden. Es sind Risiko- und Schutzfaktoren, die sich sowohl ergänzen, wie auch ausschließen können. Resilienz-Kompetenz und -Förderung solle, so das Ffm- und Berliner Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, frühzeitig, also schon vor der Kita-Zeit beginnen, in der biographischen Entwicklung kontinuierlich weitergeführt werden und personell und räumlich erweitern, sich in sozialen Netzwerken etablieren und festigen, integrativ wirken und allgemeinverständlich vermittelt werden.

Es ist die ethnographische Zugangsweise und Methode, die „das Verhältnis des Forschers zum zu verstehenden und zu beschreibenden Untersuchungsfeld“ markiert. Die Erhebungs- und Analyse-Methoden, wie: Offenes Interview und teilnehmende Beobachtung, stellen Zugänge und Ausweitungen im Forschungsprozess dar, und ermöglichen eine gesicherte Auswahl und Festlegung des zu untersuchenden Fallbeispiels. Die 12jährige Kristin und ihr familiäres und sozialpädagogisches Umfeld – ihre Mutter, die Geschwister, die Tante und die SPFH-Fachkraft – wird im Forschungsdesign ausführlich dargestellt. Die Diskontinuitäten, sozialen, familiären, schulischen Probleme und Kontaktschwierigkeiten zeigen: „Kristin fehlen Voraussetzungen für eine gute Entwicklung“. Die aufwändigen, personellen und zeitlichen Forschungs- und Hilfsmaßnahmen werden von der Autorin in den empirischen Fallkonstruktionen der Anamnese (I) und der Schilderung des Entwicklungsverlaufs (II) des Mädchens dokumentiert. Es ist ein Auf und Ab, Erfolg und Scheitern, Empathie und Gewalt, die die Entwicklung einer eigenen Identität andeuten, ermöglichen, aber auch be- und verhindern.

Die im Anhang beigefügten Forschungsmaterialien, wie die „Übersicht über das erhobene Datenmaterial“, die „Formblätter zur narrativen Landkarte“, das „Abkürzungsverzeichnis“ und das „Tabellen- und Abbildungsverzeichnis“ geben Hinweise über Forschungsziele-, -verlauf und -ergebnisse des Projektes über Prozesse des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen unter ungünstigen, individuellen und sozialen Bedingungen.

Diskussion

Die im Theoriediskurs ausgewiesenen Risiko- und Schutzfaktoren als handhabbare, real wirksame Substitute bei der aufsuchenden Familienhilfe erweisen sich im Forschungsprozess als hinderlich für eine Analyse. Die Autorin verweist darauf, dass es wichtig und zielführend ist, „das möglichst genaue Verstehen der Belastungs- und Ressourcenprofile der Adressat_innen und deren Bewältigungspraktiken“ zu erkennen. Dabei erweist sich das Resilienzkonzept als brauchbares und aussagekräftiges Forschungsinstrument: „Für sozialpädagogische Interventionen folgen aus dem Resilienzkonzept Potenziale und Begrenzungen. „Das Konzept (liefert) empirische Belege, dass eine gute Entwicklung auch unter ungünstigen Bedingungen möglich ist und richtet den Blick verstärkt auf die dafür notwendigen (personellen und professionellen, JS) Bedingungen“. Konzepte für gelingende, menschenwürdige Lebens- und Sozialisationsbedingungen sind gefordert.

Fazit

In der institutionalisierten, gesellschaftlichen Familienbildung dominieren die Komm-Angebote, während die Geh-Initiativen als aktive, aufsuchende Familienhilfen Ausnahmen darstellen. Diese aber sind in den Zeiten von sozialer Ungerechtigkeit und Benachteiligung besonders für Erziehungs- und Familienverhältnisse in prekären Situationen wichtig. Anja Frindt öffnet mit ihrem Forschungsprojekt die Türen dafür einen Spalt. Die im Forschungsbericht ausführlich dargestellten und dokumentierten Theorie- und Praxisbezüge für eine aufsuchende, sozialpädagogische Familienarbeit sind nicht nur hilfreich für weitere Forschungen, sondern bieten für die Lehre und Praxis der Sozialen Arbeit Anregungen bei der Mitgestaltung des notwendigen sozialen Turns.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.03.2021 zu: Anja Frindt: Ambivalente Bewältigungsaktivitäten beim Aufwachsen unter ungünstigen Bedingungen. Resilienztheoretische Abstraktionen eines Entwicklungs- und Hilfeprozesses in der aufsuchenden Familienarbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6403-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28022.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


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