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Ingeborg Löser-Priester: Pflegepionierinnen in Deutschland

Cover Ingeborg Löser-Priester: Pflegepionierinnen in Deutschland. Zur Entwicklung der Pflegewissenschaft. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2021. 282 Seiten. ISBN 978-3-86321-442-5. D: 44,95 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 55,90 sFr.
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Herausgeber und Autorenteam

Die Herausgeberin ist Krankenschwester, Lehrerin für Pflegeberufe, Soziologin und Professorin für Pflegewissenschaft an der HS für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen. Ein Autorenteam im strengen Sinne gibt es nicht. Allerdings besteht der Hauptteil des Buches aus Interviews, die mit zentralen Protagonistinnen der Pflegeentwicklung in Deutschland geführt wurden; dazu gehören Renate Reimann, Gerda Kaufmann, Ruth Schröck, Sabine Bartholomeyczik, Monika Krohwinkel und Christel Bienstein. Ergänzt werden die Interviews durch einen Rückblick auf die Arbeit von Hilde Steppe, die 1999 verstorben ist. Von daher kann man diese Veröffentlichung durchaus als Gemeinschaftswerk ansehen. 

Thema

Im Untertitel ist zwar die Rede von der „Entwicklung der Pflegewissenschaft“. Darum geht es aber nur bedingt. Im Zentrum steht eigentlich die Pflegeentwicklung überhaupt in Deutschland, wobei der Akzent sowohl auf berufspolitischen wie auch akademischen Innovationen im Feld Pflege seit den 1950er Jahren gelegt wird. 

Aufbau und Inhalt

Der Band besteht – neben einer Einleitung und einer kurzen Würdigung zum Schluss – aus zwei Hauptteilen. Im ersten Teil geht es um eine Beschreibung der Pflegeentwicklung/​Akademisierung in Deutschland bis in die 1980er Jahre, der zweite (deutlich umfangreichere) Teil besteht aus sieben Interviews mit den Pflegepionierinnen.

Der erste Teil beschreibt zentrale Entwicklungen in der deutschen Pflegediskussion, der Fokus liegt auf der akademischen Aus-, Fort- und Weiterbildung. Dabei wird deutlich, dass bereits bei der Etablierung der Schwesternschule der Universität Heidelberg die (konservativ ausgerichteten) Berufsverbände deutlich gegen diese Innovation opponiert haben. Und warum? Weil durch die „gehobene Schwesternausbildung“ das System der „Ganzheitspflege“ aus ihrer Sicht zu erodieren drohte und eine akademisch qualifizierte Pflege das christliche Verständnis einer guten Pflegepraxis in Frage stellen kann. Von Anfang an wurde damit die Professionalisierung, Akademisierung und Emanzipation des Pflegeberufs durch den eigenen Berufsstand (vor allem die entsprechenden Organisationen) problematisiert.

Ein zweiter Punkt ist wichtig, nämlich die Ambivalenz des Wissenschaftsrats (WR) und der Politik. Bereits bei dem Studiengang „Diplom-Mediziner“ an der Reform-Universität Ulm in den 1970er Jahren wurde zwar den Vorschlägen des WR nach Einrichtung von Studiengängen für nicht-ärztliche Tätigkeiten gefolgt. Auch wurde beim Fach „Krankenpflege“ ein Modellversuch refinanziert. Der WR sprach sich jedoch dagegen aus, die gesamte Fachausbildung quasi eine Etage höher zu fahren und eine Vollakademisierung (mindestens auf Bachelorniveau) ins Auge zu fassen. Damit wurde eine Heterogenität festgeschrieben, die sich auch später in Sonderwegen der Pflegebildung niederschlagen sollte.

Ein weiterer Teil der Akademisierung in Deutschland war der Modellstudiengang für Lehrkräfte der Kranken- und Kinderkrankenpflege an der FU Berlin (von der Altenpflege war keine Rede). Auch wenn dieser Ansatz nur wenige Jahre Bestand hatte, er war wichtig. Und er zeigte bereits eine Spur, die auch später bei den hochschulisch verankerten Bachelor- und Masterstudiengängen (auch auf Universitätsniveau) nach der Jahrtausendwende relevant wurden – die enge Anbindung an die Medizin. Nun, dies kann man in gewisser Weise auch als „Erbsünde“ kennzeichnen, denn letztlich ist hier die Machtverteilung zwischen der Medizin und der Pflege fortgeschrieben worden. Die Medizin hatte es immer schon verstanden die Caritas der Pflege (im Hinblick auf die ihr anvertrauten Patienten und Bewohner) in die Unterstützung des Arztes umzumünzen. So konnte sie letztlich dazu beitragen, dass die spärlichen Pflänzlein einer akademischen Bildung für die eigene Logik instrumentalisiert werden konnten. Dies lässt sich vor allem bei den akademischen Programmen der Pflegebildung beobachten, die an die Universitätskliniken angebunden sind.

Die auf Eigenständigkeit bedachten Initiativen und Projekte der Pflegeforschung werden in einem weiteren Kapitel dargelegt. Zu erwähnen ist natürlich die Gründung der Workgroup of European Nurse Researchers (WENR) im Jahre 1978, die Agnes-Karll-Stiftung für Pflegeforschung 1983 sowie das von Monika Krohwinkel u.a. verantwortete (und vom damaligen BMJFFG geförderte) erste große Pflegeforschungsprojekt in Deutschland – die Apoplexstudie. Im Rahmen des Forschungsvorhabens sollten neue Erkenntnisse zur Umsetzung des Pflegeprozesses generiert werden.

Auch die Gründung einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift – der „Pflege“ – war ein Meilenstein. Dadurch konnte der Diskurs auf eine andere Ebene verlagert und berufliche und akademische Veränderungen in der Pflegelandschaft substantiell reflektiert werden. Interessant sind natürlich auch die Hintergründe, die mit der Gründung der ersten wissenschaftlichen Fachgesellschaft in der Pflege verbunden waren, u.a. die Absurditäten bei der Namensgebung im Hinblick auf den Status einer Fachgesellschaft.

Den Abschluss dieses ersten Kapitels bilden einige Ausführungen zum Aufbau akademischer Strukturen in der Pflege seit den 1980er Jahren. Und hier wird ebenfalls ein sehr interessanter Punkt deutlich. Während man aus der Innenperspektive häufig die Erfolgsgeschichte kommuniziert und davon überzeugt war (und ist), dass die Akademisierung in der Pflege vor allem auf professionsbezogenen Aspekten beruht, so wird hier die Aussage getroffen, dass dieser Prozess „weniger auf inhaltlichen Überlegungen und Vorstellungen über eine Reform der Berufsausbildung der Pflegeberufe insgesamt beruhte, sondern vielmehr vor dem Hintergrund des Pflegenotstands vor allem von kurzfristigen Arbeitsmarkterfordernissen bestimmt war“ (S. 51). Es ging darum über neue Qualifizierungsstrategien und Karrieremöglichkeiten Pflegekräfte zu gewinnen und dauerhaft im Beruf zu halten. Mit Hilfe von Studiengängen sollten sie sich entsprechend qualifizieren. Aber das galt nur für einen Teilbereich der Pflege. Und die Einrichtung der Pflegestudiengänge erfolgte bedarfsgesteuert – ja nach Erfordernissen des Gesundheitssystems. Aber eben ohne systematische Verbindung zu den pflegerischen Erstausbildungen, zum Ordnungssystem der entsprechenden Weiterbildungen und – dies sei ergänzt – zum Wissenschaftsdiskurs der Pflegewissenschaft insgesamt.

Diskussion

Man muss also resümieren, dass die Akademisierung nur halb gelungen ist, nach wie vor erhebliche Herausforderungen bestehen und akademisches Wissen nur bruchstückhaft in die grundständige Pflegeausbildung eingeflossen ist. Mehr noch – der Mut für eine große Lösung im Sinne einer bereits oben erwähnten Vollakademisierung der Pflege (ähnlich wie beim Hebammenwesen) ist bislang nicht gelungen. Aber das waren nur die ersten 50 Seiten des Buches. Es folgen über 200 Seiten mit den Interviews der oben bereits genannten Pionierinnen. Dabei imponieren das Engagement und der z.T. unbändige Durchsetzungswille dieser ersten Generation, welche die Entwicklung maßgeblich gefördert hat. Sie hat viele Kämpfe durchgestanden, vieles erreicht. Vor allem für die jüngeren Pflegeakademiker/​innen und Pflegepraktiker/​innen ist es lohnend und meiner Auffassung auch unverzichtbar, sich mit dieser Geschichte der deutschen akademischen Pflegebildung intensiv zu beschäftigen. Denn vieles, was hier notiert, diskutiert und wertgeschätzt wird, gerät sonst in Vergessenheit.

Fazit

Was ist das Fazit und was lernen wir aus diesem Buch? Für alle, die sich mit der Pflege in Deutschland befassen und ernsthaft an der Akademisierung dieses Felds interessiert sind, ist dies eine Pflichtlektüre. Denn das Wissen und die Erfahrungen der Protagonisten der ersten Stunde sind wichtig, auch für den Blick in die Zukunft. An dieser Stelle möchte ich nicht über die Auswahl diskutieren (warum nur Frauen?), auch die methodische Aufbereitung der Interviews hätte noch Luft nach oben gehabt. Und schließlich hätte man noch kritischer die letzten Jahre der Akademisierung der Pflege in Deutschland skizzieren können. Aber das sind letztlich Marginalien, denn die Lektüre ist gewinnbringend und vor allem eins – mutmachend für einen langen Atem, den alle brauchen, die sich für die Professionalisierung, Emanzipation und Akademisierung des Pflegeberufs einsetzen.

Ein lesenwertes Buch, welches vor allem in den Pflegeausbildungen und Pflegestudiengängen thematisiert werden sollte. Dann kann auch gleichzeitig die Frage aufgeworfen werden, warum der Durchbruch nach über 30 Jahren Pflegeakademisierung in Deutschland nicht gelungen ist - und was dies möglicherweise mit der inhaltlichen Ausrichtung der akademisierten Pflegelandschaft hierzulande selbst zu tun hat.


Rezension von
Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Lehrstuhl für Gerontologische Pflege, Fakultät für Pflegewissenschaft, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Homepage www.pthv.de
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Zitiervorschlag
Hermann Brandenburg. Rezension vom 10.06.2021 zu: Ingeborg Löser-Priester: Pflegepionierinnen in Deutschland. Zur Entwicklung der Pflegewissenschaft. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2021. ISBN 978-3-86321-442-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28074.php, Datum des Zugriffs 17.06.2021.


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