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Ludger Kolhoff, Christine Baur u.a.: Sozialmanagement in der Arbeit mit Geflüchteten

Ludger Kolhoff, Christine Baur, Karl-Heinz Gröpler, Andrea Tabatt-Hirschfeldt: Sozialmanagement in der Arbeit mit Geflüchteten. Eine Einführung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2020. ISBN 978-3-658-27279-1.

Reihe: Basiswissen Sozialwirtschaft und Sozialmanagement.
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Autor

Dr. phil. Christine Baur ist Professorin für Interkulturalität in der Sozialen Arbeit an der Fakultät Soziale Arbeit der Ostfalia (Hochschule Braunschweig/​Wolfenbüttel).

Karl-Heinz Gröpler ist Diplom-Sozialarbeiter und Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Fakultät Soziale Arbeit der Ostfalia (Hochschule Braunschweig/​Wolfenbüttel).

Dr. Ludger Kolhoff vertritt als Professor an der Fakultät Soziale Arbeit der Ostfalia (Hochschule Braunschweig/​Wolfenbüttel) das Lehrgebiet Soziales Management.

Dr. Andrea Tabatt-Hirschfeldt ist Professorin für Sozialpolitik und Sozialökonomie in der Sozialen Arbeit an der Fakultät Handel und Soziale Arbeit am Campus Suderburg der Ostfalia (Hochschule Braunschweig/​Wolfenbüttel).

Thema

Vor dem Hintergrund, dass allein im Jahr 2015 etwa 890.000 Geflüchtete aus anderen Kulturkreisen nach Deutschland kamen, ist das Thema Flucht und Migration eine politisch und gesellschaftlich brisante Angelegenheit, die in der Wissenschaft ebenso intensiv diskutiert wird wie in der Politik und im Journalismus. Das Buch thematisiert Fragen, die aufgrund der Migration aufkommen und darauf einwirken, ob Integration nachhaltig gelingt. Fokussiert werden seitens der Autor*innen die Integrationsarbeit und Gestaltung von Management-Prozessen in Integrationsprojekten sowohl im privaten wie auch im öffentlichen Sektor. Die Themen Interkulturalität, Interkulturelle Bildung und Kommunikation werden ebenfalls beleuchtet und im Hinblick auf die damit korrespondierenden Herausforderungen reflektiert.

Aufbau und Inhalt

Das Fachbuch „Sozialmanagement in der Arbeit mit Geflüchteten“ hat 149 Seiten und ist in 4 Kapitel unterteilt. Die Autor*innen betrachten das Thema Integration mit wissenschaftlichem Fokus. Im von Ludger Kolhoff verfassten 1. Kapitel wird geschildert, dass das Thema Flucht und Migration vielfach kontrovers diskutiert werde, was primär mit dem Zuzug von über einer Millionen Menschen zusammenhängt, die seit 2015 neu nach Deutschland kamen. Dargelegt wird, dass dies „in Teilen der Bevölkerung auch Sorgen und Ressentiments“ verstärkt habe und zum Aufstieg der AfD beigetragen habe (S. 1). Zwar seine, so erklärt Kolhoff „die Geflüchtetenzahlen seit dem Abkommen mit der Türkei 2016 stark zurückgegangen, doch die Integration der Hinzugekommenen wird uns noch lange beschäftigen und in Zukunft werden weitere Menschen zu uns gelangen, sodass die Arbeit mit Geflüchteten einer der Schwerpunkte des Sozialmanagements und der Sozialwirtschaft bleiben wird“ (S. 1). Den damit einhergehenden Herausforderungen wollen sich die Autor*innen in ihrem Buch annehmen, diese näher ausführen und darlegen, was sich positiv auf den Integrationserfolg der neu zugezogenen Menschen auswirken kann. Einen besonderen Fokus legen die dabei auf das Sozialmanagement in der Arbeit mit Geflüchteten. Sie erklären, dass Leser*innen durch die Lektüre des Buches erfahren, „wie Asylverfahren in Deutschland ablaufen, auf welche Leistungen Asylbewerber Anspruch haben und welche Perspektiven sie haben“. Auch werde erläutert, welche „Herausforderungen bei der Integration von Geflüchteten“ es gäbe und warum es bedeutsam sei, „die Dimensionen des Kulturbegriffs im Hinblick auf die Soziale Arbeit reflektieren“ zu können. Sensibilisieren wollen die Autor*innen für „die Fallstricke in der interkulturellen Kommunikation.“

Ihr Anliegen ist es, „geeignete Techniken“ aufzuzeigen, um besagte Fallstricke zu umgehen. Überdies möchten die Autor*innen das Wissen der Leser*innen dazu erweitern, „wie die Teilhabe der Geflüchteten am Leben in der Gesellschaft organisiert werden kann“ und welche „Organisationsmodelle im kommunalen Flüchtlingsmanagement“ existieren. Schlussendlich sei es das Ziel, zu erläutern, „wie Integrationsprojekte erfolgreich gemanagt werden können“ (S. 4).

Im 2. Kapitel (Asylverfahren und Integration von Geflüchteten) befasst sich Kolhoff mit dem Ablauf des Asylverfahrens in Deutschland. Er listet unterschiedliche Möglichkeiten dessen auf, welche Schutzformen zugesprochen werden können und was dafür die Voraussetzung ist. Asylberechtigung, Flüchtlingsschutz, Subsidiärer Schutz, Ablehnung (Abschiebeverbot, Duldung, Ausreisepflicht) werden benannt (S. 8 ff.). Zudem werden die Leistungen skizziert, auf die Geflüchtete einen Anspruch haben (S. 12 f.). Des Weiteren benennt Kolhoff, dass der Erwerb der Sprache und der Zugang zum Arbeitsmarkt zwei zentrale Faktoren für die Integration von Geflüchteten seien (S. 15 f.). Die Darlegungen werden um Tabellen und Schaubilde ergänzt.

Im 3. Kapitel (Interkulturalität) widmen sich Christine Baur und Karl-Heinz Gröpler dem Themenfeld der Interkulturalität. Baur behandelt das Themenfeld Interkulturalität und Bildung, wohingegen sich Gröpler auf die interkulturelle Kommunikation und Kooperation fokussiert. Die Autor*innen verstehen interkulturelle Kompetenz von Fachkräften im Bildungsbereich „als Fähigkeit der organisatorischen und individuellen Bewältigung von sich ständig wandelnden Anforderungen und Aufgaben“ (S. 21). Gelingende Multiprofessionalität in Schulen werde, so Baur, „durch strukturelle Hindernisse erschwert, deren Beseitigung eine bildungspolitische Aufgabe ist. Multiprofessionelles Handeln in Schulen sollte exkludierende Tendenzen analysieren und inkludierende Maßnahmen als Bestandteil der Schulentwicklung entfalten“ (S. 21 f.). In der Praxis der Sozialen Arbeit und der Lehrkräfte zeige sich leider, so Baur, dass vorurteilsbehaftete Zuschreibungen bei Schüler*innen mit Migrationshintergrund oft mit deren Sprache, Religion, Geschlecht, der sozialen Herkunft und dem kulturellen „Fremd-Sein“ zusammenhingen, dass mithin also institutionelle Diskriminierung existiere, auch wenn diese den Fachkräften selbst gar nicht immer bewusst ist. Solche Benachteiligungen beförderten „die soziale und ethnische Segregation der Schüler/innen mit Migrationshintergrund und mit Fluchtbiografien“. Ihnen werde eine Bildungsbenachteiligung zuteil (S. 21).

Als Lernziel des dritten Kapitels benennen die Baur & Gröpler, Fachkräfte im Bildungsbereich dafür zu sensibilisieren und Lösungsansätze aufzuzeigen. „Die Rezipient/​innen sind durch die Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff für kulturalisierende Perspektiven sensibilisiert und erkennen die Notwendigkeit der interkulturellen Kompetenz als Querschnittsqualifikation“ – so ihr intendiertes ziel (S. 22). Leser*innen solle es nach der Lektüre möglich sein, „die strukturellen Bildungsbedingungen für Geflüchtete durch schulische und wohnräumliche Segregation sowie ausländerrechtliche Vorgaben als schwierige Ausgangslage für einen zu erzielenden Bildungserfolg“ zu erkennen und zu bearbeiten (S. 22). Baur nimmt sich im Unterkapitel 3.1. (Interkulturalität und Bildung – Herausforderungen bei der Integration von Geflüchteten) zunächst des Kulturbegriffs an und erläutert, dass darunter im Alltagsverständnis eine Art von Großkollektiven zu verstehen seien, deren „Synonyme ‚Länder‘, ‚Gesellschaften‘, ‚Staaten‘, ‚Völker‘ oder ‚Nationen‘ sind“ (Leiprecht 2004, S. 9 zit. nach ebd. S. 23). „Kulturen werden in solch einem Verständnis als homogene und statische Gruppen verstanden, deren einzelne Mitglieder durch ihre Zugehörigkeit bestimmte psycho-soziale Eigenschaften und Fähigkeiten zeigen und in ihrem Denken, Fühlen und Handeln determiniert sind“ (S. 23). Die Autorin begründet die Unzulänglichkeit dieses Kulturverständnisses damit, dass sie von einer wenig dynamischen Perspektive zeugt. Konstruktiver für Integration sei es, „Kulturen als lebende Gebilde zu begreifen […], die permanente Veränderungsprozesse durchlaufen. Individuen greifen bestehende kulturelle Muster auf, entwickeln diese weiter oder gehen in Opposition dazu. Damit werden Menschen nicht nur beeinflusst, sondern transformieren aktiv kulturelle Bedeutungsmuster“ (S. 24). Für die Praxis der Sozialen Arbeit und der Lehrkräfte lasse sich ableiten, „dass Individuen durch ihren kulturellen Kontext nicht festgelegt und somit keine Marionetten sind. Das Wissen über die kulturelle Herkunft von Zielgruppen mit Migrationshintergrund und kulturelle Standards in einer Bevölkerungsgruppe ersetzt nicht die Auseinandersetzung mit dem Individuum sowie seinem individuellen Denken und Handeln, denn hybride Identitäten sind der Normalfall“ (S. 24).

Für die Soziale und schulpädagogische Arbeit sei es unumgänglich, dass Fachkräfte interkulturelle Kompetenz an den Tag legen und sich „auf Basis eines dynamischen Konzepts interkultureller Interaktion“ damit befassen (S. 26). Interkulturelle Kompetenz sei als Querschnittsqualifikation essenziell für die Integration von Menschen, schildert Baur. Darunter versteht sie eine „Vielfaltskompetenz als Fähigkeit der organisatorischen und individuellen Bewältigung von sich ständig wandelnden Anforderungen und Aufgaben“, die eine Reihe von Fähigkeiten erfordere. Dazu gehören ihr zufolge die Fähigkeit zum Perspektivwechsel wie auch „die Ambiguitätstoleranz, die das Aushalten von Ungewissheit und Uneindeutigkeit erfordert, und nicht zuletzt (selbst-)reflektives Handeln“ (S. 25). Fachkräfte könnten die interkulturelle Kompetenz in ihrer Organisation anhand einiger Fragen überprüfen. So sei es sinnvoll, sich zu fragen, ob es „Anzeichen diskriminierender Praktiken in der Organisation“ gäbe und ob „Probleme, die als interkulturell definiert werden“ existieren. Ferner sei es probat, zu eruieren, ob „die Organisationen Mitarbeiter/​innen mit Migrationshintergrund“ beschäftige. Es sei geboten, deren Perspektiven auf Alltagspraxen zu erfragen und in die Organisationspraxis/​-entwicklung mit einzubeziehen. Letztlich sei interkulturelle Kompetenz in Organisationen komplex. Die bewusste Wahrnehmung von Problemen sei eine Voraussetzung für Veränderung und stelle die Lernfähigkeit von Organisationen sicher (S. 27). Darüber hinaus geht Baur näher ein auf die strukturellen Bedingungen für die Bildungs- und Integrationschancen Schüler*innen mit Migrationshintergrund und mit Fluchtbiografien. Studien hätten ergeben, dass Schüler*innen mit Migrationshintergrund und aus sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen besonders bildungsbenachteiligt sind (S. 29). Zudem werde ein „Zusammenhang zwischen städtischen Segregationsprozessen und dem Bildungserfolg von Schüler/innen mit Migrationshintergrund“ empirisch sichtbar (S. 30).

Geflüchtete Schüler*innen werden, auch das zeigten Studien „überdurchschnittlich häufig an segregierten Schulen beschult und sind dort dem Risiko ausgesetzt, weder entsprechend ihrem Leistungsstand noch entsprechend ihren spezifischen Bedarfen (Sprachförderung, Bearbeitung der Traumata, individuelle Förderung) behandelt zu werden“ (S. 32). Daher sei es nötig, dass Fachkräfte der Sozialen Arbeit wie auch Lehrkräfte an Schulen Handlungsmöglichkeiten erhalten. Nötig seien u.a. die Sprachbildung und -förderung in der Aus- und Weiterbildung von Lehrer*innen, die bedarfsgerechte „Ressourcenausstattung an segregierten Schulen unter Nutzung kleinräumiger Schul- und Sozialraumdaten“ sowie die „Vermeidung schulischer Segregation, um ungleichheitsverstärkende Effekte der Segregation auszugleichen (SVR-Forschungsbereich 2018, S. 32‒36)“, erklärt Baur (S. 34). Als besonders notwendig benennt sie die Vernetzung von Schulsozialarbeiter*innen, „Lehrkräften und weiterem pädagogischem Personal in der Schule, den Kindertagesstätten und weiterführenden Schulen, dem Jugendamt und der psychosozialen Versorgung“. Soziale Arbeit könne, so ist die Autorin überzeugt, „sowohl im Rahmen des Unterrichts (in Kooperation mit den Lehrkräften) als auch in außerunterrichtlichen, non-formalen Settings, die insbesondere an Ganztagsschulen geboten werden, einen Beitrag zur Bildungsteilhabe und Stabilisierung der geflüchteten Kinder und Jugendlichen leisten“ (S. 35). Dies sei nötig, um die Schule zu einem sicheren Ort für junge Menschen mit Migrationserfahrung zu machen. Es gäbe, auch das merkt Baur an, diesbezüglich aber noch einige strukturelle Hindernisse und bildungspolitische Herausforderungen.

Im Unterkapitel 3.2. (Interkulturelle Kommunikation) befasst sich Karl-Heinz Gröpler damit, Anforderungen an die interkulturelle beraterische Haltung von Lehr- und Fachkräften im Sozial- und Bildungswesen zu skizzieren. Er zeigt Chancen, Notwendigkeiten sowie Hindernisse in der interkulturellen Kommunikation auf. Bezugnehmend auf die vom Kulturwissenschaftler Geert Hofstede herausgearbeiteten Kulturdimensionen Machtdistanz, Unsicherheitsvermeidung, Individualismus vs. Kollektivismus, Maskulinität vs. Femininität und Langfristige vs. kurzfristige Orientierung schildert Gröpler, wie unterschiedlich sich Menschen, geprägt durch ihre Kultur, die eigene Wirklichkeit konstruieren, in der Wertvorstellungen deutlich differieren können. Über diese Unterschiede gelte es, so schildert der Autor, sich auszutauschen und sie zu erkennen. Das sei die Basis für Akzeptanz, Integration und Inklusion. Unter Bezugnahme auf die Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick und Friedemann Schulz von Thun beleuchtet Gröpler, warum Kommunikation meist von Missverstehen, von einem Aneinander-vorbei-Reden, geprägt ist. Kommunikation sei „kein einfaches Modell von Aktion und Reaktion, sondern eine reziproker (wechselseitiger) Prozess“ (Watzlawick & Beavin 1980, S. 96‒97), der bedinge, dass Nachrichten beim Empfänger anders ankommen können, als vom Sender gedacht und beabsichtigt (S. 44). Das sei nicht nur bei der Kommunikation von Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen so. In interkulturellen Kontexten sei die Gefahr der Fehlkommunikation aber noch größer. Gröpler ist überzeugt, dass sich eine systemische Perspektive und eine dialogische Grundhaltung anböten, um dem Herr zu werden (S. 51 f.). Hilfreich dabei, Fehlkommunikation zu erkennen und zu vermeiden, sind dem Autor zufolge diverse Techniken, die in der interkulturellen Beratung bzw. im interkulturellen Dialog zur Anwendung kommen können. Er benennt zirkuläre Fragen, Genogrammarbeit, das Systembrett und weitere optionale Verfahren als potenziell sinnvoll. Sein Fazit lautet: „Neben den verschiedenen Wirklichkeiten, die wir über Sprache erschaffen und individuell wahrnehmen bzw. verstehen, können die jeweiligen kulturellen Programmierungen Missverständnisse erhöhen. Kenntnisse hierüber, eine kultursensible Haltung, selbstkritisches Hinterfragen eigener Konstruktionen und geeignete systemisch-konstruktivistische Verfahren können eine interkulturelle Beratung erleichtern und eine schnellere Lösung ermöglichen“ (S. 57).

Das 4. Kapitel (Integrationsgestaltung) ist mit Abstand das längste. In ihm befassen sich Karl-Heinz Gröpler, Andrea Tabatt-Hirschfeldt & Ludger Kolhoff mit Fragen der Organisation, Steuerung und dem Management von Integrationsprojekten. Sie beleuchten die Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund am Leben in der Gesellschaft und skizzieren kommunale Steuerungsprozesse in der Integrationsarbeit. Gröpler verweist im Unterkapitel 4.1. (Organisation der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft) zunächst darauf, dass die „Integration von Menschen mit Migrationshintergrund bzw. von Geflüchteten […] in den nächsten Jahren aufgrund der hohen Zahl von Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan und Nordafrika eine Querschnittsaufgabe der deutschen Gesellschaft“ sein werde (S. 61). Konkludent sei es nötig, Wege aufzuzeigen, „wie Vorbehalte überwunden werden und ehrenamtliche Arbeit in der Integration unterstützt werden kann“ (S. 62). Nach Rekurs darauf, dass Menschen universelle Bedürfnisse haben und was diese auszeichnet, kommt der Autor auf die Maxime der Sozialen Arbeit zu sprechen. Als konstitutiv für diese benennt und erläutert er Prävention, Regionalisierung, Alltagsorientierung, Integration und Partizipation (S. 66). Im Rahmen dessen geht er auch auf die Bedeutung des Empowerment in der Sozialen Arbeit ein. Als zentrale Betätigungsfelder, in denen Soziale Arbeit (professionell wie ehrenamtlich) mit geflüchteten Menschen erfolgt, benennt Gröpler u.a. die Beratung in der Flüchtlingsarbeit, die in Institutionen wie dem Sozial-, Integrations- und Bürgeramt, dem Jobcenter und freien Beratungsstellen sowie Vereinen geleistet wird. Zudem geht er auf die Bedeutung der Beschaffung und Mitgestaltung von Wohnraum, auf die partizipative Integration, ein. Ferner reflektiert der Autor, dass dem gesamten Bereich des Sports (z.B. in Vereinen) und der (Mit)Arbeit z. b. in Projekten in einer Kleingartenkolonie eine große Bedeutung bei der Integration zukämen, weil dort ein ungezwungener, authentischer Austausch von zugewanderten und hier geborenen Menschen möglich sei. Das diene dazu, Vorbehalte abzubauen und konkrete Hilfestellung zu leisten.

Im Unterkapitel 4.2. (Kommunale Steuerung) gibt Tabatt-Hirschfeldt einen Überblick über kommunale Steuerungsmodi, die entscheidend „für die hierarchische bzw. heterarchische Steuerung der Flüchtlingsintegration“ seien (S. 83). Sie beleuchtet verschiedene Organisationsmodelle der Interkulturalität, Migrations- und Flüchtlingsarbeit und informiert über die Aufgaben und Möglichkeiten, die Integrationsmanager*innen zukommen. Eingegangen wird auf das Wirken des Organisationssoziologen Max Weber ebenso wie auch auf die Folgewirkungen der Politik der Regierung Gerhard Schröders, die mit der Agenda 2010 einen Richtungswechsel in der Sozialpolitik einleitet hat, der sich stark darauf auswirke, wie Steuerungsprozesse in der Kommunalverwaltung (zumindest in der Grundsicherungsarbeit) vollzogen werden und welche Erfolgsindikatoren bei dieser angelegt werden. Was die Probleme und Herausforderungen anbelangt, mit denen sich Sozialarbeiter*innen und Leitungskräfte in Sozialbehörden konfrontiert sehen, benennt Tabatt-Hirschfeldt unter Bezugnahme auf Erhebungen der Universität Bochum „vier Grundprobleme in der Geflüchtetenpolitik, die sich eher mit den Rahmenbedingungen für die Umsetzungsschwierigkeiten für die kommunalen Verwaltungen befassen“ (S. 87). Konkret skizziert die Autorin folgende Verbesserungsbereiche:

  • Zersplitterte Zuständigkeiten: Darunter fallen auf institutioneller Ebene die fehlende Gesamtprozessverantwortung und Koordination seitens einer Behörde, was Fehlkommunikation und oft mehr Nebeneinander- statt Miteinander-Arbeiten bedingt. Ferner wird moniert, dass die gesetzlichen Zuständigkeiten die Prozesse in die verschiedenen Bereiche Asyl und Integration zersplittern, sodass eine Hilfe aus einer Hand und Synergieeffekte kaum möglich seien.
  • Probleme bei Qualität und Aufgabenwahrnehmung des BAMF: Geschildert werden unter Rekurs auf Bogumil et al. (2017b, S. 7) die zu lange Verfahrensdauer, die mangelnde Qualität der Bescheide, die regional sehr unterschiedlichen Anerkennungsquoten, die fehlende Trennung von Anhörung und Entscheidung, insgesamt eine mangelnde Kommunikation mit Ausländerbehörden und Gerichten sowie die unzureichende Qualität des Ausländerzentralregisters.
  • Formale Regelungen: Diese verhindern die ausreichende Berücksichtigung der Besonderheiten der verschiedenen Zielgruppen“ (S. 87). Dies gelte insbesondere im Bereich der Bildung und Ausbildung, etwa bei der Anerkennung von Zeugnissen und Berufserfahrungen. Moniert wird bezugnehmend auf Bogumil et al. (2017b, S. 8) ebenfalls die aufwendige Einzelfallprüfungen, die anstelle von Pauschalierungen erfolge.
  • Ständige Rechtsänderungen: Benannt wird neben mangelnder rechtlicher Verlässlichkeit eine zu lange verwaltungsgerichtliche Klärung, die effizientes Verwaltungshandeln behindere.

Als Erfolgsfaktoren für die kommunale Arbeit im Kontext der Flüchtlingsarbeit identifiziert die Autorin, wieder bezugnehmend auf verschiedenen wissenschaftliche Studien, die Themencluster „Strategische Vernetzung im Hinblick auf kommunalen Strukturen und Prozesse“, die „Gestaltung operativer Abstimmungsprozesse mit den gesellschaftlichen Akteuren sowohl in Bezug auf operative Querschnittsaufgaben als auch auf die unterschiedlichen Integrationsfelder bezogen“ und die „Einbindung und Stärkung der gesellschaftlichen Akteure als Koordinationsaufgabe der Kommunalverwaltung des ehrenamtlichen Engagements“ (S. 89). Was damit gemeint ist, wird seitens Tabatt-Hirschfeldt relativ ausführlich erklärt. Darüber hinaus gibt die Autorin einige Anregungen für die Zukunft (S. 95 f.), die sich auf die Bereiche der Vernetzung, Standards und Strukturen, politische Erfahrung und Verantwortung sowie Organisationsmodelle des Geflüchtetenmanagements beziehen. Im letzten Teil des Unterkapitels 4.2. wird dargelegt, was die Arbeit von Integrationsmanager*innen in kommunalen Netzwerken auszeichnet. „Das Ausfüllen der verschiedenen Rollen sowie das Agieren auf operativer Handlungsebene und mit strategischer Ausrichtung erfordert von Integrationsmanager/​innen vielfältige Skills“, schildert die Autorin (S. 103). Bedeutsam seien das Verständnis der Diversität von Netzwerkpartner*innen, systemisches Denken, partizipative ZielentwickIung, Ergebnisoffenheit im Herangehen an die Maßnahmengestaltung, die Übernahme der Ergebnisverantwortung, die Übernahme einer vermittelnden und moderierenden Rolle zwischen Interessengruppen, die Allparteilichkeit, die Bereitschaft zum Eingehen von Kompromissen sowie der professionelle Umgang mit widersprüchlichen Situationen.

Im letzten Unterkapitel 4.3. (Management von Integrationsprojekten) erklärt Kolhoff, wie Projekte mit Geflüchteten initiiert, geplant, umgesetzt, organisiert und evaluiert werden können. Er gibt zu bedenken, dass „Projekte zur Integration von Geflüchteten […] in der Regel zeitlich und finanziell begrenzt sowie inhaltlich komplex und oft innovativ [sind]. Komplexität kann beispielsweise allein schon durch fehlende Informationen entstehen“ (S. 106). Um die Komplexität zu bewältigen, die damit einhergeht, müssten Projektleiter*innen hinreichend qualifiziert sein und Migrant*innen in die Projektarbeit mit einbeziehen, also nicht für diese, sondern mit ihnen arbeiten, ist der Autor überzeugt. „Projektleiter/​innen müssen Termine, Kosten, MitarbeiterInnen, Wünsche der Geflüchteten etc. im Auge behalten. Erfolgreiches Projektmanagement ist in weiten Teilen Personal- und Beziehungsmanagement. Viele Projekte scheitern nicht aufgrund von inhaltlichen Schwierigkeiten, sondern weil es Probleme auf der Beziehungsebene gibt. Um Projektteams zu leiten, müssen Projektmanager/​innen motivieren, kommunizieren und Konflikte managen“, ist Kolhoff überzeugt (S. 108). Er nimmt sich daher der Frage an, wie das erreicht werden kann und beleuchtet idealtypisch den gesamten Prozess von der Planung, Initiierung und Durchführung von Projekten. Das Buch schließt mit Ausführungen des Autors zur Evaluation von Projekten.

Diskussion

Was ist nun zu sagen zum hier besprochenen Buch? Wie lässt es sich im Fachdiskurs verorten und an wen richtet es sich? Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es sich beim Werk „Sozialmanagement in der Arbeit mit Geflüchteten“ um ein Fachbuch handelt. Es bietet einen kompakten aktuellen Überblick über grundlegende Faktoren und Hemmnisse, die zu kennen im Kontext der interkulturellen Arbeit mit und für Menschen zu kennen essenziell ist. Wie die meisten Texte, die vom Wissenschaftsverlag Springer herausgegeben werden, sind Fach- und Führungskräfte sowie Lehrkräfte an Hochschulen die Zielgruppe. Menschen, die in der Kommunalpolitik aktiv sind oder sich ehrenamtlich in interkulturellen Projekten einbringen, können ebenfalls von der Lektüre profitieren. Die Informationen, welche die Autor*innen liefern, sind nicht wirklich neu. Wer etwas Recherche-Kompetenz mitbringt, kann sich Informationen zu all dem, was im Buch thematisiert wird, auf Online-Portalen wie www.pedocs.de, www.ssoar.de und bei www.jstor.org kostenlos aneignen. Das Verdienst der Verfasser*innen des hier besprochenen Werkes ist aber, dass sie in ihrem Buch Informationen bündeln und aufeinander beziehen, die zu kennen für die oben genannte Zielgruppe relevant sind. Ob man von der Lektüre profitiert, hängt – wie so oft – von der Vorerfahrungen der Leser*innen ab. Dem Rezensenten hat das Werk gut gefallen, da er selbst jahrelang geflüchtete Menschen im Jobcenter beraten hat und die Hürden, welche die Autor*innen beschreiben, unmittelbar selbst erfahren hat. Die Methoden und Handlungsmöglichkeiten, welche die Autor*innen nennen, um sich dieser anzunehmen, sind in der Praxis durchaus probat.

Im Hinblick auf das Unterkapitel 3.2. (Interkulturelle Kommunikation) hat sich der Rezensent aber manches Mal gefragt, ob es nun wirklich nötig ist, so relativ umfassend darauf einzugehen, warum Kommunikation in der Regel von Missverstehen geprägt ist. Natürlich ist interkulturelle Kompetenz in der Flüchtlingsarbeit essenziell. Das ist wohl eine Binsenweisheit. Die allermeisten Personen, die beruflich im Sozial- und Erziehungswesen oder in der Lehre tätig sind, dürften im Rahmen ihrer Ausbildung und/oder in Weiterbildungen aber schon vielfach mit den Werken von Schulz von Thun und Watzlawick vertraut gemacht worden sein. Das Vier-Ohren-Modell, das Wertequadrat und das Kommunikationsmodell von Paul Watzlawick sind absolute Standards in Kommunikationsweiterbildungen. Die Darlegungen zu dieser Thematik hätten aus Sicht des Rezensenten daher entfallen können, weil die Zielgruppe diese bereits kennen dürfte. Die Ausführungen zum Wirken des 2020 verstorbenen Kommunikationswissenschaftlers Geert Hofstede, der das Verständnis von Interkulturalität stark geprägt hat, hätten dafür noch umfangreicher rezipiert werden können. Nichtsdestotrotz ist „Sozialmanagement in der Arbeit mit Geflüchteten: Eine Einführung“ ein gutes Buch. Es ist, was der Titel verspricht: Eine Einführung – nicht mehr und nicht weniger. Es ist logisch, dass diverse Aspekte, die für interkulturelle Arbeit wie auch für das Verständnis von Management-Prozessen relevant sind, in einer Einführung nicht ausführlich(er) dargestellt werden können. Bei einigen Punkte hatte der Rezensent aber einfach den Eindruck, dass zu viele Punkte auf 149 Seiten untergebracht werden sollten. Einige Ausführungen zu fundieren und dafür manche Punkte wegzulassen, die ohnehin nur angesprochen werden, ohne weiter darauf einzugehen, hätte dem Text gut getan. Alles in allem gelingt den Autor*innen der Spagat, hinreichend Informationen verständlich zu liefern, ohne zu oberflächlich zu bleiben, in den meisten Fällen aber gut. Dass sie ihre Darlegungen oft mittels Zitation anderer Autor*innen sowie durch das Aufzeigen statistischer Daten substantiieren, belegt, dass die Verfasser*innen des Buches im Fachdiskurs up-to-date sind.

Didaktisch gelungen ist, dass die Kapitel 2–4 mit einer Zusammenfassung eingeleitet werden. Zudem wird jeweils ein Lernziele benannt, sodass man sich schnell einen Überblick darüber verschaffen kann, ob die Lektüre des Kapitels im Hinblick auf das eigene Interesse sich zu lesen lohnt. Vom formalen Aspekt her ist angenehm, dass das Buch gut gegliedert und logisch aufgebaut ist, wobei die Kapitel inhaltlich nicht aufeinander aufbauen. Leser*innen, die noch kein oder nur wenig Grundlagenwissen zum Thema Integration, Migration und Interkulturalität haben, ist allerdings anzuraten, das Buch in der von den Autor*innen angedachten Reihenfolge zu lesen, da manche Aspekte sonst wenig verständlich sein können. Es finden sich keine Fußzeilen, was dem Lesefluss dienlich ist. Die Autor*innen schreiben, was für ein Fachbuch nicht immer selbstverständlich ist, meist angenehm klar und verzichten größtenteils auf Fremdwörter. Die Anzahl an Schachtelsätzen hätten sie aber noch reduzieren können. Die vielen farblichen Abbildungen tragen zum Verständnis bei und lockern den Text auf, der sich problemlos an 2 Tagen durcharbeiten lässt. Verwundert hat den Autor allerdings, dass das Buch doch recht abrupt endet. Ein 5. Kapitel, in dem die zuvor getätigten Darlegungen noch einmal zusammengefasst und hinsichtlich ihrer Umsetzbarkeit reflektiert werden, hätte dem Text gut getan. Ein letzter Kritikpunkt ist, dass der Titel „Sozialmanagement in der Arbeit mit Geflüchteten“ dem Inhalt des Buches insofern nur bedingt gerecht wird, als der Aspekt des Sozialmanagements im Werk doch arg kurz kommt. Das 4. Kapitel, in dem Organisations- und Steuerungsprozesse in der Arbeit mit Geflüchteten fokussiert werden, ist zwar das längst im Buch, viel über die Konstitutionsmodi des Sozialmanagements erfährt man hier aber nicht.

Zu guter Letzt sei aus persönlicher Sicht des Rezensenten noch angemerkt, dass ihm im Hinblick auf die Gelingensvoraussetzungen von Integrations- und Inklusionsgestaltung an Schulen auch der Rekurs auf die Notwendigkeit der stärkeren Vernetzung von Schulsozialarbeiter*innen und Lehrkräften gut gefallen hat. Diese Thematik ist seit über 20 Jahren ein „Dauerbrenner“. Die mit einem Mangel an professionsübergreifender Kommunikation einhergehenden Probleme, für die es u.a. psychologische, alltagspraktische, professionstheoretische und struktureller Gründe gibt, sind an den meisten Schulen noch immer nicht in wünschenswertem Maße überwunden. Es ist, das weiß der Rezensent aus eigenen Forschung zur Schulsozialarbeit, in der Tat so, dass diverse gut gemeinte Projekte, die mehr Erfolg zeigen könnten, wenn in Schulen nicht so sehr nebeneinander her gearbeitet würde, oft wenig nachhaltig sind. Dies immer wieder zu problematisieren, um es langfristig ändern zu können, ist nützlich.

Fazit

Baur, Gröpler, Kolhoff & Tabatt-Hirschfeldt legen mit „Sozialmanagement in der Arbeit mit Geflüchteten“ ein in weiten Teile gut lesbares, aktuelles Werk vor, das Integrationsmanager*innen, Integrationsberater*innen und auch Kommunalpolitiker*innen eine praktische Hilfestellung bei ihrer Arbeit an die Hand gibt und Reflexionsimpulse liefert. Manche Ausführungen hätten etwas länger ausfallen können, andere hätten wegfallen können. Insgesamt ist das Werk als Einstiegslektüre in die Thematik aber gelungen, wenngleich der Aspekt des Managements unzureichend behandelt wird.


Rezension von
Dr. phil. Christian Philipp Nixdorf
Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge (FH), Organisationspädagoge M. A., Systemischer Berater (DGSF), Case Manager im Gesundheits- und Sozialwesen (DGCC), zertifizierter Mediator, arbeitet als Organisationsberater, Coach und Konfliktmanager.
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Zitiervorschlag
Christian Philipp Nixdorf. Rezension vom 22.03.2021 zu: Ludger Kolhoff, Christine Baur, Karl-Heinz Gröpler, Andrea Tabatt-Hirschfeldt: Sozialmanagement in der Arbeit mit Geflüchteten. Eine Einführung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2020. ISBN 978-3-658-27279-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28096.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


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