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Juliane Hummitzsch: Hyperaktivität und Erregungsüberschüsse

Cover Juliane Hummitzsch: Hyperaktivität und Erregungsüberschüsse. Zum Nutzen der Triebtheorie für ein psychoanalytisches Verständnis von ADHS. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. 288 Seiten. ISBN 978-3-8379-2937-9. D: 36,90 EUR, A: 38,00 EUR.

Reihe: Forschung Psychosozial.
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Thema

Der Band setzt sich aus ein einer psychoanalytischen Perspektive mit dem Phänomen ADHS auseinander. Es geht also um Kinder, die ihrer inneren Erregung nicht Herr zu werden noch sie produktiv zu nutzen wissen. Mit dem besonderen Fokus einer triebtheoretischen Lesart, die sich von Sigmund Freud über Wilfred Bion bis hin zu Melanie Klein und André Green spannt, hat sich die Autorin die Aufgabe gestellt, diese Kinder differenziert verstehen zu wollen. Hierbei verfolgt sie insbesondere den roten Faden, welche Bedeutung in diesem Zusammenhang manifest zu beobachtenden Störungspotenzialen der Sexualität sowie einer unter ungünstigen frühen Beziehungskonstellationen beeinträchtigten Symbolisierungsfähigkeit zukommt und welcher unbewusste, latente Sinn hinter der unbewussten Produktion dieser manifesten Symptomatik verborgen sein mag.

Autorin

Die Autorin ist Diplom-Psychologin und arbeitet als therapeutische Leiterin in einem Sprachheilkindergarten. Nach eigenen Angaben trifft sie dort immer wieder auf Kinder, die nicht nur durch gravierende Sprachschwierigkeiten, sondern auch große motorische Unruhe, hohe Ablenkbarkeit und Impulsdurchbrüche auffallen. Die vorliegende Monografie wurde 2018 an der Humboldt-Universität Berlin unter dem Titel „Symptom, Trieb, Sexualität. Studie zum Nutzen des Triebbegriffs für ein psychoanalytisches Verständnis von ADHS“ als Promotionsschrift angenommen.

Aufbau und Inhalt

Beinahe unbemerkt vom biologistisch ausgerichteten Mainstream hat sich seit den 1990er-Jahren eine einschneidende Kontroverse um die Einschätzung der Genese von ADHS entwickelt. Handelt es sich, knapp gesagt, um eine organisch begründete Hirnfunktionsstörung oder sind kulturspezifische und beziehungsdynamische Faktoren als maßgeblich anzusehen, sodass von einer komplexen Wechselwirkung von psychischen, sozialen, genetischen und stoffwechselbedingten Prozessen auszugehen ist? Die Autorin nimmt diesen erkenntnistheoretischen als auch behandlungsrelevanten Schulenstreit zum Anlass, die psychoanalytische Perspektive in Stellung zu bringen und in Teilen zu reformulieren. Sogleich bringt sie die zu bearbeitende Aufgabe auf den Punkt: An den familiären Beziehungen und der Psyche der betroffenen Kinder etwas zu ändern, sodass sich die ADHS-Problematik als Ausdruck unbewusster Konflikte wie mangelhafter psychischer Strukturierung auflösen und infolgedessen auch die cerebralen Stoffwechselvorgänge ändern können.

Der Text ist in drei Teile gegliedert. Zunächst wird, zurückgehend bis zu Heinrich Hoffmanns Zappel-Philipp, die Geschichte der Aufmerksamkeits-/​Hyperaktivitätsstörung nacherzählt, wobei dem Leser/der Leserin neben der Berücksichtigung wohldurchdachter kritischer Einwände gegen eine monokausal und linear abgeleitete Hirnstoffwechselstörung vor allem die Darlegung von und Auseinandersetzung mit psychoanalytischen Positionen präsentiert werden. Mit wenigen, aber überzeugenden Strichen wird das hirnorganische Defizitmodell entworfen, das keine Hinweise auf wirkmächtige globale Veränderungen des Aufwachsens vor allem unter dem Einfluss der sich rasant wandelnden technisch-gesellschaftlichen Entwicklungen enthält. Auch differenzierte Ausführungen über die kontextbezogene Funktionsweise des Gehirns und ebensolche Bedeutung der Genexpression, wie sie unter andere bei Hüther oder Kandel zu finden sind, bleiben einer rein evidenzbasierten Herangehensweise mit ihrer nachgerade sklavischen Anbindung an komplexitätsreduzierte Daten und Fakten meistens unbekannt. Dabei stehen doch Lebenserfahrung und Gehirnentwicklung in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Dass für eine Mutter die bewusste wie vor allem unbewusste Besetzung der Motilität ihres Kindes eine besondere Bedeutung hat – und das Zappeln bei ihr Schuldgefühle und Wut evozieren können, – ist das Undenkbare. Verfügen Eltern über keinen inneren Raum, die alltäglichen Situationen von Überaktivität ihres Kindes und seine seelischen Bedürfnisse zu halten und lebendig darauf zu reagieren, – weil das ihre eigenen seelischen Schmerzen und Konflikte reaktivieren würde –, findet das Kind niemand, der es versteht und ihm hilft, mit den unerträglichen Affekten fertig zu werden. Stehen Eltern als empathische, stabile und ergo haltende Beziehungspartner*innen nicht ausreichend zur Verfügung, fehlt ihnen die Kompetenz, die psychische Stabilität ihres Kindes zu garantieren. Seine nachfolgende motorische Unruhe mag dann eine verstärkte Form der Selbstwahrnehmung darstellen und dem manisch agierten Versuch dienen, eine extreme Angst vor Vernichtung zu kompensieren. Wer sich solcherart bewegt, fühlt sich mit Basquin bestätigt, nicht tot zu sein.

Wenn sich hernach Ich-Strukturen und Mentalisierungsfähigkeit nicht aufbauen lassen, um einen reflektierten Zugang zu den eigenen Gefühlszuständen und denen anderer zu finden, bleibt das Kind (nach Hopf) auf einem niedrigen bis mittleren Strukturniveau stehen. Hier deutet sich ein bedeutsamer Perspektivwechsel an: Über eine defizitäre Ich-Struktur zu verfügen bedeutet für das Subjekt etwas anderes als von Symptomen beherrscht zu werden, die in der Logik einer Konflikttheorie ausformuliert sind. Demnach rückt die Hyperaktivität – im Sinne einer ausgeprägten Störung mit allen Anzeichen früher psychischer Defizite – in die Nähe von Borderline- und psychotischen Erkrankungen. Mit Bezug auf Green wird nach einer neuen „Krankheitslehre“ gesucht, wonach Menschen, die nicht an einer manifesten Psychose erkrankt sind, nicht in die gleiche Kategorie zu werfen seien wie jene, die dezidiert psychotische Modi aufweisen. Damit wird – mit Löchel – die Suche nach einer „erweiterten Theorie des Unbewussten“ erforderlich, die über das Verdrängte hinaus auch unrepräsentierte Zustände umfasst.

Neu an der vorliegenden Studie ist die Betonung und Ausformulierung dieses Wandels vom Konflikt zum Defizit. Besonderer Wert liegt dabei auf der Beleuchtung der Triebtheorie: Quasi als Antriebsmotor der manifesten Verhaltensauffälligkeit fungiert die Mischung von sexuellen und destruktiven psychischen Kräften, insbesondere in ihren Auswirkungen auf eine verhinderte Symbolisierungsfähigkeit, sodass weder Versagungen ausgehalten noch bedrängende Affekte kontrolliert werden können. Wichtig dabei ist, dass dies alles in einem familialen Binnenraum entsteht, wobei der Wechsel vom dyadischen Mutter-Kind-Zusammenwirken zum triadischen Mutter-Vater-Kind-Spiel als Gradmesser der Individuierung des kindlichen Subjekts gelten kann. Am Ende werden drei Zugänge zu Kindern mit ADHS markiert:

  1. Defizite in der Regulierung von Affekten und fehlende Mentalisierung auf Grund von gewaltförmigen, von Verwahrlosung begleiteten Erfahrungen oder dem Aufwachsen mit emotional nicht erreichbaren Eltern,
  2. die nicht gelungene Triangulierung und Geschlechterdifferenzierung, wie es gemäß Dammasch vor allem für Jungen zutrifft, die ohne einen – psychisch – verfügbaren Vater aufwachsen,
  3. die kulturhistorische Überlegung zu entgrenzter und übererregter Lebenswirklichkeit mit ihren malignen Einflüssen auf eine gelingende Beziehungsgestaltung.

Die beiden nachfolgenden Abschnitte bilden das Herzstück der Arbeit. Im zweiten Kapitel wird zunächst das Moment der Triebtheorie genauer unter die Lupe genommen. Nach einer differenzierten Einführung in Freuds Konzeption neurotischer Erkrankung und seine Auffassung der Psycho-Sexualität strebt die Gedankenführung stringent auf den Ödipuskomplex als Grundlage einer reifen inneren Strukturbildung zu, wird dieser Topos als Paradigma von Triangulierung und der Einführung der Differenz des Subjekts von seinen Objekten benannt. Will dieser Schritt nicht glücken, bleiben Lücken in der Persönlichkeitsstruktur nach, die am Ende verfremdet als Aufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität aufscheinen mögen. Die hoch interessante These, ADHS an der Schnittstelle von (konflikthafter) Neurose und (defekthafter) Psychose als quasi Grenzbegriff von Noch-nicht-Psychose und Nicht-mehr-Neurose zu verankern, wirft ein neues Licht auf die diagnostisch wie behandlungsbezogene Relevanz körper- und triebnaher Anteile an der seelischen Symptombildung. Hier erscheint es nachgerade zwingend, auf frühe Vorstellungen von Psychose und destruktiven Regungen zu rekurrieren, wie sie vor allem von Melanie Klein und Wilfred Bion vorgelegt worden sind.

Sogleich wird die Beziehungsgerichtetheit in Freuds Grundidee vom Trieb betont: Es geht zugleich um Drang und Objekt, Vorstellung und Affekt, wobei die Verdrängung am Ende Letzteres auseinanderreißt. Sowohl das gesunde als auch das neurotische psychische Geschehen gründen in repräsentierten Zuständen, die die Verdrängung erst möglich machen. Und dann kommt es zur Wiederkehr des verdrängten Affektbetrags sowie der dazugehörigen Vorstellung. Hummitzsch stellt sich die Frage, ob es sich beim ADHS-Phänomen nicht vielleicht eher um eine „rohe Erregtheit“ handelt, die nicht verdrängt werden kann, wir es also eher mir einer vorneurotischen Störungsvariante zu tun haben. ADHS steht danach also nicht für eine Symptombildung in Lorenzers Sinn einer Sprachzerstörung, die es folgerichtig zu resymbolisieren gelte, sondern um eine weniger reife Form seelischer Abwehr. Vor dem Hintergrund der Begegnung mit Kindern aus eher prekären sozialen Milieus ist in der Heilpädagogik dieser Unterschied schon vor Längerem betont, wenngleich nicht so systematisch wie im vorliegenden Fall ausformuliert worden.

An dieser Stelle taucht für Hummitzsch zudem ein weiteres ernst zu nehmendes Problem auf: Die aktuelle Tendenz innerhalb der Psychoanalyse, das triebhafte, nämlich sexuelle Moment zugunsten einer auf Mentalisierungs- und Reflexionsfähigkeit zielenden Perspektive zu vernachlässigen, verspielt womöglich den Zugang zur primitiven körperlichen Dimension des Getriebenseins, wie es für ADHS so bezeichnend ist.

Damit wird der dritte Teil eingeläutet, der sich um die frühen psychotischen Mechanismen im Allgemeinen und das Schicksal der Destruktivität im Besonderen zentriert und eine gänzlich andere Sicht auf das seelische Geschehen erlaubt. Hier kommen vor allem Klein und Bion zu Wort. Nach Klein gehören diesbezüglich Spaltung, Projektion, Introjektion, projektive Identifizierung und die Desintegration von Ich und Objekt zu den basalen Abwehrmechanismen, was der Rolle des Hasses eine besondere Bedeutung verleiht. Durchgehend weist die Autorin auf den entscheidenden, bereits bei Klein formulierten Unterschied von pathologischen und nicht-pathologischen psychotischen Prozessen hin, nicht zuletzt, um einer falschen Klinifizierung von Kindern mit der Diagnose ADHS vorzubeugen. In Kleins Denken steht die Formation des Psychischen von Anfang an mit dem Drang in Verbindung, sich mit Angst – bis hin zu einer archaischen Form der Todesangst – auseinanderzusetzen.

Alles Bedrohliche und Böse wird daher in der sogenannten paranoid-schizoiden Position der ersten Lebensmonate durch Spaltung vom Guten ferngehalten und mittels Projektion, projektiver Identifizierung und Verleugnung zu bewältigen gesucht. Erst in der depressiven Position ab dem 4. Monat werden über einen komplexen Trauerprozess, – mit dem die Anerkennung eingeläutet wird, dass das Gute, Gewährende wie das Böse, Versagende gleichermaßen im primären Objekt enthalten sind – der Zerstörungstrieb mit der Libido amalgiert und im seelischen Innern gebunden. Über die Erkenntnis, Befriedigung und Versagung von derselben Person, in der Regel der Mutter, zu erfahren, kommt es zu einer „doppelten Beziehung zum ersten Objekt“. Dieses gute Objekt ist die wesentliche Quelle der Angstentlastung. Kann sich der Säugling darauf verlassen, dass seine Bedürfnisse von der Mutter zeitnah und ausreichend gestillt und seine Aufregung und Angst von ihr beruhigt und ausgehalten werden, wird sein Gefühl gestärkt, ein gutes Objekt und weniger ein böses verfolgendes zu besitzen, sodass das Gute in seine eigene innere Welt reintrojiziert werden kann. Im Falle eines Zuviels an Versagung bleibt dieses Entspannungsmoment aus, behält der Modus der Projektion des Bösen in die Außenwelt die Oberhand. Damit perpetuiert sich die angstmachende Fantasie, die Mutter – als eben jenem Objekt, auf das die Projektion gerichtet wird, – beschädigt oder gar vernichtet zu haben. Das Kind findet nicht aus seinem von Todesangst und Fragmentierung geprägten Erleben heraus und sieht sich gezwungen, auf einer regressiven Stufe der paranoid-schizophrenen Position zu verharren. Die Konzentration Melanie Kleins auf die primitiven Abwehrformen des Aggressiv-Destruktiven schärfen unseren Blick auf jene pathologischen individuellen als auch gesellschaftlichen Versuche, das eigene Böse nicht als zum Eigenen gehörend wahrzunehmen, sondern im Außen projektiv zu verorten. Ähnlich hat es Bion gesehen, der mit seinem Container/​Contained-Modell darauf hingewiesen hat, wie verheerend es ist, wenn es der Mutter nicht gelingt, die bedrohlichen Gefühle ihres Kindes zu erspüren, in sich aufzunehmen, auszuhalten und dann in verdauter Form ans Kind zurückzugeben. Stattdessen gelangt dann das Unerträglich-Bedrohliche wieder ins Kind hinein und die innere Objektwelt besteht vornehmlich aus bösen Objekten. Vermag die Mutter dergestalt die unverarbeiteten Affekte ihres Kindes nicht zu containen und seine Projektionen in sich aufzunehmen, bleibt sein Gefühl von Todesnot aller Bedeutung entkleidet, was eine diffuse, also namenlose Angst hinterlässt: Das Kind ist mit einem missverstehenden Objekt identifiziert.

Und an diesem Punkt der Auseinandersetzung mit dem psychotischen Modus tut sich die Verbindung zur ADHS auf. Nach Günter leiden die betroffenen Kinder oft an einer tiefgehenden Denk- und Affektverarbeitungsstörung und nachfolgender emotionaler Unerreichbarkeit und fehlender Sprache für das eigene Erleben. Bemerkungen und Handlungen werden allein aggressiv und schablonenhaft vorgetragen, begleitet von hoher Ablenkbarkeit und Sprunghaftigkeit. Im Unterschied zur schizophrenen Psychose fehlen allerdings die dort bekannten Fragmentierungsprozesse und die Bildung bizarrer Objekte. Stattdessen werden die nicht verarbeiteten Affekte unmittelbar impulsiv und körpernah in agiertes Handeln umgesetzt.

Die Abhandlung schließt mit einem Ausblick zum Nutzen der Triebtheorie für ein psychoanalytisches Verstehen einer ADHS. Im Fokus steht dabei die Angleichung von Konflikt- und Defizitmodell, mit der eine Integration von neurotischem und psychotischem Modus möglich wird. Unter Bezug auf Freuds Idee, wonach der Trieb der psychische Repräsentant der aus dem Körperinnern stammenden und in die Seele gelangenden Reize ist, wird eben jener Trieb bereits als Ausdruck einer psychischen Gestaltung markiert, mit der rohes körperliches Reizmaterial auf der Ebene des Psychischen umgewandelt wird. Implizit ist hier das primäre Beziehungsobjekt als Ziel der Triebbesetzung mitgedacht. Dagegen ist aber Erregung in der Lesart von Hummitzsch eine primäre körperliche Kraft, bei der abzuklären bliebe, ob sie bereits eine repräsentierte darstellt oder nicht. Im letzteren Falle wäre es nicht statthaft, Erregung mit Trieb gleichzusetzen, weil hier, und sei es in Form von Verdrängung, weder eine psychische Bearbeitung noch die Aktivierung verdrängter Vorstellungen im Symptom erfolgen kann. Ergo handelt es sich nicht um eine Symptombildung unter unbewusstem Konfliktdruck, sondern um ein überfallartiges, kontextloses Abfließen überschüssiger Energie. Wir hätten es also mit einem Übermaß an Erregung der in ihrer Aufmerksamkeit und Motorik unruhigen Kinder in einem unrepräsentierten Aggregatzustand zu tun, wo es noch keine stabile Kontaktschranke zwischen Bewusstem und Unbewusstem gibt. Keiner der aus dem Organismischen auftauchenden Reize muss bzw. kann hernach gehemmt oder verdrängt werden. Die übermäßige Erregung widerfährt dem Betroffenen al etwas Unaushaltbares, das nach sofortiger Abfuhr verlangt.

Da stellt sich abschließend die Frage, wie sich dieser Erregungszustand bändigen und in eine aushaltbare Form umwandeln lässt. Wie zahlreiche klinische Beispiele von Dammasch über Hopf, Heinemann, Staufenberg bis Günter, nachhaltig belegen, bis sich die psychischen Strukturen des Denkens und Sprechens (über sich selbst und andere) entwickeln. Die Kinder brauchen die Einführung von Sprache im Sinne der Symbolisierung ihrer Spiele und Symptome, wozu auch das Setzen von Grenzen im Sinne der Anerkennung des Realitätsprinzips gehört. Die noch einmal aufgegriffene Frage nach Manko (Strukturdefizit) oder Regression (unter Konfliktdruck) wird noch einmal hergenommen und sibyllinisch beantwortet: Es bedarf der Balance zwischen Konflikt und Defizit, was nur über eine Reformulierung der Theorie vom Unbewussten gelingen kann, die über eine reine Verdrängungsleistung im Dienst des Ich hinausweist.

Diskussion

Dieses Buch gewährt auf eine zunächst verstörende, dann aber umso klarere Weise einen erweiterten Einblick in das Phänomen einer Aufmerksamkeits-/​Hyperaktivitätsstörung. Zunächst einmal sei festgehalten, dass Publikationen aus der Richtung der Psychoanalyse, lassen wir einmal die bahnbrechenden Arbeiten von Leuzinger-Bohleber oder Staufenberg Außeracht, recht rar gesät sind und die Psychoanalyse hat sich auch erst recht spät ab den 1990er-Jahren, in der Debatte um die Bewertung wie Konzeptionalisierung einer ADHS eingebracht. Bis heute ist indessen sehr auffallend, dass der Mainstream der organ-pathologisch argumentierenden Mediziner*innen und Psycholog*innen solche Studien beharrlich ignoriert, selbst wenn sie aufgrund ihrer sorgfältigen naturwissenschaftlichen Fundierung und gewissenhaften empirischen Beweisführung ins Auge springen müssten. Aber – und damit zurück zu Hummitzsch – keine dieser Publikationen hat eine explizite Verortung ihrer Erkenntnisse in der Nähe zur Triebtheorie vorgenommen. Das hat sicherlich historische Gründe, die bis hinein in die Aufbruchsstimmung der 1960er-Jahre hinein reichen, wo die Todestriebtheorie in weiten Teilen als zu naturalistisch und unungesellschaftlich abgelehnt wurde. Dass der Trieb selbst geschichtlich ist, hat Alfred Lorenzer, der sich einer materialistischen Sozialisationstheorie verbunden fühlte, hier aber leider gänzlich verschmäht wird, prägnant dargelegt. Und noch in den letzten Schriften des Psychosomatikers Stavros Mentzos lässt sich diese Lesart auffinden. Insofern war ich anfangs ein wenig skeptisch, ob hier die in Verruf geratene, weil eher eindimensional daherkommende biologistische Sichtweise von ADHS, die beileibe keine Nähe zur Psychoanalyse atmet, nur in anderem Gewand zurückkomme. Und in der Tat könnte dieser alte Diskurs womöglich ein bisschen prägnanter erwähnt werden. Indessen wird die so gerne vernachlässigte Verortung von ADHS in gesellschaftlichen Eruptionsprozessen, was veränderte Erziehungsformen auf der einen und technisch-apparative Erneuerungen, die die Sozialkontakte verändert haben, auf der anderen Seite angeht, im vorliegenden Band aufgenommen und als Störvariable kenntlich gemacht. Wiewohl auch das noch eingehender hätte diskutiert werden können, zumal wir inzwischen durchaus über empirische Erkenntnisse verfügen, wie – etwa im pädagogischen Kontext von Kindergarten und Schule – über psychodynamisch orientierte, passgenaue niederschwellige Angebote vor einer klinischen Intervention ein stabilisierendes Beziehungsangebot konzipiert und umgesetzt werden kann, das zu der in Hummitzschs Schrift geforderten psychischen Stabilisierung und Überwindung von Entwicklungsblockaden beizutragen vermag.

Dann aber schlug mein Vorbehalt in Begeisterung um. Die Art und Weise, wie hier mit Rückgriff auf historische Wurzeln, die für das Thema ADHS relevanten Theoriefundamente aufbereitet wurden, wie konzeptionelle Veränderungen – etwa weg von der Sexualität und hin zur Mentalisierung – hergenommen, zur Darstellung gebracht und kritisch konnotiert wurden – und das alles immer mit Blick auf ADHS – überzeugt vollends. Auch hier noch zwei etwas beckmesserische und am Ende wohl zu vernachlässigende Anmerkungen: Das Primat des Freudschen Phallozentrismus wird zwar sehr kritisch behandelt und ergo relativiert, indessen gibt es inzwischen sehr fundiert ausformulierte psychoanalytische Theorien zur Weiblichkeit – ich denke etwa an Ilka Quindeau und Susan Heenen-Wolff –, die sich nicht von der vorherrschenden Bedeutung von Phallus und Kastration(sangst) herleiten. Es wäre einen Gedanken wert gewesen. Und bei der Auseinandersetzung mit Melanie Klein, welche ich im Übrigen in ihrer eingehenden Beleuchtung der guten Objektanteile als sehr gelungen, ausgereift und zugewandt empfinde, hätte vielleicht ein Seitenblick auf Martin Dornes‘ Frage gutgetan, ob wir, wie Klein es tut, tatsächlich von frühen Abwehrmechanismen der Abspaltung und Projektion ausgehen können, obwohl zu diesem Zeitpunkt das Ich, als Träger diese Vorgänge, noch völlig unausgereift ist. Auch dazu existieren ja inzwischen versöhnlichere Positionsbestimmungen, die Freuds Strukturmodell als zu eindimensional und deterministisch ansehen und der Bedeutung der archaischen frühen, also körperbezogenen Fantasietätigkeit einen legitimen Platz für derlei seelische Tätigkeiten zuweisen. Wohlgemerkt sind das eher Marginalien.

Letzten Endes gibt es seit Langem sehr plausible Verstehensversuche der unbewussten Hintergründe von ADHS, die den familialen Binnenraum ausleuchten, aber die Konsistenz, Konflikt von Defekt epistemologisch präzise zu unterscheiden, wird erst hier erreicht. Und dies gelingt, weil nicht nach einem kategorischen Ausschlussprinzip verfahren wird, sondern eine inhaltliche Verknüpfung beider Positionen erfolgt. Was nur möglich ist, weil eine erweitere Theorie vom Unbewussten zugrunde gelegt ist, bei der die Verdrängung als ein zeitlich vorgeordnetes, nicht symbolisch repräsentiertes körperliches Erregungsquantum einbezogen wird.

Selbstredend steht zu befürchten, dass auch dieser theoretisch ausgereifte Entwurf zum tiefer gehenden Ausloten von ADHS vor den gestrengen Augen der biologistischen Fraktion nicht bestehen wird. Womöglich hätte eine Anbindung an den angestoßenen Diskurs über die facettenreiche Bedeutung epigenetischer Einflussfaktoren sowie die Sozialgebundenheit von Hirnstoffwechselprozessen einer solchen Skotomisierung vorzubeugen vermocht, zumal damit ja explizit körpereigene Verursachungsprinzipien veranschlagt werden. Es mag aber auch nur ein frommer Wunsch sein.

Fazit

Das Buch wird dem selbst formulierten Anspruch, eine triebtheoretische Konzeption zum Verstehen von und therapeutischen Arbeiten mit Kindern mit der Diagnose ADHS vorzulegen, mehr als gerecht. Vor dem Hintergrund dieser Lektüre erscheinen mir im Nachhinein die bisherig vorliegenden und reichhaltig empirisch unterlegten psychoanalytischen Abhandlungen zu ADHS in Kernbereichen beinahe etwas fragmentarisch. Die hier vorgenommene und Unterscheidung in neurotische und vor-neurotische, psychosenahe Störungsbilder überzeugt in ihrer Argumentation deshalb so nachhaltig, weil sie in der Art, wie eine nicht-psychotische Spielart früher verfehlter Affektregulierung und Symbolisierung ins Spiel gebracht wird, der Gefahr einer klinischen Pathologisierung zuvorkommt. Zugleich bietet die damit gesetzte tendenzielle Unterscheidung von Defekt versus Konflikt einen behandlungstechnischen Hinweis, welche ungestillten Bedürfnisse und maßlosen Ängste hinter der manifesten Störung verborgen sind und wie diese auf sensible und entwicklungsfreundliche Weise beantwortet werden können.

Rezensent

Prof. Dr. Manfred Gerspach lehrte bis 2014 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Schwerpunkte: Behinderten- und Heilpädagogik, Psychoanalyti­sche Pädagogik sowie die Arbeit mit so genannten verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Seit 2015 lehrt er als Seniorprofessor am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt. E-Mail gerspach@m.uni-frankfurt.de


Rezension von
Prof. Dr. Manfred Gerspach
lehrte bis 2014 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Schwerpunkte: Behinderten- und Heilpädagogik, Psychoanalyti­sche Pädagogik sowie die Arbeit mit so genannten verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Seit 2015 lehrt er als Seniorprofessor am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt.
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Zitiervorschlag
Manfred Gerspach. Rezension vom 26.10.2021 zu: Juliane Hummitzsch: Hyperaktivität und Erregungsüberschüsse. Zum Nutzen der Triebtheorie für ein psychoanalytisches Verständnis von ADHS. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. ISBN 978-3-8379-2937-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28113.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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