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Christine Wimbauer: Co-Parenting und die Zukunft der Liebe

Cover Christine Wimbauer: Co-Parenting und die Zukunft der Liebe. Über post-romantische Elternschaft. transcript (Bielefeld) 2021. 310 Seiten. ISBN 978-3-8376-5503-2. D: 29,00 EUR, A: 29,00 EUR, CH: 35,70 sFr.

Reihe: X-Texte zu Kultur und Gesellschaft.
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Thema und Autorin

Co-Parenting als Familienkonzept breitet sich immer mehr aus und stellt die Versprechen des romantischen Liebesideals mitsamt seinem Normalfamilienmodell in Frage.

Der Grundgedanke hinter diesem Modell besteht darin, dass Frauen und Männer ein biologisches Kind haben und zusammen großziehen, auch wenn keine Liebesbeziehung vorliegt. Es handelt sich dabei also um ein alternatives Familienkonzept, bei dem Kinderwunsch und Liebesbeziehung unabhängig voneinander betrachtet werden. Eine Co-Elternschaft kann also auch dann vorliegen, wenn sich ein homosexuelles Pärchen entschließt, ein Kind mit einem Co-Vater oder einer Co-Mutter zu bekommen. Doch was bedeutet das für die Liebe selbst? Wird sie zerstört oder transformiert und öffnet sie sich für neue Familien- und Beziehungsformen? Neben Gegenwarts- und Zukunftsszenarien erkundet Christine Wimbauer auch die gesellschaftspolitischen Herausforderungen dieser Entwicklungen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben einem Vorwort in neun Kapitel unterschiedlicher Länge gegliedert.

Im „Vorwort“ wird hervorgehoben, dass der Fokus des Buches auf eine besondere Beziehungsform gelegt wird: auf zwei oder mehr Menschen, die sich nicht lieben, aber eine Familie gegründet haben.

Das erste Kapitel setzt sich mit dem Thema „Liebe, Familie und Co-Elternschaft: Eine Einleitung“ auseinander. Die romantische Liebe gelte heutzutage als einzig legitimer Grund für eine Paarbildung und sie gelte auch als Kitt. Die Liebe werde zur irdischen „Nachreligion der Moderne“ und zum Heilsversprechen in einer entzauberten, individualisierten Gesellschaft. Sie sei auch der Gegenpol zu den universalistischen Medien wie Macht, Geld und Besitz.

Kapitel zwei handelt „Vom Leitbild oder (Leidbild) der romantischen Liebe und Zweierbeziehung“. Die romantische Liebe verspreche den Ausgang aus der existentiellen Sinnlosigkeit allen menschlichen Daseins. Sie sei eine zentrale Quelle von intersubjektiver Anerkennung, Bedürfniserfüllung, Sorge und Care, von Zugehörigkeit und Geborgenheit. Doch immer deutlicher würden die Menschen in diesem Modell frustriert und überfordert. Die Summe, die der Partner einlösen solle, wäre unmöglich leistbar. Er soll unser Geliebter, unser bester Freund, Betreuer, Finanzberater, Erzieherkollege, Fahrer oder Psychotherapeut sowie EDV-Retter sein. Die Tragik der Liebe sei, dass die Einzelnen, die letztlich stets füreinander da sind, doch unzugängliche Einzelwesen bleiben (S. 49). Sie scheiteren an den Untiefen des Anderen. Die romantische Zweierbeziehung könne in einer funktional differenzierten Gesellschaft die in sie gelegten Ansprüche nicht erfüllen.

Das dritte Kapitel widmet sich dem Thema „Liebe und Elternschaft in der modernen Kleinfamilie – und deren Wandel“. Referenzmodell von Familie sei die bürgerliche Kleinfamilie bzw. die moderne Kernfamilie, die nahezu monopolhafte normative Gültigkeit besitze. Idealerweise werde ein Kind von beiden Eltern gezeugt, von der Mutter ausgetragen, sodass biologische, soziale und rechtliche Elternschaft eine Einheit bilden. Die Kleinfamilie stelle in Aussicht Ort der Erholung und Gemeinsamkeit. Sie imaginiere ein sicherer Hafen zu sein in einer ansonsten kalten, herzlosen Welt.

Mit „Co-Parenting: Alternative zur Normalfamilie oder alternative Normalfamilie?“ ist das folgende Kapitel überschrieben. Der Begriff wird nicht einheitlich definiert. In diesem Buch werden darunter zwei oder mehr Menschen, egal welchen Geschlechts, die bewusst eine Familie gründen und gemeinsame Elternverantwortung übernehmen, ohne dass sich die Eltern wechselseitig lieben, verstanden.

Das Thema „Vor der Familiengründung: Beweggründe, Hoffnungen und Ängste“ wird im fünften Kapitel in den Blick genommen. Es sind Familiengründungen, die in der Regel geplant seien, bei denen der Wunsch nach eigenen Kindern bestehe, wobei zahlenmäßig mindestens zwei Eltern existieren sollen (S. 101). Die Arbeit solle möglichst gleich aufgeteilt werden.

Mit „Versprechen und Emanzipationspotenzials des unromantischen Co-Parenting“ beschäftigt sich das folgende sechste Kapitel. Die Ablösung der romantischen Zweierbeziehung durch liebesfreie Elternschaft, durch freundschaftszentrierte Lebensweisen oder gleichgeschlechtliche Beziehungen werde durch die Abschaffung der bekannten Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern möglich. Die Beziehung sei emotional weniger aufgeladen, sodass es weniger Streit- und Konfliktpotenzial gäbe. Damit ergebe sich die Chance auf weniger Abhängigkeiten und eine starke Orientierung auf die Kinder. Es werde die gesamte Lebensplanung als eigene und nach den eigenen Vorstellungen zu gestaltende angestrebt. Der Abstand und der Privatraum sei viel größer als in einer Paarbeziehung, vollends wenn kein gemeinsamer Haushalt bestehe.

Im Kapitel sieben „Herausforderungen und strukturelle Erschwernisse“ geht es u.a. um fehlende Vorbilder bei Co-Parenting und auch darum wer welche Rolle wer einnehmen soll und wer soll sich wie intensiv woran beteiligen? Vor ungleichen Machtverhältnissen und Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern seien auch Co-Parenting-Konstellationen nicht geschützt. Manche würden weniger tragen von der anderen Last und meist sind es dann doch die Frauen, die sich darum kümmerten. Meist seien es auch Frauen, die ihre Arbeitszeit kürzen, um sich um die Kinder zu sorgen, für Väter ist dieser Fakt meist undenkbar (S. 167).

Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit „Co-Parenting jenseits romantischer Liebe: Same, same! …but different“. Ein zentrales Ergebnis des Buches ist: Es kommt durch Co-Parenting nicht zu einer Zerstörung von Familie und Verbindlichkeiten. Es fehle in der Familie vielleicht an romantischer Elternliebe, keinesfalls aber an der Liebe zum Kind. Damit sind sie gleich zu anderen Familien, differenziert ist dagegen der Weg zur Familie, die nicht über eine Liebespaarbeziehung stattfindet und sehr lange vorher geplant werden muss. Co-Elternschaft erlaube mehr Menschen als bisher, eine Familie zu gründen.

Das letzte, neunte Kapitel, ist den „Alternativen zur romantischen Liebe? Ein Ausblick“ gewidmet. Poly-Amorie scheint Vorteile zu haben und zwar mit Blick auf Zuverlässigkeit, Verantwortungsübernahme und Sorge für die Kinder. Allerdings fehlten hier die rechtliche Absicherung und es gebe soziale Ausgrenzung. Es werden im Folgenden einige mögliche Familienkonstellationen beschrieben, angefangen vom Matriarchat bis hin zu pluralen Lebensformen. So werde die Zukunft zeigen, in welche Richtung wir uns und unsere gesamten Beziehungen bewegen.

Diskussion

Die Publikation ist wissenschaftlich tiefgründig, beleuchtet umfassend alle Probleme in Partnerschaften und ist zudem noch interessant und in vielen Argumentationsketten neuartig. Ein Buch, dass uns viel über unsere gegenwärtige Liebe und Beziehungen zu sagen hat und das uns Anregungen zur Selbstreflexion gibt.

Teilweise geht mir die Publikation aber auch zu sehr ins Detail, wodurch Wiederholungen von bereits Gesagten unausweichlich sind. Des Weiteren lässt es sich teilweise schlecht lesen, weil in den Sätzen immer wieder Studien und andere Verfasser zitiert werden, sodass der Lesefluss gestört wird. Interessant sind die Auszüge aus Interviews, die aber teilweise zu auszugsweise wiedergegeben werden, sodass die Aussagen aus dem Zusammenhang fallen und manchmal schwer nachzuvollziehen sind.

Fazit

Es ist eine theoretisch tiefgreifende psychologisch-soziologische Analyse über gelungene und negative Beziehungen in Familien und die Sorge um die Kinder. Eine äußerst empfehlenswerte wissenschaftliche Schrift, die uns auch zum Nachdenken über unsere eigenen Beziehungen zu den Partnern und Kindern bewegt.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 11.05.2021 zu: Christine Wimbauer: Co-Parenting und die Zukunft der Liebe. Über post-romantische Elternschaft. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5503-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28076.php, Datum des Zugriffs 27.10.2021.


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