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Heather Brown: Geschlecht und Familie bei Marx

Rezensiert von Christopher Grobys, 08.02.2022

Cover Heather Brown: Geschlecht und Familie bei Marx ISBN 978-3-320-02375-1

Heather Brown: Geschlecht und Familie bei Marx. Karl Dietz Verlag (Berlin) 2021. 264 Seiten. ISBN 978-3-320-02375-1. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Theorie
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Thema

Ein weit verbreiteter Vorwurf der feministischen Theorie lautet, dass die Marxsche Gesellschaftstheorie Geschlecht kategorial aussparen oder nur nebensächlich behandeln würde. Auch wenn diese Diskussion darüber nicht neu ist, sondern sich über Dekaden erstreckt, versucht Brown das Verhältnis durch ihre Studie neu zu bestimmen und den genannten Vorwurf zurückzuweisen. In einer akribischen Durchsicht der gesamten Schriften von Marx verdeutlicht die Autorin, dass dieser zwar keine vollendete Theorie zu Geschlecht konzipierte, jedoch wesentliche Kategorien in seinen Überlegungen entwickelte, welche wertvolle Hinweise für eine marxistisch-feministische Gesellschaftstheorie enthalten.

Zur Autorin

Heather Brown ist Assistenzprofessorin für Politikwissenschaft an der Westfield State University in Massachusetts. Zu ihren Forschungsinteressen zählen modernes und zeitgenössisches Denken, mit besonderem Fokus auf die intersektionalen Überschneidungen von gender, race and class.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist insgesamt in 7 Kapitel untergliedert. In der Einleitung (S. 9–20) diskutiert Brown  den Forschungsstand von verschiedenen Perspektiven Marxismus und Feminismus fruchtbar miteinander zu verbinden und offenbart anschließend ihr grundlegendes Erkenntnisinteresse ihrer Studie: Was hat Marx der feministischen Heute noch zu sagen? Abschließend erläutert den Aufbau des Buches.

Im zweiten Kapitel (S. 21–67) arbeitet Brown anhand von vier Frühschriften von Marx heraus, dass dieser nicht nur die Arbeiterklasse als soziales Subjekt, sondern auch Frauen und deren entmenschlichte Lage seiner Untersuchungen im Blick hatte. Zu den untersuchten Frühschriften zählten die Manuskripte von 1844, Die Deutsche Ideologie, Die Heilige Familie und Peuchot: Vom Selbstmord. Brown schlussfolgert aus ihrer Auseinandersetzung mit diesen Texten, dass Marx sich schon früh, wenn auch marginal, mit Geschlecht befasste. Dies tat er gerade im Zusammenhang seinen Überlegungen zur Entfremdung. Schon in diesen Frühschriften wird laut Brown Marx´s dialektisches Verständnis von Natur, Gesellschaft und Arbeit deutlich, woraus sie konkludiert, dass seine Gesellschaftstheorie fruchtbar mit feministischen Analysen verbunden werden könne. Außerdem konstatiert Brown einerseits, dass Marx Frauen in seinen Frühschriften nicht als Subjekte in einer sozialen Position der totalen Unterdrückung verortete, sondern ihnen zugleich eine Form von Subjektivität, wenn auch nicht revolutionärer Art zusprach. Andererseits macht sie auch auf ein analytisches Defizit von Marx zu jener Zeit aufmerksam: „An diesem Punkt ist Marx nicht in der Lage, in den Frauen ein kollektives historisches Subjekt zu sehen“ (66). Dieses vorläufige Fazit wird sich jedoch im Verlauf der Studie noch verändern.

Im dritten Kapitel (S. 68–118) beschäftigt sich Brown mit weiteren vier später geschriebenen Schriften von Marx und Engels. Diese umfassen die Grundsätze des Kommunismus von Engels, das Manifest der Kommunistischen Partei von Marx und Engels und dem ersten und dem dritten Band des Kapitals. Brown versucht in diesem Kapitel zu zeigen, „[…] das Marx die Unterdrückung der Frauen nicht als eine gesonderte Frage oder als zweitrangig für die Absicherung des kapitalistischen Systems betrachtet hat“ (S. 67), sondern dass die Stellung der Frauen für die Arbeiterbewegung von entscheidender Bedeutung sei, „[…] da Frauen unmittelbar mit den Männern um Arbeitsplätze konkurrierten und deutlich niedrigere Löhne erhielten“ (ebd.). Deshalb müssen Klassenkampf und Frauenunterdrückung zusammengedacht, untersucht und praktisch bearbeitet werden, um eine gesellschaftliche Emanzipation zu ermöglichen. Auch in diesen Schriften von Marx erkennt Brown Marx dialektischen Überlegungen zu Natur, Gesellschaft und Arbeit und seinem Beginn diese Verhältnis in seiner Wechselwirkung zu betrachten. Damit schafft er einen kaum weiter ausgearbeiteten Rahmen für ein feministisches Verständnis dieser Bereiche. Zusammenfassend schlussfolgert Brown folgendes für das zweite Kapitel ihrer Studie: „In seiner Arbeit konzentriert sich Marx zwar überwiegend auf die politische Ökonomie, ignorierte die Stellung der Frauen aber nicht völlig“ (S. 117). Er nahm empirisch die Veränderung von Familienstrukturen, durch die Veränderung der materiellen Verhältnisse durch die Entwicklung des Kapitalismus war. Auch wenn die dadurch einsetzende Auflösung der bürgerlichen Familie überschätzte, so müsse man Marx positiv in Rechnung stellen, dass er einer der wenigen Intellektuellen seiner Zeit war, welcher den historischen Charakter der Familie erkannte. Durch eine solche Perspektive wäre Familie auch anders gestalt- und konzipierbar, als sie in der bürgerlichen Gesellschaft erscheine. Brown merkt in diesem Kapitel jedoch ebefalls an, dass Marx zu unkritisch mit der Rolle der Frau als Kinderbetreuer:innen im Kapital umging. Indirekt legte er mit seinem Hauptwerk Kritik der politischen Ökonomie den Grundstein der feministischen Kritik der Abwertung der Arbeit von Frauen im Kapitalismus und legte damit offen, dass im Kapitalismus und in der klassischen politischen Ökonomie nur die produktive Arbeit – als (mehr-)wertschöpfende Tätigkeit – eine Rolle spiele und andere Formen des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur dadurch objektiv abgewertet werden.

Im vierten Kapitel (S. 119–157) untersucht Brown die politischen Schriften von Marx von den 1850ern bis zu seinem Lebensende. Anhand dieser arbeitet sie heraus, dass Marx die Unterdrückung von Frauen ernst nahm und ihre Situation zumindest versuchte durch Theoriearbeit positiv zu beeinflussen. Ein besonderer historischer Eckpunkt für Marx in puncto Frauenunterdrückung sei die Erfahrung der Pariser Kommune gewesen. Dieses empirische Material hatten für Marx richtungsweisende Auswirkungen für seine theoretischen sowie seine politisch-praktischen Aktivitäten: Brown beschreibt dies folgendermaßen: „Seine Position änderte sich jedoch im Laufe der Zeit erheblich, als sich Frauen stärker in der Arbeiterbewegung engagierten“ (S. 157). Marx setzte sich im Anschluss an die Erfahrungen der Pariser Kommune und den dort formulierten Forderungen der beteiligten Frauen dafür ein, dass diese Forderungen auch in das Programm der französischen Arbeiterpartei und in den Sektionen der Ersten Internationale aufgenommen werde.

Ab dem fünften Kapitel beginnt sich Brown mit den Schriften des älteren Marx auseinanderzusetzen. Kern dieses Abschnitts ist der Vergleich der Marxschen Exzerpte zu Lewis Henry Morgans Urgesellschaft mit der von Engels veröffentlichten Schrift Der Ursprung der Familie. Brown zeigt anhand des Vergleichs folgendes: „Engels meinte, die Einführung des Privateigentums habe die Bedingungen für die Unterdrückung der Frauen geschaffen. Marx vertrat jedoch eine viel nuanciertere Argumentation, in der das Eigentum nicht die einzige wichtige Variabel war und in der die Frauen auch nach dem Sturz des Mutterrechts Subjekte der historischen Entwicklung blieben“ (S. 203). Marx' Überlegungen und Analyserahmen sei komplexer, vielschichtiger und von mehreren Faktoren beeinflusst, als die von Engels, der zu einem unilinearen und monokausalen Rahmen neigte. Marx räumte Frauen laut Browns Studie mehr Handlungsmöglichkeiten und somit Veränderungspotenziale ein, wohingegen Engels eher auf ökonomische und technologische Aspekte hinweise, um Potenziale für transformative Veränderungen in puncto Geschlecht und Familie zu erklären und zu verorten.

Im sechsten Kapitel (S. 207–243) untersucht Brown explizit Marx' Exzerpthefte zu Morgans Urgesellschaft und eine Vielzahl anderer anthropologischer Quellen, mit denen er sich im fortgeschrittenen Alter befasste. Die Autorin fokussiert in diesem Kapitel vorrangig die Exzerpte von Ludwig Langes Römische Altertümer und Henry Sumner Maines Lectures on the Early History of Institutions, weil diese in der von Engels veröffentlichten Schrift Der Ursprung der Familie nicht berücksichtigt wurden. Brown untersucht explizit diese Exzerpte mit der Absicht, „[…] die allgemeine Richtung, in die sich das marxsche Denken in Bezug auf Geschlecht und Familie bewegte zu verdeutlichen“ (S. 207). Für sie werden zwei wesentliche Aspekte in diesen Exzerpten deutlich: Einerseits erkannte Marx, dass Frauen immer schon eine aktive Rolle im historischen Prozess der Weltgeschichte einnahmen und nicht nur in einer unterdrückten Rolle der Handlungsunfähigkeit verblieben. Darüber hinaus betrachtete er die soziale Rolle von Frauen und Familie nicht als statisch, sondern betonte ihren historischen und damit veränderbaren Charakter. Außerdem deuteten Marx Überlegungen in diesen Exzerptheften darauf hin, nicht nur die Makroebene, sondern auch die Mikroebene dialektisch in Analyse und Praxis zu verbinden. Marx Exzerpte von Lange, welche im Vorfeld ihrer Untersuchung noch in keine Sprache veröffentlicht wurden, geben darüber hinaus weitere wichtige Einblicke in seine Überlegungen zur patriarchalen Familie. Brown zeigt unter anderem anhand dieser Schriften, dass Marx weder Geschlecht noch Klasse als soziale Kategorien privilegierte, sondern beide gleichrangig in seine Überlegungen mit einbezog. Sie konstatiert: „Derartige Überlegungen sind vor allem deshalb wichtig, weil sie offensichtlich zeigen wie Marx Klasse und Geschlecht als grundlegend durch parallele historische Entwicklungen miteinander verbunden begreift. Und in diesen Exzerptheften scheint Marx weder Klasse noch Geschlecht in seiner Analyse zu privilegieren“ (S. 243).

Im abschließenden siebten Kapitel (S. 244–256) fasst Brown ihre Ergebnisse zusammen und fragt nach Möglichkeiten diese für die gegenwärtige Theorie und Praxis fruchtbar zu machen. Laut ihr hat sich Marx viel umfassender und aufschlussreicher mit Geschlecht und Familie befasst als bisher angenommen wurde. Er war sich im Bewusstsein darüber, dass eine Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse nur mit einer Umwälzung der Beziehungen zwischen den Geschlechtern gelingen könne. Positiv resümiert Brown folgende Aspekte von Marx Überlegungen zu Geschlecht und Familie: Erstens hierarchisiere er nicht eine Veränderung der ökonomischen Basis über das Etablieren von neuen sozialen Beziehungen. Nur beides zusammen wäre als revolutionärer Akt zu verstehen. Zweitens betrachtete Marx Geschlecht als dynamische, nicht als statische Kategorie und verbinde den Dualismus Natur und Gesellschaft dialektisch miteinander. Drittens erkannte er, dass die Unterdrückung von Frauen kein natürliches, sondern gesellschaftliches Phänomen sei. Nicht nur Technologie würde dem Abhilfe schaffen. Frauen müssten selber daran arbeiten, ihre Situation zu verbessern. Viertens scheint Marx im Laufe seines Studien- und Lernprozesses seine Position, nach empirischen Erkenntnissen, zum Beispiel der Pariser Kommune, geändert und weiterentwickelt zu haben. Fünftens erkennt Brown Hinweise darauf, dass Marx nicht nur in der Arbeiterklasse ein revolutionäres Subjekt erkannte, sondern auch andere soziale Positionen – unter anderem Frauen – als Kräfte des gesellschaftlichen Wandels betrachtete. Sechstens stellt Brown einen wesentlichen Unterschied zwischen Engels, welcher eher technologisch und ökonomisch argumentierte und Marx heraus, der einen stärker dialektischen Ansatz verfolgte.

Zum Abschluss der Studie konkludiert die Autor:in Aspekte, inwiefern die Marxschen Überlegungen auch für aktuelle gesellschaftstheoretische Debatten fruchtbare Anknüpfungspunkte bieten könnten. Ersten bestehe eine Stärke von Marx darin, weder Klasse noch Geschlecht zu hierarchisieren. Es sei daher laut Brown möglich „[…] feministische Einsichten in den Marxismus einzubeziehen, um eine einheitliche Theorie der Geschlechter- und Klassenunterdrückung zu formulieren, die keiner dieser beiden Dimensionen den Vorrang vor der anderen einräumt“ (S. 254). Zweitens hebt sie Marxsche methodische Anwendung eines dialektischen Materialismus hervor, wodurch er in der Lage war dynamische Kategorien durch eine dialektische Analyse der empirischen Welt zu entwickeln. Diese methodische Verfahren „[…] könnte eine Bereicherung für den Feminismus sein“ (ebd.), konstatiert Brown, weil dadurch die biologistische und deterministische Argumentation einiger radikaler und sozialistischer Feminist:innen vermieden werden könne, ohne in einen Relativismus zu verfallen, wie er für manche poststrukturalistisch-konstruktivistische Feminist:innen typisch ist. Marx Stärke bestünde laut Brown darin Natur und Gesellschaft sowie die Vermittlung beider – die Arbeit – in ihrer dialektischen Wechselseitigkeit zu betrachten.

Diskussion

Beim Lesen des Buches ist der sinnhaft strukturierte Aufbau positiv hervorzuheben. Brown beschreibt zur Einführung in jedes Kapitel, welche Primärquellen sie verwendet und wie sie konkret vorgeht. In ihrer Ergebnisdarstellung diskutiert sie darüber hinaus ihre Ergebnisse mit anderen Quellen, womit sie ihre weitreichende Literaturdurchsicht erkennen lässt. Eine Zusammenfassung am Ende jeden Kapitels ermöglicht den Leser:innen nochmals die Kernerkenntnisse nachzuvollziehen und unterstützt das zusammenhängende Verständnis der gesamten Studie. Das Nutzen von langen Original-Zitaten von Marx als auch von anderen Autor:innen stellt keine Herausforderungen beim Lesen, sondern eine wahre Bereicherung dar. Dadurch wird es den Leser:innen möglich die feinen analytischen Überlegungen von Brown als auch von Marx nachzuvollziehen. Zu Beginn des Buches und am Ende hat Brown viele Wiederholungen eingebaut. Sie rekurriert darin mehrmals auf andere marxistisch-feministische Autor:innen. Diese Wiederholungen sind hilfreich, weil damit ihre Erkenntnisse mit dem vorherigen Forschungsstand vergleichbar werden und die Differenzen und Gemeinsamkeiten deutlich hervorzuheben, ohne mit dem weitreichenden Forschungsfeld explizit vertraut zu sein.

Inhaltlich schafft es die Autorin aufzuzeigen, dass Marx und seine Schriften kein abgeschlossenes Forschungsprojekt darstellen und dennoch neue interessante und politisch relevante Erkenntnisse beinhalten. Für die Marx-Engels-Forschung aus einer feministischen Perspektive schließt Brown damit eine Lücke und schaffe den feministischen Diskurs der Gegenwart durch Erkenntnisse und Perspektiven zu bereichern. Sie knüpft damit an dem gegenwärtigen Diskurs um eine Erneuerung eines materialistischen Feminismus an, welcher nicht nur auf Mikroebene verharrt, sondern gleichzeitig wieder die Makroebene in das Zentrum einer feministischen Kritik rückt (vgl. Beier/​Haller/​Haneberg 2018: 8 ff.). Diese Gleichzeitigkeit – die dialektische Verbindung von Mikro- und Makroebene – die Brown auch bei Marx erkannte, lässt sich mit anderen revolutionären feministischen Überlegungen anknüpfen und fundiert diese. Ein Beispiel dafür ist das von Adamczak 2017 veröffentlichte Buch Beziehungsweise Revolution. In diesem konstatiert sie, dass nicht nur eine Veränderung der makro-ökonomischen Struktur, sondern auch andere (soziale) Beziehungsweisen entwickelt und etabliert werden müssten, um die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend umzuwälzen. Adamczak bezieht sich dabei auf Marx Kategorie der Produktionsweise, an dem sie den Begriff der Beziehungsweise fruchtbar anknüpft. Brown zeigt mit ihrer Studie eindrucksvoll, dass auch schon bei Marx solche Überlegungen einer dialektischen Verbindung materiellen und sozialen Beziehungen existierten.

Als ein weiteres Beispiel Gagos aktuelle Schrift Für eine feministische Internationale. Wie wir alles verändern angeführt werden. In ihren acht Thesen zur feministischen Revolution stellt Gago deutlich heraus, dass feministische Massenbewegung (zum Beispiel Ni Una Menos) es gegenwärtig schaffen eine materialistische Kritik an Gewaltverhältnissen zu formulieren, auf die Straße zu tragen und somit auch versuchen die gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrer Materialität zu transformieren. Dadurch werde laut Gago die Kritik der politischen Ökonomie erweitert und ausgebaut (vgl. Gago 2021: 273 ff.). Dieses praxisorientierte Anliegen der feministischen Massenbewegungen wird von Brown´s Erkenntnissen theoretisch untermauert und verbindet damit die Theorie und Praxis der Vergangenheit und der Gegenwart. Dadurch kann Brown´s Studie die materialistisch-feministischen Diskurse gegenüber dem liberalfeministischen Mainstream stärken (vgl. Beier/​Haller/​Haneberg 2018: 8 ff.)

In ihrer Studie diskreditiert sie außerdem die Verkürzung des Marxschen Materialismus auf einen ökonomischen Determinismus und betont besonders die schon erwähnten dialektischen Feinheiten und dynamischen Entwicklungen in seinen Überlegungen und Untersuchungen. Sie rückt damit den dialektischen Materialismus zurück ins wissenschaftliche Rampenlicht und zwar nicht nur für die feministische, sondern auch für die Gesellschaftstheorie und Sozialforschung im Allgemeinen. Gerade für letzteres wäre ein solcher dialectical-materialistic-turn wünschenswert, um dem vorherrschenden Positivismus ein kritisches und gesellschaftsveränderndes Korrektiv gegenüberzustellen.

Fazit

Wer Marx schon einmal im Original gelesen hat, wird vermutlich die Schwierigkeiten kennen seinen komplexen und dialektischen Gedankengängen zu folgen. Um so bemerkenswerter ist deshalb Browns Studie. Sie schafft es die Marxschen Überlegungen zu verbinden, zu abstrahieren und verständlich für die Leser:innenschaft darzustellen. Außerdem gelingt ihr ein erkenntnisreicher Spagat zwischen Wiederholung und Erweiterung. Einerseits scheute sie sich nicht davor die verstaubten Schriften von Marx ein erneutes Mal strukturiert durchzuschauen. Andererseits betrat sie Neuland, indem sie vormals noch nicht veröffentlichtes Material von ihm in ihre Untersuchung mit einbezog. Deshalb ist es ihr möglich ein nuanciertes und soweit wie möglich konsistentes Porträt, aus den fragmentierten Überlegungen von Marx in diesen Themenbereichen zu zeichnen. Mit der Analyse des gesamten Materials trägt Brown einerseits zu einer wertvollen Erweiterung der Marx-Engels-Forschung in puncto Geschlecht und Familie bei. Browns Ergebnisse stellen andererseits auch eine Bereicherung für die feministische Theorie und Praxis dar, weil diese an bisheriger feministischer Theorie anknüpfen, diese erweitern, vorherrschende Positionen kritisieren oder widerlegen. Gerade im Kontext der aktuellen globalen feministischen Massenbewegungen könnten ihre theoretischen Erkenntnisse den Nährboden dieser Praxis erweitern und dafür richtungsweisend sein.

Literatur

Adamczak, B. (2019): Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende. 4. Auflage. Berlin: Suhrkamp Verlag.

Beier, F./Haller, L. Y./Haneberg, L. (2018): Plädoyer für einen materialistischen Feminismus. Münster: UNRAST-Verlag.

Gago, V. (2021): Für eine feministische Internationale. Wie wir alles verändern. Münster: UNRAST-Verlag.

Rezension von
Christopher Grobys
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Zitiervorschlag
Christopher Grobys. Rezension vom 08.02.2022 zu: Heather Brown: Geschlecht und Familie bei Marx. Karl Dietz Verlag (Berlin) 2021. ISBN 978-3-320-02375-1. Reihe: Theorie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28079.php, Datum des Zugriffs 27.11.2022.


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