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Andrea Albers (Hrsg.): Kompetenz­orientiertes Feedback

Cover Andrea Albers (Hrsg.): Kompetenzorientiertes Feedback. Lernförderliche Rückmeldungen für den inklusiven Unterricht. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2021. 189 Seiten. ISBN 978-3-407-63216-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

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Entstehungshintergrund und Verfasser*innen

Im Jahre 2008 wurde in Hamburg der Schulversuch „alles>>könner“ („Alle Schüler*innen sind Könner – also alles>>könner“) ins Leben gerufen an welchem knapp 50 Grund- und weiterführende Schulen beteiligt sind. Zentrales Ziel ist ein Paradigmenwechsel: „Weg vom ausschließlichen Blick auf Lerninhalte und Unterrichtsziele (Input) hin zu einer Output-Orientierung“ (7). Im Mittelpunkt stehen deswegen die Kompetenzen und selbstregulierte Lernprozesse. Der Schulversuch gliedert sich in drei Phasen. In den beiden ersten Phasen wurden unter anderem lernförderliche Zeugnisse und fachspezifische Standards für lernförderliche Rückmeldungen entwickelt. In der aktuellen dritten Phase steht die Förderung der Schüler*innen für die Übernahme von Verantwortung für den eigenen Lernprozess im Mittelpunkt.

Die Herausgeberin Andrea Albers ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung. Die anderen Verfasse*rinnen sind Lehrer*innen an den beteiligten Schulen.

Aufbau und Inhalte

Bestandteile selbstregulierter Lernprozesse der Schüler*innen sind Planen, Ausführen, Dokumentieren und Reflektieren dieser Lernprozesse. Acht Beiträge befassen sich im ersten Teil des Bandes mit diesen vier Dimensionen. Anschließend wird das Zusammenspiel der Instrumente der Lernreflexion in drei Beiträgen bearbeitet. Zum Schluss werden die Folgen dieses Systems für die Schulentwicklung in sechs Beiträgen dargestellt.

Zentrales Anliegen des Schulversuches ist die Förderung von Inklusion. Hierfür sind traditionelle Schulnoten nicht geeignet, weil sie dem Prinzip der Individualisierung widersprechen. Stattdessen wurden zahlreiche andere Formen der Rückmeldung entwickelt, die in Schüler*innen- und Elterngesprächen erprobt werden. Besonderer Wert wurde hierbei auf Anschaulichkeit gelegt, die es Kindern ermöglicht, sich aktiv in Lernentwicklungsgespräche einzubringen. Als Beispiel seien hier nur die „Lernstädte“ genannt. Eine Lernstadt besteht aus zahlreichen Häusern, die sowohl die einzelnen Fächer als auch Arbeits- und Sozialverhalten repräsentieren.

Die vielen Einzelbeiträge zu diesen Themen können hier nicht detailliert wiedergegeben werden. Im Beitrag „Zusammenspiel der Instrumente der Lernreflexion“ von Andrea Karlsberg und Jan Dombrowski werden jedoch wesentliche in den Beiträgen zu Planen, Ausführen, Dokumentieren und Reflektieren entwickelte Prinzipien zu einer pädagogisch-didaktischen Grundhaltung zusammengefasst, die von allen Kolleg*innen geteilt werden:

  • „Kinder und Jugendliche sind verschieden, auch wenn sie gleichaltrig sind (klug, interessiert, auffassungsfähig, gründlich, sozial kompetent, selbstwirksam, anstrengungsbereit, organisiert etc.).
  • Kinder und Jugendliche wollen lernen, wachsen, etwas erleben, aktiv sein.
  • Kinder und Jugendliche können Verantwortung für ihr Lernen übernehmen.
  • Kinder und Jugendliche können Entscheidungen treffen.
  • Wir setzen bei den Stärken des jeweiligen Kindes und Jugendlichen an.
  • Intrinsisch motiviertes Lernen ist am effektivsten und nachhaltigsten“(117).

Bildungsinhalte werden nicht in „kleinen Päckchen“ angeboten. Stattdessen werden die Kinder ermutigt, ihre eigenen Ziele und Wege zu entwickeln und zu verfolgen. Wichtig für die Höhe der Lernerträge ist die Selbstbestimmung der Kinder bei der Erarbeitung eigener Themen.

Im „Logbuch“ werden vier Elemente der Lernreflexion zusammengefasst, die die Lernenden in unterschiedlichen Reflexionsphasen nutzen können:

  • „Arbeitspläne: Was sind meine Ziele und Aufgaben für die nächsten zwei Wochen?
  • Leuchttürme: Was gibt es zu entdecken und zu lernen?
  • Seekarten: Was kann ich schon? Welche Kompetenzen habe ich bereits erworben?
  • BiZi-Protokoll: Welches sind meine längerfristigen Ziele und Entwicklungsaufgaben?“ (119)(BiZi: Bilanz-Ziel-Gespräche).

Die Namen entstammen wegen des besonderen Bezuges der Stadt Hamburg zu diesem Thema der Seefahrt.

Als Beispiel sei hier nur die Seekarte näher beschrieben. „Die Seekarte 'Ich' bietet Platz, um personale Kompetenzen zu thematisieren… Die Seekarte 'Wir' bietet Platz für Sprache und sozial-emotionale Kompetenzen und die Seekarte 'die Welt' für projektbezogene und sachunterrichtliche Kompetenzen“ (122).

Abschließend gehen die Verfasser*innen auf Schatzkisten als Dokumentationsform ein. In diesen werden Arbeiten, Urkunden Zertifikate und Fotos gesammelt, auf welche die Kinder stolz sind.

Anja Burger weist in ihrem Beitrag „Vom themenorientierten zum kompetenzorientierten Unterricht und dessen Rückmeldung“ darauf hin, dass Unterricht früher überwiegend nach Themen gestaltet und zurückgemeldet wurde. Kompetenzorientierung bedeutet dagegen, diese Themen in Kompetenzen zu zerlegen.

Die im Rahmen des Schulversuches in den einzelnen Schulen zum Teil auch in schulübergreifenden Arbeitsgemeinschaften entwickelten neuen Instrumente müssen nicht nur den Schüler*innen, sondern auch neuen Lehrer*innen vermittelt werden, um ein gemeinsames Vorgehen zu ermöglichen. Besonders wichtig ist die gemeinsame Entwicklung von Instrumenten und Kriterien im Kollegium. Hierzu gehören auch technische Dinge wie die Ablage der entwickelten Instrumente und Materialien in Materialboxen.

Diskussion

Inklusion ist mit differenziellen Schulnoten nicht vereinbar, weil diese benachteiligte Kinder diskriminieren und sie daran hindern, ein angemessenes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Hierzu sind – wie dies im vorliegenden Band dargestellt wird – nicht nur andere Formen der Rückmeldung wie gemeinsame Entwicklungsgespräche mit Schüler*innen und Eltern erforderlich, sondern auch eine stärkere Betonung des selbstverantwortlichen Lernens der Kinder. Für diese Ziele werden zahlreiche Vorgehensweisen und Instrumente entwickelt, die allen Beteiligten gut überlegte Hilfen anbieten.

Der vorliegende Band kann deswegen als Beitrag zu einer notwendigen Schulreform gesehen werden, weil er nicht nur Unterrichtsplanung und Leistungsbewertung verändert, sondern auch die Kommunikation zwischen allen Beteiligten: Schüler*innen, Eltern und Lehrer*innen verbessert und dadurch – im Sinne von Inklusion – traditionelle hierarchische Verhältnisse durch mehr Gleichberechtigung der Akteur*innen ersetzt.

Fazit

Die einzelnen Beiträge sind zwar von unterschiedlicher Qualität, insgesamt gibt der Band aber wichtige Anregungen für schulische Veränderungen und ist deswegen als Lektüre insbesondere für Lehrer*innen geeignet.


Rezension von
Prof. i.R. Manfred Baberg
Hochschule Emden/Leer, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Arbeitsgebiete u.a. Behindertenarbeit und Integrationspädagogik in den Studiengängen Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und Integrative Frühpädagogik
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Zitiervorschlag
Manfred Baberg. Rezension vom 22.07.2021 zu: Andrea Albers (Hrsg.): Kompetenzorientiertes Feedback. Lernförderliche Rückmeldungen für den inklusiven Unterricht. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2021. ISBN 978-3-407-63216-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28066.php, Datum des Zugriffs 28.10.2021.


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