socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Lydia Hantke, Hans-Joachim Görges: Traumasensible Supervision

Cover Lydia Hantke, Hans-Joachim Görges: Traumasensible Supervision. Begleitung in der Krise. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2021. 200 Seiten. ISBN 978-3-7495-0194-6. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Lydia Hantke und Hans-Joachim Görges möchten mit ihrem Buch Personen, die schon Erfahrung als SupervisorIn gewonnen haben, Kenntnisse über den sensiblen Umgang mit Traumatisierungen vermitteln. Für die AutorInnen fängt traumasensibles Handeln in der Krise an, in dem Blockierungen aufgelöst, Verarbeitung ermöglicht und Ressourcen mobilisiert werden. Hierzu werden Hintergrundwissen zur Traumaverarbeitung, zur Spannungsregulierung und zum Ausstieg aus Krisendynamiken angeboten. Die Autorin und der Autor beschreiben Standards und hilfreiche Techniken, die in allen Bereichen der traumasensiblen Arbeit Anwendung finden können. Sie beschreiben im Weiteren anhand von Beispielen und Übungen wie Supervision zum traumasensiblen Lernfeld werden kann.

Die AutorInnen

Lydia Hantke ist Dipl.-Psych., systemische und Hypnotherapeutin, Traumatherapeutin und Supervisorin. 2002 erfolgte die Gründung von institut berlin, einem Institut zur Traumazentrierten Fachberatung/​Traumapädagogik. Gelernt hat sie Systemische Therapie (SG), Hypnotherapie (M.E.G.), Traumatherapie (ZPTN, IT Berlin), EMDR (EMDRIA), Brainspotting (David Grand), Notfallpsychologie (BdP), MA Biographical and Creative Writing (ASH Berlin), Reisejournalismus und Reportage (Medienbüro Hamburg).

Hans-Joachim Görges ist ebenfalls Dipl.-Psych., systemischer und Hypnotherapeut, Traumatherapeut, Lehrtherapeut der Systemischen Gesellschaft (SG) und Supervisor. Seit 2005 ist er als Lehrtherapeut (SG) am institut berlin tätig. Gelernt hat er Systemische Therapie (SG), Hypnotherapie/​Klinische Hypnose (M.E.G.), Pantomime (Die Etage), Bewegungstherapie (Alive Movement), Traumatherapie (IT, ZPTN), EMDR (IT), Supervision/​Coaching (isiberlin), Ego-State-Therapie (Hartmann/​Fritzsche) und PEP (Bohne). Bevor er sich selbstständig gemacht hat, hat Hans-Joachim Görges in Kliniken (Psychiatrie und Psychosomatik) und Beratungsstellen gearbeitet.

Entstehungshintergrund

Hantke und Görges möchten mit dem Buch ein kleines Nachschlagewerk für KollegInnen aus den Kontexten Supervision und Weiterbildung anbieten und hierbei aktuelle politische Entwicklungen, wie die Corona-Krise, den Klimawandel und andere Krisen aufnehmen.

Aufbau

Die Autoren beschäftigen sich im ersten Teil, mit dem Titel Definitionen, Hintergründe und Perspektiven mit einer Übersicht über Traumata, ihrer Verarbeitung und einer Standortbestimmung aus der Perspektive der Behandler. Im zweiten Teil werden Trauma- und krisensensible Standards formuliert. Im dritten Teil (110 Seiten) geht es um die praktische Umsetzung der Standards. Das Buch schließt mit einem kurzen Fazit und einem Literaturverzeichnis.

Inhalt

Im Vorwort geben die Autoren eine erste kurze Einführung um dann im Teil eins (Definitionen, Hintergründe und Perspektiven) zunächst ihr Verständnis von Supervision zu erläutern. Anschließend beschäftigen die AutorInnen sich mit Verarbeitungsmodellen, traumatischen Krisen und der individuellen Zeitwahrnehmung traumatisierter Personen. In diesem Kapitel geben sie auch einen Überblick über die Prozesse im menschlichen Gehirn nach einer erfolgten Traumatisierung. Im dritten Unterkapitel erfolgt nochmals eine so genannte Standortbestimmung, in der unter anderem auf die Bedeutung der frühen Entwicklung und der Familiendynamik mit den Rollen der Täter, der Retter, der Opfer und den Mitwissern eingegangen wird.

Im zweiten Teil erfolgen im kurzen vierten Kapitel Anmerkungen über z.B. Haltungen, betont wird die Notwendigkeit der Helfer präsent zu sein. Im fünften Kapitel werden nochmals differenzierter und konkreter Trauma- und krisensensible Standards benannt. Thematisiert werden in kurzen Absätzen die Themen: Wissen um Verarbeitung und Dissoziation, Wissen um nonverbale Kommunikation, Umgang mit dem Machtgefälle im Setting, Kontrolle und Selbstwirksamkeit, Profiposition einnehmen, Spannungsregulierung, Ausstieg aus eigenen (Trauma-)Dynamiken als BeraterIn, BehandlerIn oder SupervisorIn, Orientierung in der Zeit, Selbstfürsorge und eine Reihe von methodischen Hinweisen z.B. der Reorientierung, der Ressourcenaktivierung, der Spannungsregulierung und der Arbeit mit inneren Anteilen.

Im dritten Teil (Praxis der Trauma- und krisensensiblen Supervision) werden im sechsten Kapitel Themen und Tools vorgestellt mit denen Orientierungen in der alltäglichen psychosozialen Arbeit vermittelt werden. Der Schwerpunkt liegt hier auf dem Supervisonskontext. Es erfolgen in nach einem Schema Ausführung zu den Punkten: „Worum es geht“, „für SupervisorInnen“, „für SupervisandInnen“, „für KlientInnen“, und „wie es gehen kann“. Hierbei sind die Themen und Tools alphabetisch geordnet. Zum Einstieg erfolgen Anmerkungen über die Wirkung von Imaginationen und die Rolle von Nähe und Distanz. Thematisiert werden z.B. die folgenden Techniken: Abstandshalter, Atmen, Rollenwechsel, Umgang mit andauernder Belastung.

Das Buch schließt mit einem kurzen Fazit, indem Hantke und Görges nochmals die Bedeutung ihres Verarbeitungsmodells von Traumata zusammenfassen und einem Literaturverzeichnis. 

Diskussion

Traumasensibel handeln heißt für die AutorInnen vor allem präventiv zu handeln, um Traumafolgestörungen zu verhindern. Dabei betonen sie den Zusammenhang zwischen Körper und Geist, zwischen Erleben und Wahrnehmung, zwischen Gefühl und Kommunikation. Positiv ist u.a. hervorzuheben, dass die AutorInnen sehr offen ihre eigenen Unsicherheiten in der Supervision im Kontext ihrer persönlichen biografischen Entwicklung erwähnen.

Im ersten und zweiten Teil des Buches formulieren Hantke und Görges im Wesentlichen eine allgemeine Einführung in das traumatische Geschehen aus der Perspektive der BeraterIn bzw. der BehandlerInnen. Diese Einführung erlebte ich zum Teil als unstrukturiert und verwirrend, hier empfehle ich gerne zu einer besseren Einführung das Handbuch Traumakompetenz. Basiswissen für Therapieberatung und Pädagogik der AutorInen aus dem Jahr 2012.

Besonders im dritten Kapitel über die „Standortbestimmung“ werden mehrfach kurz verschiedenste Thematiken angesprochen, ohne dass diese jedoch für die Praxis vertiefend dargestellt werden. Auch hier wären, wie im dritten Teil des Buches, Beispiele hilfreich gewesen, die das Geschehen praktisch aufgezeigt hätten. Oftmals tauchen hier die ähnlichen Begriffe und Stichworte in den nächsten Kapiteln erneut auf, zudem erfolgen viele Querverweise.

Im umfangreichen dritten Teil des Buches (im sechsten Kapitel) werden hingegen sehr systematisch differenziert und angereichert mit praktischen Beispielen wichtige Hinweise für die Supervisionspraxis gegeben. Vorgestellt werden beispielsweise hilfreiche Übungen zur Reorientierung, ein von den AutorInnen konzipiertes „Ressourcenbarometer“ oder zur Externalisierung. Ausführlich werden nochmals unter der Überschrift „Verarbeitung erklären“ Hinweise über bei Traumata auftretende Prozesse im Gehirn erläutert. Mit der Technik des „Zwischenlagers“ wird abschließend eine Variante der „Tresortechnik“ vorgestellt.

Ergänzend stellen die Autorinnen auf ihrer Homepage (www.Institut-berlin.de) Informationen und Übungen zur Verfügung.

Fazit

Das Buch richtet sich insbesondere an SupervisorInnen, die mit Teams im Kontext der Traumaberatung und der Traumapädagogik tätig sind. Hantke und Görges stellen für die traumasensible Supervision eine Reihe von hilfreichen Techniken vor. Besonders im dritten Teil des Buches geben sie eine Reihe von hilfreichen Anregungen für die Praxis.


Rezension von
Dr. Jürgen Beushausen
Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen, Supervisor, Tramatherapeut
Homepage juergenbeushausen.de.tl
E-Mail Mailformular


Alle 50 Rezensionen von Jürgen Beushausen anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 30.06.2021 zu: Lydia Hantke, Hans-Joachim Görges: Traumasensible Supervision. Begleitung in der Krise. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2021. ISBN 978-3-7495-0194-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28091.php, Datum des Zugriffs 24.07.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht