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Heiko Kleve: Die Unternehmerfamilie

Cover Heiko Kleve: Die Unternehmerfamilie. Wie Wachstum, Sozialisation und Beratung gelingen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. 164 Seiten. ISBN 978-3-8497-0358-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Management, Beratung.
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Thema

Unternehmerfamilien verfolgen neben ihrer transgenerationalen auch unternehmerische Intentionen, in denen sie marktorientierte Entscheidungen treffen. Aufgrund ihrer unternehmerischen Motivation, spricht man von „Unternehmensfamilien“. Aus dem Verständnis der transgenerationalen Perspektive, in dem Eigentümer nicht nur passiv an unternehmerischen Interessen beteiligt sind, sondern auch am Erhalt, der Weiterentwicklung und der Existenzsicherung durch Weitergabe an die nächste Generation interessiert sind. Basierend durch kreativen Intellekt, Leidenschaft und risikobereites Handeln, fokussieren sie sich auf die Entwicklung des Unternehmens und schaffen nachhaltig überlebensfähig zu bleiben. Dabei zeigt Heiko Kleve in einer ganzheitlichen Perspektive, welche Herausforderungen die Familien alltäglich beschreiten und meistern: Wie lassen sich wachsende Gesellschafterkreise vernetzen und in Balance halten? Wie können Nachfolger sinnstiftend eingebunden werden und trotzdem ihre eigenen Ziele und Vorstellungen verwirklichen? Wie finden Unternehmerfamilien in Veränderungsprozessen gute Lösungsansätze?

Der Autor

Heiko Kleve ist Sozialpädagoge, Soziologe sowie systemischer Berater, Supervisor/​Coach, Case-Manager und Konfliktmediator in Witten. Er ist Inhaber des Stiftungslehrstuhls für Organisation und Entwicklung von Unternehmerfamilien am Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU), Universität Witten/​Herdecke.

Aufbau

Das Buch ist nach der thematischen Hinführung in drei Teile gegliedert:

Nach dem Prolog werden zunächst die Rahmenbedingungen der Sozialisation und Erziehung, Konfliktlösemechanismen und Aufrechterhaltung des Netzwerkes in vermögenden Unternehmerfamilien angesprochen.

Dem schließen sich im ersten Teil Grundlagen von Familie, Unternehmen, Eigentum an. Alle drei Kontexte folgen einer eigenen Soziallogik und in manchen Fällen führt es in der Verbindung zu widersprüchlichen Erwartungen.

Heiko Kleve analysiert die verschiedenen Dynamiken im psychosozialen Kontext der Familienunternehmen und zeigt deren Herausforderungen im zweiten Teil auf. Dabei geht er davon aus, dass die Mitglieder der Unternehmerfamilien (sozusagen unerkannt) Nutzer*innen der Sozialen Arbeit sind, sei es als Möglichkeit der Eigen -oder Fremdhilfe. Dabei verfolgt er das Ziel, die Konturen seines Forschungsprogrammes zu skizzieren, die unterschiedlichen Facetten in einer Weise zu beleuchten, welche die Komplexität der Familienform sichtbar macht.

Im dritten Teil wird mithilfe der Analyse der Herausforderungen die empowermentorientierte Beratung konstruktiv aufgezeigt. Erst die Selbsttätigkeit führt zu Handlungsvermögen der Familie, mit denen es möglich ist autonom und selbstbestimmt als Unternehmerfamilien in die eigene Zukunft zu gehen.

Inhalt

Teil 1: Grundlagen

Innerhalb der psychosozialen Reflexion von Unternehmerfamilien gestaltet sich die Kommunikation sowohl auf privater sowie beruflicher Ebene und kann schwerlich voneinander getrennt werden. Die mehrdimensionale Verbindung, das Aufwachsen, die Sozialisation und die Lebensführung innerhalb einer Unternehmerfamilie gehen mit besonderer Herausforderung einher. Zum einen entfällt die Trennung von Privat- und Berufsleben, des Weiteren kommt es zu speziellen Ablöseprozessen bzw. dem Verbleib des Nachwuchses im familiären Nahfeld, da diese (potenzielle) Nachfolger*innen darstellen. Selbst wenn die Nachfolger*innen keine operative Tätigkeit im Unternehmen anstreben, können sie durch Vererbung oder rechtlichen Verfahren zur unternehmensbezogenen Verantwortung, in Form von Unternehmensanteilen, übertragen werden. In diesem Kontext fällt der Blick nicht nur auf die leiblichen Kinder, sondern vor allem auf potenzielle Verantwortungsträger*innen des unternehmerischen Eigentums bzw. der Führungsrolle des Unternehmens. Innerhalb dieses Blickwinkels auf Familienbeziehungen, zeigen sich besondere Herausforderungen der Familienmitglieder, welche mit Vulnerabilitäten einhergehen und besonderer Resilienzstrukturen bedarf. Unternehmerfamilien sehen sich zunehmend mit dem gesellschaftlichen Wandel konfrontiert und müssen neben ihrem Kumulationspunkt für die familiäre Entwicklung, sich der Pluralisierung von Lebenswelten, Individualisierung von Lebensverläufen sowie veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen als Unternehmerfamilie stellen. Dies fordert eine kreative Gestaltung der Ambivalenzen von Traditions- und Innovationsorientierung heraus.

Die grundsätzlichen psychosozialen Dynamiken von Unternehmerfamilien bieten besondere Möglichkeiten zur Analyse mit dem Tetralemmamodell. Dabei kann eine systemtheoretische Reflexion und Forschung zu Unternehmerfamilien anhand einer vier- bzw. fünfseitigen Struktur systematisiert werden. Das Tetralemma ist eine Form der Reflexion von Standpunkten, Positionen, Optionen und Strukturen die aus dem alten indischen Recht kommen. Es bietet einen Rahmen an, der bei der theoretischen Betrachtung hilft, alle relevanten Perspektiven einzunehmen, die Unternehmerfamilien verständlich machen und hilft aus der zweiwertigen Logik herauszuspringen.

Ausgangspunkt bildet das Forschungsthema der Systemtheorie, sowohl in grundlagen- als auch in praxistheoretischer Hinsicht, insbesondere am Wittener Institut für Familienunternehmen der Universität Witten/​Herdecke (WIFU). Hier wird daran gearbeitet diese besondere Sozialform anders als nur betriebswirtschaftlich, mithilfe eines transdisziplinären Ansatzes (im Rahmen der Systemtheorie vereinte soziologische, sozialpsychologische, juristische und wirtschaftswissenschaftliche Perspektiven) zu sehen.

Genauer wird der Frage nachgegangen wie sich die unterschiedlichen Systemlogiken der Familie und des Unternehmens zusammengeführt werden, dass sowohl aus familiärer als auch aus unternehmerischer Sicht von erfolgreichen Sozialprozessen gesprochen werden kann. Innerhalb des Aufeinandertreffens beider unterschiedlicher sozialer Logiken werden beide Systeme als hybride soziale Systeme betrachtet, die mit zahlreichen Paradoxien, Ambivalenzen und Dilemmata aufgeladen sind. Die Diskussion über soziale Regeln und der Family Compliance existieren drei Regelebenen, die in den sozialen Systemen wirken.

Teil 2: Herausforderungen

Im zweiten Teil beschäftigt sich Heiko Kleve mit der Herausforderung der Sozialisation und Erziehung in Unternehmerfamilien die anhand der Wirkung und des Umgang mit Vermögen betrachtet werden. Das Eigentum an erfolgreichen mehrgenerationalen Familienunternehmen führt im günstigsten Fall dazu, dass die Familienmitglieder auch privat über Reichtümer verfügen, was das kindliche Aufwachsen sehr prägt. Im Kapitel zwei stellt Heiko Kleve theoretische Konzepte vor, die die Prägung beschreiben und erklären. Ausgangspunkt bilden Forschungsprojekte die sich mit transgenerationalen Vermögensmanagement sowie mit der Vermögenssozialisation von Kindern und Jugendlichen in mehrgenerationalen Unternehmerfamilien befassen. Aus Interviews mit Mitgliedern aus vermögenden deutschen Unternehmerfamilien, insbesondere mit Eltern und ihren Kindern im Alter zwischen 16 und 28 Jahren, entstanden aus den Ausführungen eine zentrale Frage: „Wie sich die kognitive, emotionale und aktionale Entwicklung von Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Unternehmerfamilien beschreiben und erklären lässt, wenn diese Entwicklung durch ein signifikantes finanzielles Familienvermögen gerahmt wird“. Resultierend aus mehreren qualitativ ausgerichteten Forschungsprojekten am WIFU sind 8 Thesen zur Vermögenssozialisation von Kindern und Jugendlichen in mehrgenerationalen Unternehmerfamilien entstanden. Diese Thesen wurden in kognitive (Wissen), emotionale (Fühlen) und aktionale (Handeln) Dimensionen unterschieden (KEA-Modell). Aus den Beobachtungen lässt sich eine erste Typisierung von elterlichen Erziehungspraxen bezüglich des familiären Vermögens in Unternehmerfamilien ableiten.

Weiter beschäftigt sich das WIFU mit dem familiären Wachstum, mithin auf die steigende Zahl der Familiengesellschafter*innen durch egalitär vererbte Anteile. Somit steigt die Anzahl an Kindern die nun operativ im Unternehmen tätig sind oder als Gesellschafter*innen Verantwortung für ihr Eigentum tragen wollen. Im Folgenden beschreibt Heiko Kleve die wachsenden Unternehmerfamilien als Formen der Gemeinschaftlichkeit, welche sich durch die Etablierung von gemeinschaftlichen Netzwerkbeziehungen in passender Weise mit ihrer Familiarität kombinieren. Zur Annäherung an die Familie, die Organisation und das Netzwerk als drei Sozialwelten, die sich als differente Systemtypen unterscheiden lassen, dient die FON-Theorie des Sozialen. Innerhalb der Theorie kommunizieren die Personen jeweils anders und verschiedenartig miteinander innerhalb der drei Sozialwelten und sichern dauerhafte interne Kohäsion von großen Familiengesellschaften.

Teil 3: Beratung

Der dritte Teil des Buches beschäftigt sich mit konkreten Unterstützungsprozessen, wie dem Konzept des Empowerment. Dabei skizziert Heiko Kleve, wie ein professionelles Arbeiten aussehen kann und auf welche Bereiche der Familie es sich bezieht. Dazu werden sechs Schritte der helfenden Kommunikation differenziert, denen der Unterstützungsprozess folgen soll. Beratungen und Beratungsprozesse bezüglich Unternehmerfamilien beziehen sich hier auf fünf Aspekte: Konflikte, Nachfolge, Gesellschafterkompetenz, Zusammenhalt im Großen, Weiterwachstum in mehrgenerationalen Unternehmerfamilien und auf Fragen zur Entwicklung von Systemen der Family Governance. In der Beratung von Unternehmerfamilien werden entsprechende Themen und das Bearbeitungsverfahren betrachtet und eine spezielle Methode, die systemische Aufstellung, in den Mittelpunkt gestellt. In der Verbindung von Familie, Unternehmern und Eigentümerschaft sowie die Herausforderungen, die damit einhergehen, lassen sich insbesondere innerhalb systemischer Strukturaufstellungen für die Mitglieder aus Unternehmerfamilien eine Reflexion und konstruktive Passung erarbeiten. Systemische Strukturaufstellungen eignen sich zur Verkörperung persönlicher und sozialer Systemdynamiken in Unternehmerfamilien, zeigen die Verbindung familiärer und unternehmerischer Entwicklungen. Innerhalb des Bewältigungsprozesses unterstützt die systemischen Strukturaufstellungen die Herausforderungen aus gesellschaftlichen Kontext, Nachfolgeprozesse, eigene Entwicklungsbewegungen und Transformationsschritten in mehrgenerationalen Unternehmerfamilien. Fachkräfte entwickeln ein Verständnis für die besonderen familiären Bedingungen und widersprüchlichen Erwartungen zwischen den Mitgliedern von Unternehmerfamilien und können somit wirksame Veränderungsprozesse anregen.

Diskussion

Heiko Kleve hat in diesem Buch ein gutes Gesamtpaket geschnürt. Er beschreibt die inneren Prozesse, sowie das Management nach Außen von Unternehmerfamilien in einer ganzheitlichen Perspektive. Seine Forschungsergebnisse am WIFU stützen die Thesen und untermauern Lösungsvorschläge, die die Herausforderungen unternehmerischer Familien und deren professionelle Begleitung meistern.

Der Autor beschreibt seine Gedankengänge prägnant und untermauert es mit Klassikern der Systemtheorie von Luhmann. Der Lesefluss und das Verständnis sind uneingeschränkt und werden gelegentlich durch Abbildungen oder kurze Tabellen ergänzt. Für Sozialprofessionelle als Unterstützer*innen im Bereich der Beratung ist das Buch als sinnvolle Ergänzung dienlich und zeigt einen konkreten Klienten-Typus auf, welcher sich mit paradoxer Gleichzeitigkeit des Gegensätzlichen unter dem sich sowohl Risiken oder Ressourcen der Familie für das Unternehmen entwickeln kann.

Fazit

Wenn in den unterschiedlichen Feldern der sozialen Arbeit Unterstützer*innen auf Menschen in diesen Kontexten treffen, zeigt hier die nutzerorientierte Vermittlung des professionellen Fallverständnisses eine Fachexpertise zu den besonderen Herausforderungen dieses familiären Herkunftskontextes.


Rezension von
Mandy Kretzschmar
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Zitiervorschlag
Mandy Kretzschmar. Rezension vom 20.08.2021 zu: Heiko Kleve: Die Unternehmerfamilie. Wie Wachstum, Sozialisation und Beratung gelingen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. ISBN 978-3-8497-0358-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28100.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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