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Ingo Richter: Meine deutsche Bildungsrepublik

Cover Ingo Richter: Meine deutsche Bildungsrepublik. Eine bildungspolitische Autobiographie. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. 371 Seiten. ISBN 978-3-8474-2476-5. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.
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Denken bildet

Sprichwort und Erfahrung zeigen, dass „Reisen bildet“. Es sind die Kompetenzen und Fähigkeiten, offen zu sein für Informationen, Meinungen und Entwicklungen und sich darauf einzulassen, über den eigenen Gartenzaun zu schauen. So wird man von einem gebildeten Menschen sprechen können, wenn er selbst denkt und das Denken und Handeln anderer Menschen in sein Identitätsbewusstsein einbezieht. Das Menschenrecht auf Bildung gilt als eine existentielle Grundbedingung für Menschsein (Willehad Lanwer, Hrsg., Bildung für alle, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/​16915.php). Und es ist das Bewusstsein, dass Bildung erworben werden kann (Julian Nida-Rümelin, Philosophie einer humanen Bildung, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/​14556.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Es sind individuelle, gesellschaftlich und kulturell gewachsene Einstellungen und Verhaltensweisen, in denen Bildung deutlich werden kann. Man muss die Bildung nicht auf den Markt tragen oder wie eine Fahne schwenken. Ein gebildeter Mensch wirkt aus seinem Inneren, seiner Stabilität heraus. Beruflich und professionell freilich ist es durchaus angebracht, seine Bildung zu zeigen und zu vermitteln. Es sind die Bildungstheoretiker, -praktiker und Bildungspolitiker, die die Voraussetzungen schaffen können, dass eine gebildete Gesellschaft entsteht und besteht. Ihre Erzählungen und Berichte können Wegweiser sein (siehe z.B. dazu: Karl-Heinz Bohrer, Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/​22496.php).

Der Jurist, Bildungsreformer und Direktor des Deutschen Jugend-Instituts (DJI) in München, Ingo Richter (* 1938), legt eine Autobiographie vor, in der er die Bildungsentwicklung in Deutschland ab der Nachkriegszeit anhand seiner eigenen, individuellen und gesellschaftlichen Aktivitäten aufzeigt. Er beansprucht damit nicht, eine allgemeingültige Analyse zum Zustand der deutschen Gesellschaft vorzulegen, sondern betont, dass es „seine Wahrheiten“ sind, die er erinnert und als Maßstab für sein Denken betrachtet.

Aufbau und Inhalt

Er gliedert seine Autobiographie in drei Teile. Im ersten Teil thematisiert er: „Ein hoffnungsvoller deutscher Jüngling – Aufwachsen und Studieren1945 – 1963“. Im zweiten Teil setzt er sich auseinander mit „Zwei Schritte vor, einen Schritt zurück – Reformpolitiken 1963 – 1989“. Und im dritten Teil analysiert er „Jugend- und Bildungspolitik in Zeiten der Wiedervereinigung und der Globalisierung (1989 – 2019)“. 

Wie kann ein Biograf, eine Biografin herangehen, um zu erzählen, wie er oder sie geworden ist, was und wie sie ist? Es sind die Erinnerungen, die Lebenssituationen taxieren oder täuschen können. Anhaltspunkte dafür können Tugendsprüche sein. Ingo Richter wählt für seine Autobiographie landläufige Leitsprüche aus, die seine familiale und kulturelle Herkunft verdeutlichen sollen, wie z.B. die weltanschauliche Lebensweisheit: „Üb immer Treu und Redlichkeit“, die zeit- und schicksalsbestimmte, individuelle und kollektive Entwicklungen kennzeichnen: „Mit uns zieht die Neue Zeit“, seinen beruflichen und professionellen Werdegang veranschaulichen sollen: „Alles, was Recht ist“; und die nicht zuletzt sein „Jetzt“, sein „Heute“ und „Morgen“ erläutern: „Der Mantel der Geschichte weht“. Wer, wie Ingo Richter, sich in seinem aktiven beruflichen, seinen gesellschaftlichen und privaten Leben auf den vielfältigen Feldern des Daseins tummelt, hat viel zu erzählen. Dabei entstehen Einsichten, die zu parallelen Vergleichen anregen, aber auch Einmaligkeiten des Lebens markieren. Es sind Ereignisse, die seine ostpreußische Familie als Flüchtlinge erlebte, die Anpassung und Widerstand herausforderten, und die seine Identitäts- und Weltanschauungsentwicklung beförderten; wie etwa die auch heute gültige Erfahrung: „Das ‚soziale Geflecht‘ wird durch Nähe und Ferne bestimmt, nicht durch Herkunft und Politik“. Diese pädagogischen Weisheiten dürften auch ein Schlüssel sein, dass Richter als Jurist und Rechtssprecher eine „balancierende Identität“ zwischen Recht, Bildung und Tugend entwickelte. Es sind Mentalitäten, die bei der Menschwerdung gewissermaßen Anker und Selbstverständlichkeiten wachsen, und die das „Tu dies“ und „Lass das“ meist unkritisch entstehen lassen. Der Goethesche Spruch – „Tages Arbeit, abends Gäste!/Saure Wochen, frohe Feste!/Sei dein künftig Zauberwort!“ – mutierte zum „Muss“, und ließ Einstellungen aufkommen, die sich in der Region, in der Richter zur Schule ging, im niedersächsischen Grenzort zur DDR, in Lüchow, im alltäglichen Relativieren der nationalsozialistischen Verbrechen ausdrückte, die sein Wahrheits- und Rechtsempfinden nicht selten auf die Probe stellten. Erst sein rechtswissenschaftliches Studium in Göttingen, in München und Hamburg schärfte sein Bewusstsein für privates und öffentliches Recht; etwa, indem er in seiner Examenshausarbeit das Thema bearbeitete: In einem kleinen württembergischen Dorf war es immer wieder zu Felddiebstählen gekommen. Wenn die Felddiebe gefasst und bestraft worden waren, beschloss der Gemeinderat, sollten deren Namen jeweils sonntags eine Woche lang an der Kirchentür angeschlagen werden.

Seine familiäre, soziale Herkunft freilich bewirkte auch, dass der Student sich in der überwiegend elitären, ständisch und hierarchisch zusammengesetzten Fakultät nicht selten als Außenseiter empfand. Die theoretisch und verfassungsgemäß vorgegebene „Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“ zeigte sich selten oder nie! Zu den traditionalistisch und historisch bestehenden (schlagenden) Bünden hatte Richter kaum Zugang. Die Aufnahme in die Förderung der „Studienstiftung des Deutschen Volkes“ und später in das „Europa-Kolleg“ in Hamburg ermöglichten ihm das, was er gewissermaßen als Plazet seiner Erinnerungen präsentiert: Das Reisen! Als Mitglied des „Internationalen Studentenbundes“ öffneten sich Türen, die sich im „einfachen“, „allgemeinen“ Leben eher als „Luft“- Schlösser oder als „Wolkenkuckucksheime“ zeigen. Es ist die Zeit von 1963 an, in der vor allem die jungen Akademiker*innen den Paradigmenwechsel weg von den Zöpfen und Talaren, hin zu gesellschaftlichen Reformen, zu Fragen nach Selbst- und Mitbestimmung, nach Bildung für Alle probten. Der rührige „Deutsche Ausschuss für das Erziehungs- und Bildungswesen“, das „Max-Planck-Institut für Bildungsforschung“ (1965), und der „Deutsche Bildungsrat“, und in ihm die „Bildungskommission“ (Heinrich Roth, Hrsg., Begabung und Lernen, 1968), das waren die Hefen, die Entwicklungen gären ließen. Und Richter übernahm verschiedene Funktionen, in denen die Zusammenhänge von Lehren, Lernen, Curriculum und Recht theoretisch und praktisch thematisiert wurden. Seine vielfältigen Stationen – als Referendar beim berüchtigten, linkstheoretischen Terroristen, dem heutigen inhaftierten Neonazi, Rechtsanwalt Horst Mahler (1965), sein Eintritt in die SPD (1966), sein Austritt in den 1990er Jahren, die Professur an der Universität in Hamburg, beim Max-Planck-Institut in Berlin, als Herausgeber der Zeitschrift „Recht der Jugend und des Bildungswesens“ (1977), als Deputierter der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), als Direktor des Deutschen Jugendinstituts (1993 – 2003) …, immer waren es Herausforderungen und Zumutungen, die identitätsstiftend und professionalierend wirkten: „Big is not necessarily beautiful“. Logisch auch, dass die professionellen Tätigkeiten zivilgesellschaftliches, ehrenamtliches Engagement befördern: Im Wissenschaftlichen Beitrag für Familienfragen, in der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, der Stiftung Brandenburger Tor, der Freudenbergstiftung, u.a.

Diskussion

Bei den notwendigen, offenen und initiierten Fragen danach, wie die deutsche Gesellschaft in den Nachkriegsjahren geworden ist, wie sie ist, sind erzählte, wahre Lebenserfahrungen hilfreich, um zu wissen und einschätzen zu können, welche Entwicklungen dabei Leuchttürme, Haltepflöcke und Irrwege waren. Es sind die Steh- und Sitzplätze, die Menschen dabei einnehmen. Es sind Fundamente und Zwischenräume, die es ermöglichen, auf oder zwischen den Stühlen zu sitzen. Wer viel herumkommt, denkt und tut, hat was zu erzählen! Sein Faible für die Bildungspolitik hat Richter in zahlreichen Publikationen, Dokumentationen und Statements formuliert. Seine Klageschrift „Die sieben Todsünden der Bildungspolitik“ (1999) hat insbesondere im wissenschaftlichen Diskurs um die schulischen, internationalen Vergleichsuntersuchungen (PISA) für Furore gesorgt. Es war besonders der Fingerzeig, dass bei den Planungen, Durchführungen und Bewertungen der Studien die juristischen Probleme nicht vernachlässigt werden dürfen. Es sind die Aufmerksamkeiten darauf, dass Bildung, Lernen und Informationskompetenz nicht allein auf Faktenwissen basieren darf, sondern soziale, emotionale Fähigkeiten und Fertigkeiten umfassen müssen. Es geht um Inklusion, Integration und Institution.

Fazit

Die lokalen und globalen Gesellschaften in der medialisierten, individualistischen, egozentristischen und populistischen Welt unterliegen den Versuchungen und Gefahren eines „Business as usual“, eines „Throughput growth“, eines „Anything goes“ und „Fake News“ (Paul Collier/John Kay, Das Ende der Gier. Wie der Individualismus unsere Gesellschaft zerreißt und warum die Politik wieder den Zusammenhalt dienen muss, 2021, www.socialnet.de/rezensionen/​28719.php). So ist Ingo Richters Plädoyer ein Aufruf zur politischen Bildung, die es ermöglicht, die demokratischen Werte und Rechte menschenwürdig, selbstbestimmt, verantwortlich und lebensweltlich zu leben!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.10.2021 zu: Ingo Richter: Meine deutsche Bildungsrepublik. Eine bildungspolitische Autobiographie. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. ISBN 978-3-8474-2476-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28069.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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