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Wanda Klee, Philippe Wampfler u.a. (Hrsg.): Hybrides Lernen

Cover Wanda Klee, Philippe Wampfler, Axel Krommer (Hrsg.): Hybrides Lernen. Zur Theorie und Praxis von Präsenz- und Distanzlernen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2021. 175 Seiten. ISBN 978-3-407-63223-4. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

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Thema und Entstehungshintergrund

Als vor mittlerweile circa eineinhalb Jahren die SarsCov 19-Pandemie ausbrach und im ersten Lockdown die Schulen geschlossen wurden, standen vermutlich die meisten Lehrkräfte vor vielfältigen Problemen, als sie damit begannen, ihre Schüler:innen online zu unterrichten. Diese Probleme fanden sich auf unterschiedlichsten Ebenen, angefangen bei mangelhafter oder gar fehlender technischer Ausstattung von Lehrer:innen und Schüler:innen, fehlendem Knowhow darüber, wie Online-Unterricht gut gelingen kann, ungeklärten rechtliche Fragen, bis hin zu praktischen Unterrichtsfragen, wie z.B. der Herstellung und Aufrechterhaltung von Motivation sowie der Durchführung von Prüfungen.

Schon im März 2020 verfassten Axel Krommer, Wanda Klee und Philippe Wampfler im Auftrag des Ministeriums für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen ein Arbeitspapier mit Impulsen für das Distanzlernen. In den darauf folgenden Monaten wurden die von ihnen erarbeiteten Hinweise breit diskutiert und in der Schulpraxis getestet. Diese konkreten Praxiserfahrungen fließen wiederum in den vorliegenden Sammelband ein.

Herausgeber:innen

Wanda Klee ist Schulleiterin am Westfalen-Kolleg in Dortmund

Philippe Wampfler ist Deutschlehrer an einer Schweizer Kantonsschule und Deutschdidaktiker an der Universität Zürich

Axel Krommer ist Akademischer Oberrat am Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Erlangen-Nürnberg

Aufbau

Im ersten Teil des Buches: Impulse für den Fernunterricht werden theoretische Grundlagen gelegt sowie sechs Impulse für das Lernen im Fernunterricht – bezeichnet auch als „didaktische Schieberegler“ – vorgestellt.

Im zweiten Teil: Praxisberichte folgen vielfältige Beispiele, die Erfahrungen mit diesen Impulsen im Unterricht verschiedener Schularten dokumentieren und reflektieren.

Und im dritten Teil: Hybrides Lernen im zeitgemäßen Unterricht, der circa die Hälfte des Bandes einnimmt, folgen theoretische Reflexionen verschiedener Autor:innen zu praktischen Aspekten hybriden Lernens.

Das Buch enthält außerdem einen Download-Code, der es ermöglicht, auf eine PDF-Version zuzugreifen.

Inhalt

In einem kurzen Vorwort erläutern die Herausgeber:innen, dass sie mit dem vorliegenden Band das Ziel verfolgen, dass „Schulleitungen, Lehrkräfte, Schulträger, Fachdidaktiken und die Bildungspolitik […] darin Orientierung für die Planung von Phasen des Distanzlernens finden“ (S. 7) sollen. Und weiter wird Distanzlernen von ihnen auch nicht „als Notfallszenario und Krisenmodus der Schule, sondern als Möglichkeit für eine Entwicklung und Verbesserung schulischer Lernformen“ (ebd.) verstanden.

Es folgt eine Einführung in das Thema Distanzlernen, didaktische Schieberegler und zeitgemäßes Lernen (Axel Krommer und Phillipe Wampfler). Die Autoren selbst bezeichnen ihren Zugang als „postdigital“ (S. 8). Es gehe nicht mehr darum, „ob und wie digitale Endgeräte an Schulen genutzt werden können“ (ebd.); digitale Hard- und Software steht nicht mehr selbst im Fokus, sie bildet vielmehr den Hintergrund einer zeitgemäßen Lernkultur.

Krommer und Wampfler führen sechs „Impulse für das Lernen auf Distanz“ (S. 11) bzw. „didaktische Schieberegler“ (ebd.) ein, die im pädagogischen Prozess je nach Lerngruppe und Rahmenbedingungen immer wieder neu justiert werden müssen:

  1. „So viel Empathie und Beziehungsarbeit wie möglich, so viele Tools und Apps wie nötig.
  2. So viel Vertrauen und Freiheit wie möglich, so viel Kontrolle und Struktur wie nötig.
  3. So viel einfache Technik wie möglich, so viel neue Technik wie nötig.
  4. So viel asynchrone Kommunikation wie möglich, so viel synchrone wie nötig.
  5. So viel offene Projektarbeit wie möglich, so viele kleinschrittige Übungen wie nötig.
  6. So viel Peer-Feedback wie möglich, so viel Feedback von Lehrenden wie nötig.“ (S. 11)

Horizontal zu diesen vertikalen Schiebereglern verorten Krommer und Wampfler eine Achse, an deren beiden Enden Präsenz- und Distanzunterricht liegen.

Im ersten Hauptteil des Buches, der aus nur einem Artikel besteht, werden die oben dargestellten Schieberegler als Impulse für den Fernunterricht mit didaktischen Hinweisen versehen.

Im zweiten Hauptteil folgen unterschiedliche und vielfältige Praxisberichte aus verschiedenen Schulformen, wobei in den einzelnen Artikel unterschiedliche „didaktische Schieberegler“ betrachtet werden. So ist z.B. für die Grundschule das Beziehungsräume schaffen (Schieberegler 1) von zentraler Bedeutung (Stefanie Maurer). Simon Maria Hassemer beschreibt in seinem Beitrag Vertrauen versus Kontrolle die Vorteile von Online-Coachinggesprächen (Schieberegler 2). Im Bildungsgang Abitur-Online gehörte die Praxis synchronen und asynchronen Lernens (Schieberegler 4) auch schon vor Pandemiezeiten zum Unterrichtsalltag (Christian Nagel). Beim Projektlernen am SBBZ Lernen (Philipp Staubitz) nehmen u.a. Projekttage und Projektwochen (Schieberegler 5) eine bedeutende Rolle für die Motivation der Schüler:innen ein. Im Artikel Alles nur Anarchie – oder wird doch etwas gelernt? (Tom Mittelbach) wird Projektarbeit am Beispiel einer Geniusweek dargestellt (Schieberegler 5). In Fernunterricht in der Grundschule – Lernbeziehungen aufrechterhalten (Florian Emrich) werden Herausforderungen, Lösungen und Unterstützungssysteme für die Lernbeziehung (Schieberegler 1) und für synchrone und asynchrone Lernformen (Schieberegler 4) vorgestellt. Der Beitrag Praxisbeispiele zu Peer-Feedback und Feedback von Lehrenden von Andrea Eichler-Seitz und Mona Frommer geht sehr detailliert und mit vielen Grafiken und Screenshots auf den Bereich Feedback (Schieberegler 6) ein. Abgerundet wird dieser Buchabschnitt von Zehn Erkenntnissen aus dem #digifernunterricht-Projekt und einem Exkurs mit weiteren Erkenntnissen aus dem Notfallfernunterricht von Philippe Wampfler. Philippe Wampfler gehört nicht nur zu den Herausgeber:innen des Sammelbandes, er ist selbst Lehrer an einer Kantonsschule und bringt an dieser Stelle eigene Erfahrungen aus der Erstellung seiner Unterrichtsvideos via YouTube ein. Im Exkurs wird in einer Art Parodie wissenschaftlicher Untersuchungen aufgezeigt, dass die Ausnahmesituation während der Corona-Krise keinen Aufschluss über das echte Potenzial digitaler Medien geben kann.

Die meisten Autor:innen der Praxisberichte sind selbst Lehrkräfte oder Schulleiter:innen; mehrere von Ihnen sind darüber hinaus in der Lehrer:innenaus- und fortbildung tätig. Fast alle von ihnen sind auf Twitter und/oder anderen Social-Media-Kanälen präsent.

Im dritten Hauptteil des Buches: Hybrides Lernen im zeitgemäßen Unterricht folgen theoretische Reflexionen zu einzelnen Aspekten des Fernunterrichts:

  • Philip Stade und Philippe Wampfler: Präsenz- und Fernunterricht kombinieren
  • Adriane Langela-Bickenbach und Philippe Wampfler: Lernwirksame Videokonferenzen
  • Monika Stiller Thoms, Frauke Thoms und Frederik Thoms: Motivation im Fernunterricht
  • Dejan Mihajlović: Partizipation im Fernunterricht
  • Christian Albrecht: Prüfungsformate im digitalen Wandel
  • Anna Reuter: Reflexionskompetenz – Gelingensbedingung in hybriden Lernprozessen
  • Dorothea Wichmann: Sonderpädagogische Förderung in Distanz

Beispielhaft für den dritten Hauptteil soll an dieser Stelle der Artikel Prüfungsformate im digitalen Wandel von Christian Albrecht vorgestellt werden. Nach Albrecht sind Prüfungen in herkömmlichen Settings extrinsisch motiviert, da sie u.a. der Selektion und Disziplinierung dienen. Dagegen orientierten sich „zeitgemäße Prüfungsformate […] vor allem an der Förder- und Berichtsfunktion, während die Bedeutung der Selektionsfunktion in den Hintergrund treten muss.“ (S. 132) Demgemäß kann sich der „Gegenstand zeitgemäßer Prüfungsformate“ (S. 132) im hybriden Unterricht auch nicht in Faktenwissen erschöpfen, sondern muss „problemlösenden und Transferaufgaben weichen“ (S. 134), die Kompetenzbereiche wie „Kreativität und Innovation“ (ebd.) oder „Kritisches Denken und Problemlösen“ (ebd.) enthalten. Darüber hinaus steht im digitalen Unterricht nicht mehr nur die Einzelprüfung eines Individuums im Mittelpunkt. „Vielmehr sind Prüfungsformate erforderlich, die nicht nur die Verwendung eigener Unterlagen und bereitgestellten Materials ermöglichen, sondern die auch die Recherche, Kommunikation und Kollaboration erlauben und Peer-Feedback einfordern.“ (S. 136) Als Beispiele dafür werden kollaborative Projekte, die Kombination von Einzel- und Gruppenprüfungen mit Bearbeitungsschleifen, E-Portfolios oder auch ein formatives Unterstützen des Lernprozesses genannt. Um bei Online-Prüfungen nicht in strengen Proctoring-Maßnahmen zu enden, muss sich aus Albrechts Sicht die Haltung gegenüber Schülerinnen und Schülern hin zu „einer Kultur des Vertrauens der (Selbst-)Verantwortung und der Aufrichtigkeit“ (S. 141) verändern.

Diskussion

Das Buch Hybrides Lernen. Zur Theorie und Praxis von Präsenz- und Distanzlernen der drei Herausgeber:innen Wanda Klee, Philippe Wampfler und Axel Krommer vermittelt einen ausgezeichneten Überblick über die Herausforderungen, denen Lehrkräfte beim hybriden Unterrichten gegenüberstehen und zeigt vielfältige Möglichkeiten auf, sich diesen Herausforderungen auf kreative, kommunikative und kollaborative Art und Weise zu stellen. Viele der erläuterten Thesen und Erfahrungen eröffnen einen neuen Blick. Die beiden ersten Artikel vermitteln kompakt die Grundlagen, führen in die Idee der „didaktischen Schieberegler“ (S. 11) ein und ergänzen diese Impulse mit hilfreichen didaktischen Hinweisen.

In diesem Band wird davon ausgegangen, dass Schülerinnen und Schüler so viel Freiheit und Eigenverantwortlichkeit über ihren Lernprozess erhalten sollen wie möglich. Diese Haltung gegenüber Lernenden wird als eindeutiger Vorteil in gelungenen hybriden Unterrichtssettings gesehen. „Denn Unterrichtsformen, die gegenüber den Schwankungen zwischen Präsenz und Distanz möglichst ‚immun‘ sind, zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf Offenheit, Vertrauen, Möglichkeiten zur Individualisierung und zur Kooperation, Selbstregulierung und Selbstorganisation, unterschiedliche Formen der Rückmeldung (summativ, formativ, Peerfeedback) etc. setzen.“ (S. 15)

Der Aufbau des Bandes ist sehr durchdacht. Nach der Vorstellung und didaktischen Einbettung der sechs Impulse für das Lernen auf Distanz folgen vielfältige Beispiele, die Einblicke in Umsetzungsmöglichkeiten dieser Impulse in die Unterrichtspraxis bieten und reflektieren. Dabei ist es den Herausgeber:innen gelungen, Lehrkräfte und Schulleiter:innen aus unterschiedlichen Schularten zu gewinnnen, die ein breites Spektrum an Themen und Erfahrungen abbilden. Die Artikel im dritten Teil des Buches greifen des Öfteren grundsätzlichere Voraussetzungen guten Lehrens und Lernens auf. Diese inhaltsreichen theoretischen Reflexionen und didaktischen Überlegungen werden dann auf Unterrichtssettings im Fernunterricht oder beim hybriden Lernen bezogen.

Als einziger kleiner Kritikpunkt ist anzumerken, dass Begriffe wie „Blended Learning“, „hybrider Unterricht“ und „Flipped Classroom“ leider erst auf S. 82 eingeführt werden. Ihre Definition wäre am Anfang des Buches besser aufgehoben gewesen, da im weiteren Verlauf immer wieder auf sie rekurriert wird.

Summa Summarum lässt sich sagen, dass die Heraugeber:innen ein brandaktuelles Thema aufgegriffen und inhaltlich vielfältig, ansprechend und mit hohem Erkenntnisgewinn und vielen Diskussionsanreizen in das Medium Buch gebracht haben.

Fazit

Die Grundlagen des Sammelbandes Hybrides Lernen. Zur Theorie und Praxis von Präsenz- und Distanzlernen der Herausgeber:innen Wanda Klee, Philippe Wampfler und Axel Krommer wurden schon im März 2020 durch ein Arbeitspapier mit Impulsen für das Distanzlernen gelegt. Die Darstellung dieser, mit didaktischen Hinweisen versehenen Impulse bzw. „didaktischen Schieberegler“ (S. 11), bildet auch den ersten Teil des Buches. Im zweiten Teil berichten Lehrkräfte unterschiedlicher Schularten, die einige dieser Schieberegler im vergangenen Jahr in ihrer Unterrichtspraxis getestet haben, über ihre Erfahrungen mit diesen Impulsen. Und im dritten Teil des Buches folgen theoretische Reflexionen und didaktische Überlegungen verschiedener Autor:innen zu unterschiedlichen praktischen Aspekten in hybriden Unterrichtsarrangements.

Das Buch vermittelt einen ausgezeichneten Überblick über die Herausforderungen, denen Lehrkräfte in hybriden Unterrichtssettings gegenüberstehen und zeigt vielfältige Möglichkeiten auf, kreativ mit diesen umzugehen. Bezogen auf die Impulse zum Distanzlernen wird u.a. aufgezeigt, wie hybrides Lernen so gestaltet werden kann, dass Videokonferenzen funktionieren, Motivation entsteht und erhalten bleibt, warum Partizipation wichtig ist, was digitale Settings für Prüfungsformate bedeuten und dass Distanzunterricht auch in sonderpädagogischen Settings möglich ist.


Rezension von
Diplomsoziologin Monika Stürzer
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Zitiervorschlag
Monika Stürzer. Rezension vom 04.08.2021 zu: Wanda Klee, Philippe Wampfler, Axel Krommer (Hrsg.): Hybrides Lernen. Zur Theorie und Praxis von Präsenz- und Distanzlernen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2021. ISBN 978-3-407-63223-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28073.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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