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Marc Schulz, Friederike Schmidt u.a. (Hrsg.): Pädagogisierungen des Essens

Cover Marc Schulz, Friederike Schmidt, Lotte Rose (Hrsg.): Pädagogisierungen des Essens. Kinderernährung in Institutionen der Bildung und Erziehung, Familien und Medien. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 286 Seiten. ISBN 978-3-7799-6132-1. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 33,75 sFr.
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Thema

Der Band untersucht Essen und Ernähren und deren Pädagogisierungen in erziehungswissenschaftlicher, kindheitstheoretischer und kulturwissenschaftlicher Hinsicht. In qualititav-empirischen Näherungen werden Essen, Ernähren sowie Essenserziehung und -bildung in pädagogischen Räumen von Kindern historisch, praxistheoretisch und diskursanalytisch in den Blick genommen.

Herausgeber_innen

Marc Schulz ist Professor für Kindheits- und Familiensoziologie an der TH Köln.

Friederike Schmidt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der AG 1 Allgemeine Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld.

Lotte Rose ist Professorin an der Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit.

Die Herausgeber_innen sind Mitbegründer_innen des 2014 gegründeten wissenschaftlichen Netzwerks http://essenspaed.de

Entstehungshintergrund

Im vorliegenden Band aufgenommen sind Beiträge der Tagung „Das Essen der Kinder. Zwischen Pädagogisierung, Konsum und Kinderkultur“. Ziel der Tagung war eine interdisziplinäre Verständigung zwischen Erziehungswissenschaften, Sozialer Arbeit, Soziologie, Kulturwissenschaft und Ernährungswissenschaft zum Essen und Ernähren in der Lebensphase der Kindheit.

Aufbau

Der Herausgeberband gliedert sich in vier Teile. Im Fokus des ersten Teils ist die familiale Nahrungssorge um das Kind in der Phase der frühen Kindheit. In drei Beiträgen wird die intensive Ernährungssorge um das Kind und die mit ihr verknüpfte Inpflichtnahme beleuchtet.

Praktiken des Essens in öffentlichen Kindheitsinstitutionen (u.a. der Schule und der familienersetzenden Institutionen der stationären Kinder- und Jugendhilfe stehen im Mittelpunkt des zweiten Teils. Sichtbar werden in den Studien Differenzen institutioneller Logiken.

Diskurse zur Ernährungserziehung, in denen es um das Sprechen über die Ernährung der Kinder geht, erörtert der dritte Teil. In unterschiedlichen Kontexten (z.B. der Gestaltung von Verpackungen von Kinderlebensmitteln) werden mit Hilfe unterschiedlicher methodischer Vorgehensweisen Problemdiskurse zur Ernährungserziehung sichtbar.

Der vierte Teil widmet sich der erziehungswissenschaftlichen Essensforschung. Überblicke zu historischen und aktuellen Entwicklungen gesellschaftlicher und erziehungswissenschaftlichen Diskurse zum Essen und Ernähren von Kindern geben den Leser_innen einen resümierenden Einblick in die Gesamtthematik.

Inhalt

Nach einem eingehenden Problemaufriss zu Kinderernährung in Institutionen, der Bildung und Erziehung, Familien und Medien, in dem insbesondere sichtbar gemacht wird, was unter einer Pädagogisierung des Essens für Kinder zu verstehen ist, deren Aufwachsen zunehmend mehr unter öffentliche Verantwortung gestellt ist, widmet sich der Beitrag von Eva Tolasch der Pädagogisierung der Säuglingsernährung. Die Autorin untersucht, „wie Eltern, Kinder und Stillberaterinnen als Akteur_innen der Säuglingsernährung sich in ihrem Tun […] positionieren“ (S. 25). Dabei geht es auch darum, in welchem Verhältnis das Expert_innenwissen zum Handeln der Akteur_innen unter Berücksichtigung von Öffentlichkeit und Privatheit steht. Herangezogen werden Daten aus einer ethnografischen Untersuchung zu Stillproblemen und Behandlungstechniken auf einer Geburtsstation und ebenso Daten einer diskursanalytischen Untersuchung zu den Still-Anrufungen im Public-Health-Kontext. In beiden Studien geht es um die Frage, in welcher Weise die Säuglingsernährung normiert wird. Gemeinsamer Hintergrund in beiden Studien ist die Annahme, dass Stillen das Beste für den Säugling ist und Mütter Begleitung und Schutz durch Professionelle benötigen. Der Beitrag von Eva Tolasch zeigt, dass die Pädagogisierung des Stillens zwischen helfenden Expertinnen und Müttern Konflikte schürt, und zwar dann, wenn die Bedürfnisse des Kindes ohne Berücksichtigung der Bedürfnisse der Mütter gesehen werden. Konflikte werden durch die Autorin biopolitisch verortet, indem die Beraterinnen staatliche Gesundheitspolitiken „überwachen“ (S. 34) und damit auch konservative mütterliche Care-Praktiken festschreiben.

Der Artikel „Von Brust zu Brei“ von Judith Pape schließt an den ersten Beitrag des ersten Teils in Bezug auf eine dem Stillen zugeschriebene Relevanz an. Ein Forschungsdesiderat nimmt die Autorin in Bezug auf die sozialen Prozesse während der Umstellung von Milchernährung auf feste Kost wahr. Hier ergibt sich Raum für Neuverhandlungen der familialen Ordnung und Verantwortungszuweisungen. Der Beitrag beleuchtet den sozialen Prozess der Ernährungsumstellung und „arbeitet heraus, wie der Ernährungsübergang im Rahmen von Elternbildungsangeboten von Eltern und Institutionen der Familienbildung normativ gerahmt wird“ (S. 39). Das Forschungsfeld sind Kurs- und Beratungsangebote der Familienbildung. Aus ihm referiert die Autorin ihre empirischen Ergebnisse, insbesondere zu den Selbstpositionierungen der Ernährerinnen. Sie arbeitet als Typen die Verunsicherte, die Risikobewusste, die Mitschreiberin und die Gatekeeperin heraus, Sichtbar wird, dass durch ein Fortschreiben der Stillnorm und des mütterlichen Gatekeepings während der Einführung von Beikost die Mutter weiterhin Haupternährerin des Kindes bleibt und die Beteiligung der Väter nur optional ist.

Ulf Sauerbrey, Claudia Schick, Sonja Wobig und Sven Schulz stellen Ergebnisse einer Dokumentenanalyse zur nutritiven Sorge in Elternratgebern zur Kinderernährung dar. Eingangs skizzieren die Autor_innen die Materialauswahl, das Auswertungsverfahren (Einschluss- und Ausschlusskriterien) sowie die Charakteristik des Samples. Im Zentrum der ausgewählten sechs Ratgeber stehen Ratschläge zur `richtigen` Kinderernährung; mithin geht es nicht darum, wie etwas ist, sondern etwas als elterliche Aufgabe vorrangig sein soll, und damit geht es um Handlungskonzepte, die von spezifischen defizitären Zuständen ausgehen. Ein zentrales Element nutritiver Sorge ist das ostensive Zeigen. Eltern sollten überdies beim Essen vor den Augen der Kinder Vorbild sein. Kritisch angemerkt wird, dass die Elternratgeber über knappe und lediglich angedeutete Ratschläge zur Lösung schwieriger Essensituationen kaum hinauskommen (S. 59). Ferner wird Kinderernährung kaum als Kultur des Essens und Trinkens verstanden, sondern vorrangig als Aufnahme bzw. Vermeidung bestimmter Nahrungsmittel.

Im ersten Beitrag des zweiten Teils thematisiert Katja Flämig die Nahrungszubereitung als pädagogisches Angebot im Kindergartenalltag. Pädagogisches Angebot impliziert eine Organisationsform im Sinne eines pädagogisch initiierten Arrangements im Kindergartenalltag wie z.B. Sitzkreise und Mahlzeiten. Ein solches Angebot ist raumzeitlich eingegrenzt und themenzentriert. Über einen Zeitraum von zwei Jahren hat die Verfasserin in zwei Kitas in teilnehmender Beobachtung ihr Material zu Lehr-Lern-Arrangements gewonnen. Anhand ausgewählter Szenen stellt Katja Flämig Varianten des Umgangs mit der Nicht-Essen-Regel im `Angebot` dar. Hintergrund dessen ist die Regel, während der Durchführung des Angebotes nichts vom entstehenden Produkt zu essen. Dies ist für die Kinder mit dem Zugeständnis von „Kostproben“ aufrechtzuhalten. Im Vordergrund der Nahrungszubereitung stehe nicht der Wissenserwerb über die Vielfalt von Nahrungsmitteln, im Vordergrund stünden vielmehr organisationale Anforderungen, z.B. das räumliche und zeitliche Aufschieben der Nahrungsaufnahm, so die Autorin (S. 73). Ferner gehe es um die Austarierung von öffentlicher und privat-familialer Erziehung sowie um die Bearbeitung von Heterogenitätsanforderungen.

In seinem Beitrag untersucht Marc Tull, räumliche Arrangements von Frühstücken und Mittagessen in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen und damit Organisationskulturen beim Essen. Der Autor zeigt, „dass die Gestaltung von Essenssituationen Einfluss auf deren pädagogische Gestaltung im Einrichtungsalltag hat“ (S. 81). Nach der Erörterung des Forschungsdesigns seiner Studie wird das Vorgehen bei der Analyse des Datenmaterials erläutert. Schließlich werden ausgewählte Ergebnisse anhand dreier Beispiele veranschaulicht, und zwar am Beispiel ausgewählter Frühstücke, anschließend ausgewählter Mittagessen und schlussendlich werden (Selbst-)Inszenierungen professioneller Akteur_innen gegenübergestellt. Zu Letzterem stellt Marc Tull fest, dass trotz beobachteter Rollenvielfalt die Professionellen die Essensituationen häufig und über lange Zeiträume dominieren, sowohl beim Blick auf die räumlichen wie auch die zeitlichen Arrangements.

Wie in den vorangehenden Beiträgen hebt Jochen Lange die besondere Eignung ethnografischer Forschung hervor, „situative Praxis mit ihren kulturellen Normen, Regeln, Stimmungen, Konflikten usw. in den Fokus zu rücken“ (S. 96). Eingangs stellt der Autor in seinem Artikel unter der Überschrift von „Feldforschung in der Mensa“ sein methodisches Vorgehen zum Thema Essen in der Ganztagsschule, prägnanter formuliert: das Heranzoomen an die Praktiken bei Tisch, dar. In Bezug auf die Kategorie der theatralischen Positionierung als ein im Laufe der Zeit sich herausstellender Beobachtungsfokus werden zwei empirische Einblicke geliefert. Anhand des Schulessens ermittelt Jochen Lange,wie Bildungspotenziale im alltäglichen sozialen Miteinander bei Tisch entstehen und beobachtbar werden und wie z.B. über spielerisches Schocken eine nichtdeterminierte Zugehörigkeit und Abgrenzung entstehen, die gleichzeitig die Schnittstelle von Peer- und Institutionenkultur verdeutlichen.

Die am Lebenslauf ausgerichtete Anordnung der Beiträge setzen Burkhard Fuhs, Mara Beitelstein, Theresia Hauck und Deniz Penzkofer mit dem Thema zur kindlichen Gastlichkeit fort. Die Autor_innen gehen der Frage einer pädagogischen Kulinaristik als Verbindung von Esskultur und Bildungsprozessen nach (S. 106). Empirische Basis sind zwei Projekte, in denen von Kindern Ereignisse gemeinsamen Essens geschaffen und wie auf dem Hintergrund unterschiedlicher kultureller Familienerfahrungen gastliche Beziehungen zu anderen Kindern gestaltet wurden. Bei der Inszenierung der Arrangements (z.B. einer Essenseinladung auf der Wiese) orientierten sich die Kinder weniger an ihren Herkunftskulturen als vielmehr am gemeinsamen Tun mit anderen Kindern. Dabei zeigte sich, dass Kinder differenziert und interessiert über Essen reden können.

Die am Lebenslauf orientierte Ausrichtung zur Essensgestaltung setzt Katharina Grosse durch ihren Artikel zu „Mittagessen in Jugendzentrum und Schule“ mit einem ethnografischen Blick auf Praktiken der Gemeinschaft in Nachmittagsangeboten der offenen Kinder- und Jugendarbeit fort, indem zwei organisierte Mittagsmahlzeiten in einem Jugendzentrum und in der Schule, durch Erwachsene organisiert, betrachtet werden. Gewonnen wurden die Materialien im Rahmen einer ethnografischen Studie zur Kooperation der offenen Kinder- und Jugendarbeit mit Schule durch teilnehmende Beobachtung. Nach der Darstellung der Ergebnisse werden Anknüpfungspunkte für die politische Bildung in Nachmittagsangeboten der offenen Kinder- und Jugendarbeit und im Schulangebot formuliert. Aufgrund der unterschiedlichen Organisationslogiken sind die Akzentsetzungen verschieden.

Um Nahrungsversorgung und Essensituationen in der Heimerziehung geht es Michael Behnisch. In einer Skizze wird in das Thema Heimerziehung und das Ernährungsthema eingeführt. Datenbasis ist ein Forschungsprojekt zur „Essensversorgung in der stationären Jugendhilfe“, mit dem Ziel, Vollzug und Bedeutung des Essens in der Heimerziehung herauszuarbeiten. Die Analyse der Essenspraktiken liefert einen Einblick, „wie sich Leitfiguren, Selbstgewissheiten und Strukturen der Wohngruppenerziehung entlang von Essens- und Ernährungspraxen herausbilden und reproduzieren“ (S. 137). Die empirische Betrachtung der Essenssituationen öffnet den Blick auf vielfältige Orte und Gegenstände in den Wohngruppen, u.a. auf Gemeinschaftsräume, auf die Zimmer der Kinder und Jugendlichen, auf Orte außerhalb der Wohngruppe und auf institutionelle Hoheitsbereiche, die Kinder im Alltag nicht zugänglich sind. Der Autor gelangt zu dem Ergebnis, dass der Umgang mit Essen und Ernährung viel mehr ist als ein Begleitgeschehen im Alltag der Wohngruppen. Vielmehr schaffen Essens- und Ernährungspraktiken pädagogische Leitfiguren in der Heimerziehung.

Auch der praxeologisch-ethnografisch fundierte Beitrag von Marc Schulz, Yesim Karabel, Kristina Pfoh, Jana Romahn, Linda Thiele und Andrea Vosen widmet sich der Gestaltung von Essen und Ernähren in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Der Artikel formuliert Antworten auf die Frage, „wie die alltäglichen Abläufe der stationären Essensversorgung strukturiert sind“ (S. 151) und wie sich dabei die sozialen Positionen der Kinder manifestieren. Eingangs wird der Takt der Gruppe am Verlauf der Mahlzeiten vorgestellt. Antworten werden gegeben zu den Beteiligungsmöglichkeiten der Kinder unter dem Label „Mitmachen und dienen dürfen“ (S. 158). Damit ist u.a. der Tischdienst gemeint, der ritualisiert zugewiesen ist und den institutionellen Heimstrukturen sowie der generationellen Ordnung unterliegt.

Im dritten Teil des Bandes geht es um das Sprechen über die Ernährung der Kinder, und zwar in den ersten Beiträgen dieses Teils um konsumanimierende Adressierungen von Kindern durch die Gestaltung von Verpackungen, durch Aufklärung zur Gewichtsabnahme in Kinderbüchern und um Gesundheitsgefährdung aufgrund eines hohen Körpergewichts. In seinem Beitrag sucht Friedrich Schorb nach Antworten auf die Fragen, woran Maßnahmen gegen die sogenannte `Adipositas-Epidemie` und Fehlernährung scheitern und welche Schlüsse aus dem Scheitern im Sinne einer diskriminierungsfreien und sozialausgleichenden Gesundheitsförderung und Prävention zu ziehen seien. An ausgewählten Beispielen zeigt der Autor, dass das Phänomen `hohes Körpergewicht bei Kindern` auf die Faktoren Ernährung und Bewegung und damit zuvörderst auf das persönliche Versagen der Kinder und Jugendlichen respektive ihrer Eltern reduziert wird. Außerdem wird suggeriert, dass Personen, die nicht in der Lage sind, ihr Körpergewicht selbst zu regulieren, auch nicht leistungsfähig seien. Die Problematisierung sozialstruktureller Ursachen für ungleiche Ernährung und Gesundheit werde dabei vermieden, so der Verfasser (S. 176 f.).

Von der Annahme ausgehend, dass Essverhalten Teil einer Sozialisation seien, folgert Anja Herrmann, dass Kinderbücher, die Essen thematisieren, auch ein bedeutsames Medium für die Sozialisation sein können. Am Beispiel des Bilderbuches „So ein dicker Hund“ illustriert die Autorin anschaulich die diätische Geschichte eines fünfjährigen Jungen und seines Hundes, die beide an Gewicht zunehmen und durch die Intervention eines Tierarztes wieder Gewicht verlieren. Dem Buch hinzugefügt ist das Präventivprogramm einer Krankenkasse. Auf diesem Weg wird ein Diskurs über das `richtige Gewicht` in ein Medium eingebaut, das eigentlich der Unterhaltung von Kindern dienen soll (S. 183). Die Botschaft ist: Ein runder Kinderkörper bedarf der Korrektur! Dafür steht die Figur des Arztes. Der dicke Hund (!) unterstreicht die Dringlichkeit der Gewichtskontrolle. Anja Herrmann resümiert, dass das Medium Bilderbuch zum „Austragungsort restriktiver Ernährungspolitiken und Blickregime“ (S. 192) werde, „bei dem es weniger um das Wohl der Kinder als um Vorstellungen von einem gesellschaftlich normierten Kinderkörper geht“ (S. 192).

Der Artikel von Juliane Noack Napoles über Verpackungen von Kinderlebensmitteln als Objektivationen pädagogischer Vorstellungen über Ernährung führt die Thematik anhand eines anderen Mediums fort. In ihrem Beitrag rekonstruiert die Verfasserin anhand einer Kinderwurstverpackung sozial geteilte Ansichten und Vorstellungen über Kinder und Essen. Gleichzeitig wird ein Beispiel dafür geliefert, das Denken über Erziehung an der Praxis von Ernährung zu verdeutlichen. Eingewoben sind dabei Reflexionen zur Geschmacksbildung, die auf der Verpackung sinnbildlich veranschaulicht sind.

Die beiden letzten Beiträge des dritten Teils analysieren zum einen die Qualitätsstandards in der Schulverpflegung (Catherina Jansen) und zum anderen hochschuldidaktische Herausforderungen schulischer Ernährungs- und Verbraucherbildung (Angela Häusler, Maja S. Maier, Katja Schneider). Von einer Standortbestimmung schulischer Ernährungs- und Verbraucherbildung ausgehend, werden anhand qualitativ-empirisch gewonnenen Materials (in kurzen Interviewauszügen) Sichtweisen und Perspektiven von Lehramtsstudierenden zur Ernährungs- und Verbraucherbildung analysiert. Die lebensweltlichen Erfahrungen der Kinder würden pädagogisiert und nicht zur Auseinandersetzung mit Differenz und Widersprüchlichkeit genutzt. Heterogene lebensweltliche Erfahrungen einzubeziehen, gelingt den Studierenden kaum, da „die von den Kindern geäußerten Erfahrungen außerhalb des normativen bzw. biografisch erworbenen Horizonts der Studierenden liegen“ (S. 214). So werden Diskussion und Auseinandersetzung erstickt. Im letzten Teil des Artikels analysieren die Autorinnen die studentischen Vorstellungen zu schulischer Ernährungsbildung und formulieren auf der Basis des Datenmaterials den hochschulischen Bildungsauftrag. Dieser lässt sich im Lernziel zusammenfassen, die Studierenden für die Komplexität ernährungsbezogener Lebenswirklichkeiten zu sensibilisieren.

Catherina Jansen gibt in ihrem Beitrag Antworten auf zwei Fragestellungen: Welche Erwartungen an die Qualität von Schulverpflegung öffentlich formuliert und an die Schulen implizit herangetragen werden und wie die Erwartungen von entscheidungsverantwortlichen Akteur_innen vor Ort reflektiert und in konkrete Verpflegungskonzepte überführt werden. Anhand einer Dokumentenanalyse entdeckt die Verfasserin sechs zentrale Leitprinzipien für die Gestaltung des Schulessens: Gesundheitsförderung und Prävention, Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, Förderung der Esskultur, Partizipation und professionelles Handeln. Wie aber werden diese Leitprinzipien eingelöst? Im zweiten Teil des Beitrags werden dazu Antworten gegeben. Die Autorin stellt analog zu anderen Beiträgen des Bandes fest, dass in weiten Teilen der gesellschaftlichen Diskussion die Schulverpflegung ernährungswissenschaftliche Diskurse widerspiegelt. Die expertokratische Sicht lege den Verdacht nahe, dass Partizipation `vor Ort` nur eine Alibifunktion zukomme und weitgehend inhaltsleer bleibe.

In dem den vierten Teil abschließenden Beitrag geben die Herausgeber_innen einen Überblick „zu den historischen und aktuellen Entwicklungen der gesellschaftlichen und erziehungswissenschaftlichen Diskurse zum Essen“ (S. 18) von Kindern und Jugendlichen. Hervorzuheben ist die Fußnote 1 zum Beginn des Beitrags, in der die Differenz von Essen und Ernähren klargestellt wird (Vorschlag: besser aufgehoben wäre diese Differenzbestimmung bereits im Einleitungsbeitrag der Herausgeber_innen gewesen, da Essen und Ernähren ähnlich zentrale Leitbegriffe wie auch Pädagogisierungen sind).

Eine Kernaussage der Herausgeber_innen lautet: Die Spezifik erziehungswissenschaftlicher Essenforschung sei nicht gegenstandstheoretisch, sondern aus den jeweiligen Auslegungen des Essens und den erziehungswissenschaftlichen Bezugnahmen auf Essen und Ernährung zu begründen. Marc Schulz, Friederike Schmidt und Lotte Rose setzen sich in ihrem Beitrag ferner mit der Frage auseinander, warum sich die erziehungswissenschaftliche Disziplin ausgerechnet jetzt „intensiver für das Verhältnis von kindlicher Erziehung und kindlichem Essen interessiert“ (S. 246). Skizziert werden in der Folge dominante gesellschaftliche Diskurse zum Verhältnis von Kindheit, Essen und Ernährung. Dabei wird erhellt, wie Essen und Ernähren eine erziehungswissenschaftliche Aufmerksamkeit gefunden haben, was davon historisch, aktuell und thematisch begründet ist und welche Diskursformen sich herauskristallisiert haben. In der Reflexion zum Verhältnis Kindheit, Essen und Ernährung werden Essen in der Familie als Erziehungstraktat des Bürgertums und Essen in der institutionellen Erziehung in den Blick genommen. Das aktuelle Spektrum erziehungswissenschaftlicher Forschungen zu Essen und Ernähren wird anhand zentraler Theoriefiguren geordnet. Abschließend werden disziplinäre Entwicklungsaufgaben erziehungswissenschaftlicher Essensforschung formuliert.

Diskussion

Den Herausgeber_innen ist im positiven Sinne ein Sammelband mit quasi monografischen Zügen aus dreierlei Gründen gelungen: Zum einen, weil eine Mehrzahl der Autor_innen im Netzwerk http://essenspaed.de mitwirkt und deshalb einer gemeinsamen Plattform erziehungswissenschaftlicher Forschung zu Erziehung und Bildung von Essen in pädagogischen Feldern auf der Basis ethnografischer Forschungsmethoden in einem weiteren Sinne verpflichtet ist, zum anderen, und dies erscheint mir noch bedeutender, die Beiträge am Lebenslauf orientiert, von der frühen Kindheit bis zum Jugendalter angeordnet sind. Und drittens liegt der Fokus, wie es der Titel nahelegt, auf der Grundlage qualitativ-empirischer Vorgehensweise im Zeigen von Pädagogisierungen des Essens in Institutionen der Bildung und Erziehung, in Familien und Medien.

Der Band ist überzeugend in vier Teilen komponiert. Hervorzuheben ist dabei vor allem, dass die Herausgeber_innen nicht nur ins Thema einführen, womit sich oftmals Herausgeber_innen in Sammelbänden begnügen, sondern in einem umfassenden Schlussbeitrag erziehungswissenschaftliche Perspektiven, wenn nicht gar ein Aufgabenspektrum zu einer erziehungswissenschaftlichen Essenforschung, nicht zuletzt auch zu weiteren Forschungen zur Pädagogisierung des Essens, formulieren.

Besonders gefallen haben mir die Beiträge von Anja Herrmann und Juliane Noack Napoles. Sie setzen sich akribisch mit Pädagogisierungen entlang dem Medien Kinderbuch zum einen und Verpackungen von Kinderlebensmitteln zum anderen auseinander. Hervorzuheben sind in weiteren Beiträgen die jeweiligen erziehungswissenschaftlichen Argumentationslinien wie z.B. das ostensive Zeigen als zentrales Begründungsmuster nutritiver Sorge im Beitrag von Ulf Sauerbrey, Claudia Schick, Sonja Wobig und Sven Schulz. Eine spannende Verdichtung findet sich auch im Beitrag von Angela Häußler, Maja S. Maier und Katja Scheider im Zusammenhang mit studentischen Interaktionen mit Grundschulkindern und spiegelbildlich dazu studentischen Vorstellungen zu schulischer Ernährungsbildung, die eine Herausforderung für eine hochschulische Qualifizierungsaufgabe sind, nämlich zur Förderung von Diversitätsreflexivität. Alle Beiträge des Bandes sind anschauliche Beispiele dafür, das Thema der Essensforschung in den Erziehungswissenschaften noch stärker in den Betrachtungshorizont zu rücken. Eine fundierte Begründung in diesem Sinne liefert der ausführliche Schlussbeitrag der Herausgeber_innen.

An dieser Stelle könnte meine Rezension enden. Aber: Nichts ist jedoch so gut, als dass es nicht noch besser sein könnte! Der Untertitel nennt Familie als Adressatin von Pädagogisierungen des Essens. Vermisst habe ich einen Beitrag zum Mittags- bzw. Abendessen in einer Familie. Hier könnten sich Fragen ergeben, wie: Welche Geschehensabläufe ereignen sich, wenn Eltern unterschiedliche Vorstellungen von Essen und Ernähren haben? Welche Konfliktlinien und -zonen finden sich z.B. bei der Vorbereitung von Essen und z.B. beim Abdecken des Geschirrs? etc.

Eine Forschungsperspektive könnte in der Verknüpfung von Essen und Bewegen liegen. Die in diesem Band sich auf Essensgeschehnisse beziehende ethnografische Forschung könnte geweitet werden auf die jeweiligen Körperlichkeiten der Kinder und der Professionellen, auf ihre Bewegungsverläufe im Kontext des Essens und die hinter den Abläufen sich verbergenden Normierungen. In welcher Weise sind z.B. Interventionen der Stillberaterinnen von Homogenisierungsbemühungen nicht nur des Stillens, sondern parallel dazu auch des Bewegens (z.B. des Haltens) geleitet?

Mir fehlt auch ein wenig die Auseinandersetzung und der Blick über den Tellerrand des Netzwerks hinaus. Nicht nur im vergangenen Jahrzehnt entwickelte sich eine erziehungswissenschaftliche Forschung zu Erziehung und Bildung des Essens, die empirisch die pädagogische Relevanz von Essen in pädagogischen Feldern untersucht. Erinnert sei z.B. an verschiedene BLK-Modellversuche seit Beginn der 90er Jahre, die von einer Gesundheitsförderung in der Schule bis zur Entwicklung einer gesundheitsförderlichen Schule reichten, in denen Essen und Ernähren eine zentrale Aufgabe zukam und die auf qualitativ-empirischer Basis nicht nur Subjektivierungs- und Bildungsprozesse von Schüler_innen und Lehrer_innen im Bereich des Essens, auch in Verbindung mit Bewegung in der Schule, untersucht haben, sondern auch Fragen zur Organisationsentwicklung thematisierten.

Schlussendlich noch ein knapper Hinweis zur ethnografischen Forschung. Sie nimmt nachweislich viel Zeit in Anspruch, insbesondere in der methodischen Figur der teilnehmenden Beobachtung. Dies deutet der Beitrag von Katja Flämig an. Ob alle Beiträge in jedem Fall dem Prinzip des Zeithabens und -lassens gefolgt sind, ist zumindest anzuzweifeln. Spannend wäre gewesen, die Ergebnisse der Auswertung den Professionellen im Sinne einer kommunikativen Validierung vor einer Veröffentlichung vorzulegen und in den Beiträgen einzubauen. So bleibt die Frage offen: Was hat das Feld von den gewonnenen Erkenntnissen?

Fazit

Gleichwohl: Der Band ist in vielfacher Hinsicht ein Wegweiser und eine Fundgrube für Bachelor- wie auch Masterstudierende. Die empirisch fundierten Beiträge liefern Anregungen bei der Suche nach einem Thema für die jeweiligen Abschlussarbeiten.

Aber vor allem der Schlussbeitrag der drei Herausgeber_innen schafft Impulse für die Erziehungswissenschaften, dem Thema Essen und Ernähren in der disziplinären Weiterentwicklung eine noch größere Bedeutung zukommen zu lassen. Der vorliegende Sammelband liefert dafür eine geeignete Grundlage.


Rezension von
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
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Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 25.03.2021 zu: Marc Schulz, Friederike Schmidt, Lotte Rose (Hrsg.): Pädagogisierungen des Essens. Kinderernährung in Institutionen der Bildung und Erziehung, Familien und Medien. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6132-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28056.php, Datum des Zugriffs 31.07.2021.


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