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Angelika Kutz: Systemische Haltung in Beratung und Coaching

Cover Angelika Kutz: Systemische Haltung in Beratung und Coaching. Wie lösungs- und ressourcenorientierte Arbeit gelingt. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2020. ISBN 978-3-658-29686-5.

Reihe: essentials.
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Autor

Angelika Kutz LL.M. ist Rechtsanwältin, Mediatorin, Arbeits- und Organisationspsychologin sowie Systemische Beraterin (DGSF) mit langjähriger Erfahrung als Mediatorin, Trainerin und Coach in eigener Praxis. Derzeit ist sie als CIP-Koordinatorin bei Bosch tätig.

Thema

Das Werk ist in der Essential-Reihe des Wissenschaftsverlages Springer erschienen. Die Reihe zeichnet sich dadurch aus, dass in ihr Einführungen und Zusammenfassungen zu bekannten Themen der Beratungs-, Wirtschafts-, Sozialwissenschaften sowie Psychologie auf meist unter 70 Seiten geliefert werden. Beleuchtet werden im Werk die Grundlagen einer systemisch-konstruktivistischen Weltanschauung und des damit korrespondierenden Beratungs- und Coaching-Verständnisses. Als roter Faden zieht sich die Frage, wie lösungs- und ressourcenorientierte Arbeit gelingt, durch den Text.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in 8 Kapitel und umfasst 66 Seiten, davon 4 Seiten Literaturverzeichnis. Der Text beginnt (S. V) mit einer kurzen Schilderung dessen, was Leser*innen erwarten. Daran an schließt sich ein Vorwort (S. VII), in dem die Autorin ihre Beweggründe für das Verfassen des Buches darlegt. Sie erklärt, dass vieles darin geprägt sei durch ihre eigene Beratungs- und Lern-erfahrungen im Austausch mit diversen Klient*innen. Im 1. Kapitel (Was ist „systemisch“?) erfolgt eine kurze Auseinandersetzung mit der Frage, was konstitutiv für systemisches Denken und Handeln ist. Die Autorin erklärt: „Für mich ist ‚systemisch‘ zu allererst eine Haltung. Eine zutiefst humanistische Haltung“ (S. 1). Kutz betont die Bedeutung von Ganzheitlichkeit, indem sie darauf rekurriert, dass dem systemischen Denken eine „Haltung der kontinuierlichen, allumfassenden, allen und jeder kleinsten Seiens-Expression dieses Erdenrunds gegenüber ausgeübten Achtsamkeit“ inhärent sei (S. 1). Bedeutsam sei es in diesem Kontext, so ist Kutz überzeugt, „stets offen und wertfrei auf alles zu blicken; also Dinge, Menschen, Ideen und Konzepte, Lebensentwürfe, innere Überzeugungen der anderen erst einmal frei von jeder (Be-)Wertung auf sich wirken zu lassen“ (S. 2). Auch die „Akzeptanz, dass nicht alles kontrollier und/oder planbar ist“ (S. 2), ist Teil der systemischen Grundüberzeugung der Autorin.

Kutz macht deutlich, dass dies herausfordernder sei, als es sich anhöre, da diese Haltung voraussetze, sich zurückzunehmen, den eigenen Egoismus zurückzustellen und eine demütige Haltung einzunehmen. Trotz dessen, dass die Autorin von den Vorzügen des systemischen Denkens überzeugt ist, betont sie, dass Absolutismus fehl am Platz sein. Vielmehr sei es probat, sich immer wieder bewusst zu machen, dass „beide Denkrichtungen ‚klassisch‘ (linear-kausal) und ‚systemisch‘ in unterschiedlichen Kontexten nebeneinander ihre Berechtigung haben“ (S. 2). Man müsse es sich, meint Kutz, durchaus erlauben können, ab und zu ganz gezielt „von der systemischen Grundhaltung Urlaub zu machen, um dann mit neuen Kräften – ebenfalls wieder ganz bewusst – in diese Haltung einzutauchen und sie (weiter) leben zu können“ (S. 3). Die Autorin betont den großen Nutzen von Optionalität, vom Bewusstsein der Konstruktivität eigener Gedanken und vom Verzicht auf verabsolutierende Verallgemeinerungen.

Im 2. Kapitel (Vordenker und gedankliche Wurzeln) schildert Kutz, welche Personen Einfluss auf die Entwicklung und Verbreitung des systemischen Ansatzes genommen haben. Sie geht ein auf die Palo Alto-Gruppe um Gregory Bateson und Paul Watzlawick, die Vordenker auf dem Gebiet des Konstruktivismus waren. Ferner benennt sie den Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun „mit seinem Kommunikationsquadrat, inneren Team, Wertequadraten und vielem mehr“ (S. 5). Die Psychotherapeutin Virginia Satir, die in ihren Werken mit den vier Kommunikationstypen Beschwichtigender, Anklagender, Rationalisierer, Ablenkender auseinandersetz und die Biologen Francisco Varela sowie Humberto Maturana werden ebenfalls genannt. Gleiches gilt für den Soziologen und Juristen Niklas Luhmann, der einer der wirkmächtigsten Vertreter des systemischen Ansatzes war, wobei gesagt werden muss, dass Luhmanns Theorie des Wirkens von sozialen Systemen sich teils deutlich von dem unterscheidet, was in der systemischen Beratungspraxis praktiziert wird. Eingegangen wird von Kutz auch auf Milton Erickson und Carl Rogers (S. 10), welche die humanistische und positive Psychologie entscheidend geprägt haben, sowie auf Steve de Shazer und Insoo Kim Berg (S. 11), die mit ihrer „minimal-invasiven ressourcen- und lösungsfokussierten Kurzzeit-Interventionen, welche sich durch eine kongenial sich zurücknehmende innere Haltung und durch absoluten Respekt und Demut vor dem Klienten (-system) auszeichnen“, einen bedeutenden Einfluss auf die systemische Arbeitsweise genommen haben. Als typische Merkmale des systemischen Ansatzes benennt die Autorin die Autopoiesis (Selbsterhaltung), die Innen-Außen-Abgrenzung von Systemen, die Homöostase (Streben nach Ausgleich/​Gleichgewicht), den Konstruktivismus sowie die Kybernetik 1. und 2. Ordnung.

Im 3. Kapitel (Aus all diesem abgeleitet und kombiniert: Systemisches Gedankengut) skizziert Kutz, was systemisches Arbeiten praktisch auszeichnet. Zentrale systemische Haltungsaspekte sind der Autorin zufolge die Erkenntnis, dass in jeder Krise auch eine Chance stecke und dass sich hinter jedem Problem Lösungsoptionen verbergen können. Um sie aufzuspüren, müsse „der Kontext in die Betrachtung mit einbezogen [werde]“. Es müsse „mithilfe des Perspektivwechsels unter mehreren Blickwinkeln auf die Situation geschaut [werden] und die dabei gemachten Beobachtungen und Erfahrungen (auf rationaler und emotionaler Ebene) in Worte gefasst“ werden (S. 14). Zudem sei es geboten, sich bewusst zu machen, dass es für jedes Handeln und Nicht-Handeln von Menschen einen Grund gibt, auch wenn wir diesen nicht sehen oder nicht nachvollziehen können. Um offen lösungsorientiert zu sein, sei es geboten, so Kutz, zunächst wertfrei anzuerkennen, dass der Grund „für ein Verhalten, eine Interaktion dieses Menschen in dieser konkreten Situation, in diesem konkreten Kontext, in diesem bestimmten System, zu diesem konkreten Zeitpunkt einen Sinn macht, ja vielleicht sogar (über-)lebensnotwendig ist“ (S. 14). Nötig sei neben dieser bedingungslosen Akzeptanz und Offenheit ebenso, ein systemisches Beratungs- und Coaching-Handeln auf den folgenden Grundlagen zu vollziehen:

  • Neutralität
  • Allparteilichkeit
  • Respekt gegenüber Personen
  • Respektlosigkeit gegenüber Ideen
  • Wertschätzung
  • Transparenz/​Offenheit
  • Respektvolle Neugier
  • Ressourcen-, Kompetenz- und Lösungsfokussierung
  • Konstruktivistische Grundannahme
  • Einbeziehung des Kontextes, Wissen um Wechselwirkungen

Auf den Seiten 15–27 erläutert Kutz, was unter den oben genannten Grundlagen zu verstehen ist und warum diese bedeutsam für eine systemische Haltung sind. Nachdem in den Kapiteln 1–4 die theoretische Basis des systemischen Ansatzes geschildert wurden, geht die Autorin im 4. Kapitel (Handwerkszeug) auf konkrete „Werkzeuge“ ein. Ging es im Text bisher primär um die Fundierung des Systemischen, geht es der Autorin nun um die konkrete Umsetzung in der Praxis. Kutz befasst sich zwecks Erläuterung dessen näher mit der Bedeutung des Prozesses des Joining (S. 30), mit der Auftragsklärung (S. 31) und mit der Setting-Gestaltung (S. 32). Zudem gibt sie Methoden-Beispiele, die sie erklärt und für die sie Anwendungsbeispiele gibt. Darunter sind Umformulieren/​Reframing, Timeline, Soziogramm, VIP-Card, Genogramm-Arbeit und Minimalinvasive Kurzzeit-Intervention. Im 5. Kapitel (Was muss der Berater/​Coach mitbringen?) schildert die Autorin, was eine Person, die systemisch beraten/​coachen will, an Eigenschaften, Fähigkeiten und Überzeugungen mitbringen muss. Als essenziell benennt sie vor allem folgende Faktoren (S. 41), die von ihr kurz näher erläutert werden:

  • Abgrenzungsfähigkeit/​Rollenklarheit
  • Allround-Beobachtungsblick
  • Aktiv zuhören können
  • Empathie für Hypothesenbildung
  • Nutzung systemischer Fragen
  • Selbstreflexionsfähigkeit
  • Sich abgrenzen können
  • Sich zurücknehmen können
  • Demut
  • Neugier/​Interesse am Gegenüber
  • Kreativität
  • Bewusstsein, dass Veränderung Zeit brauchen
  • Sich irritierbar halten
  • Augenhöhe mit dem Klient*innen-System
  • Verstörung und Neuformung von „Realitäten“

Im 6. Kapitel (Potenzielle Anwendungsgebiete) wird geschildert, in welchen Settings und Fall-Konstellationen das systemische Coaching bzw. die systemische Beratung oder Prozessbegleitung angewandt werden kann. Kutz erklärt: „Je mehr ich mich mit der systemischen Haltung, dem systemischen Gedankengut und seinen Techniken beschäftigt habe, desto mehr bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass diese letztlich überall und jederzeit angewendet werden und ihre Wirkung entfalten können“ (S. 45). Als mögliche Anwendungsfelder benennt sie Einzel-Beratung/​Coaching, Paar-Settings, Familien-Settings, Teams, Organisationen, Führungskräfte-Entwicklung, Empowerment von Mitarbeiter*innen und Teammitgliedern, Prozessbegleitung im Change-Management sowie die Förderung und Stärkung von Resilienz für Einzelnen, Teams und Organisationen. Diese Auflistung versteht die Autorin nicht als abschließend. Als besonders geeignet für die systemische Arbeitsweise benennt Kutz vor allem die „sehr volatilen Situationen im Arbeitskontext mit hoher Komplexität bei gleichzeitiger Aufgabenfülle, in welchen im Grunde niemand von Beginn an den kompletten Überblick über die Vielschichtigkeit der Gesamtsituation haben kann“. Denn, so begründet sie, in diesem Kontext könne mittels systemischer Schleifen (Rekursivität) ein Abgleich der jeweils „aktuellen Interessen-Gemengelagen“ vollzogen werden, was zu einer ressourcenfokussierten Lösungsfindung beitrage (S. 48).

Summa summarum eigne sich, so ist Kutz überzeugt, die systemische Herangehensweise „ganz besonders gut, den heute immer wichtiger werdenden kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP), speziell in Unternehmen, aber auch in allen anderen Lebensbereichen, durch kontinuierliches, rechtzeitiges Change-Management zu unterstützen“ (S. 48). In einem Unterpunkt des sechsten Kapitels führt die Autorin zudem aus, dass all die Fähigkeiten und Einstellungen, die essenziell für systemische Berater*innen/​Coaches seien, auch für Führungskräfte relevant wären. Sie postuliert: „So wie ein systemischer Berater kontinuierlich seine eigenen (Selbst- oder Fremd-)Aufträge für die Beobachtung des Interaktionsgeschehens kennen und in die (Selbst-)Steuerung mit einbringen (können) muss, ist eine ebensolche klare Sicht einer Führungskraft auf ihre jeweiligen Eigeninteressen und/oder Fremd-Aufträge (durch wiederum eigene Vorgesetzte oder Kunden-/​Projektaufträge) notwendig, um sich in den ohnehin meist unübersichtlichen Gemengelagen besser zurechtfinden zu können“.

Im 7. Kapitel (Systemik – ja bitte und dennoch nicht blindlings-uneingeschränkt) erfolgt seitens der Autorin eine (selbst-)kritische Reflexion des systemischen Ansatzes. Kutz betont, dass es durchaus Tätigkeitsfelder, Konstellationen und Klient*innen gäbe, denen man mit den Mitteln anderer Interventionen wie z.B. Psychotherapie eher gerecht werden könne. Gleichwohl ist sie überzeugt, dass die Lösungs(er)findung im Rahmen systemischer Interventionen in den meisten Fällen erfolgversprechend sei. Kritikwürdig sei es aber, wenn der systemische Ansatz zum vermeintlichen Allheilmittel verabsolutiert wird. Zudem sei die „mancherorts praktizierte Anwendung dieser sinnvollen Techniken“ dann fragwürdig, wenn nur ein technokratischer Methodismus erfolge, es denjenigen, welche die systemischen Werkzeuge nutzen, aber an einer echten systemischen Haltung mangele. Problematisch sei es auch, wenn Systemik zu puristisch zur Anwendung komme, meint Kutz. Dann bestehe die Gefahr von Beliebigkeit. Das sei vor allem dann gegeben, „wenn der Grundsatz des Expertentums des Klienten gepaart mit der Veränderungsneutralität so puristisch angewandt wird, dass dem Berater die Prozessverantwortung entgleitet, oder er sich instrumentalisieren lässt (er hört z.B. ‚nur noch‘ zu statt lösungsfokussiert zu interagieren) oder sogar geschickten Manipulationstechniken des Klienten aufsitzt, weil er diese übersieht“ (S. 57).

Die Gefahr von Beliebigkeit sei ebenfalls gegeben, erläutert die Autorin, „wenn der Berater den Prozess ohne strukturgebende/​strukturunterstützende Planung der Interventionen anhand der gebildeten (Arbeits-)Hypothesen ‚laufen lässt‘“ (S. 57), sich also nicht hinreichend irritierbar hält. Kurzum plädiert Kutz für eine systemische Grundhaltung, gepaart mit methodischem Eklektizismus ohne Verabsolutierung irgendeiner Methodik. Es könne Fälle geben, so ihr Fazit, „für welche die Kombination von systemischer Veränderungsneutralität und liebevoller Konfrontation mit Eigenanteilen plus ‚klassische‘ Zielearbeit das Mittel der Wahl ist statt den Klienten sich in Beliebigkeit und ziellos, ohne konkrete Schritte – ohne Ausrichtung an einer zielführenden Linie und Priorisierungen – verlieren zu lassen“. Dem/der systemisch handelnden Person komme also, so Kutz, eine große Verantwortung zu. Wer wirklich professionell agieren wolle, müsse stets selbstkritisch reflektieren, „welche Intervention auf Basis der gebildeten Hypothesen die für den Klienten am zielführedste ist“ (S. 59). Um das leisten zu könne, brauche es eines breiten Erfahrungsschatzes, Selbstkritikfähigkeit sowie auch Demut, die eigenen Grenzen als Beratende*r zu akzeptieren und den/die Klient*innen ggf. an ein*n anderen Spezialist*in zu verweisen. Zu guter Letzt gibt Kutz zu bedenken, dass auch die Systemik selbst an ihre Grenzen stoßen können, „wenn ‚gute Gründe‘ aus bestgemeinter systemischer Sicht als Entschuldigung herangezogen werden für gesellschaftlich/​sozial nicht mehr hinnehmbares Verhalten, weil andere Individuen in ihren Grenzen, ihrer körperlichen und/oder seelischen Unversehrtheit, ihrem Sein beeinträchtigt/​verletzt werden oder noch Schlimmeres zugefügt bekommen.“ Wenn das geschehe, sei es ein professionelles wie auch ethisches Gebot „erhöhte Wachsamkeit mit Blick auf den systemischen Grundsatz der Neutralität“ walten zu lassen, „um nicht nur Beliebigkeit, sondern in letzter Konsequenz auch komplette Anarchie, welche keine funktionierende Gesellschaft im Sinne von Gemeinschaft überleben kann, zu verhindern“ (S. 60).

Der Text schließt mit dem 8. Kapitel (Fazit), in dem die Autorin ihr Verständnis des systemisches Ansatzes nochmals rekapituliert. Sie erklärt, die „systemische Haltung hat viel mit der Fähigkeit zu tun, mit den Fährnissen des Lebens umzugehen und fertig zu werden. Und damit mit der sog. Resilienz, also der psychischen Widerstandskraft in belastenden, überfordernden oder sogar krisenhaften Lebensumständen“ (S. 62). Diese Umständen ließen sich besser bewältigen, ist Kutz überzeugt, „mit einer Haltung interessierter Neugier und kontinuierlicher Lernbegierde, was die damit einhergehenden Veränderungen an Interessantem mit sich bringen und was die Sicht des/r anderen auf die Dinge ist.“ In unserer immer komplexer werdenden Welt sei es essenziell, meint die Autorin, sich mittels vorausschauenden Abwägens „der Auswirkungen eigenen Handelns auf Umfeld, Umwelt und Gesellschaft“ bewusst zu werden (S. 62). Der systemische Ansatz ist ihrer Überzeugung nach einer, der das zu leisten vermag – in ganz unterschiedlichen Anwendungsfeldern.

Diskussion

Berufliche Weiterbildungen mit systemischem Schwerpunkt haben seit Jahren Hochkonjunktur. Galt das bis vor gut 15 Jahren vor allem im Sozial-, Gesundheits- und Erziehungswesen, findet der systemische Ansatz heutzutage auch in der Wirtschaft immer mehr Anhänger*innen (jedenfalls im deutschsprachigen Raum, wohingegen genuin humanistische Ansätze im anglo-amerikanischen Sprachraum eine höhere Verbreitung haben). Es findet sich am Markt denn auch eine Vielzahl von Büchern zum systemischen Arbeiten. Zu fragen ist daher, (1) ob das hier besprochene Werk aus der Fülle an bereits vorliegenden Büchern zum systemischen Arbeiten heraussticht, (2) ob sich die Lektüre lohnt und (3) wenn ja, für wen sie sich lohnt. Die Fragen lassen sich aus Sicht des Rezensenten wie folgt beantworten: Wirklich herausstechen tut das Werk von Angelika Kutz nicht. Das heißt aber keineswegs, dass es schlecht wäre. Im Gegenteil. Das dünne Buch ist sehr verständlich geschrieben, logisch aufgebaut und lässt sich problemlos an einem Nachmittag oder Abend durchlesen. Wer sich zum systemischen Ansatz informieren will, z.B. um zu entscheiden, ob er/sie sich dazu weiterbilden will, dem/der kann die Lektüre des Buches empfohlen werde. Wer selbst bereits als systemische*r Berater*in/Coach tätig ist, wird von der Lektüre hingegen kaum profitieren, da Kutz nichts beschreibt, was nicht schon in anderen Werken thematisiert wurde. Es ist allerdings zu vermuten, dass erfahrene Systemiker*innen sich, sofern sie nicht gerade eine Rezension verfassen wollen, auch kaum ein Einführungswerk durchlesen, um das eigene Wissen zu erweitern. Allenfalls erwarten diese vielleicht, das eigene Wissen aufzufrischen. Das kann das Buch von Kutz durchaus leisten.

Alles in allem ist „Systemische Haltung in Beratung und Coaching“ ein gelungenes Buch. Der Text muss den Vergleich mit anderen Einführungswerken nicht scheuen. Das inhaltlich sehr ähnlichen Werk Einführung in die Praxis der systemischen Therapie und Beratung von Rudolf Klein & Andreas Kannnicht (2007) ist allerdings noch einen Ticken besser, da etwas ausführlicher. Eine Einführung soll kurz und fokussiert auf das Wesentliche verfasst werden. Das leisten beide Werke. Die Ausführungen von Kutz sind teilweise aber so kurz geraten, dass es passieren kann, dass die Darlegungen für manche Menschen, die noch keinerlei Berührungspunkte mit dem systemischen Ansatz haben, nicht immer hinreichend verständlich sind, weil ihnen der Bezugsrahmen fehlt. Das Einführungswerk von Klein & Kannnicht ist doppelt so dick – für den gleichen Preis. Um es direkt zu sagen: 14,99 Euro sind für 66 Seiten Text ganz schön „happig“. Es ist nicht so, dass im Text von Kutz etwas Wesentlichen fehlt. Die Autorin geht auf die zentralen Punkte, Konstitutionsmodi und Grundannahmen des systemischen Ansatzes ein. Gut gelungen sind auch die selbstkritischen Darlegungen, die Kutz im 7. Kapitel vollzieht. Die Abbildungen, die sie nutzt, um ihre Erläuterungen zu untermauern, sind ebenfalls gut. Wären einige Schilderungen sowie die Auflistung von Methoden etwas umfassender geraten, hätte das dem Text aber gut getan. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Autorin des Öfteren Schachtelsätze verwendet. Manche Sätze sind über 5 Zeilen lang. Eine weniger elaborierte Ausdrucksweise hätte sich in manchen Fällen positiv auf das Verständnis und den Lesefluss ausgewirkt. Dies zu überarbeiten wäre für die 2. Auflage überlegenswert.

Fazit

Im Ergebnis ist festzuhalten, dass das Essential-Buch „Systemische Haltung in Beratung und Coaching“ einen guten Überblick über systemische Grundannahmen und Personen liefert, welche die Entwicklung und Verbreitung der systemischen Denk- und Arbeitsweise beeinflusst sowie geprägt haben. Der Text eignet sich gut als Einstiegslektüre. Wer sich noch mehr über den theoretischen Hintergrund der systemischen Arbeit informieren oder weitere potenziell nützliche Werkzeuge kennenlernen will, die im Rahmen systemischer Interventionen zur Anwendung kommen können, wird indes nicht umhin kommen, weitere Literatur dazu zu sichten. Diesbezüglich können Leser*innen sowohl beim Springer-Verlag wie auch im Programm von Carl Auer und Vandenhoeck & Ruprecht fündig werden.


Rezension von
Dr. phil. Christian Philipp Nixdorf
Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge (FH), Organisationspädagoge M. A., Systemischer Berater (DGSF), Case Manager im Gesundheits- und Sozialwesen (DGCC), zertifizierter Mediator, arbeitet als Organisationsberater, Coach und Konfliktmanager.
Homepage www.serene-success.de
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Zitiervorschlag
Christian Philipp Nixdorf. Rezension vom 15.03.2021 zu: Angelika Kutz: Systemische Haltung in Beratung und Coaching. Wie lösungs- und ressourcenorientierte Arbeit gelingt. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2020. ISBN 978-3-658-29686-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28095.php, Datum des Zugriffs 25.06.2021.


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