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Anna Mratschkowski (Hrsg.): Integration Geflüchteter in Deutschland

Cover Anna Mratschkowski (Hrsg.): Integration Geflüchteter in Deutschland. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2020. 203 Seiten. ISBN 978-3-8487-5940-8. 44,00 EUR.

Reihe: Migration & integration - Band 8.
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Thema

Wenn die Rede auf „Integration“ fällt, wird man in Deutschland nicht viele Menschen treffen können, die nichts mit diesem Konzept verbinden; die Assoziationen sind vielfältig: was die Einen vehement ablehnen, wünschen sich die Anderen. Hier wird der Begriff (oft wohl unreflektiert) in den eigenen Sprachgebrauch übernommen und reproduziert; dort aus diversen Gründen mitunter scharf kritisiert oder grundsätzlich verworfen. Hoffnung, Angst, Aggression, Empathie, (politischer und kultureller) Kampf – all dies und noch viel mehr äußert sich in der gesellschaftlichen Praxis, wenn es um das geht, was man „Integration“ nennen könnte.

Und wo gesellschaftliche Spannungen auftreten, ist häufig die wissenschaftliche Forschung der verschiedenen „sozialwissenschaftlichen“ Disziplinen nicht weit. Als eigenständiges – aber keineswegs isoliertes – gesellschaftliches Feld wird auf diese Spannungen reagiert, die Diskurse werden reflektiert, reproduziert, aufgebrochen usw. usf. In ebendiese Gemengelage begibt sich Anna Mratschkowski und die beteiligten Autor:innen mit dem nun vorgelegten Werk, das sich, soviel sei vorweggenommen, zur Aufgabe gemacht hat, die Perspektive von Menschen mit Fluchterfahrungen in der Forschung ernst zu nehmen und auf konkrete politische und gesellschaftliche Verhältnisse zu beziehen.

Herausgeberin

Dr. Anna Mratschkowski ist Professorin für Soziale Arbeit an der FOM Hochschule in Essen.

Inhalt

Einleitend stellt die Herausgeberin vor allem die gesellschaftliche Relevanz der Thematik heraus (S. 7–10): Flucht, Migration und damit „Integration“ wären Themen, die auch in Zukunft prägend für gesellschaftliche und politische Entwicklungen sein würden. „So ist und bleibt die Frage, wie sich Geflüchtete in Deutschland einleben und was dabei bedacht und wie verbessert werden kann, eine der wichtigsten in der heutigen Sozialforschung“ (S. 7). Sie meint: „Es gibt noch viel zu tun – in Wissenschaft und Praxis“ (S. 9), wozu der vorliegende Band einen Beitrag leisten will.

Nach dieser knappen Hinführung gliedert sich der Band in zwei Teile:

Teil eins beschäftigt sich mit der „Weiterentwicklung von theoretischen Konzepten und methodischen Herangehensweisen für die Erforschung von Geflüchteten“ (S. 11). Er setzt sich aus folgenden Beiträgen zusammen:

  • Anna Mratschkowski und Martina Maletzky unternehmen im ersten Beitrag (S. 13–38) den Versuch, „Migration … [nicht] aus einer Vogelperspektive der Aufnahmegesellschaft zu betrachten“, sondern im Gegenteil „aus einer Froschperspektive Zugewanderte in den Vordergrund“ zu stellen (S. 13). 27 biografisch-narrative Interviews, deren Material im Lichte der Maslowschen Bedürfnispyramide diskutiert wird, bringen sie u.a. dazu, ebendiese bedürfnistheoretische Perspektive zur Erweiterung des Integrationsbegriffs vorzuschlagen; außerdem sollten sich politische „Maßnahmen … an der [hier erweiterten] Bedürfnispyramide orientieren“ (S. 35 f.).
  • Der folgende Beitrag wurde von Sandrine Bakoben, Katrin Menke, Andrea Rumpel und Thorsten Schlee verfasst (S. 39–63). Sie meinen, trotz eines Mehrs an verfügbaren Daten zu „Integrationspolitiken“, Leerstellen im vorliegenden Wissen identifiziert zu haben, was vor allem an einseitig veranschlagten theoretischen Zugängen und entsprechend schlagseitigen methodischen Einlösungsstrategien der empirischen Forschung liegen würde (vgl. S. 39 ff.). Ergänzend schlagen sie daher vor, lokale Sozialpolitik, welche diverse Subfelder von „Integrationspolitik“ umfasst, als „Koproduktion“ zu verstehen, die von Institutionen bzw. Akteuren im politischen Feld sowie den adressierten bzw. betroffenen Menschen geleistet wird. Vor diesem Hintergrund wird dafür plädiert, institutionenzentrierte (aus der Politikwissenschaft) mit subjektzentrierten Ansätzen (aus der Disziplin Sozialer Arbeit) zu kombinieren und schlussendlich mit dem übergreifenden Umstand einer aktivierenden Sozialpolitik zu verbinden und für empirische Forschungen fruchtbar zu machen.
  • Wie könnte sich dieses Programm umsetzen lassen? Eine Möglichkeit wird im Aufsatz von Fatemeh Kamali-Chirani, Salah El-Kahil und Thorsten Schlee entwickelt (S. 65–90); es geht also vor allem um „forschungsmethodische Erwägungen“ (S. 66): Die Autor:innen sehen, dass Erhebungen im Gruppenformat noch eine Rarität im Untersuchungsfeld darstellen, weswegen neben der Darstellung der Forschungskonzeption sowie den Befunden vor allem die Vorüberlegungen, Erfahrungen und Schlussfolgerungen im Hinblick auf derartige ‚Gruppenerhebungen’ im Fokus des Beitrags stehen (vgl. S. 66). Trotz – treffender – Selbstkritik wird positiv bilanziert, es „entwickelten sich hier doch soziale Dynamiken, die einen guten Einblick in die kollektiv geteilten, mindestens aber diskursivierten Bewertungen ermöglichen (S. 86 f.).

Teil zwei fragt nach den „Besonderheiten der Lebenssituation Geflüchteter durch die Brille der Wissenschaft“ (S. 91) und schöpft seinen Inhalt aus vier Beiträgen:

  • Im Aufsatz von Alina Lisa Bergedieck (S. 93–128) „werden Ergebnisse einer Forschung vorgestellt, die Herausforderungen und Lösungen des kommunalen Flüchtlingsreaktionssystems in der Unterbringung von geflüchteten Menschen identifiziert“ (S. 94). Dazu wurde die Entwicklung verschiedener Kommunen über mehrere Jahre ins Auge gefasst und anhand von Dokumentenanalysen und Interviews materialisiert; der Rahmen zur Deutung des Materials wurde von einer erweiterten Fassung des „Human-Security-Konzeptes“ gesteckt. So werden differenzierte Ergebnisse ermittelt, wobei vor allem die für praktisches Handeln so relevante Erinnerung betont sei, wonach „Kommunen in Deutschland viel Spielraum in der Standardisierung der Flüchtlingsunterkünfte haben“ (S. 123).
  • Sandrine Bakoben und Marcel Rühl nehmen in ihrem Beitrag (S. 129–151) „die Auswirkungen des geltenden Asylrechts und dabei vor allem der zugesprochene Duldungsstatus auf die Lebenslage und Bildungsentscheidungen von geflüchteten jungen Erwachsenen aus SSA [„Subsahara-Afrika“] in Deutschland“ (S. 130) in den Blick, da insb. diese Personengruppe nicht hinreichend Gegenstand empirischer Forschungen sei (vgl. S. 181). Vor dem Hintergrund eines praxistheoretischen Zugangs zum Feld (Bourdieu) und auf der Grundlage von zwei Interviews kommen Bakoben und Rühl zu der – erwartbaren – Einsicht, dass der Duldungsstatus Bildungsentscheidungen und -verlaufskurven beeinflusst (vgl. S. 145). Ferner führt der Befund, dass eine Kapitalakkumulation (im Sinne Bourdieus) zwar geringfügige Besserungen, aber keine wirklich grundlegend positiven Änderungen der Lebenslage für die Subjekte mit sich bringt (vgl. ebd.), die Autor:innen dazu, von einer „Praxis der Nichtzugehörigkeit“ (S. 144) zu sprechen.
  • Das sich seit 2015 verstärkt zeigende Engagement im Feld der Hilfe für geflüchtete Menschen nimmt Ines Gottschalk zum Anlass (S. 153–183), um auf Grundlage eines sozialkonstruktivistischen Wirklichkeitsverständnisses die Ergebnisse einer Einzelfallanalyse vorzustellen; der „Fall“ setzt sich aus zwei signifikanten Akteuren einer „Gastfamilie“ zusammen (vgl. S. 153). Dabei stehen die jeweiligen Wissensbestände sowie Deutungen und Ausdrucksweisen der Beteiligten im Fokus. „Hoch interessant sind dabei neben den geteilten Bedeutungen die ungeteilten, also im Wortsinn in-dividuell bleibenden (weil gerade sie, auch ohne dass dies den Beteiligten bewusst sein muss, zu Interaktionsproblemen und Interaktionskrisen sowie anhaltenden Konflikten führen könnten – nicht müssen)“ (S. 197 f.). Außerdem sei erwähnt, dass dieser kleinteilige Feld- und Analysezugang die Pfade und Knotenpunkte aufscheinen lässt, wie dieses mikrosoziale Geschehen, im Wechselverhältnis mit den umliegenden sozialen und kulturellen Segmenten, der „Gesellschaft“, steht (vgl. S. 181).
  • Welche Rolle das soziale Kapital im „Migrations- und Integrationsprozess von Geflüchteten“ spielt, machen Martina Maletzky und die Herausgeberin zum Gegenstand ihres abschließenden Beitrags (S. 185–203). Die Interpretation des im Rahmen mehrerer Interviews gewonnenen empirischen Materials im Lichte eines differenzierten und gegenstandsbezogenen Sozialkapitalkonzepts führt zu folgender These: „Während herkunftsspezifisches Sozialkapital vor allem zur emotionalen Unterstützung, als Impuls zu migrieren sowie als Unterstützung auf der Flucht eine wichtige Rolle spielt, scheint für den Arbeitsmarktzugang vor allem vertikales aufnahmelandspezifisches Sozialkapital grundlegend zu sein“ (S. 191, Hervorh. i.O.). Und dabei ist der gesellschaftliche Kontext mitzudenken, denn die Bundesrepublik hat den Dynamiken der (Post-)Moderne entsprechend eine individualistische und beschleunigte Sozialstruktur ausgeprägt, die das interaktive Anknüpfen von Sozialbeziehungen z.B. im öffentlichen Raum erschwert (Ergänzung: Fremdenfeindlichkeit und Sprachbarrieren dürften dabei ebenfalls eine Rolle spielen).

Diskussion

Wie kann der vorliegende Sammelband beurteilt werden? Diese Frage lässt sich nur mittels Klärung der eingenommenen Perspektive nachvollziehbar und damit angemessen beantworten. Einerseits wird dem genuin praktischen Bedürfnis nach wissenschaftlichen Ressourcen zum Zwecke der Autoqualifizierung im Feld Sozialer Arbeit Raum beigemessen werden (1); andererseits soll im Folgenden eine disziplinäre Würdigung erfolgen (2).

(1) Der Band macht sich nicht zur Aufgabe, konkrete Hinweise oder Empfehlungen für die professionelle Soziale bzw. politische Arbeit zu formulieren (obwohl es an einigen Stellen durchaus vorkommt). Aus diesem Grund sollen Fragen der Praktikabilität zuerst verhandelt werden, da sie das Anliegen der Herausgeberin im engeren Sinne übersteigen.

Aus diesem Blickwinkel ist zunächst der immer ersichtliche empirische Gegenstandsbezug aller Beiträge herauszustellen. An keiner Stelle bildet reines ‚Konzeptionieren’ den Anlass für die Forschung; Desiderate im Diskussionsstand werden im Hinblick auf empirische Phänomene identifiziert. Das impliziert schon ein ‚praktisches Interesse’ als Ausgangspunkt des Fragens und Suchens.

Darüber hinaus muss das Bemühen, die Perspektive der geflüchteten Menschen methodisch zu berücksichtigen, explizit gelobt werden. Exemplarisch stehen hierfür sowohl der Versuch, ein bedürfnistheoretisch fundiertes Integrationskonzept vorzulegen (Mratschkowski/​Maletzky) als auch die Idee einer „Koproduktion lokaler Sozialpolitik durch Geflüchtete“ (Bakoben u.a.). Insb. der letztgenannte Ansatz gibt Praktizierenden ein Instrumentarium an die Hand, um die eigene lokale Eingebundenheit, die Ist-Situation vor Ort und vor diesem Hintergrund die Möglichkeiten eigenen Handelns systematisch auszuloten; freilich kann es sich hierbei auch um eine Blaupause für Praxisforschungen handeln.

Ferner bieten Maletzky und Mratschkowski mit den Befunden, die ihre Frage nach dem Sozialkapital zu Tage fördern, eine Legitimation für die langfristige und flächendeckende Förderung von professionellen Beratungs- und Unterstützungsangeboten, die thematisch die „Arbeitsmarktintegration“ forcieren. Ebendiese Stellen können als „vertikales, aufnahmelandspezifisches soziales Kapital“ angesehen werden, das für geflüchtete Menschen so bedeutsam für den Zugang zu Arbeit und Bildung ist, aber aufgrund (post-)moderner gesellschaftlicher Strukturverhältnisse und Fremdenfeindlichkeit kaum in Eigenregie zu akkumulieren ist. Projektmittelanträge, Öffentlichkeits-, Netzwerk- und Lobbyarbeit können von dieser empirisch fundierten Einsicht unmittelbar profitieren.

Schließlich bedingen die hier eingenommenen Perspektiven Aussagen wie diese: „Wie also konstruieren wir ein Setting, das sich zu dem BAMF-Interview und anderen behördlichen Arrangements unterscheidet? Wir essen gemeinsam und lernen uns kennen“ (Kamali-Chirani/​El-Kahil/​Schlee: S. 78). Die explizite Reflexion der räumlich-situativen Rahmenbedingungen des eigenen (forschungs-)methodischen Handelns lässt sich unmittelbar auf die (handlungs-)methodischen Ansprüche professioneller Beratungsarbeit übertragen. Denn nicht selten materialisiert sich in den Gebäuden und Räumen, in denen freie Träger ihre Angebote offerieren, eine Ordnung, die Seriosität repräsentiert und Kontrolle ermöglicht, gleichzeitig aber den räumlichen Bedingungen in Behörden nicht unähnlich sind. Sensibel für diese symbolischen Details zu sein, bedeutet wahrzunehmen, dass – insb. in den Erstgesprächen – Beratungsverläufe auf diese Art präformiert werden (können). Solche feinen Unterschiede zu sehen und gezielt zu arrangieren, das legt uns das Konzept der Lebensweltorientierung nahe – Aussagen wie die oben zitierte können die Praxis – mit all ihren Routinen, (Zeit-)Knappheiten, Fremdbestimmungen usw. an die große Wirksamkeit dieser kleinen Details erinnern.

Abschließend sei aber daran erinnert, dass diese Einordnungen und Schlussfolgerungen bereits einen Disziplin-Praxis-Transfer implizieren. Wer zu diesem Band greift, muss wissen, dass es sich um Texte handelt, denen es zunächst und vor allem um Erkenntnis geht, und nicht um Qualifizierung der Praxis. Die Relationierung von Einsicht und Handlung muss erst noch geleistet werden.

(2) Nun zur wissenschaftlichen Einordnung: „Integration“ scheint ein Konzept zu sein, dessen wir uns aufgrund seiner Verankerung im gesellschaftlichen Wissensfundus kaum entziehen können. Ignoranz ist keine Option. Von daher ist es begrüßenswert, dass hier (zum Teil auch eher implizit) der normativ und analytisch begründeten Kritik nachgegangen wird, indem alternative methodische und theoretische Handhabungen vorgeschlagen und ausgeführt werden.

Das Feld der Fluchtforschung wird so durch einige Erkenntnisse reicher. An dieser Stelle sei exemplarisch der Beitrag von Ines Gottschalk hervorgehoben. Die Autorin mikroskopiert auf die Ebene der direkten Interaktion und bettet diese in den zeitlichen Verlauf der Beziehung der beteiligten Subjekte ein. Das Wirklichkeitsverständnis entspricht dabei dem des Sozialkonstruktivismus. Qualitativ zu arbeiten ist im Feld der Fluchtforschung durchaus verbreitet – dieser Sammelband bezeugt dies; Analysen der interaktiven Wissensproduktion unter Berücksichtigung mikrosoziologischer Konzepte sind aber eher eine Seltenheit. Häufig liegt der – zweifellos wichtige – Schwerpunkt auf der punktuellen Vermittlung von Subjekt- und Strukturebene, indem etwa manifeste „qualitative“ Aussagen auf Institutionen bezogen werden. Derartige Arbeiten (siehe z.B. Bakoben u.a. in diesem Band) braucht es insb. aufgrund ihrer Transferierbarkeit in die Praxis – etwa in der wissenschaftlichen Politikberatung – weiterhin.

Gleichzeitig wären auch genuin soziologische Grundlagenarbeiten interessant, die sich durch einen dezidiert rekonstruktiven Zugang auszeichnen. Dass „Integration“ ein wechselseitiger Prozess ist, ist wohl heute Konsens in der Wissenschaft. Darüber wie sich diese Interdependenz aber ganz konkret, im Alltag der Handelnden ausgestaltet, wissen wir noch relativ wenig. In meiner unveröffentlichten Qualifikationsarbeit habe ich in einer Einzellfallanalyse ein sog. „bikulturelles“ Paar – dem Begriff ist mit einiger Skepsis zu begegnen – interviewt und dabei beobachtet, wie sie kochen und essen (für die soziologische Instruktivität der Kulinarik: Kaufmann 2006 sowie Barlösius 2018): Die Rekonstruktion der konkreten Praktiken, der Handgriffe und Gesten, des kollektiven Systems von (Körper-)Gewohnheiten sowie auch der versprachlichten Sinnzusammenhänge zeigte, dass sich im Rahmen dieser privaten und signifikanten Sozialbeziehung ein eigentümliches Nebeneinander von „Integration“ und „Re-Integration“ abspielt. Es ist nicht so, dass „der Fremde“ (Merz-Benz/​Wagner 2002) sich „einfach“ integriert. Vielmehr stellen verschiedene Handlungs- und Interaktionskontexte und komplexe Vergemeinschaftungsprozesse sinnhafte Praxisvollzüge dar, in denen Fremdheit praktisch – also nur mehr oder weniger bewusst – moderiert wird, d.h. dass sich (nicht) geteilte Wissensbestände annähern, überlagern, abschleifen, modifizieren usw. Insb. dieser „Moderationscharakter“ geht aus der Arbeit von Gottschalk hervor und zeigt, das mikrosoziologische Arbeiten geeignet sind, die konzeptionellen Grundlagen wissenschaftlicher Forschung in Frage zu stellen – denn nicht nur „Bikulturalität“, sondern gerade auch „Integration“ könnte dann bei genauerem Hinsehen analytisch als unhaltbar ausgewiesen werden.

Hierzu bräuchte es ethnografische Arbeiten, die die konkrete Praxis in ihrem alltäglichen Vollzug beobachten; außerdem müsste eine solche Grundlagenarbeit ‚breit’ konzeptioniert sein: eine eng gefasste Forschungsfrage dürfte sich erst aus den Feldaufenthalten selbst ergeben, eine theoretische Sättigung wäre anzustreben und damit der Zeitraum der Forschung offen zu halten. In wiefern dies im Rahmen universitärer Forschung zu realisieren – das heißt: zu finanzieren – wäre, darüber sei an dieser Stelle geschwiegen.

Das Fehlen eines derart 'großen Wurfes' wird man aber weder der Herausgeberin noch den beteiligten Autor:innen vorwerfen können. DIese Hinweise markieren vielmehr einen Ausblick, der sich nach der Lektüre des Bandes als fruchtbar herausstellen könnte. Was bei einer stringenten Lesung jedoch ins Auge fällt, ist, dass die einzelnen Beiträge (von einzelnen Ausnahmen abgesehen) unvermittelt nebeneinander stehen. Auch der explizite Bezug zur „Integration“ ist nicht immer gegeben; eigenständige Schlussfolgerungen zu ziehen, wird man zwar von einem wissenschaftlich geschulten Publikum erwarten dürfen. Jedoch ist es so, dass eine Vielzahl der publizierten Texte aus dem Feld der Fluchtforschung ein gewisses Verständnis von Integration implizieren, sodass man bei diesem Titel doch eine engere Führung der Argumentation(en) hätte erwarten können.

Dazu passt dann auch, dass der nur bedingt vorliegende rote Faden nicht auf einen bestimmten (Knoten-)Punkt hinausläuft. Wenn die Herausgeberin eingangs betont, dass es in der Wissenschaft und Praxis noch viel zu tun gäbe (vgl. S. 9), dann stellt sich doch mindestens eine kleine Enttäuschung ein, wenn die vielfältigen und sicher instruktiven Befunde nicht gebündelt danach befragt werden, was sie denn dazu beitragen könnten, etwas – was denn eigentlich? – in Wissenschaft und Praxis zu tun. Kurz: ein resümierender Beitrag in Form eines Ausblicks hätte dem Band gut getan. Wer den Titel jedoch so gebraucht, wie Sammelbände heute i.d.R. verwendet werden, nämlich selektiv, die:der wird Einiges zum Schlussfolgern und Kombinieren in den einzelnen Beiträgen finden.

Fazit

Die Forschungsergebnisse helfen, die vorliegenden Erkenntnisse im Feld der Fluchtforschung zu erweitert und methodische und theoretische Perspektiven für zukünftige Forschungen zu eröffnen. Ein expliziter Bezug zum im Titel gesetzten Thema wird jedoch nicht in allen Beiträgen konsequent hergestellt oder über die Länge des Bandes ausgearbeitet. Wer das Buch aber mit einem selektiven Interesse in die Hand nimmt, kann lesenswerte Arbeiten darin finden.

Gleiches gilt für die geneigte Berufspraxis, die in einigen Beiträgen auf brauchbare Ressourcen für professionelles Handeln hoffen kann.

Literatur

Barlösius, E.: Soziologie des Essens. Eine sozial- und kulturwissenschaftliche Einführung in die Ernährungsforschung, 3., durchgesehene Aufl. Weinheim/​Basel 2016

Bertram, M.: „Chefköchin“ und „Couchmaster“. Eine ethnografische Untersuchung zur praktischen Herstellung einer bikulturellen Paarbeziehung am Beispiel des Kochens und Essens, unveröffentlichte Masterarbeit Univ. Magdeburg 2020

Kaufmann, J.-C.: Kochende Leidenschaft. Soziologie vom Kochen und Essen, Konstanz 2006

Merz-Benz, P.-U., Wagner, G. (Hg.): Der Fremde als sozialer Typus. Klassische soziologische Texte zu einem aktuellen Phänomen, Konstanz 2002


Rezension von
Michael Bertram
B.A. Soziale Arbeit, M.A. Soziologie/Politikwissenschaft
Beruflich in der Sozialen/politischen Arbeit mit geflüchteten Menschen tätig
Lehrbeauftragter an der Hochschule Magdeburg-Stendal
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Zitiervorschlag
Michael Bertram. Rezension vom 15.11.2021 zu: Anna Mratschkowski (Hrsg.): Integration Geflüchteter in Deutschland. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2020. ISBN 978-3-8487-5940-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28045.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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