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Andrea Keller, Andreas Lorenz u.a. (Hrsg.): Politische Bildung und Jugendsozialarbeit gemeinsam für Demokratie

Cover Andrea Keller, Andreas Lorenz, Andrea Pingel, Karl Weber (Hrsg.): Politische Bildung und Jugendsozialarbeit gemeinsam für Demokratie. Neue Wege der Primärprävention. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2020. 171 Seiten. ISBN 978-3-7344-1146-5. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR.

Reihe: Non-formale politische Bildung - Band 18.
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Thema

Demokratiegefährdende politische Tendenzen, Populismus und radikales Denken bestimmen heute vermehrt unseren Alltag. Dabei sind es immer auch Jugendliche, die ihren Hass und ihr herabsetzendes Denken in diesem Umkreis zum Ausdruck bringen. PraktikerInnen in der Sozialen Arbeit sind damit konfrontiert, das Verhalten und die Beweggründe dieser jungen Menschen nachzuvollziehen und sich selbst klar zu positionieren.

Das vorliegende Buch beleuchtet den Beitrag der Politischen Bildung im Rahmen der Sozialen Arbeit mit jungen Menschen in Richtung einer demokratischen Gesellschaft. Die Kontexte Antisemitismus, Rassismus und religiöser Fundamentalismus werden hierbei in den Blick genommen. Die AutorInnen beziehen sich hierbei konkret auf das Bundesprogramm „Respect Coaches“ (was aus dem Buchtitel jedoch leider nicht hervorgeht).

Autor und Entstehungshintergrund

Dr. Andrea Keller ist Koordinatorin für das Projekt „Religionssensible politische Bildungsarbeit“ bei der Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke in der Bundesrepublik Deutschland e.V. (AKSB). Die diplomierte Politikwissenschaftlerin Andrea Pingel (M.A.) ist Grundsatzreferentin im Berliner Büro der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit e.V. (BAG KJS). Zu den anderen beiden Herausgebenden finden sich im Buch keine Angaben.

Die Reihe „Non-formale politische Bildung“, in der das Buch als 18. Band erscheint, verknüpft die vielfältigen Arbeitskontexte, in denen außerschulische politische Jugend- und Erwachsenbildung stattfindet. In den Publikationen soll jeweils eine Brücke zwischen theoretischen Reflexionen und praktischer Arbeit geschlagen werden.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung der beiden Herausgeberinnen Andrea Keller und Andrea Pingel gliedert sich das Buch in drei Teile: 1) Wissenschaftliche Grundlagen und Perspektiven, 2) Fachliche Reflexionen, Konzepte und Standpunkte, 3) Erfahrungen aus der Praxis von Jugendsozialarbeit und politischer Bildung. Dabei stehen folgende Fragen im Blickpunkt des Interesses: „Warum wenden sich junge Menschen extremen Orientierungen oder Glaubensrichtungen zu? Welche primärpräventive und demokratiestärkende Wirkung sehen politische Bildung und Jugendsozialarbeit in ihrer Arbeit? Wie gelingt erfolgreiche Primärprävention ohne Stigmatisierung? Welche Chancen und Schwierigkeiten liegen in der Zusammenarbeit von politischer Bildung und Jugendsozialarbeit? Welche Rolle spielt Religion in der politischen Bildung und in der Prävention? Was lässt sich aus dem Programm Respect Coaches für die zukünftige Arbeit der politischen Jugendbildung und der Jugendsozialarbeit ableiten?“ (8).

  1. Wissenschaftliche Grundlagen und Perspektiven – Dass die Modernisierung der Welt nicht zum Bedeutungsverlust der Religionen führt, wie es die Säkularisierungsthese formuliert, erörtert Wolfgang Sander und sieht darin eine Herausforderung für die politische Bildung. Die vielschichtigen Motive für die Beschäftigung junger Menschen mit dem Islam und der Frage, wie die politische Bildung darauf eingehen kann, versucht Michaela Glaser zu beantworten. Der Beitrag von Julia Franz richtet sich gegen die in Deutschland verbreitete Vorstellung, ‚muslimische Jugendliche‘ hätten Demokratiebildung nötig. Zijad Naddaf und Andreas Thimmel diskutieren das Verhältnis von Jugendsozialarbeit, politischer Bildung und Prävention in der Migrationsgesellschaft. Im Blickpunkt des Aufsatzes von Michael Kiefer steht die Frage: Was macht eine erfolgreiche Prävention gegen islamistische Prävention aus?
  2. Fachliche Reflexionen, Konzepte und StandpunkteAndrea Pingel spricht sich für ein Konzept aus, das Prävention und Partizipation zu gleichen Teilen erfasst, denn Teilhabe und Demokratie dürfen nicht allein abstrakte Ziele Sozialer Arbeit mit jungen Menschen sein, „sondern müssen direkt erfahrbar werden, wenn politische Bildung gelingen soll“ (58). Kritische Töne bestimmen den Beitrag von Benedikt Widmaier, der den Grundgedanken und die Förderung von Extremismusprävention hinterfragt. Marie Schwinning untersucht die Bedeutung politischer Bildung im Kontext von Religion und Politik in der Lebenswelt junger Menschen. Sie hält fest: „Eine religionssensible politische Bildung klärt auf und sorgt dafür, dass Religion auf der einen Seite, aber Politik auf der anderen Seite, verstanden werden. Sie fördert somit Toleranz und Respekt: sowohl in politischer als auch in religiöser Hinsicht“ (85). Andrea Keller legt dar, „warum es als lohnenswert angesehen wird, politische Jugendbildung religionssensibel zu gestalten und warum diese Art der Bildung einen Beitrag zur Primärprävention von (religiöse begründetem) Extremismus leistet“ (87). Rassismuskritische Bildungsarbeit steht im Beitrag von Sakina Abushi und Götz Nordbruch mit folgender Fragestellung im Fokus: Wie kann Religion in der Bildungsarbeit thematisiert werden, ohne ausschließlich über eine ‚Religion der Anderen‘ zu sprechen? Antisemitismus im allgemeinen und im speziellen unter MuslimInnen ist das Thema von Tom David Uhlig, was er zwischen den Fronten von Bagatellisierung und Problematisierung bzw. im Kontrast von subjektiver und gesellschaftlicher Deutung beschreibt. Den Auftrag und die Verantwortung vom Kirche und Diakonie in der Auseinandersetzung mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit stellt Henning Flad in Frage. 
  3. Erfahrungen aus der Praxis von Jugendsozialarbeit und politischer Bildung - In diesem Teil nehmen alle AutorInnen Bezug zum Programm „Respect Coaches“. Hierbei zeigt sich, dass lediglich der Beitrag von Julia Jenkner konkrete Praxisbeschreibungen ihrer Tätigkeit als Respect Coach mit SchülerInnen zweier Mittelschulen in Nürnberg anbietet. Sie zeigt, wie sich die Arbeit vielfältig und abwechslungsreich gestalten lässt. Sie betont aber auch, dass es Flexibilität und Handlungsfreiheit erfordere, um den individuellen Herausforderungen jeder Schule sowie jeder Klasse zu begegnen (vgl. 148). Alle weiteren Beiträge des dritten Teils passten eher in die ersten beiden Teile des Buches (Christine Müller, Julia Schad-Heim und Robert Kläsener, José Torrejón, Ann-Kristin Beinlich, Tom Urig), da alle „ReferentInnen“ (lt. Vita sind hier keine PraktikerInnen darunter, im Buch werden sie ‚Beteiligte‘ genannt (8)) sehr abstrakt und theoretisch paraphrasieren, was an anderen Stellen im Buch schon geschrieben wurde.

Diskussion

An dem vorliegenden Buch zeigt sich wieder einmal, dass und wie die einstmals klar abgrenzbaren Arbeitsbereiche „Jugendarbeit“ und „Jugendsozialarbeit“ ausufern und sich immer mehr Überschneidungen in Theorie und Praxis ergeben. Dies wird insbesondere durch Finanzierung von Projekten innerhalb der Jugendarbeit angestoßen, die das Kerngeschäft ergänzen oder auch öfter ersetzen. Wenngleich politische Bildung immer schon Thema in außerschulischen Kontexten der Sozialen Arbeit mit Jugendlichen war, beziehen sich die Herausgebenden nun konkret auf den Bereich der „Jugendsozialarbeit“. Das irritiert – im Titel und dann auch im gesamten Buch –, da die Begriffsbezüge nicht immer einheitlich von allen AutorInnen gleich bestimmt werden.

Weiterhin ist die Beanspruchung von (Politischer) Bildung als Methode der Primärprävention diskutabel, da Kindern und Jugendlichen zuerst Werte vermittelt werden und das geschieht vorrangig über Erziehung. Eine Differenzierung von Erziehung und Bildung wird an keiner Stelle erörtert. Dagegen wird von mehreren AutorInnen diskutiert, ob das Präventionskonzept überhaupt tragbar sei, weil es jungen Menschen per se eine negative Haltung gegenüber Ansichten der Ungleichheit unterstelle. Ein dritter Punkt ist die Diskussion der Beziehung von Politischer Bildung und Religion. Dieser wichtige Aspekt ist Blickpunkt beinahe aller AutorInnen und bei vielen von ihnen Stichwort im Titel des Aufsatzes. Zudem beziehen sich alle Texte im dritten Teil (und immer wieder auch im ganzen Buch) auf das Projekt „Respect Coaches“. Fragwürdig bleibt, warum diese letzten beiden Themenbezüge nicht schon über den Titel dargestellt wurden, um so den Inhalt klarzustellen.

Misst man das Buch an der Beschreibung der Reihe „non-formale politische Bildung“ des Verlages, nämlich zwischen theoretischen Reflexionen und praktischer Arbeit eine Brücke zu schlagen, so gelingt das in diesem Fall nicht. Bis auf den interessanten Aufsatz von Julia Jenkner reflektieren alle Beitragenden mehr oder minder allgemein theoretisch. Praktische Bezüge werden im dritten Teil als sehr abstrakte und allgemeine Darstellungen formuliert.

Insgesamt erscheint das Buch wie eine große Rechtfertigung, die dem Lesenden klarzumachen versucht, was im Projekt „Respect Coaches“ alles nicht funktioniert(e). Mit unklaren Formulierungen versuchen einige TextautorInnen dabei eine an sich positive Wirkung zu suggerieren. Tatsächlich kritische Diskussionen – so der eigene Anspruch der Publikation (8) – bleiben in Ansätzen stecken (vgl. den Beitrag von Benedikt Widmaier) oder ganz aus. Hervorzuheben ist hierbei insbesondere die Einschätzung von Tom Urig, dem Koordinator des Projektes: „Das Programm Respect Coaches […] erreicht mit seinen Angeboten wirkungsvoll die Jugendlichen“ (162). Was bedeutet diese Aussage? Das Eingeständnis eines Scheiterns? Urig formuliert dann vage, aber doch offenbarend, dass ohnehin nur die aktiven und „mutigen“ Lehrkräfte erreicht wurden, weniger aber die, um die es geht: die SchülerInnen. Insofern, so seine Vermutung weiter, handle es sich bei den Aktionen wohl eher um einen ‚Schönheitsanstrich‘. Sein Schlussduktus ist dann wieder optimistisch gefärbt, wobei er postuliert: „Die Bundesregierung kann bei den Respekt Coaches auf ‚bewährte Ansätze‘ aufbauen; sie sollte daher das Programm verstetigen und ausweiten“ (169).

Fazit

„Neue Wege der Primärprävention“ politischer Bildung werden in dem Buch in eher allgemeinen theoretischen Abhandlungen angedeutet als dass sie (bis auf einen Aufsatz) in praxisbezogenen Darstellungen erläutert sind. Das Buch bietet wissenschaftliche Reflexionen und fachpolitische Einordnungen zur Frage, welche Rolle religiöse Motive für das politische Denken und Handeln junger Menschen spielt. Dabei wird das Modell-Projekt „Respect Coaches“ ausführlich beschrieben. Wer sich für diese beiden Themen interessiert, ist mit dem Buch gut beraten.


Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Prof. Dr. phil., Diplom-Pädagoge (Sozialarbeitswissenschaft), Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 13.07.2021 zu: Andrea Keller, Andreas Lorenz, Andrea Pingel, Karl Weber (Hrsg.): Politische Bildung und Jugendsozialarbeit gemeinsam für Demokratie. Neue Wege der Primärprävention. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2020. ISBN 978-3-7344-1146-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28051.php, Datum des Zugriffs 03.12.2021.


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