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Martina Gross, Vera Popper: Und die Maus hört ein Rauschen

Rezensiert von Prof. Dr. Lilo Schmitz, 03.01.2023

Cover Martina Gross, Vera Popper: Und die Maus hört ein Rauschen ISBN 978-3-8497-0350-9

Martina Gross, Vera Popper: Und die Maus hört ein Rauschen. Hypnosystemisches Erleben in Therapie, Coaching und Beratung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. 201 Seiten. ISBN 978-3-8497-0350-9. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Reden reicht nicht!?

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Thema

Martina Gross und Vera Popper stellen in diesem Band ihr aus vielfältigen Quellen gespeistes hypnosystemisches therapeutisches und beraterisches Vorgehen in einzelnen Schritten vor.

Autorin

Martina Gross ist hypnosystemische Psychotherapeutin und Supervisorin in freier Praxis. Sie leitet das Hypno-Synstitut Wien und ist Lehrtrainerin der Milton Erickson Gesellschaft.

Vera Popper ist als hypnosystemische Psychologin in freier Praxis tätig. Ihre Schwerpunkte sind neben Therapie: Coaching, Organisations- und Teamentwicklung.

Inhalt

Als moderne hypnosystemische Psychotherapeut*innen integrieren Gross und Popper eine Vielzahl von therapeutischen Ansätze, die ihnen passend zu ihrem Modell erscheinen. Darauf bereitet bereits der Titel vor, der deutlich ein narratives Element zeigt. Anhand einer abgewandelten indianischen Geschichte einer geschäftigen Maus, die ein Rauschen hört, das sie in der Folge als Chance zur Veränderung erforscht, leiten die Autor*innen ihr Buch ein. Die Fülle ihrer Ideen und Einfälle bringen sie dabei in ein Konzept, das der Leserin eine Orientierung geben kann. In jedem größeren Kapitel und zu jedem Stadium der Therapie oder Beratung finden sich nach „Räumen“ geordnete Informationen und Anregungen:

  • Wissensraum: Hier präsentieren die Autor*innen in Thesenform ihre Konzepte, Haltungen und Methoden – sie sprechen die kognitive Verarbeitungskompetenz der Leser*innen an.
  • Erlebnisraum: Hier wird die Leserin eingeladen – gestützt durch Bilder, Trancen und Fragen – selbst die angebotenen Methoden auszuprobieren und zu erleben.
  • Begegnungsraum: Hier findet die Leser*in Ideen, wie sie ihre Klient*innen begleiten und einladen kann. Entstanden sind die Ideen aus dem Erfahrungsschatz der eigenen Arbeit und Ausbildungen. Die Trancen, Fallgeschichten und Anwendungsbeispiele wollen – so die Autorinnen – anregen zu neuen und eigenen Versionen der Leser*in.

Gross und Popper unterscheiden verschiedene Welten, auf die wir Menschen fokussieren können und die uns je spezielle Deutungen unseres Lebens verschaffen:

  • die Ich-Welt: Das bewusste Denken, die Kognition, das bewusste und willkürliche Fokussieren von Aufmerksamkeit auf die Alltagswelt
  • die Es-Welt: Das unbewusste Denken, die Intuition, das unbewusste und unwillkürliche Fokussieren von Aufmerksamkeit
  • die Körper-Welt: Die unwillkürlichen und teils unbewussten Prozesse des Organismus, das reaktive körperliche System, das uns Feedback zu unserem Erleben gibt
  • die Universelle Welt: Die verschiedenen Kontexte im Leben, die uns mit anderen Menschen verbinden und sowohl in uns wie auch außen stattfinden.

Die drei Tiere aus der indianischen Geschichte: Maus, Waschbär und Frosch stehen für menschliche Qualitäten, die den Zugang zu Therapie, Beratung und Coaching erleichtern: Die Maus für forschende Veränderungswünsche, der Waschbär für die kundige Begleitung dieser Prozesse und der Frosch für Weisheit, sicheres Verankert-Sein und Liebe.

Diese drei Tiere begleiten in narrativer Form die verschiedenen Etappen des therapeutischen Prozesses und verdeutlichen den nie einfachen und nie gradlinigen Prozess der Verbesserung der aktuellen Situation und des aktuellen Erlebens.

Die Autor*innen beschreiben den therapeutischen Weg, den sie mit ihren Klient*innen gehen, in vielen Bildern und Einzelheiten. Es würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, die einzelnen Stationen im Detail zu skizzieren. Deshalb geht diese Rezension exemplarisch auf einige Aspekte des von Gross und Popper geschilderten beraterischen und therapeutischen Prozesses ein:

Die Reise zur Veränderung des Lebens und Erlebens beginnt mit einem Rauschen, einem Unbehagen, einer Unruhe, meist einem körperlichen Signal. Diese somatischen Marker zeigen uns, dass etwas stimmig oder unstimmig ist. Als Wächterin wacht diese Instanz über uns sogar im Schlaf, signalisiert Gefahr oder Stabilität. Dabei ist sie nicht neutral, sondern bedient sich des Erfahrungsschatzes eines ganzen Lebens, auf dessen Basis sie gegenwärtige Erfahrungen interpretiert.

Unter dem Stichwort „Embodiment“ schildern Gross und Popper, wie sie körperliche Empfindungen nutzen: Was der Körper uns meldet, sind oft Lösungsversuche, egal wie schmerzlich. Die Beschreibung unserer körperlichen Beschwerden trägt oft das Thema der Beratung in sich. 

Auf der Seite der Klient*in zeigt das „Rauschen“ – als Unwohlsein, vielleicht als Symptom – diffus an, dass der derzeitige Zustand nicht optimal ist. Oft ist dieser Zustand gekennzeichnet durch einen Verlust von Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen. Hier ist es Aufgabe der therapeutischen Begleiter*in, für den Beginn des Prozesses Sicherheit zu bieten, damit die Klient*in sich öffnen kann. Eine gute Voraussetzung ist die Stimmigkeit der Therapeut*in mit ihrer inneren und äußeren Umgebung.

Die Klient*in bringt immer auch ihr Beziehungsgedächtnis mit in den Prozess, das ihr hilft, Eindrücke einzuordnen und die eigenen Reaktionen so zu gestalten, dass Sicherheit bleibt. In einer wohlwollenden und sicheren Umgebung können sich Menschen in ihrem Tempo öffnen, wobei die sichere und achtsame Beziehung der Therapeut*in zu sich selbst („Eigenpacing“) die wichtigste Grundlage fürs Gelingen darstellt. Dennoch fordern die Autor*innen auf, bescheiden zu reflektieren, wie viele potentielle Missverständnisse gerade den Start einer therapeutischen Beziehung belasten können. Dazu setzen sie beeindruckend als Selbsterfahrung eine „Taschentuch-Trance“ ein, die zeigt, welche Interpretationen eine simple Box mit Taschentüchern im Therapieraum in Gang setzen kann.

Zum Thema „Auftragsklärung“ – „Wie kann ich für Sie hilfreich sein?“ bieten Gross und Popper hilfreiche Denkanstösse, ohne einfache Lösungen vorzuschlagen.

Dabei haben Gross und Popper einen speziellen Blick darauf, wie das menschliche Gehirn in der Ausrichtung ihrer Arbeit unterstützen kann. Da ist zum einen die Großhirnrinde als Ort von Denken, Sprache, Logik und Zeit. Mit Hilfe von Sprache kann sich die Klient*in im Dialog mit der Therapeut*in dabei neue sprachliche Konstruktionen schaffen, die hilfreich sein können. Sprache und die durch Sprache individuell auftauchenden Assoziationen und Erfahrungen sind aber auch verbunden mit den beiden anderen Gehirnbereichen. dem Mittelhirn und dem limbische System, der Welt der unwillkürlichen und nicht bewussten Prozesse, die „automatisch“ ablaufen und weniger Energie benötigen als die bewussten Prozesse.

Diese Bereiche sind Gegenstand der Hypnotherapie, die von Trancephänomenen spricht. Bestimmte Methoden können uns einen Zugang zu diesen unbewussten Anteilen ermöglichen. Hier sind beispielsweise körperliche Prozesse zu nennen (das Rauschen der Maus), die uns darauf aufmerksam machen, dass eine Veränderung ansteht. Weiterhin sind im Mittelhirn auch alle positiven und hilfreichen Erfahrungen gespeichert, die in der Therapie genutzt werden können, um beispielsweise einen reicheren Blick auf zukünftige Möglichkeiten zu erhalten. Als Methode bedient sich dabei die Therapeut*in der Aufmerksamkeitsfokussierung der Klient*in.

Dazu gehört auch, Ambivalenzen sowohl der Klient*in als auch der Therapeut*in wahrzunehmen, gutzuheißen und aus einer Metaperspektive heraus als förderlich zu betrachten. Gerade bei der Auftragsklärung ergänzen die Autor*innen bewährte Perspektiven ( „Was ist die Sehnsucht der Klient*in?“) durch einen Blick auf Ambivalenzen sowohl der Klient*in als auch der Therapeut*in. Gross und Popper ermuntern ihre Leser*innen, die eigenen Ambivalenzen („Soll ich der Klientin schnell weiterhelfen? Soll ich ihr Zögern respektieren?“) mit den Ambivalenzen der Klientin zu verbinden („Will ich schnell voran? Will ich noch nichts verändern?“) und beides aus einer Metaperspektive entspannt zu betrachten und mit der Klientin zu besprechen. Für jede Perspektive gibt es einen guten Grund und eine gute Zeit sie einzunehmen. Geduldig und beharrlich folgen die Therapeut*innen hier der Spur gelingender Zukunft und vergangener Erfolge. Wo nur negative Erfahrungen geschildert werden, werden diese in kraftvolle innere Bilder übersetzt, die umgefärbt und verändert werden, bis sie weniger belastend sind.

Aufmerksam verfolgen die Therapeutinnen Spiegelphänomene („Selbstähnlichkeit von Prozessen“), die in Beratung, Coaching und Therapie auftreten. So können sich die Therapeut*innen beispielsweise ähnlich gelähmt fühlen wie die Klient*innen. Für Gross und Popper ergeben sich aus der Wahrnehmung solcher Gefühle wichtige Informationen über das Anliegen.

Ausführlich beschäftigen sich Gross und Popper mit verschiedenen Stadien des therapeutischen Prozesses. Fast immer ist es für sie förderlich, Ambivalenzen und unterschiedliche Kräfte (ähnlich den Grundformen der Angst bei Riemann) zu einer kooperativen Haltung zusammenzuführen (Schmidts „Seitenmodell“).

Diskussion

Während viele Berater*innen, Coaches und Therapeut*innen eklektisch arbeiten und Ansätze verschiedener Schulen kombinieren, gibt es wenig Literatur, die diesen eklektischen Weg beschreiben und aufzeigen kann. Gross und Popper bilden hier eine Ausnahme. Sie schöpfen aus einer Vielzahl von traditionellen und neueren systemischen, körper- und hypnotherapeutischen Verfahren, die sie zu ihrem einzigartigen hypnosystemischen Therapieansatz verbinden. Dabei ist ihr Ziel nicht, dass die Leser*in ihre Verfahren übernimmt, sondern sie als Anregung für ihren eigenen Weg betrachten soll.

Wer das Buch in diesem Sinne liest, wird je individuell eine Fülle von Anregungen erhalten, die für die Übernahme in die eigene Praxis und den eigenen Stil geeignet sind.

Ein faszinierendes Buch, das nie glättet, sondern einen gleichzeitig leidens-bewußten wie erfrischenden Umgang mit Ambivalenzen und ungeraden Wegen zeigt.

Fazit

Die Wiener hypnosystemischen Therapeutinnen Martina Gross und Vera Popper geben ihren Leser*innen einen detaillierten Einblick in ihre therapeutische Praxis. Schritt für Schritt, multiperspektivisch und aus vielen Quellen schöpfend schildern sie Philosophie und konkrete Umsetzung ihres Ansatzes, so dass vor allem Praktiker*innen in Beratung, Coaching und Therapie durch die Lektüre angeregt und bereichert werden können.

Rezension von
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Hochschule Düsseldorf (Ruhestand) und ILBB - Institut für Beratung Brühl
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Es gibt 128 Rezensionen von Lilo Schmitz.

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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 03.01.2023 zu: Martina Gross, Vera Popper: Und die Maus hört ein Rauschen. Hypnosystemisches Erleben in Therapie, Coaching und Beratung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. ISBN 978-3-8497-0350-9. Reihe: Reden reicht nicht!?. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28103.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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