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Auguste Reichel: Wie geht´s? Gedanken und Anregungen zu den "Vier Würden"

Cover Auguste Reichel: Wie geht´s? Gedanken und Anregungen zu den "Vier Würden". Liegen, Sitzen, Stehen, Gehen. myMorawa von Dataform Media GmbH (Wien) 2020. 184 Seiten. ISBN 978-3-99110-259-5. D: 16,00 EUR, A: 16,00 EUR, CH: 17,99 sFr.
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Thema

Liegen, Sitzen, Stehen und Gehen, das tun wir jeden Tag. Nur selten jedoch werden so alltägliche Phänomene unter die Lupe genommen. Auguste Reichel nennt diese vier Daseinszustände die „vier Würden“ und widmet sich ihnen ausführlich in einem praxisorientierten Buch. Sie lädt dazu ein, sich selbst wie auch andere Menschen expliziter zu fragen: „Wie geht‘s“? oder „Was bewegt dich?“ und dabei ganz im Gegensatz zum alltagssprachlichen Gebrauch dieser Fragen genau auf den Körper, das Innenleben und insgesamt die individuellen Bedürfnisse zu achten. Durch ihre langjährige Erfahrung mit integrativer Bewegungstherapie, kreativem Tanz sowie vielzähligen Workshops und anderen Lehrtätigkeiten werden Leser_innen mit diesem Werk auf eine spannende Reise eingeladen, sich selbst, das Umfeld und vielleicht sogar die ganze Welt unter ganz anderen und neuen Gesichtspunkten kennenzulernen.

Autorin

Auguste Reichel ist Psychotherapeutin in freier Praxis in St. Pölten, Supervisorin sowie Lehrende für Kreativen Tanz und Integrative Bewegungstherapie (IBT). Sie leitet bewegungs- und tanztherapeutische Gruppen sowie weitere Bewegungstheater-Projekte und ist Autorin verschiedener Bücher. Sie war viele Jahre Lehrtherapeutin für Integrative Therapie am Department für Psychotherapie und Biopsychosoziale Gesundheit an der Donau-Universität Krems.

Aufbau und Inhalt

In acht Kapiteln präsentiert das Buch drei unterschiedliche Themen: Auf drei einleitende und eher theoretische Überblickskapitel folgen die vier zentralen zu den vier Würden mit vielen praktischen Übungsanleitungen, Reflexionsangeboten sowie Interviewauszügen. Alle Kapitel werden theoretisch kurz, aber fundiert eingeleitet und gerahmt. Anschließend geht Auguste Reichel in einem letzten Kapitel – und damit im dritten kurzen Teil – auf den Übergang vom Gehen zum Tanzen ein.

Teil 1: Einführung und Überblick

Das Vorwort sowie die ersten zwei Kapitel bieten eine Einführung zu den vier Würden Liegen, Sitzen, Stehen und Gehen. Unter Bezugnahme auf bekannte Autor_innen wie Luise Reddemann (2013), Ferdinand von Schirach (2017) und Hilarion G. Petzold (2003) erklärt Auguste Reichel, was unter Würde zu verstehen ist. „Um Würde wahrzunehmen, zu fühlen und zu pflegen, ist die Praxis der Achtsamkeit hilfreich“ (S. 28). Nach einer ersten Einladung, sich die eigene Alltagsgeschichte mit dem Fokus auf die vier Würden bewusst zu machen, fokussiert Auguste Reichel den Bereich der Bewegungsentwicklung mit den dazugehörigen Sicherheiten, Freiräumen und Risiken. Rekurrierend auf Bourdieus Habituskonzept (1997) sowie auf das Leibgedächntis (Fuchs, 2010) verdeutlicht die Autorin, wie stark Erfahrungen auch im Körper eingeschrieben sein können. Am Ende des ersten Teils werden die Leser_innen daran erinnert, dass z. B. die Konzeptionen lebenslanger Entwicklung Hoffnung machen, „dass Veränderung auch noch im hohen Alter möglich ist“ (S. 43). Entwicklung ist aus dieser Perspektive kein abgeschlossener Prozess. Zwei thematisch vertiefende praktische Übungen schließen den ersten Teil ab.

Teil 2: Die vier Würden

Im zweiten Teil werden die „vier Würden“ vorgestellt.

Liegen ist die ‚passive Würde‘, ein Ruhepol mit unterschiedlichen Qualitäten“ (S. 51). Auguste Reichel hält fest, dass Liegen im Deutschen interessanterweise zugleich einen Zustand wie auch eine Aktivität beschreibt, in der Regel verbunden mit Ruhe und Schutz. Zugleich richtet die Autorin den Blick auf vielfältig vorhandene sexistische Darstellungen von liegenden Frauen in der Werbung und lädt zu der Reflexion ein, wie man sich in liegenden Positionen in klinischen Kontexten fühlt. Verschiedene Übungen fokussieren die Bedeutung des Liegens im Alltag und das Vertrauen zur Erde, das sich darin jeweils aufspüren lässt.

Sitzen hat wiederum viele alltagssprachliche Bedeutungen: Sitzung, durchsetzen, nachsitzen oder etwas absitzen“ (S. 59). Deutlich werden die Auswirkungen von Sitzordnungen auf Menschen und deren (möglicher) Zusammenhang mit Macht, die unterschiedlichen Sitzmöglichkeiten (z. B. Stühle, Bänke, Sessel, Sofa) und die unterschiedliche Stärke, mit der Männer und Frauen Platz in der Gesellschaft und im Alltag einnehmen. Die Autorin weist darauf hin, wie wertvoll längeres ruhiges und aufrechtes Sitzen sein kann und was die Sitzposition über Nähe und Distanz z. B. in psychotherapeutischen Settings aussagt. Alle Themen werden auch hier von Übungen und Reflexionen gerahmt.

Stehen wird in unserer Kultur nicht als aktive Tätigkeit anerkannt. ‚Aufstehen‘ bedeutet auch Unterordnen, Gehorsam, Bestrafung“ (S. 73). Standing Ovations drücken Begeisterung aus und transportieren Anerkennung, das Stehen vor einer großen Menschenmasse hingegen kann sehr beängstigend sein. „Aufmerksames Stehen ist schwierig, auch im Stehen zeigt sich die momentane Befindlichkeit und Persönlichkeit. Stehen verweist auch auf die ‚Lebenshaltung‘“ (S. 74). Übungen und Reflexionen folgen zum Haltung-Einnehmen, zu geschlechtertypischen Gangarten, Aufrichtung im Stand, Zentrierung im Körper, bewusster Verbindung zum Boden sowie Variationen im Stehen.

Gehen bedeutet, die Welt zu entdecken. Diese ist auch fahrend erfahrbar, dennoch ist das eigene Tempo des Gehens, des Innehalten können und wechseln zwischen Stehen, Schauen und Laufen eine selbstbestimmte Tätigkeit“ (S. 98). Dieses (umfangreichste) Kapitel fokussiert das Gehen aus sehr verschiedenen Blickwinkeln mit einer Reihe von Übungen. Es wird deutlich, dass Gehen Aussagen über Eigenständigkeit, Trennung und eine „Richtungswahl“ enthält, stark mit einem Sich-Orientieren-Können zusammenhängt und biografisch sehr prägend sein kann. Untermauert wird dies z. B. in der Reflexion von Interviewaussagen über den früheren Weg zur Schule. Auguste Reichel beleuchtet zudem den Zusammenhang von Räumen (innen und außen) mit Macht und Geschlecht sowie die zentrale Bedeutung des Gehens im Bereich Migration und Flucht: „Gehen können ist überlebensnotwendig für Flüchtende“ (S. 111). Die Autorin bietet weitere Übungen zum gemeinsamen Gehen in unterschiedlichen Tempi an, betrachtet auch aggressives (gemeinsames) Gehen und lädt zur Erkundung der sogenannten „Kinesphäre“, dem ganz eigenen Bewegungsraum, ein. „Die Befindlichkeit eines Menschen“ (S. 143), so die Autorin, „kann man am Gang, an der Körperhaltung und der Ausstrahlung ‚ablesen‘“ (ebenda).

Teil 3: Vom Gehen zum Tanzen

Der dritte Teil besteht aus einem einzelnen kurzen Kapitel zum Übergang vom Gehen zum Tanzen in verschiedenen kleinen Abschnitten und regt dazu an, sich im Alltag immer wieder bewusst zu machen: „Aus der Würde Gehen wird die Würde Tanzen, wenn du deinem körpereigenen Rhythmus folgst“ (S. 159). Die Autorin wirft die Frage auf, ob der Tanz als fünfte Würde bezeichnet werden kann. Tanz entsteht aus Schritten, wobei Gehen zum Hüpfen, Springen, Drehen wird; der eigene Tanz kann einen eigenen Rhythmus entstehen lassen: „Jeder trägt den Tanz in sich“ (Laban, 1948/1981, S. 64).

Diskussion

Aus dem Buch spricht jahrzehntelange Erfahrung. Dies gilt für den Praxiszugang wie auch für den stets durchschimmernden Theoriehintergrund. Der Autorin gelingt eine beeindruckende Zusammenschau verschiedener Bewegungsansätze über die letzten 40 Jahre. Die Vermittlungsidee anhand der vier Würden (S. 21; vgl. auch Brooks, 1974/2005, S. 29) bietet zudem einen kreativen Rahmen, der Lust auf die Beschäftigung mit dem Thema macht. Von der Theorie zur Praxis bis hin zur Reflexion werden Leser_innen mit den einzelnen Würden vertraut gemacht, fachkundig angesprochen und mitgenommen. Veranschaulicht durch zahlreiche Erfahrungen aus der Praxis regt die Lektüre zum eigenen Nachdenken an, zum bewussteren Hinschauen und Hinspüren zur eigenen Leiblichkeit. Durch den physiologischen, psychologischen und philosophischen Zugang zu den alltäglichen körperlichen Funktionen Liegen, Sitzen, Stehen und Gehen, die im Alltag selbstverständlich sind, bekommen sie ‚ihre Würde zurück‘. Unterschiedlichste Zitate untermalen die Ausführungen und verankern die Anregungen fachlich. Am Beispiel Gehen wird deutlich, wie breit die Recherchen sind und wie diese themenübergreifend, historisch und umfangreich aufbereitet wurden, sodass die vielseitigen Bedeutungen und Verwendungen zum Vorschein kommen – wandern, wandeln, flüchten, (Grenzen) überschreiten, vom „homo migrans“ (Petzold, 2006, S. 110) bis zum „walk and talk“ (ebenda, S. 123), der gerade seit Beginn der Corona-Pandemie im Zusammenhang mit „social distancing“ besonders populär geworden ist. Trotz dieser Komplexität liest sich das neue Buch von Auguste Reichel leicht und flüssig.

Fazit

Die langjährigen Erfahrungen und tiefen Auseinandersetzungen mit Körper, Leiblichkeit, Bewegung und Tanz sowie die unermüdliche Begeisterung und Freude der Autorin stecken an. Leser_innen brauchen aber auch eine Bereitschaft für Tiefe: Für die ersten Schritte oder ein Kratzen an der Oberfläche ist dieses Buch nicht geeignet und nicht geschrieben. Wir hoffen, dass es in viele gute Hände – und Füße – gelangt, die es verstehen und damit auch zu sitzen, stehen und liegen verstehen.

Literatur

Bourdieu, Pierre (1997). Zur Genese der Begriffe Habitus und Feld. In Pierre Bourdieu, Der Tote packt den Lebenden (Reihe: Schriften zu Politik & Kultur, Bd. 2; S. 59–78). Hamburg: VSA.

Brooks, Charles V. W. (2005). Erleben durch die Sinne (Reihe: Innovative Psychotherapie und Humanwissenschaften, Bd. 7; 10., unveränd. Aufl.). Paderborn: Junfermann (englisches Original erschienen 1974).

Fuchs, Thomas (2010). Das Gehirn - ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption (3., akt. und erw. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.

Laban, Rudolf von (1981). Der moderne Ausdruckstanz in der Erziehung. eine Einführung in die kreative tänzerische Bewegung als Mittel zur Entfaltung der Persönlichkeit. Wilhelmshaven: Heinrichshofen (englisches Original erschienen 1948).

Petzold, Hilarion G. (2003). Integrative Therapie. Modelle, Theorien & Methoden einer schulenübergreifenden Psychotherapie. Band 1: Klinische Philosophie (2., überarb. u. erw. Aufl.). Paderborn: Junfermann.

Petzold, Hilarion G. (2006). Der Mensch „auf dem WEGE“ – Altern als „WEG-Erfahrung“ des menschlichen Lebens. Hückeswangen: FPI. Verfügbar unter: http://www.fpi-publikation.de/images/stories/downloads/textarchiv-petzold/petzold-2006u-der-mensch-auf-dem-wege-altern-als-weg-erfahrung-des-menschlichen-lebens-festvortrag.pdf [12.01.2021].

Reddemann, Luise (2013). Würde - Annäherung an einen vergessenen Wert in der Psychotherapie (Reihe: Leben lernen, Bd. 212; 2., durchges. Aufl.). Stuttgart: Klett-Cotta.

Schirach, Ferdinand von (2014). Die Würde ist antastbar. Essays. München: Piper.


Rezension von
Marilena de Andrade
Mitarbeiterin für den Arbeitsbereich Psychosoziale Diagnostik und Intervention an der Alice Salomon Hochschule Berlin.
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und
Cornelia Cubasch-König
MSc
Homepage www.cubasch.com
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Kommentare

Diese Rezension wurde von drei Autorinnen verfasst. Zu den Rezensentinnen gehört auch: Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner Professur für Klinische Psychologie und Sozialarbeit an der Alice-Salomon-Hochschule

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Zitiervorschlag
Marilena de Andrade/Cornelia Cubasch-König. Rezension vom 16.02.2021 zu: Auguste Reichel: Wie geht´s? Gedanken und Anregungen zu den "Vier Würden". Liegen, Sitzen, Stehen, Gehen. myMorawa von Dataform Media GmbH (Wien) 2020. ISBN 978-3-99110-259-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28028.php, Datum des Zugriffs 07.03.2021.


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