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Peter Brieger, Susanne Menzel: Umgang mit Suizid in psychiatrischen Einrichtungen

Cover Peter Brieger, Susanne Menzel: Umgang mit Suizid in psychiatrischen Einrichtungen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2021. 128 Seiten. ISBN 978-3-96605-039-5. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.

Reihe: Psychosoziale Arbeitshilfen. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966051217.
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Thema

Ein Suizid während der psychiatrischen Behandlung ist ein seltenes, aber oft traumatisches Ereignis für Angehörige, Mitpatientinnen und Mitpatienten sowie Mitarbeitende der Klinik. Der Verlust eines Lebens in einer Umgebung, die Hilfe bietet, lässt einen hilflos zurück. Auf der anderen Seite stimmt es zuversichtlich, dass die Anzahl von Kliniksuiziden in den letzten Jahrzehnten gesunken und heute mit etwa 40 Suiziden pro 100.000 Aufnahmen relativ selten ist. Das hat wohl auch damit zu tun, dass die Suizidprävention in den psychiatrischen Kliniken in den letzten Jahrzehnten mehr Aufmerksamkeit erfahren hat. Trotzdem werden in einer psychiatrischen Klinik Menschen behandelt und gepflegt, die oft mehrere Risikofaktoren für suizidales Erleben und Verhalten haben. Susanne Menzel und Peter Brieger beschäftigen sich in ihrem Buch mit den Besonderheiten von Suiziden in psychiatrischen Krankenhäusern.

AutorIn und Entstehungshintergrund

Susanne Menzel ist psychologische Psychotherapeutin und Referentin der ärztlichen Direktion am kbo-Isar-Amper-Klinikum Region München und Peter Brieger ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie ärztlicher Direktor am kbo-Isar-Amper-Klinikum Region München. Die beiden arbeiten im Alltag also eng zusammen und haben ein Programm der klinikinternen Suizidnachsorge entwickelt, das sie in diesem Buch vorstellen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in die Kapitel:

  1. Was wissen wir über Suizid?
  2. Was wissen wir vom Krankenhaussuizid?
  3. Was wissen wir über die Klinik als Suizidort?
  4. Wer ist durch einen Krankenhaussuizid betroffen und wie anzusprechen?
  5. Rechtliche Aspekte des Krankenhaussuizids
  6. Ein Konzept zum Umgang mit Krankenhaussuizid
  7. Was haben wir über die Suizide in unserer Klinik gelernt?
  8. Abschließende Überlegungen

Zunächst geben die Autorin und der Autor einen Überblick zum aktuellen Wissen über Suizid. Dabei nähern sie sich dem Thema aus einer kulturgeschichtlichen Perspektive. Sie wollen damit verdeutlichen, dass der Suizid zum menschlichen Dasein gehört. Gleichwohl verstehen Susanne Menzel und Peter Brieger die Suizidhandlung als „Ausdruck und Ergebnis einer psychischen Krise“ (S. 13).

Im anschließenden Kapitel geht es um das Wissen über Krankenhaussuizide. In einer psychiatrischen Klinik werden Menschen mit einem besonderen Suizidrisiko behandelt. Zugleich ist die Risikoeinschätzung schwierig, da suizidales Verhalten komplex ist und meist auf einer individuellen Entwicklung basiert. Die Unsicherheit bei der Risikoeinschätzung führt dazu, dass andere Maßnahmen der Prävention wie bauliche Prävention oder therapeutische Kompetenz wichtiger werden.

Die Klinik als Suizidort hat einige Besonderheiten im Vergleich zu anderen Suizidorten. Zugleich ist es ein Unterschied, ob sich der Suizid auf Station, auf dem Klinikgelände oder während einer Wochenendbeurlaubung ereignete. Das klinikinterne Vorgehen nach einem Suizid sollte aber stets klar geregelt sein. 

Von einem Krankenhaussuizid betroffen sind nicht nur die Angehörigen des Suizidopfers, sondern auch die Mitarbeitenden der Klinik und unter Umständen auch Mitpatientinnen und Mitpatienten. Die Autorin und der Autor empfehlen für jede dieser Personengruppen ein spezifisches Angebot der Nachsorge bereitzuhalten.

Da ein Krankenhaussuizid ein nicht natürlicher Todesfall ist, sind auch rechtliche Aspekte zu berücksichtigen. Die von Ermittlungen betroffenen Mitarbeitenden sollten durch die Klinik unterstützt werden und für die Zusammenarbeit mit der Polizei und Staatsanwaltschaft sollte es klare Handlungsabläufe geben.

Ein etwas umfangreicheres Kapitel widmet sich dem Umgang mit Krankenhaussuiziden. Im Zentrum steht dabei eine Checkliste für das Vorgehen nach einem Suizid sowie die Suizidnachbesprechung, die Susanne Menzel und Peter Brieger in ihrer Klinik etabliert haben und deren Ablauf sie detailliert beschreiben. Dabei gehen sie auf mögliche Risiken der Nachbesprechung und Stolperfallen bei der Durchführung ein. 

Aus ihren Nachbesprechungen von Suiziden haben die Autorin und der Autor umfangreiche Erfahrungen mit Krankenhaussuiziden gesammelt. Sie ziehen daraus Schlussfolgerungen zu typischen Konstellationen im Vorfeld von Suiziden und Motiven der Betroffenen. Vor allem wurde ihnen aber deutlich, wie wichtig eine vertrauensvolle Gesprächs- und Fehlerkultur, aber auch die Sensibilität der Mitarbeitenden für vulnerable Phasen und Übergänge in einer Klinik sind.

In ihren abschließenden Überlegungen verweisen die Verfassenden noch mal darauf, dass viele Inhalte im Buch auf ihren praktischen Erfahrungen mit Krankenhaussuiziden basieren und auf die möglichen Begrenzungen, die das mit sich bringt.

Im Downloadmaterial zum Buch finden sich eine Checkliste mit Aufgaben nach einem Suizidereignis, das im Buch vorgestellte „Suizidfallprotokoll“ sowie eine Anleitung zum Ablauf einer Suizidnachbesprechung.

Diskussion

Der Umgang mit Suizid berührt immer auch die eigene Einstellung zum Leben. Das Buch ist daher auch sehr von den persönlichen Erfahrungen von Susanne Menzel und Peter Brieger geprägt. Ihren persönlichen Blickwinkel unterstreichen sie, indem sie den Text konsequent im Personalpronomen „wir“ geschrieben haben. Sie wollen sich damit als Menschen, die professionell tätig sind, sichtbar machen und setzen zugleich einen bewussten Kontrapunkt zu rein sachlichen, wissenschaftlichen Texten über Suizide.

Als Lesende fühlt man sich auf eine persönliche Erkundungsreise zum Thema Krankenhaussuizid mitgenommen. Eine Reise, in der die Autorin und der Autor persönliche Schwerpunkte und Perspektiven verwenden. Leider führt der erzählende Stil aber auch zu einigen Redundanzen im Text, der nicht immer klar strukturiert erscheint.

Die Verfassenden berichten aus ihrer klinischen Perspektive und machen zugleich deutlich, dass sie sich in der aktuellen Literatur zu suizidalem Erleben und Verhalten auskennen. Immer wieder setzen sie sich auch aus der Perspektive ihrer klinischen Erfahrung kritisch mit Ergebnissen der aktuellen Literatur auseinander. Das liest sich erfrischend.

Die Nähe zur eigenen klinischen Erfahrung bringt aber auch Probleme mit sich. So verwenden die Autorin und der Autor unkritisch stigmatisierende Begriffe aus dem Klinikalltag und schreiben beispielsweise von „Entweichungen“, „entwischen“ oder „fahnden“ nach Menschen in psychischer Not. Hier hätte etwas mehr kritische Distanz zum eigenen Erfahrungshintergrund gutgetan. Leerstellen ihrer Praxiserfahrung wie die Bedürfnisse von Angehörigen nach einem Krankenhaussuizid, werden den Verfassenden in ihrer kritischen Selbstreflexion dagegen bewusst. Dabei beinhaltet ihr Buch gute Hinweise auf außerklinische Hilfsangebote für Angehörige (z.B. die Selbsthilfeorganisation für Suizidtrauerenden ARGUS e.V.).

Fazit

Susanne Menzel und Peter Brieger arbeiten in der ärztlichen Direktion einer psychiatrischen Klinik. In ihrer Klinik haben sie ein Konzept zur systematischen Nachbearbeitung von Krankenhaussuiziden entwickelt und erprobt. Auf der Grundlage ihrer klinischen Erfahrungen haben sie ein dünnes, eingängiges Buch zum Umgang mit Krankenhaussuizid geschrieben. Das Buch enthält interessante Anregungen, insbesondere eine Checkliste zur Nachsorge, ein ausführlich vorgestelltes Konzept zur Nachbesprechung von Suiziden sowie Anlaufstellen für betroffene Angehörige.

Es ist ein Buch, das auf den Praxiserfahrungen der Verfassenden insbesondere mit der systematischen Nachbesprechung von Kliniksuiziden basiert. Hier liegt der Reiz, aber auch die Begrenztheit des Buches. Das Buch ist jedoch für alle, die mit Krankenhaussuiziden in verantwortlicher Position zu tun haben, unbedingt empfehlenswert.


Rezension von
Michael Mayer
M.A. in Sozialwissenschaften, Krankenpfleger für Psychiatrie und Supervisor. Referent für den Studiengang Pflege (B.Sc.) an der Hochschule Kempten.
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Zitiervorschlag
Michael Mayer. Rezension vom 08.10.2021 zu: Peter Brieger, Susanne Menzel: Umgang mit Suizid in psychiatrischen Einrichtungen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2021. ISBN 978-3-96605-039-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28092.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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