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Udo Rauchfleisch: Sexuelle Orientierungen und Geschlechts­entwicklungen im Kindes- und Jugendalter

Cover Udo Rauchfleisch: Sexuelle Orientierungen und Geschlechtsentwicklungen im Kindes- und Jugendalter. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2021. 165 Seiten. ISBN 978-3-17-039210-6. D: 36,00 EUR, A: 37,00 EUR, CH: 43,20 sFr.

Reihe: Psychodynamische Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
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Thema

Das Buch führt in das Thema der therapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ein, die nicht den gesellschaftlich als normal angesehenen sexuellen Orientierungen und Geschlechtlichkeiten entsprechen. Zum einen werden Grundlagen vermittelt, z.B. relevante Begriffe geklärt und die Lebenssituation der jungen Menschen dargestellt, zum anderen konkrete Anregungen für die Therapie gegeben. Ziel des Buchs ist es, psychotherapeutische Fachkolleg_innen, aber auch Eltern, Lehrer_innen oder „betroffene“ Menschen zu informieren. Damit leistet das Buch einen wichtigen praxisbezogenen Beitrag zu einem ansonsten wenig beschriebenen Thema. Es erscheint in der Reihe „Psychodynamisch Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen“, herausgegeben von Arne Burchartz, Hans Hopf und Christiane Lutz.

Autor

Prof. Dr. Udo Rauchfleisch ist emeritierter Professor für Klinische Psychologie der Universität Basel und psychoanalytischer Psychotherapeut in privater Praxis.

Aufbau

Das Buch ist in sechs Kapitel unterteilt, in deren ersten vier wichtiges Grundlagenwissen zum Themengebiet zusammengetragen wird. Thematisiert werden die Entstehung vielfältiger und diverser sexueller Orientierungen und Geschlechtlichkeiten (Kapitel 1), die speziellen Entwicklungsbedingungen der jungen Menschen (Kapitel 2), die Folgen des erlebten „Andersseins“ für die jungen Menschen (Kapitel 3) sowie die Chancen und Risiken des Internets für die „Betroffenen“ (Kapitel 4). Das fünfte und umfangreichste Kapitel beschreibt wichtige Aspekte für die therapeutische Arbeit, z.B. die Voraussetzungen für eine Therapie und die Notwendigkeit der Bearbeitung von Traumata. Im sechsten und letzten Kapitel werden, gewissermaßen als Zielperspektive, auf Basis des Konzepts der Salutogenese Zutaten für ein gelingendes Leben von trans, bi- und homosexuellen jungen Erwachsenen aufgezeigt.

Inhalt

Kapitel 1

Nach der Klärung zentraler Begriffe widmet sich Udo Rauchfleisch im ersten Kapitel „Entstehung vielfältiger und diverser sexueller Orientierungen und Geschlechtlichkeiten“ der Frage, wie es zur Vielfalt an sexuellen Orientierungen und Geschlechtlichkeiten kommt. Er stellt ein eigenes Modell der geschlechtlichen Entwicklung vor mit den Elementen Protogeschlechtlichkeit, sexuelle Kern-Identität, Geschlechtsrollen-Identität und Geschlechtspartner_innen-Identität. Bei der selbstkritischen Betrachtung des eigenen Modells kommt er zu dem Schluss, dass es bislang keine verlässlichen Informationen zur Ätiologie der Entwicklung der Geschlechtlichkeit gibt.

Abschließend bezweifelt er, dass es überhaupt sinnvoll ist, nach dem Ursprung dieser vielfältigen Entwicklungen zu fragen, und plädiert für einen Verzicht darauf, auch um die aus seiner Sicht problematischen und pathologisierenden Kategorienbildungen zu vermeiden. Entgegen den herrschenden distinkten Kategorien möchte er Cis- und Transgeschlechtlichkeiten ebenso wie Homo- und Heterosexualitäten als Kristallisationspunkte auf einem Kontinuum verstanden wissen.

Kapitel 2

Im zweiten Kapitel thematisiert Udo Rauchfleisch die speziellen Entwicklungsbedingungen und Kindern mit Homosexualität, Bisexualität und Transgeschlechtlichkeit im Vergleich zu cis und heterosexuellen Kindern. Anhand von Fallvignetten skizziert er die z.T. problematischen Erfahrungen des „Andersseins“ von jungen Menschen mit ihrer Umwelt, insbesondere mit ihren Familien und Eltern. An dieser Stelle konkretisiert der Autor die speziellen Entwicklungsbedingungen an besonderen Herausforderungen der Kinder und Jugendlichen:

  • inneres und äußeres Coming-out,
  • negative gesellschaftliche Klischeebilder und ihre Folgen für das Selbstbild der „Betroffenen“,
  • Diskriminierungen,
  • Irritationen der sozialen Umwelt und
  • fehlende Vorbilder.

Kapitel 3

Im dritten Kapitel geht der Autor den „Folgen des Andersseins“ nach. Unter Rückgriff auf Stressmodelle verweist er auf den für die jungen Menschen entstehenden Stress, im Sinne von Disstress, und hebt besonders die Erfahrungen von Minoritäten- und Verheimlichungsstress hervor.

Er thematisiert zudem die Verinnerlichung der gesellschaftlichen Homo- und Transnegativität, die zu einem Kampf der jungen Menschen gegen sich selbst führten. Die Folge seien z.B. Identitätskrisen, geringer Selbstwert, Schamempfinden, Schuldgefühle und Suizid. Folgen seien z.B. die Entstehung körperlicher und psychischer Störungen, wie Depressionen oder Ängste.

Kapitel 4

Im vierten Kapitel „Segen und Fluch des Internets“ geht es um die Chancen und Risiken des Internets für junge Menschen, die nicht den sexuellen und geschlechtlichen Normen entsprechen. Als besondere Chancen hebt der Autor hervor:

  • Kontakt zu anderen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen,
  • Zugang zu Informationen,
  • die Erfahrung, nicht allein zu sein.

Dem stellt er die folgenden Risiken gegenüber:

  • Suchtentwicklung,
  • Vermeidung realer Kontakte,
  • Verwirrung durch widersprüchliche Informationen,
  • unrealistische Bilder von Sexualität,
  • Gewalterfahrungen durch Cybermobbing,
  • Gewalterfahrungen durch Pädophile.

Kapitel 5

Im umfangreichsten Kapitel 5 thematisiert Udo Rauchfleisch die therapeutische Arbeit mit den jungen Menschen, um zu klären, wie eine Intervention zu gestalten und worauf in diesem Kontext zu achten ist. Vor Aufnahme therapeutischer Prozesse müssten spezifische Voraussetzungen gegeben sein:

  • eine gay- und transaffirmative Haltung der Therapeut_innen,
  • die Bereitschaft, in unterschiedlichen Settings zu arbeiten, etwa unter Einbezug von Eltern oder Lehrer_innen,
  • die Bereitschaft, flexibel auf die Bedürfnisse der jungen Menschen zu reagieren, z.B. von der eingeplanten Therapiesitzung abzuweichen.

Im Anschluss stellt er fest, dass die Arbeit mit gesunden Kindern und Jugendlichen im Gegensatz zur Arbeit mit psychisch erkrankten jungen Menschen eher einem Coaching in schwierigen Lebenssituationen gleicht. Bei psychisch erkrankten jungen Menschen müsse die gleiche Arbeit geleistet werden wie bei cis und heterosexuellen jungen Menschen, aber die spezifischen Sozialisationsbedingungen, wie sie in den vorherigen Kapiteln dargestellt werden, müssten beachtet werden. Wichtige Aspekte des Therapieprozesses sind dabei:

  • die Bearbeitung von Traumatisierungen,
  • die Bearbeitung der verinnerlichter Homo- und Transnegativität,
  • die Begleitung im Coming-out-Prozess, ggf. unter Einbezug von zentralen Bezugspersonen.
  • Hilfe zur Selbsthilfe, etwa durch die Vermittlung an Selbsthilfegruppen oder spezielle Freizeitangebote für LGBTIQ-Kinder und -Jugendliche,
  • Unterstützung von Transkindern im medizinischen Transitionsprozess,
  • die Beachtung von Ressourcen und Resilienzfaktoren der Kinder- und Jugendlichen.

Kapitel 6

Im sechsten und letzten Kapitel fragt Udo Rauchfleisch nach den Bedingungen für ein gelingenderes Leben trans, bi- und homosexueller junger Erwachsener. Als Ziele für die jungen Menschen führt er anhand des Salutogenese-Modells von Aaron Antonovsky die entsprechenden Elemente des Kohärenzgefühls aus:

  • das Gefühl der Verstehbarkeit,
  • das Gefühl der Handhabbarkeit und
  • das Gefühl der Sinnhaftigkeit.

Als ein besonders wichtiges Kriterium für die Selbstakzeptanz hebt er die Transpride und Gaypride hervor.

Diskussion

Das Buch zielt nach Angabe des Autors darauf ab, Fachkolleg_innen, aber auch andere im Themengebiet relevante Akteur_innen, z.B. „Betroffene“, Eltern oder Lehrer_innen, zum Thema zu informieren. Aus Sicht des Rezensenten gelingt dies dem Autor überwiegend vortrefflich. Das Buch

  • ist verständlich geschrieben und klar gegliedert,
  • entspricht wissenschaftlichen Standards,
  • klärt wichtige Begriffe,
  • bietet Praxisbeispiele,
  • bleibt mit 165 Seiten kompakt und deckt dennoch viele wichtige Themen ab.

Kritisieren lässt sich lediglich, dass sich der Praxisbezug in Form von Fallvignetten nicht durch alle Kapitel des Buchs zieht und z.B. in Teilen des fünften und sechsten Kapitels praxisbezogene Konkretisierungen fehlen. So bleibt unklar, wie die dargestellten Ebenen des Salutogenesekonzepts in der therapeutischen Praxis genutzt werden können. Dies könnte es für fachfremde Personen schwierig machen, die dargestellten Aspekte auf die Praxis zu beziehen.

Positiv hervorheben möchte ich abschließend die sich im gesamten Buch ausdrückende Anerkennung des Autors gegenüber sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Hiermit sendet Udo Rauchfleisch ein deutliches Signal an Fachkolleg_innen, aber auch Eltern und andere Lai_innen, die jene Menschen, die nicht der „Norm“ entsprechen, noch immer als krank betrachten und behandeln wollen. In diesem Kontext ist auch seine Problematisierung der sexuellen und geschlechtlichen Kategorisierungen von Menschen, z.B. als „homosexuell“, positiv hervorzuheben, da sie Teil des hier infrage gestellten pathogenen Blicks auf Vielfalt sind. So kommt der Autor dem eigenen Anspruch nach, „die Fülle von Orientierungen und Identitäten wahrzunehmen und deren Bedeutung gerade im Hinblick auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu würdigen. Dazu gehört neben der heterosexuellen Orientierung und der Cisidentität auch die vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit den davon abweichenden Orientierungen und Identitäten“ (S. 8).

Fazit

Die Veröffentlichung „Sexuelle Orientierungen und Geschlechtsentwicklungen im Kindes- und Jugendalter“ von Udo Rauchfleisch ist klar gegliedert, gut lesbar und entspricht zugleich wissenschaftlichen Ansprüchen. Sie klärt zentrale Begriffe, bietet wichtige Grundlagen sowie Anregungen für die Arbeit mit jungen Menschen, die nicht den sexuellen und geschlechtlichen Normen entsprechen. Vor diesem Hintergrund ist sie als einführendes Werk für Fachleute, aber auch für Eltern und junge Erwachsene uneingeschränkt zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Dominik Mantey
Professor für Soziale Arbeit Studiengangsleiter Master Soziale Arbeit
Homepage www.prof-dominik-mantey.de
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Zitiervorschlag
Dominik Mantey. Rezension vom 22.10.2021 zu: Udo Rauchfleisch: Sexuelle Orientierungen und Geschlechtsentwicklungen im Kindes- und Jugendalter. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-17-039210-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28060.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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