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Dominik Farrenberg, Marc Schulz: Kinder- und Jugendhilfe

Cover Dominik Farrenberg, Marc Schulz: Kinder- und Jugendhilfe. Arbeitsfelder und ihre Rahmungen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. 176 Seiten. ISBN 978-3-7344-1182-3. D: 9,90 EUR, A: 19,50 EUR.

Reihe: Grundlagen Sozialer Arbeit.
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Thema

Die Autoren widmen sich sehr detailreich der Frage der Kinder- und Jugendhilfe. Einerseits erörtern sie den Ist-Stand der Kinder- und Jugendhilfe in Theorie und Praxis, indem sie deren Anspruch sowie Arbeitsfelder aufzeigen und andererseits stellen sie die juristische Kodifizierung mit ihrem pädagogischen Anspruch im Sozialgesetzbuch VIII vor. Historische wie gesellschaftliche Hintergründe fließen partiell ein.

Autoren

Die Autoren, Dominik Farrenberg und Marc Schulz, sind beide Hochschulprofessoren. Farrenberg lehrt an der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit, Schulz an der Technischen Hochschule Köln Kindheits- und Familiensoziologie.

Aufbau

Der Aufbau fällt klassisch aus. Nach einem Problemaufriss zur Kinder- und Jugendhilfe (institutionelles Aufwachsen) folgt deren diskursive Rahmung (gesellschaftliche Herausforderungen). Die historische Entwicklung mit zeitgeschichtlich bezogenen Zielen und Aufgaben sowie das Verhältnis von freien zu öffentlichen Trägern und weiteren Rahmenbedingungen folgen. Vor den fünf Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe erörtern die Autoren deren Strukturierung und Systematisierung. Sozialpädagogische Arbeitsformen stehen am Ende des Hauptteils. Ein Ausblick zu Entwicklungen, Herausforderungen und Spannungsfeldern schließt die Publikation. Hervorzuheben ist, dass den Kapiteln jeweilige Zusammenfassungen angehängt sind, die dem Anspruch des Buches, Grundlagenwissen zu Beginn des Studiums für Soziale Arbeit zu liefern, entsprechen. 

Inhalt

Die Kinder- und Jugendhilfe umfasst ein breites Feld an (sozial-) pädagogischen Angeboten und diversen Hilfestellungen für Kinder- und Jugendliche und deren Familien. Institutionelle Begleitung und institutionelles Aufwachsen umschließt ein enormes Kompendium von Sozialer Arbeit, das dennoch im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe vieler Kooperationen in Praxis und Theorie bedarf. Multiprofessionelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit charakterisieren alltägliche Herausforderungen in inhaltlicher wie methodischer Hinsicht.

Gesellschaftlich hervorgebrachte soziale Probleme, die über Sozialisation, Identität in einer von Pluralisierung und Individualisierung getragenen Gesellschaft in einem schiefen, ungerechten und ungleichen Diskurs entstehen und virulent werden, finden insbesondere in der Sozialen Arbeit – hier der Kinder- und Jugendhilfe – ihr Gegenüber. Benachteiligungen, Spannungsverhältnisse in Bezug auf Integration und Inklusion, Kinder-, Elternrechte und Kindeswohlgefährdung gehören zu den großen Herausforderungen und dem Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe.

Der historische Blick der Publikation reicht von der Bewahranstalt bis zur heutigen Subjektorientierung. Die Autoren ziehen u.a. Gertrud Bäumer heran, die 1929 Sozialpädagogik als den erzieherischen Bereich bezeichnet, den weder Schule noch Eltern abdecken (s. S. 52). Den institutionellen Schlusspunkt setzt derzeit das Sozialgesetzbuch VIII (KJHG). Geschichtlich gesehen gibt es die heutige Vorstellung zu Kindheit seit etwa 1900. Die Schwedin Ellen Kay formulierte in dem damals bahnbrechenden Buch „Das Jahrhundert des Kindes“ (Berlin 1905) „(…) Das Recht des Kindes, seine Eltern zu wählen“ (S. 1–60). Diese Herausziehung beleuchtet, dass Kindheit ganz anders aussah, völlig fremd zur heutigen steht, sich permanent im Wandel befindet und entsprechend politisch andere juristische Kodifizierungen bekommt. Der Grundgedanke – vereinfacht formuliert vom Objekt zum Subjekt Kind – findet sich bei Farrenberg und Schulz berücksichtigt.

Das Handlungsfeld der Kinder- und Jugendhilfe reicht von niedrigschwelligen bis zu vollstationären Angeboten. Der lebensweltorientierte Ansatz von Thiersch nimmt die Angebote auf der niedrigschwelligen Seite in den Blick, während beispielsweise Heimunterbringung die zumindest temporär positive Negation der alten Lebenswelt bedeutet. Die differente Intensität des Sozialpädagogischen soll der biographischen Situation der Kinder und Jugendlichen entsprechen. Monetäre Aspekte treten dennoch immer wieder bei Kommunen in den Fokus.

Die Struktur des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (SGB VIII) fußt auf fünf großen Arbeitsfeldern: Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit, Förderung der Erziehung in der Familie und Frühe Hilfen, Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung und Hilfen zur Erziehung. Diese Arbeitsfelder scheinen im Buch immer wieder exemplarisch durch (z.B. in der Rechtssystematik aufgrund gesellschaftlichen Wandels). Auch die Frage der Intensität der möglichen Intervention findet sich in der Ausformulierung der Arbeitsfelder wieder; ein Schaubild zu den fünf Arbeitsfeldern (S. 121) verschafft eine pointierte Orientierung.

Arbeitsfeldübergreifend stellen die Autoren fest, dass die Prinzipien Beteiligung, Aushandeln und Befähigung die drei großen Arbeitsformen (neben weiteren arbeitsfeldbezogenen) professionelles sozialpädagogisches Handeln umschließen. Relational sind sie inhaltlich zwischen Verhalten und Verhältnissen zu sehen. Ein hoher ethischer Anspruch, der sich an den Kinder- und Jugendrechten der UN orientiert, bildet die Maxime.

Die Autoren gehen davon aus, dass zwar gesellschaftlicher Wandel (Digitalisierung, Corona …) neue Herausforderungen auch in der Kinder- und Jugendhilfe hervorbringt, dass jedoch die Grundsystematik des SGB VIII in den nächsten Jahrzehnten bestehen bleiben wird.

Dem Textkorpus haben die Autoren ein Glossar und eine Literaturliste angehängt.

Diskussion

Die Kinder- und Jugendhilfe nehmen Farrenberg und Schulz gelungen in den Blick, lassen sie trotz der Fülle verständlich werden. Der Anspruch eines sozialpädagogisch orientierten Gesetzes (SGB VIII) mit der Praxis der Sozialen Arbeit findet eine gelungene Aufnahme. Die Arbeitsfelder im SGB VIII werden transparent, Angebot, Intervention und Logik ergänzen die Plastizität. Verhalten der Kinder und Jugendlichen sowie die Verhältnisse, aus denen dieses resultiert, finden bezüglich des Sozialgesetzbuchs eine treffende Zuordnung, doch – obwohl die Subjekt-Objekt-Relation eine inhaltliche Aufnahme erfährt – bleibt die subjektive Seite der Jugendlichen eher stumpf. Ein Blick seitens der Kinder und Jugendlichen auf gesellschaftliche Verhältnisse und bspw. Ihre Frage der Partizipation unterbleibt. Deutlich wird dieses Fehlen des subjektiven Blickes seitens der potentiellen Adressat*innen bei gesellschaftlichen Änderungen. Digitalisierung und Corona haben Gewinner*innen und Verlierer*innen noch weiter auseinanderdriften lassen. Gesellschaftlich erwartete ökonomisch relevante und bedingte Fähigkeiten und Fertigkeiten entfernen sich mehr und mehr den informellen Lernfeldern marginalisierter Bevölkerungskreise, sodass der dem SGB VIII innewohnende Gedanke des Förderns noch deutlich realitätsferner wird, weil entsprechend notwendige Kapitalien nie entwickelt werden konnten. Sozialisation findet parallelisiert statt, sodass Erwartungen an Kultur und zu Kulturtechniken fremd ausfallen und nur schwer übersetzt werden können. Der Kinder- und Jugendhilfe soll welche (?) Gesellschaftlichkeit herstellen. „Zaubern“ (LF) kann sie nicht. Kurzum: Der Ansatz von Farrenberg und Schulz, Arbeitsfelder und Rahmungen der Kinder- und Jugendhilfe darzulegen, ist bis auf einen Rahmen, den subjektiven Blick der Jugendlichen, gelungen. Verteidigend für die Autoren sei angemerkt, dass die geäußerte Kritik fast nirgends in der einschlägigen Literatur und Diskussion eingelöst wird. Das soll allerdings keine Entschuldigung sein. 

Fazit

Die Kinder- und Jugendhilfe findet in dem Buch von Farrenberg und Schulz bis auf einen Blickwinkel eine sehr gelungene Aufnahme. Es liegt ein gut zu lesender Text vor, der um Schaubilder ergänzt, inhaltlich breit aufgestellt und logisch aufgebaut ist. Ebenso entspricht er wissenschaftlichen Ansprüchen für Studierende zu Beginn des Studiums, indem er das Themenfeld gut komplexitätsreduziert darstellt. Im Grunde vermittelt er klar, deutlich und thematisch adäquat solides Grundlagenwissen. Durch den gelungenen Aufbau muss das Buch nicht konsequent von vorn nach hinten gelesen werden, sondern bietet die Möglichkeit über eigene Schwerpunktsetzung einzusteigen. Was dem Rezensenten fehlt, ist die subjektive Seite der Kinder und Jugendlichen. Partizipation, Aushandeln, Befähigen setzt voraus, dass die Sozialarbeitenden – wie auch mit Abstrichen alle anderen gesellschaftlichen Akteur*innen – in der Lage sind, eine Konversion des Blickes vorzunehmen. Die Praxis Sozialer Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe leidet darunter, dass viele der dort Tätigen ihre Jugend als nicht realisiertes Vorurteil auf die andere Jugend ihrer Jugendlichen übertragen. Jugend als Abstraktes wandelt sich aufgrund der veränderten Lebensbedingungen. Das subjektive Verständnis von Welt ebenfalls. Ein „Phänomen“, dass in Jugendhilfeausschüssen und allgemein großer Politik (unbeabsichtigt?) vielfach nicht geteilt wird. Wer jung war und das waren alle Älteren, ist in der Folge des Lebens nicht zwangsläufig Expert*in für Jugend. Wenn dieser Gedanke sich explizit als Widerpart zu SGB VIII mit praktischer Umsetzung wiederfände, nicht durchschimmerte, wäre ausschließlich Positives zu dem Buch zu vermelden.


Rezension von
Prof. Dr. Lutz Finkeldey
Professor für „Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit - Jugendhilfe“, Verstehenssoziologe, Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit an der „Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst“ (HAWK) - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen, Standort Hildesheim
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Zitiervorschlag
Lutz Finkeldey. Rezension vom 04.06.2021 zu: Dominik Farrenberg, Marc Schulz: Kinder- und Jugendhilfe. Arbeitsfelder und ihre Rahmungen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. ISBN 978-3-7344-1182-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28083.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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