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Dennis Danner: Trauma und Sicherheit

Cover Dennis Danner: Trauma und Sicherheit. Verborgene schützende Kräfte für den inneren Freiraum. Asanger Verlag (Kröning) 2021. 114 Seiten. ISBN 978-3-89334-645-5. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.
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Thema

Wie können traumatisierte Menschen die Sicherheit erfahren, die sie zur Bewältigung und Heilung benötigen? Das Erleben von Sicherheit und wie der Zugang dazu gelingen kann ist das zentrale Anliegen des Buches. Betroffene erhalten wieder Zugang zu den in den traumatischen Abwehrstrukturen und Mustern innewohnenden Kräften, so die Prämisse, wenn es gelingt, schützende Freiräume zu schaffen, in denen sich das in Folge des traumatischen Erlebens verborge Potenzial wieder entfalten kann. 

AutorIn oder HerausgeberIn

Dennis Danner ist Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut. Leitung des GAP Zentrums für Beratung und Psychotherapie e.V. in Marburg. Weiterbildungen u.a. Personenzentrierte Psychotherapie, Erlebnisorientierte Traumatherapie, Tiefenpsychologische Therapie, Systemische Therapie. Freiberufliche Tätigkeit als Psychotherapeut, Supervisor und Ausbilder.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel legt der Autor anhand folgender Überlegung die Grundlage für den roten Faden des Buches: Unsicherheiten und Unabwägbarkeiten gehören zum Leben dazu, trotz aller Versuche, das Leben unter Kontrolle zu bringen. Was trägt uns, wenn etwas geschieht, was wir nicht mehr unter Kontrolle haben, was sich unserem Bemühen entzieht, wenn wir plötzlich mit einer Gefahr konfrontiert sind, von der wir nicht wissen, wie wir ihr begegnen sollen (vgl. S. 3ff)?

Das Bedürfnis nach Sicherheit und wie wir Zugang dazu bekommen können ist Schwerpunkt der Kapitel 2 und 3. Danner beschreibt das System schützender Kräfte und die Notwendigkeit, mit dem Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit wieder in Übereinstimmung zu kommen. Hierzu wird zugrundegelegt, dass eine direkte Wechselwirkung zwischen der schützenden Hülle und dem sich darin entwickelndem Ich besteht, woraus der Autor folgenden Grundsatz ableitet:

„Ein Trauma entsteht durch den Verlust der schützenden Hülle und den Zusammenbruch des Ich-Zentrums angesichts der Erfahrung von Ohnmacht in einer existenziell überwältigenden Situation.“ (S. 11).

Traumatisierung haben somit gravierende Folgen für die Ich-Entwicklung der Person: Bricht das Sicherheitserleben durch überwältigende Erfahrungen zusammen, treten kompensatorische Schutzmechanismen auf, die das Überleben sichern, auf lange Sicht allerdings mit verheerenden Folgen einhergehen: Einengung, innere Spaltung, Brüche und Widersprüche. Danner skizziert für die Erfahrung von Sicherheit fünf unterschiedliche Zugänge, die er in den nächsten Kapiteln näher beschreibt.

  1. Die direkte Erfahrung der Qualität des Aufgehobenseins (als Beispiel führt er hier meditative Zustände an)
  2. Die Erfahrung von Geborgensein über wertschätzende und akzeptierende Beziehungen
  3. Die Erfahrung von Sicherheit durch Selbstbeachten
  4. Die Vermittlung von Schutz durch automatisch ablaufende Mechanismen in Notsituationen
  5. Sozial schützende Räume, die uns helfen, wenn wir individuell oder auch kollektiv chronisch in traumatischen Schutzmechanismen feststecken

Kapitel 4 behandelt traumabedingte Schutzmechanismen, beschreibt die Wirkungsweise von Trauma anhand des Verlaufsmodells (Fischer/​Riedesser 1999) und greift zudem Aspekte der Neurophysiologie (Porges 2019) auf.

Kapitel 5 beschreibt den Verlauf des traumatischen Prozesses sowie die Notwendigkeit für therapeutische Interventionen, sich dem traumatisierten Selbstschutz zuzuwenden. Eine detaillierte Übersicht hierzu liefert der Autor mit dem Y-Modell, welches die „übergeordnete traumabedingte Struktur der inneren Spaltungen, die allen Störungen zugrunde liegt“ (vgl. S. 50ff), veranschaulicht.

In Kapitel 6 zieht Danner die U-Theorie (Scharmer 2019) als systemisch ausgerichteter Erklärungsansatz heran, um darzustellen, wie sich Systeme, in denen sich überkommene Strukturen entwickelt haben, selbst reflektieren können, um einen grundlegenden Wandel zu ermöglichen.

Wie der traumatische Zirkel mithilfe der U-Theorie unterbrochen werden kann beschreibt Kapitel 7 anhand der traumatherapeutischen Umkehrung. Zentraler Punkt ist hier wiederum das bewusste Innehalten und Bejahen, um hierüber wieder Zugang zu den eigenen Potenzialen zu bekommen. Im Weiteren werden konkrete Beispiele hierfür angeführt.

Im letzten Kapitel geht der Autor abschließend auf die Notwendigkeit bewusster Grenzen ein. Danner verweist hier auf die Spannungszustände im Körper und auf die Möglichkeit, sich durch das bewusste Beachten der Körperempfindungen wieder für die eigenen Grenzen und den eigenen Freiraum zu sensibilisieren.

Diskussion

Gleich in der Einführung wird deutlich, dass der Autor den Traumabegriff im Vergleich zu gängigen Definitionen durchaus weiter fasst. Über die persönliche Ebene hinaus benennt er auch gesellschaftliche und politische Konflikte bis hin zur Klimakrise als Beispiele dafür, wie wir als Menschen mit Situationen konfrontiert sind, in denen unsere angestammten Reflexe, Flucht oder Abwehr, versagen. Wenngleich sich hieraus gerade in der Verbindung zwischen Traumabegriff und U-Theorie ein durchaus spannender Denkansatz eröffnet, wäre doch eine ausführlichere Bestimmung der Begrifflichkeiten in diesem Zusammenhang wünschenswert.

Auch die „Psychologie der Selbstbejahung“, die der Herangehensweise des Autors zugrunde liegt, erschließt sich erst im Verlaufe des Buches und eröffnet sich in ihrer vollen Verständlichkeit erst in Verbindung mit der Lektüre der bisher erschienenen Bücher des Autors (vgl. Hartmann et.al. 2011, Danner 2016, 2017). Dem/der Erstleser*in würde der Einstieg in die Thematik durch eine zusammenfassende Übersicht sicherlich erleichtert.

Hervorzuheben ist m.E. nach das konsequente Plädoyer Danners, sich seinen Gefühlen, Mustern und Spannungszuständen wieder durch ein bejahendes Beachten zuzuwenden. Es ist für den Autor gerade die Nichtbeachtung, die traumatische Strukturen mitsamt der darin enthaltenen Gefühlslagen für Betroffene so unerträglich macht. Mit der Erweiterung des Konzeptes der Achtsamkeit von Jon Kabat-Zinn (2011) durch die Qualität eines parteilichen und bejahenden Beachtens stellt Danner in diesem Zusammenhang eine ebenso einfache wie wirksame Methode zur Verfügung, mithilfe derer Betroffenen eine selbstbestimmte Rückkehr zum Sicherheitserleben ermöglicht wird. Hiermit schlägt er auch eine logische Brücke zwischen den Erkenntnissen der westlichen Traumaforschung und den Zugängen zu Heilungsprozessen, wie man sie aus verschiedenen spirituellen Disziplinen kennt (vgl. z.B. Jack Kornfield, Nisargadatta Maharaj oder Thich Nhat Hanh).

Fazit

Das Buch wendet sich an Fachleute wie Betroffene gleichermaßen. Für Traumatherapeut*innen und Berater*innen bieten Elemente wie u.a. die Verbindung von Trauma und U-Theorie, das Modell der traumatischen Aufspaltung sowie das Konzept der Selbstbejahung und damit einhergehend die konsequente Orientierung an den Ressourcen der Klienten hilfreiche Impulse zur Weiterentwicklung und Vertiefung ihrer Arbeit.

Betroffene erhalten leicht verständliche Einblicke in Entstehung, Wirkungsweise und Möglichkeiten zur Heilung von Traumaprozessen. Zudem lassen sich konkrete Schritte hin zu mehr Sicherheit und Stabilität ableiten. Mut und Hoffnung machen insbesondere die zielgerichteten und bedürfnisorientierten Zugänge durch die Ausdifferenzierung der verschiedenen Ebenen, auf denen ein Erleben von Sicherheit möglich ist.


Rezension von
Christian Wustrau
Dipl. Sozialarbeiter, Mediator, Traumafachberater DeGPT
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Zitiervorschlag
Christian Wustrau. Rezension vom 11.03.2021 zu: Dennis Danner: Trauma und Sicherheit. Verborgene schützende Kräfte für den inneren Freiraum. Asanger Verlag (Kröning) 2021. ISBN 978-3-89334-645-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28054.php, Datum des Zugriffs 25.10.2021.


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