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Wolfgang Wöller: Dissoziation

Cover Wolfgang Wöller: Dissoziation. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. 144 Seiten. ISBN 978-3-8379-3006-1. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR.

Reihe: Analyse der Psyche und Psychotherapie - Band 21.
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Thema

Das Buch ist in der Reihe „Analyse der Psyche und Psychotherapie“ als Band 21 erschienen, einer Buchreihe, die sich Konzepten und Begrifflichkeiten der Psychoanalyse und deren Bedeutung für die Therapie widmet. Wolfgang Wöller beschreibt das Basiswissen zur Begrifflichkeit „Dissoziation“, einem Phänomen, das schon vor der Entstehung der Psychoanalyse beobachtet und beforscht wurde, und das in der heutigen Zeit der Wiederentdeckung der (Kindheits-)traumatisierungen und ihrer Auswirkungen auf die Bindungsentwicklung und das Leben als Erwachsene/er und die damit verbundenen therapeutischen Herausforderungen erneut Aktualität und Aufmerksamkeit erfährt. In diesem Buch wird diese Aufmerksamkeit von Seiten der Psychoanalyse gewährt, die das Phänomen ja durch S. Freuds Kehrtwende betreffend die Häufigkeit realer sexueller Gewalt und der damit verbundenen Verdrängung des Konzepts der Dissoziation vernachlässigt hatte. Es wird weiterhin ein therapeutisches Vorgehen beschrieben, das nicht als Widerspruch, sondern als Erweiterung des klassisch psychodynamischen Denkens aufgefasst wird und auch Methoden aus anderen Therapieschulen integriert.

Autor

Privatdozent Dr. med. Wolfgang Wöller ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie für Neurologie und Psychiatrie, gleichzeitig Psychoanalytiker, Lehranalytiker und EMDR-Supervisor. Bis 2017 war er Ärztlicher Direktor der Rhein-Klinik Bad Honnef.

Aufbau

Das Buch ist klar in drei Bereiche gegliedert: Im ersten Kapitel wird die historische Entwicklung des Phänomens Dissoziation dargestellt, im zweiten werden psychoanalytische, bindungstheoretische und neurobiologische Perspektiven auf dissoziative Störungen aufgezeigt, das dritte Kapitel schließt das Buch mit der Darstellung der therapeutischen Praxis innerhalb eines tiefenpsychologischen Rahmens ab.

Inhalt

1. Kapitel: Frühe Beschäftigung mit dissoziativen Phänomen: Historische Vorläufer Der Autor stellt den unterschiedlichen Umgang mit dem Phänomen „Dissoziation“ über die Jahrhunderte dar: In den frühen Kulturen wurde es meist als Besessenheit aufgefasst, wie auch ein Beispiel aus dem Neuen Testament belegt. Im 18.Jhd. rückten dissoziative Symptome bzw. Persönlichkeitsorganisationen im Rahmen der Entdeckung verschiedener Bewusstseinszustände in Hypnose wieder in den Mittelpunkt des Interesses und wurden dann im 19.Jhd. von J. Charcot (Dissoziation als verminderte integrative Kapazität) und seinen Schülern P. Janet und nicht zuletzt S. Freud weiter beforscht. Die Kehrtwende Freuds weg von der Realität sexueller Gewalt gegenüber Kindern und dem „dissoziativ-hypnoiden“ Modell hin zur Verführungstheorie und dem Konflikt-Verdrängungsmodell inklusive der Auseinandersetzung mit seinen Schülern (z.B. S. Ferenczi) wird ausführlich beleuchtet. Nun folgt eine Darstellung der Beiträge anderer Psychoanalytiker_Innen, wie M. Klein, C.G. Jung bzw. die der Objektbeziehungstheorie. Zuletzt wird das Ringen der psychoanalytischen Gemeinschaft betreffend der „Wiederkehr des Verdrängten“, hier dissoziativer Phänomene bzw. der Erkenntnisse P. Janets aufgezeigt.

2. Kapitel: Psychoanalytische, bindungstheoretische und neurobiologische Perspektiven auf dissoziative Störungen Zunächst wird der Unterschied zwischen Vergessen, Verdrängen und Dissoziieren herausgearbeitet incl. einer kurzen Auseinandersetzung mit dem Phänomen des „False-Memory“, um dann die normale und pathologische Multiplizität von Selbstzuständen zu beschreiben, ebenso Dissoziationen im Bereich der Körper-Selbst-Repräsentanz. Dabei wird immer wieder auf Diagnosen Bezug genommen, bei denen solche Erscheinungen beobachtbar sind, wie z.B. unterschiedliche Persönlichkeitsstörungen oder Psychosomatosen. Nun folgt die Einordnung der Entstehung von dissoziativer Störung in den Bindungskontext u.a. als Preis für die Aufrechterhaltung der lebenswichtigen Bindung bei vernachlässigenden oder misshandelnden Bezugspersonen. Auf nur einer Seite wird dann die neurobiologische Fehlentwicklung bei unregulierten emotionalen Zuständen beschrieben.

Nun folgt noch eine ausführliche Darstellung der Theorie der strukturellen Dissoziation der Persönlichkeit nach O. v. d. Haart et al. und eine Beschreibung der Klassifikation dissoziativer Störungen vom Normalphänomen bis zur Aufspaltung der Persönlichkeit sowie eine Einordnung in das neue Diagnosesystem der ICD 11.

3. Kapitel: Therapeutische Praxis In diesem Kapitel wird ausführlich ein störungsspezifisches, psychodynamisches und ressourcenorientiertes Behandlungskonzept, das sich für unterschiedlichste dissoziative Krankheitsbilder eignet, vorgestellt. Es stützt sich ebenso auf die Befunde moderner Neurowissenschaften wie die Arbeiten der niederländischen AutorInnengruppe und vieler vor allem deutschsprachiger Traumatherapeut_Innen und integriert auch Elemente aus anderen Therapieschulen. Wegen des derzeit noch bestehenden Mangels an Evidenzbasierung lehnt sich das vorgeschlagenen Verfahren an die Konsensbildung von Expert_Innen an. Ausführlich werden die Gestaltung des Arbeitsbündnisses, Umgang mit Selbstschädigung, Übertragung-Gegenübertragung und die Methodik der Psychoedukation, des Dissoziationsstops und Verbesserung der Emotionsregulierung wie auch die Arbeit mit unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen ebenso beschrieben, wie der Umgang mit dissoziativ Abgewehrten und mit traumatischen Erinnerungen, sowie die Konfliktbearbeitung und Begleitung weiterer Entwicklungsschritte.

Diskussion

Dem Autor ist es eine prägnante, auch bei der Darlegung schwierigerer psychodynamischer Zusammenhänge gut verständliche Darstellung des Basiswissens zum Phänomen „Dissoziation“ gelungen. Die kritische Darstellung der Kehrtwende Freuds, die Verdrängung des Phänomens der Dissoziation (und teilweise auch der sexuellen Gewalt gegenüber Kindern) durch viele Psychoanalytiker_Innen, und das Ringen der psychoanalytischen Gemeinschaft um die Integration des Begriffs wird „schonungslos“ aufgezeigt. In der Lehre der Psychoanalyse wichtige, in der Praxis hochrelevante Phänomen, wie Enactments, projektive Identifizierung oder Übertragung/​Gegenüberragung werden im Lichte der Psychodynamik dissoziativer Vorgänge nochmals verdeutlicht, die diagnostische Einordnung der vielfältigen dissoziativen Phänomene wird prägnant und übersichtlich beschrieben. Im letzten, dem Therapiekapitel, spürt man das hohe Engagement des Autors, gerade für die Gruppe der schwerer erkrankten Patient_Innen. Es kann in seiner Prägnanz, Ausführlichkeit und Klarheit tatsächlich dazu verhelfen, dass sich „psychodynamisch orientierte Psychotherapeuten…auf die Arbeit mit dissoziativen Patienten einlassen“, wie es sich der Autor im Schlusswort wünscht. Kritisch kann man bei diesem Buch vor allem Fehlendes anmerken, was wahrscheinlich vor allem den Vorgaben, die es zur Ausgestaltung der Reihe gibt, zu schulden ist: Es finden sich sehr wenige Beispiele aus der Arbeit mit Patient_Innen – gerade bei den schwierigeren psychodynamischen Zusammenhängen könnten diese die Verständlichkeit deutlich verbessern-; Visualisierungen (Tabellen, Abbildungen) fehlen gänzlich. Das Kapitel „Neurobiologie“ hätte noch ausführlicher auf den Stand der naturwissenschaftlichen Forschung eingehen können. Informationen zu dissoziativen Phänomene bei Kindern fehlen. Die Rezensentin ist über folgenden Satz gestolpert, der die Einbeziehung von Expert_Innenwissen als rationale Grundlage der Therapie begründet: „Nach wie vor stoßen die Versuche, die Wirksamkeit spezifischer Therapieansätze zur Behandlung schwerer dissoziativer Störungen auf der Basis evidenzbasierter Standards nachzuweisen auf unüberwindliche Schwierigkeiten die mit Eigentümlichkeiten der Störungsbilder und der Beziehungsdynamik der Betroffenen zusammenhängen…“. Natürlich ist es richtig, dass klassische evidenzbasierte Forschung hier schwierig bis unmöglich ist und dass dann auf den Konsensus von Expert_Innen als Wissensquelle zurückgegriffen werden muss. Es stellt sich aber die Frage, ob es zwischen der klassischen Evidenzbasierung und dem Expert_Innenwissen nicht noch etwas Drittes gibt, also ein Forschungsdesign, das dieser Gruppe angemessen ist, will man von wissenschaftsbasierten Vorgehen sprechen.

Fazit Der Autor Wolfgang Wöller beschreibt das Konzept „Dissoziation“ in seiner historischen, psychoanalytischen und neurobiologischen Dimension sowie den aktuellen Diskussionsstand betreffend Diagnostik und Therapie fundiert prägnant und gut verständlich. Besonders wertvoll ist das Herzstück des Buches, das Therapiekapitel, das ein therapeutisches Konzept für dissoziative Patient_Innen aufzeigt, das zwar (noch) nicht evidenzbasiert ist, aber auf dem Boden des bisherigen psychodynamischen und neurobiologischen Wissens einen plausiblen, ressourcenorientierten und praktikablen Weg des therapeutischen Zugangs aufzeigt. Das vorliegende Werk kann allen Berufsgruppen, die sich mit Menschen, die unter dissoziativen Störungen leiden, befassen, zur schnellen und fundierten Information und Orientierung sehr empfohlen werden.


Rezension von
Prof. Dr. med. Gertraud Müller
Internistin, Psychotherapie; KIP-Therapeutin; Fakultät für Sozialwissenschaften der Evangelischen Hochschule Nürnberg
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Zitiervorschlag
Gertraud Müller. Rezension vom 20.04.2021 zu: Wolfgang Wöller: Dissoziation. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. ISBN 978-3-8379-3006-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28110.php, Datum des Zugriffs 28.07.2021.


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